Marc Faber: "Junge Leute tun mir ehrlich leid"
Marc Faber, einer der einflussreichsten Investoren der Welt, gibt den Notenbanken eine große Mitschuld an der wirtschaftlichen Lage.
Foto: Egill Bjarki für WirtschaftsWocheHerr Faber, in der Ukraine herrscht Krieg, im Irak und in Syrien ist die Terrorgruppe Islamischer Staat auf dem Vormarsch. Beunruhigt Sie das als Investor?
Die wirtschaftliche Bedeutung des Nahen Ostens ist nicht besonders groß. Insofern lässt mich das als Investor eher kalt. Vielleicht geht der Ölpreis nochmals nach oben, vielleicht auch nicht. Anders sieht die Sache schon in Russland aus. Diese unsäglichen Sanktionen gegen Wladimir Putin haben einen negativen Effekt auf die Wirtschaft Europas, insbesondere die deutsche. Das wird viele Großkonzerne und damit auch ihre Aktionäre etwas kosten. Natürlich leidet darunter am allermeisten die russische Wirtschaft.
Sie halten nichts von den Wirtschaftssanktionen gegen Russland?
Geopolitisch sind sie ein Desaster. Sie führen dazu, dass sich Russland von Europa entfernt und sich China annähert. Damit fließt mehr russisches Kapital nach Fernost.
Sind die europäischen Politiker kurzsichtig?
Ich glaube, die Politiker und viele Journalisten hassen Putin einfach, weil er einer der wenigen intelligenten Politiker ist. Die Geschichte um den Abschuss der malaysischen Maschine MH17 über der Ukraine war doch eine Farce. Das Flugzeug kann von mehreren Parteien abgeschossen worden sein. Niemand weiß genau, was da passierte, und trotzdem hat man sofort den Russen die Schuld gegeben. Und dass eine Maschine einfach über dem Indischen Ozean verschwindet, kann mir auch niemand erzählen. Da ist doch etwas faul an dieser Geschichte!
Was denn?
Ich weiß es nicht. Aber keiner in Asien hat Interesse, ein solches Flugzeug abzuschießen. Das können nur westliche Mächte gewesen sein. Manche sagen, es hätte sensibles Gerät an Bord, das nicht nach China gelangen sollte.
Das klingt, als hätten Sie nicht mehr viel Vertrauen in den Westen...
Dass die Europäische Zentralbank seit Jahren Geld druckt und dass die Regierungen viel zu viel davon ausgeben, kritisiere ich seit Langem. Die Gelddruckerei erlaubt Regierungen, den Staat zu extrem günstigen Konditionen zu vergrößern. Das ist das eigentliche Problem – die Staatsquote ist zu hoch. Die aktuelle Politik der Europäischen Zentralbank ist nicht wachstumsorientiert. Die europäische Wirtschaft ist moribund. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Europa noch mal drei oder vier Prozent wachsen soll. Es gibt viel zu viele Regularien – und die schaden vor allem den kleinen Unternehmen. Große Unternehmen jubeln.
Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (in Prozent). Klicken Sie hier, um die Grafik zu vergrößern.
Foto: EU-Kommission
Warum?
Weil Großkonzerne sich ein Heer von Anwälten leisten können! Deswegen haben internationale Konzerne indirekt ein Interesse an mehr Gesetzen. Dadurch zementiert sich ihre marktbeherrschende Stellung. Für kleine und mittelständische Unternehmen wird es dagegen schwieriger.
Die US-Wirtschaft konnte in letzter Zeit dagegen wieder zulegen. Können die USA nicht wieder zur Wachstumslokomotive werden?
Die demografischen Faktoren sind in den USA besser. Aber die Gesundheitsreform Obamacare ist eine Katastrophe – auch hier steigt die Staatsquote und Großkonzerne wirken in Form von Lobbyismus auf die Regierung ein. Letztlich unterscheiden sich die Probleme nur gering von denen Europas. Wir haben keinen freien Kapitalismus mehr. Heute bestimmen Großkonzerne und Politik alles.
Immerhin wächst Asien. Zwar ist es unsicher, ob die chinesische Regierung ihr Wachstumsziel von 7,5 Prozent erreichen kann, doch die Region boomt im Vergleich zum Westen.
