Großbritannien: Die Briten sind in Deutschland verliebt
Um die Wurst: Deutsches Trendlokal „Herman ze German“ in Soho.
Foto: WirtschaftsWocheImmer der Nase nach! Wer in London auf der Villiers Street in Richtung Themse geht, nimmt den unverwechselbaren Duft erst schwach, dann immer deutlicher wahr: Es riecht nach... Currywurst.
Ein paar Schritte weiter, und man sieht den Schriftzug „Herman ze German“. Es ist Mittagszeit, drinnen stehen die Kunden – ganz britisch diszipliniert – Schlange. Lena aus Duisburg bedient. Bockwurst mit Brötchen gibt’s für 4,45 Pfund, Currywurst mit Pommes für 5,95 Pfund; eine Tafel empfiehlt der figurbewussten Kundin („No Carbs, Fräulein“): Wurst mit Salat.
Die drei Biertische sind voll besetzt, viele Engländer, ein Franzose und ein Deutscher mampfen die Ware von Metzger „Fritz“ aus Steinen bei Lörrach, der eigentlich Karl-Friedrich Hug heißt.
Deutschland ist hip
„Herman ze German“ liegt voll im Trend: Am 9. Oktober eröffneten die beiden deutschen Gründer Florian Frey, 34, und Azadeh Falakshahi, 31, in der Londoner Charlotte Street ihr drittes Lokal, ein viertes im Szeneviertel Shoreditch soll nächstes Jahr folgen. „Unser Erfolg zeigt, wie cool und hip Deutschland ist. Bockwurst und Berlin ist bei den Briten total angesagt“, sagt Frey, ein ehemaliger Friseur, der mit seinem Laptop im Eck seines neu eröffneten Restaurants sitzt.
An der Wand hängen alte Fleischwölfe und im Hintergrund dudeln Songs von Falco und Peter Schilling („Völlig losgelöst von der Erde / schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos“) – die Neue Deutsche Welle aus den Siebziger- und Achtzigerjahren lässt grüßen.
Frisieren
Zugegeben, es hat nichts mit Sport zu tun, aber wir Deutschen sind Friseur-Weltmeister. Bei dem im Mai in Frankfurt am Main ausgetragenen OMC Hairworld World Cup 2014 holte das Team des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks gleich in drei Kategorien die meisten Punkte und brachte so den Titel nach Hause. Die WM der Friseure gibt es übrigens schon seit 1949. Damals hieß der Wettbewerb allerdings noch Confédération Internationale de la Coiffure und fand in Paris statt.
Foto: dpaRettungsschwimmen
Die Deutschen sind im Rettungsschwimmen nicht nur Europa-, sondern auch Weltmeister. Zuletzt holten die Deutschen vor ein paar Wochen bei den World Military Championships im Schwimmen und Rettungsschwimmen den Titel. Mitte Juni gewannen sowohl das Team der Frauen als auch der Männer Gold in den Disziplinen Schwimmen, Paddeln und Kajak fahren.
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Basketball
Wer gedacht hat, beim Basketball haben die Amerikaner die Nase vorn, der irrt sich. Zumindest was die Altersgruppe Ü-45 anbelangt. Im Juli vergangenen Jahres wurde die deutsche Frauenmannschaft in dieser Altersklasse Weltmeister und auch die Männer siegten bei der Senioren-Basketball-WM im griechischen Thessaloniki. Allerdings in der Altersgruppe Ü-55.
Foto: APOperieren
Die Deutschen sind Weltmeister im Operieren: Nirgendwo sonst landen so viele Patienten unter dem Messer wie hier. Binnen fünf Jahren hat sich allein die Zahl der Wirbelsäulen-Operationen in Deutschland verdoppelt, wie aktuelle Zahlen zeigen.
Foto: dpaGlobalisierung
Deutschland profitiert im internationalen Vergleich am stärksten von der Globalisierung. Das ergab eine Untersuchung des McKinsey Global Insitute. Der Country Connectedness Index des Beratungsinstituts wird anhand von Exportzahlen, Kommunikationswegen und Vernetzung von Unternehmen gebildet. Demnach ist Deutschland das weltweit am stärksten vernetzte Land - noch vor den USA, Singapur und Großbritannien.
Foto: dpaObstsaft
Der Pokal für diese Leistung sähe sicher ungewöhnlich aus, aber die Deutschen sind Weltmeister im Safttrinken. Im vergangenen Jahr hat jeder Deutsche rund 33 Liter Saft getrunken.