China wächst höchstens um vier Prozent pro Jahr! Leider tickt die Kommunistische Partei Chinas auch nicht anders als westliche Regierungen. Auf ein schwächeres Wachstum antwortet man mit mehr Geld. Das mag zwar zu einer sanften statt zu einer harten Landung führen. Langfristig aber wird auch hier das Problem schlimmer.
In diesem Jahr sorgte das Buch „Kapital im 21. Jahrhundert“ für Aufsehen. Dessen Autor, Thomas Piketty, beklagt die sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, weil Kapitalerträge langfristig immer höher ausfallen als der Lohn von Arbeit.
Über die wachsende Ungleichheit schreibe ich seit Jahren! Das ist ja ein Effekt der Gelddruckerei der Zentralbanken.
Frisches Geld treibt den Aktienindex. (rechte Skala: Bilanzsumme der US-Notenbank Fed in Mrd. Dollar) Klicken Sie hier, um die Grafik zu vergrößern!
Foto: Thomson Reuters
Das müssen Sie erklären – was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor 30 Jahren Immobilien und ein Aktienpaket geerbt und ihr Kollege nicht. Auch wenn sie in den letzten Jahren weniger verdient haben, wären Sie heute um ein Vielfaches reicher als er. Der Wert dieser Anlageklassen ist so stark gestiegen, weil Notenbanken wie die Fed in den USA so viel Geld in das System gepumpt haben. Das verschweigen die keynesianisch-interventionistisch geprägten Politiker bloß gerne. Die Reichen kommen immer besser durch eine Inflation. Das war in den Zwanzigerjahren in Deutschland oder auch später in Argentinien nicht anders.
Sie sagen also: Die aktuelle Niedrigzins-Politik der US-Notenbank Fed und der EZB vergrößert letztlich die Unterschiede zwischen Arm und Reich?
Es ist nicht der einzige Faktor, der die Vermögensungleichheit vergrößert, aber ein massiver. Die Gelddruckerei führt zu einer Erosion der Mittelschicht. Und jetzt kommt der sozialistisch geprägte Piketty und fordert eine Reichensteuer.
Immerhin liebäugelt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) damit.
Sie nützt bloß nichts! Die richtig reichen Familien in Deutschland und anderswo haben ihr Vermögen längst in Stiftungen gepackt. Eine Reichensteuer ist nichts als eine Symptombekämpfung. Sie löst das Problem nicht, sondern verschiebt es allenfalls in die Zukunft.
Was also ist die Lösung, um die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu verringern?
Die Lösung für Europa kann nur sein, die Staatsquote zu verringern, Regularien und die Verschuldung abzubauen.
Die meisten Menschen wollen das nicht. Sie sagen: „Wir brauchen mehr Staat und mehr Umverteilung, um die Unterschiede auszugleichen.“
Das ist aus den Köpfen der Leute nicht herauszukriegen. Dabei kann nur Wirtschaftswachstum die Vermögensunterschiede verringern. Sparpolitik, Austerität, das ist kurzfristig natürlich sehr schmerzhaft. Doch langfristig können nur so kleinere Unternehmen florieren und mehr Arbeitsplätze schaffen. Ich halte es mit Ronald Reagan: Die Regierung ist nicht die Lösung, sie ist das Problem.
Der US-Wissenschaftler Lars Peter Hansen - Nobelpreisträger für Wirtschaft in 2013 - warnt derzeit vor einem Crash. "Ein Einbruch um 20 Prozent kann passieren", sagte Hansen. Der Professor an der Universität in Chicago zeigte sich gegenüber der Tageszeitung "Welt" über die Gelassenheit der Investoren angesichts der Risiken erstaunt. Allerdings sei die Vorhersage, wann eine Spekulationsblase platze schwierig. Den Nobelpreis erhielt Hansen für seine Arbeiten zu Risiken und Unsicherheit am Kapitalmarkt. Andere Crash-Propheten lehnten sich deutlich weiter aus dem Fenster.
Foto: dpaNouriel Roubini
Mit seinen Fehlprognosen etablierte er sich zum Meister des Irrlichterns – und das, obwohl alles ganz vielversprechend angefangen hatte. Durch seine frühzeitigen Warnungen vor einer US-Immobilienblase und ihren Folgen hatte es der Wirtschaftswissenschaftler von der Stern School der New York University weit über den akademischen Bereich hinaus zu Bekanntheit gebracht.
Unter seinem Beinamen „Dr. Doom“ (Dr. Untergang) zog der in Istanbul geborene Amerikaner durch sämtliche Talkshows. Doch so richtig der Untergangsexperte mit seinem Mahnen bei amerikanischen Hypothekendarlehen lag, so sehr versagte er bei der Einschätzung der Lage im Euro-Raum. Der Kampf der europäischen Währungsunion ums Überleben werde ganz und gar erfolglos sein, tönte „der Mann, der die Finanzkrise vorhersagte“. Pustekuchen: Weder Griechenland noch Portugal verabschiedeten sich aus der Währungsunion, genau so wenig, wie eine Rückkehr Deutschlands zur D-Mark stattfand.
Foto: REUTERSMarc Faber
Als König der Crash-Propheten gilt Marc Faber, der regelmäßig spitze Pfeile Richtung Wall Street und Notenbanken schleudert. Im September rief der Schweizer aus: „Die Fed wird die Welt zerstören“. Eine gewagte Prognose – die sich dann als falsch erwies. Trotzdem macht seine scharfe und oft süffisante Kritik den 68-Jährigen zum Sprachrohr vieler, die das derzeitige Wirtschaftssystem als verrottet ansehen.
Erst vor kurzen hat sich Faber erneut geäußert: Er erwartet einen baldigen Einbruch der Weltbörsen um 20 bis 30 Prozent. Allerdings hatte er das schon im August 2013 ähnlich vorausgesagt. Damals tönte der Prophet: "Es riecht nach Crash!" Seither ist der Aktienmarkt um 1000 Punkte gestiegen.
Foto: dpa Picture-AllianceAlan Greenspan
Er gilt als einer der großen Pessimisten in der internationalen Finanzszene. Der Ex-Chef der US-Notenbank Fed sagte während der Eurokrise 2011, dass die Gemeinschaftswährung zum Scheitern verurteilt sei. Dabei hatte er die Rechnung jedoch ohne die resolute Haltung Mario Draghis gemacht. der EZB-Chef sagte nämlich: „die EZB ist bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben sie mir, das wird ausreichen”. Und tatsächlich: Mittlerweile hat sich die Lage für viele Krisenländer der Eurozone weitgehend stabilisiert, Irland und Portugal haben den Euro-Rettungsschirm sogar verlassen.
Foto: REUTERSWolfgang Münchau
Knapp daneben, ist auch vorbei, gilt wohl im Fall von Wolfgang Münchau. Im Juni 2012 schrieb der Ökonomie-Kolumnist und Crash-Prophet unter der Überschrift „ Ahnungslos in die Euro-Dämmerung“, dass ein Euro-Armaggedon unmittelbar bevor stehe. Der Euro stehe kurz vor dem Zusammenbruch und der große George Soros sei mit seiner Prognose, der Euro habe noch drei Gnadenmonate vor sich, viel zu optimistisch gewesen. Damit lag Münchau daneben: Die gesetzte Frist für den Euro verstrich ohne Crash und nun, zwei Jahre später, zahlen wir immer noch mit Euros.
Foto: dpaPaul Krugman
Er gilt als einer der brillantesten Vordenker in der Wirtschaft. Trotzdem liegt auch er mit seinen Prognosen oft daneben. 2009 sah er Österreich wegen des Kreditrisikos heimischer Banken in Osteuropa als Pleitekandidat. Zwei Jahre später konstatierte er: "Österreich ist, nach den meisten Maßstäben, eine sehr erfolgreiche Volkswirtschaft, mit niedriger Arbeitslosigkeit und einem Zahlungsbilanzüberschuss“. 2012 lag er erneut daneben, als er einen baldigen Austritt Griechenlands aus dem Euro, sowie den Zerfall der Eurozone vorhersagte.