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Die Weltbank hat in Dutzenden von Ländern geprüft, wie es um die Pünktlichkeit und Effizienz der Logistik steht. Das Ergebnis: Die Deutschen sind nicht nur Export- sondern auch Logistik-Weltmeister. Insgesamt verliehen die befragten Logistikunternehmen Deutschland 4,12 Punkte. Damit hat sich die Bundesrepublik nicht nur verbessert (Rang vier im Jahr 2012), sondern sich auch gegen 159 andere Länder durchgesetzt.
Backen
Außerdem gibt es in keinem Land der Welt so viele Brotsorten wie in Deutschland. Mit mehr als 300 verschiedenen Sorten die deutschen Bäcker Weltbrotmeister.
Foto: dpaFußball
Und immerhin waren wir ja auch schon drei mal Fußball-Weltmeister. Auch wenn das letzte Mal schon etwas länger zurück liegt.
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Von Nazi-Witzen zu Kunst
Damals mussten Deutsche in Großbritannien noch krude Nazi-Witze ertragen, wurden im Fernsehen als „Fritz“ porträtiert, der sich vor allem im Stechschritt fortbewegt, und John Cleese alias Basil Fawlty aus der TV-Serie Fawlty Towers hatte mit seinem Spruch „Don’t mention the war“ alle Lacher auf seiner Seite.
Noch am 24. Juni 1996 – Deutschland trat im Halbfinale der Fußball-EM gegen Gastgeber England an – titelte der „Daily Mirror“: „ACHTUNG! SURRENDER! For you Fritz, ze Euro 96 Championship is over!“
Wie sich die Zeiten ändern: Heute ist Deutschland en vogue, nicht nur wegen des bevorstehenden Mauerfall-Jubiläums. Das British Museum zeigt seit dem 16. Oktober die Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“, die 600 Jahre deutscher Geschichte dokumentiert, parallel strahlt die BBC eine Serie mit Museumsdirektor Neil MacGregor aus, und das Migration Museum befasst sich mit den deutschen Einwanderern in Großbritannien.
Doch damit nicht genug: Die Tate Modern, eines der wichtigsten Museen für Gegenwartskunst, präsentiert eine Werkschau des Malers Sigmar Polke, die Londoner Marian Goodman Gallery stellt Gerhard Richter aus, und die Royal Academy widmet Anselm Kiefer eine Retrospektive.
Adam Fletcher hat in Großbritannien und Neuseeland gelebt, ein Unternehmen in Leipzig gegründet und lebt und arbeitet jetzt in Berlin. Seine Erfahrungen in Deutschland haben ihn dazu veranlasst, einen Leitfaden zu schreiben, wie Ausländer typische Deutsche werden.
So hart es sei, schreibt Fletcher, um ein typischer Deutscher zu werden, müsse man deutsch lernen. Die Worte an sich seien gar nicht einmal so schwer, gerade wegen der vielen Parallelen zum Englischen. Und letztlich mache es auch stolz "Schwangerschaftsverhütungsmittel" sagen zu können. Die Grammatik allerdings sei "impenetrable nonsense", aber es führe nun mal kein Weg an ihr vorbei.
Foto: APWer typisch deutsch sein wolle, müsse auch deutsche Gerichte essen, so Fletcher. Er warnt allerdings auch davor, wie unkreativ die deutsche Küche sei. Wurst schmecke eher langweilig und ohne Fleisch gehe auf deutschen Tellern nichts. "Hier Vegetarier zu sein, ist wahrscheinlich genauso lustig, wie im Zoo nichts sehen zu können", schreibt er. Besonders verwirrend sei für Ausländer die Spargel-Saison, in der das ganze Land völlig durchdrehe und sich nahezu ausschließlich von Spargel ernähre. Daran müsse sich ein zukünftiger Musterdeutscher gewöhnen - und natürlich mitmachen.
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Besonders wichtiger Bestandteil des Germanismus seien die drei P: Planning, Preparation, Process. Ein typischer Deutscher sei vorbereitet auf alles, was passieren könne und plane alles bis ins kleinste Detail: vom Tagesablauf bis zur Anordnung der Schuhe im Regal. To-do-Listen helfen dem Deutschen dabei nicht nur, es mache ihn auch glücklich, diese abzuhaken.