Foto: REUTERSMax Otte
Seit Jahren tingelt er von einem Fernsehtermin zum nächsten, Journalisten fragen ihn um seine Meinung, Anleger um Rat. Doch nicht selten stellten sich die Vorhersagen des Wirtschaftsprofessors aus Worms als leere Fehlprognosen heraus. 2009 empfahl der Deutsche seinen Landsleuten, Euroscheine mit den Länderkürzeln S, T, Y, V, P und M schnell umzutauschen. Der Grund: Angeblich stünden diese Kürzel für Scheine aus den Schuldenstaaten der Eurozone. Und diese wären wertlos und in Deutschland nicht mehr gültig, sollte es zu einer Abspaltung dieser Schuldenstaaten kommen. Doch tatsächlich sagen die fraglichen Buchstaben nichts darüber aus, wo die Scheine gedruckt wurden. Das musste sich dann auch Otte eingestehen: "Leider ist die Sache mit den Ländercodes banaler als damals gedacht.“ Es habe sich um eine Vermutung seinerseits gehandelt. "Heute weiß ich, dass da nichts dran ist“, erklärte der Crash-Prophet.
Foto: dpa Picture-AllianceHarry Dent
Die Prognosen des bekannten US-Investors und Newsletter-Autor Harry Dent schwanken zwischen Euphorie und Verzagen. 2011 sagte der Crash-Prophet für den Dow Jones eine Absturz auf 3000 Punkte voraus und riet Anlegern, in den Jahren 2012 und 2013 dem Aktienmarkt fern zu bleiben. Wer diesem Rat folgte, verpasste eine Rallye des S&P 500 um fast 50 Prozent.
Warum Börsen-Propheten trotz ihrer häufigen Fehlprognosen so gefragt sind, weiß Joachim Goldberg von der Researchfirma Goldberg & Goldberg: "Immer mehr Leute haben ein komisches Gefühl, dass es an der Börse nicht mit rechten Dingen zugeht.“ Dadurch sei der Aufstieg der Crash-Propheten zu erklären, die mit ihren Vorhersagen die Wahrsager der Moderne sind. „Sie bringen Ordnung in das zufällige Geschehen, und sei es nur zum Schein."
Foto: PresseRoland Leuschel
Er wusste es schon 2013: Das Ende ist nah! Genaues wisse er zwar auch nicht, sagte der frühere Investmentbanker vor rund einem Jahr in einem Interview beim "Deutschen Anlegerfernsehen", aber "alles arbeitet darauf hin", dass Mitte August 2014 eine "große Währungsreform" kommt. In den kommenden Tagen müsste es also soweit sein. Abschied nehmen von Euro und Dollar ist angesagt – und von jahrzehntelangen Ersparnissen.
Oder etwa nicht? In den vergangenen Jahren hat Leuschel oft daneben gelegen. So manch gewagte Vorhersage traf doch nicht ein.
Foto: dpaAlbert Edwards
Er sorgte 2010 für Gänsehaut bei Anlegern: Der Börsenguru der französischen Großbank Société Générale, der wegen seiner dauerpessimistischen Vorhersagen gern „Perma-Bär“ genannt wird, sagte einen Einbruch der Börse um 60 Prozent voraus. Der größte Schock solle dabei 2011 von China ausgehen, dessen Wirtschaftswachstum auf Luft gebaut sei und demnach auf null kollabieren werde. Tatsächlich traf nichts von alledem ein. Zwar wurde das Jahr 2011 kein Erfolgsjahr für die Börse, aber von Einbruch oder gar Kollaps war weit und breit nichts zu spüren.
Erstaunlich ist dennoch: Die Treffgenauigkeit der Prognosen von Crash-Propheten spielt dabei keine Rolle. Obwohl die Liste der Fehlprognosen schier endlos ist, sind sie nach wie vor gefragte Interviewpartner und Investmentgurus. "Crash-Propheten sind in erster Linie mehr oder weniger charismatische Geschichtenerzähler, ob ihre Prognosen eintreffen oder nicht, ist da nicht so wichtig", sagt Joachim Goldberg von der Researchfirma Goldberg & Goldberg.
Foto: BloombergPeter Schiff
Die überragende Entwicklung des Goldpreises stieg ihm zu Kopf: 2009 sagte der Vorstandschef von Euro Pacific Capital voraus, Gold würde in den kommenden Jahren die 5000 Dollar Marke übersteigen. Tatsächlich schaffte es das Edelmetall im September 2011 nur knapp über 1900 Dollar, um dann noch weiter nach unten abzutauchen. Seitdem hat Gold 38 Prozent an Wert eingebüßt.
Foto: BloombergWarum haben solche liberal-libertären Positionen in Europa so wenig Rückhalt?