Foto: FotoliaBesonders wichtig sei es, sich Versicherungen zuzulegen gegen all die Dinge, die man nicht planen kann: Versicherungen gegen Erdbeben, Beinbruch und Haarausfall, gegen Schäden durch den falschen Kraftstoff und so weiter. Fletcher ist sich sicher, würde jemand eine Versicherung erfinden, die immer dann greift, wenn man gerade nicht die richtige Versicherung hat (insurance-insurance), würden 80 Millionen Deutsche vor lauter Glück tot umfallen.
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Wissen ist Macht: In England bekommt der das hübsche Mädchen aus dem Club, der am meisten trinkt, ohne sich auf die Schuhe zu kotzen. "In Deutschland bekommt der das Mädchen, der am meisten über Philosophie weiß", schreibt Fletcher. Dementsprechend streben die Deutschen nach Fortbildungen, Qualifikationen und Titeln. Der Dr. vor dem Namen sei deutlich wichtiger als das, was die Person im Kopf habe, weshalb jeder sich möglichst viele Zusatzqualifikationen zulegen sollte.
Doch Vorsicht: Wer den Bachelor of Arts in Theaterwissenschaften gemacht hat, bekäme ungefähr so viel Anerkennung wie jemand, der es geschafft hat, sich ordentlich anzuziehen.
Foto: FotoliaGanz wichtig seien vor allem Hausschuhe, schreibt Fletcher. "Sie sind Voraussetzung, um richtig deutsch zu sein." Die Begründung, warum Deutsche so auf ihre Puschen schwören, sei vor allem eines: praktisch. Was ebenfalls furchtbar deutsch sei.
Foto: dpa/dpawebIn Deutschland finden die besten Partys in der Küche statt, bei den Briten ist es dagegen das Wohnzimmer. Fletcher nennt die Küche einen funktionalen Raum, in dem man Essen zubereitet. Wer allerdings ein richtiger Deutscher werden wolle, müsse die Küche unbedingt zum Mittelpunkt seiner Wohnung machen. Außerdem sei besonders am Wochenende ein ausgedehntes Frühstück Pflicht für einen typischen Deutschen. Dazu müsse der ganze Inhalt des Kühlschranks auf dem Küchentisch aufgefahren werden.
Foto: Blumenbüro Holland/dpa/gmsUnd weil ein typischer Deutscher gegen alles abgesichert ist, kleidet er sich natürlich auch entsprechend. Vor Verlassen des Hauses werde der bequeme Jogginganzug gegen ein Outfit getauscht, das bei Temperaturen von minus 20 bis plus 40 Grad die Körpertemperatur reguliert und zeitgleich vor Wind und Regen schützt. "Es ist ganz wichtig, dass man auf mindestens drei verschiedene Jahreszeiten vorbereitet ist", schreibt Fletcher.
Foto: CLARK/obsDer typische Deutsche sei den Ampelmännchen hörig, so Fletcher. Auch nachts an einer abgelegenen Straße, auf der weit und breit kein Auto zu sehen ist, warte der ordentliche Deutsche brav auf das grüne Männchen. Ausländer, die nicht auffallen wollen, sollten also das gleiche tun. Dass man in Deutschland auf dem Bürgersteig und nicht einfach auf der Straße läuft, sei ja wohl selbstverständlich.
Foto: dpaDas Nationalgetränk der Deutschen sei gar nicht Bier, sondern Apfelsaftschorle, hat Fletcher festgestellt. Wenn ein Deutscher nicht weiß, welches Getränk er kaufen oder bestellen soll, lande er immer wieder bei Apfelsaftschorle. Die sei zwar langweilig, aber eben verlässlich. Ganz besonders wichtig sei dabei, dass das Wasser kohlensäurehaltig sei. Deutsche fürchten sich scheinbar vor Getränken ohne Kohlensäure, schreibt Fletcher.
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Edelküchen, Autos, Birkenstock
„Deutsche Nachkriegskunst begann schon in den frühen Neunzigern internationale Popularität zu gewinnen“, so Jussi Pylkkanen, Chairman des Londoner Auktionshauses Christie’s. „Wir haben den Leuten die Augen für die deutsche Kunst geöffnet“, sagt er stolz.