Wie sind eine politisch korrekte Gesellschaft geworden, die mit allen auf Kuschelkurs ist. Der Konsens „Staatsausgaben sind gut, hohe Steuern verringern die Ungleichheit“ wird nicht mehr hinterfragt. Das kann auf Dauer nicht funktionieren.
Sie sehen die Schere zwischen Arm und Reich also weiter aufgehen?
Ich will nicht alle Schuld den Zentralbankern geben – aber sie sind für die Vermögensungleichheit mitverantwortlich. Ein Grund für die wachsenden Einkommensunterschiede liegt schlicht in der Globalisierung. Nehmen Sie einen Top-Fußballspieler von Bayern München oder Manchester United. Vor 40 Jahren kannten den Spieler vielleicht ein paar Millionen Menschen. Heute schauen Milliarden Menschen auf der Welt Fußball. Das heißt, der Marktwert solcher Spieler ist wesentlich höher als damals. Genauso verhält es sich mit Unternehmen. Das bedeutet: Es ist viel schwieriger geworden, an die Spitze zu gelangen. Aber wer einmal oben angekommen ist, ist heute mächtiger denn je.
Die Welt, die Sie beschreiben, klingt deprimierend. Was raten Sie jungen Leuten?
Das ist ein wichtiges Thema. Ich bin 1946 geboren. Bis in die Achtzigerjahre waren die Preise für Anlagen – Immobilien, Aktien, Kunst – sehr niedrig. Auch auf dem Sparkonto bekamen Sie zudem gute Zinsen. Heute bekommen Sie für Erspartes gerade einmal 0,5 Prozent! Wissen Sie, wie viele Jahre es länger dauert, bis sich Ihr Kapital verdoppelt hat, im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor? Mir tun junge Leute heute ehrlich leid. In den USA ist es noch finsterer: Die meisten Universitätsabsolventen beginnen ihr Arbeitsleben mit einem Berg Schulden. Die nächsten Jahre sind sie mit nichts anderem beschäftigt, als ihre Studienkredite abzubezahlen. Wie soll so jemand ein Haus kaufen können? Ich bezweifle auch, dass die meisten jungen Berufstätigen in Europa am Ende des Monats irgendetwas zurücklegen können. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Weil die Versicherungen auf dem Kapitalmarkt nichts mehr verdienen, müssen sie die Prämien erhöhen. Auch das trifft am Ende wieder den normalen Bürger. Kurz: Everybody gets fucked!
Wenn Sie Geld für zehn Jahre anlegen müssten und es nicht umschichten dürften, wohin würden Sie es packen?
Große Gewinne sind nicht drin, es geht darum, das Geld zu erhalten. Ich würde es streuen, in etwa gleichgewichtet in Gold, Immobilien, Aktien und Unternehmensanleihen. Auf jeden Fall einen Teil in Aktien. Bargeld ist riskant, weil es in zehn Jahren weniger wert sein wird als heute. Staatsanleihen werden nur mit wertlosem Papiergeld zurückbezahlt. Die Deutschen wissen das aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Aktien von Siemens, BASF oder Daimler waren vielleicht keine gute Anlage, aber es blieb noch etwas. Deshalb werden die Börsen nicht ins Bodenlose fallen. Heutzutage ist es eher ein Risiko, keine Aktien zu halten.
Was würden Sie tun, wenn Sie heute 25 Jahre alt wären? Wie würden Sie investieren?
Wenn ich wenig Ehrgeiz habe, würde ich mir einen Job beim Staat suchen. Dort bekommt man für relativ wenig Arbeit gutes Geld. Wenn ich Ambitionen hätte, würde ich auswandern: nach Indien, Südostasien oder China. Dort gibt es noch Chancen. Aber auch vielen jungen Leuten hat man über Jahre hinweg das Gehirn gewaschen.
Wie meinen Sie das?
Ein junger Freund hat sich kürzlich bei Goldman Sachs beworben. Nach fünf Interviews hat man ihn schließlich abgelehnt. Großbanken können zwischen Tausenden von Bewerbern wählen, weil jeder dort hin will. Dabei muss man nicht immer studieren oder im Bankensektor arbeiten. Ein anderer Freund von mir ist Taucher. Er macht Reparaturen an Ölplattformen. Das ist ein Halbtagsjob und damit verdient er 170.000 US-Dollar im Jahr. Ein anderer arbeitet jeden zweiten Monat auf einer Ölplattform. Das sind gut bezahlte Jobs. Man muss sich nicht zum Knecht von Goldman Sachs machen, um gut zu verdienen. Gehen Sie als Mechaniker nach Indien oder China, und reparieren Sie die Autos reicher Leute! Ich zum Beispiel bin begeisterter Motorradfahrer. Das sind sensible Geräte, die gehen ständig kaputt. Ich würde viel Geld bezahlen, wenn mir das jemand zuverlässig reparieren kann.
Man nennt Sie auch „Dr. Doom“. Für wie wahrscheinlich halten Sie denn einen baldigen Crash?
Die Lage momentan ist extrem fragil. Der US-Aktienindex S&P 500 notierte vor drei Jahren bei knapp über 1000 Punkten. Jetzt sind es 2000 – ohne dass wir eine nennenswerte Korrektur gesehen haben. Das könnte zu turbulenten Phasen führen.
Gerade erst ging das chinesische E-Commerce-Unternehmen Alibaba an die Börse. Haben Sie Aktien gekauft?
Nein, obwohl ich Alibaba-Gründer Jack Ma für einen höchst intelligenten Mann halte. Ich habe ihn Ende der Neunziger bei einem Interview kennengelernt. Da wollte er mich überzeugen, in sein Unternehmen zu investieren. Das habe ich ausgeschlagen. Auch Facebook-Aktien habe ich nicht.
Warum?
Ich bin recht konservativ, was meine Auswahl an Aktien betrifft. Ich kaufe gerne Unternehmen, die nicht zu teuer sind, aber krisensichere Produkte herstellen: Lebensmittelproduzenten zum Beispiel. Essen müssen Leute immer.
Welche europäischen Aktien halten Sie?
Vorsichtig bin ich in Schweizer Blue Chips gegangen, in Novartis, Roche, Nestlé, Swiss Re, Zurich Insurance, Swiss Life, UBS. Außerdem habe ich Unternehmen aus den Sektoren Energie, Telekom und Versorger, wie etwa GDF Suez, Veolia Environnement, Iberdrola, Telefónica, Telecom Italia, Orange, Total, Enel, E.On und RWE. Von den ganzen Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley halte ich dagegen nicht viel.
Ist das, was gerade in Kalifornien passiert, eine zweite Dotcom-Blase?
Auf jeden Fall! Diese Unternehmen müssen doch so viel Cash verbrennen, um zu überleben. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Aber natürlich werden den Crash auch einige Firmen überleben. Das war nach dem Platzen der Blase 2001 nicht anders.
Sie gelten als Gold-Apologet. Sind Sie immer noch bullish für Gold?
Gold ist momentan günstig. Seit 2011 sind wir in einem Bären-Markt. Es ist möglich, dass es nochmals unter 1000 US-Dollar geht, aber langfristig ist Gold einfach die beste Versicherung gegen das unverantwortliche Verhalten der Zentralbanken. Auch die Goldminen-Aktien sind sehr interessant – manche Unternehmen sind vom Peak 2010 um 60, 70 Prozent gefallen. Die sind jetzt sehr günstig zu haben.
Was halten Sie von elektronischen Währungen wie Bitcoins?
Manche meiner Leser halten das für eine Erfindung wie geschnittenes Brot. Bitcoins sind sicherlich etwas sehr Interessantes. Es ist ein Weg, Geld am internationalen Bankensystem vorbei zu transferieren. Das ist eine brillante Funktion.
Besitzen Sie welche?
Nein. Aber ich sage, noch nicht. Gold und Bitcoin haben letztlich dieselbe Funktion – sie sind eine Versicherung für den Worst Case. Ich fühle mich allerdings mit Gold einfach wohler.
Warum?
Sollte es wirklich zu einem System-Kollaps kommen, gehe ich davon aus, dass auch das Internet zusammenbrechen wird. Dann helfen Ihnen Bitcoins auch nicht mehr. Trotzdem kenne ich erfolgreiche Hedgefondsmanager, die leuchtende Augen bekommen, wenn sie von Bitcoins hören. Letztlich ist das auch eine Generationensache. Ich besitze ja nicht einmal ein Mobiltelefon, das ich ständig mit mir herumtragen muss.