Der Direktor der Tate Modern, Chris Dercon, meint: „Deutschland gilt nicht mehr als Land der großen Ideen, sondern der großen Bilder. Man braucht keine Angst mehr vor Deutschland zu haben.“ Für Dercon, einen Belgier, der das Haus der Kunst in München geleitet hat, spielt auch der zunehmende politische Einfluss Deutschlands eine Rolle: „Deutschland ist das Epizentrum in Europa, ihm kommt eine Schlüsselrolle zu – auch im Verhältnis zu den USA und zu Russland.“
Doch die neue Liebe der Briten für alles Deutsche geht weit über das rein Kulturelle hinaus: Da ist der Snob-Appeal deutscher Edelküchen, die sich bei wohlhabenden Briten großen Zuspruchs erfreuen, und die Bewunderung für die technische Perfektion deutscher Autos, die – wie der Mini, der Bentley und der Rolls-Royce – zum Teil in englischer Verkleidung daherkommen.
Selbst die Biedersandale Birkenstock erlebte diesen Sommer eine modische Renaissance. Berlin gehört zu den Top-Reisezielen junger Briten, Ältere suchen dort die Nostalgie des Kalten Kriegs. In der Adventszeit reisen die Briten gern nach Nürnberg, Würzburg und Köln, sie lieben Glühwein und Stollen, die deutsch-englische Firma Xmas Markets hat die Christkindlmärkte sogar nach Großbritannien geholt. Es gibt Weihnachtsmärkte in Birmingham und Manchester und im Londoner Hyde Park das „Winter Wonderland“.
Mittelstand fühlt sich bevormundet
Viele mittelständische Unternehmen in Großbritannien sind verärgert über die EU. Sie lasse kleinen Unternehmen zu wenige Freiheiten und bürde ihnen stattdessen unnötige Richtlinien auf, sagt etwa der Generaldirektor von Reidsteel, Simon Boyd. Er glaubt, dass der Handel mit anderen Staaten einfacher würde. Stimmen von Firmenbesitzern wie Boyd kommen beim Referendum über die EU-Zugehörigkeit Großbritanniens am 23. Juni eine Schlüsselrolle zu. Die rund 5,4 Millionen britischen Klein- und Mittelstandsbetriebe machen 99 Prozent aller Unternehmen auf der Insel aus und haben 15,6 Millionen Menschen angestellt - das ist die Hälfte aller Arbeitskräfte im britischen Privatsektor. Sie sind noch unentschlossen: Im Februar sagten 42 Prozent in einer Umfrage, dass sie immer noch schwankten, ob sie für oder gegen einen Brexit stimmen wollen.
Foto: dpa, MontageNationale Identität
Als ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. „London denkt viel mehr global als europäisch“, sagt Katinka Barysch, Chefökonomin beim Centre for European Reform in London. Die Angst, von EU-Partnern aus dem Süden Europas noch tiefer in die ohnehin schon tiefe Krise gezogen zu werden, schürt zusätzliche Aversionen.
Foto: dpaFinanztransaktionssteuer und Co.
Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht. „Regulierungen etwa für Hedgefonds oder die Finanztransaktionssteuer treffen London viel mehr als jeden anderen in Europa“, sagt Barysch. Allerdings hatte die Londoner City in der Finanzkrise auch mehr Schaden angerichtet als andere Finanzplätze.
Foto: dpaRegulierungen des Arbeitsmarkts
Großbritannien ist eines der am meisten deregulierten Länder Europas. Strenge Auflagen aus Brüssel, etwa bei Arbeitszeitvorgaben, stoßen auf wenig Verständnis auf der Insel. „Lasst uns so hart arbeiten wie wir wollen“, heißt es aus konservativen Kreisen.
Foto: dapdEU-Bürokratie
Die Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27.
Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg (hier im Bild) abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen.
Foto: dpaMedien
Die britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat auch politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitiert die „Financial Times“ einen britischen Minister.
Unaufgeregter Führungsstil von Angela Merkel
Und dann ist da noch der Sport, ein zwiespältiges Thema. „Two World Wars and One World Cup“ heißt der Fußball-Song, mit dem die Engländer gern an ihren WM-Sieg von 1966 erinnern. Doch dieses Jahr, bei der WM in Brasilien, drückten nach dem Ausscheiden der englischen Nationalmannschaft auch Briten den Deutschen die Daumen.
Deutsche Spieler in britischen Clubs sind beliebt: So verpassten die Fans des FC Arsenal Verteidiger Per Mertesacker, angelehnt an das Kinderbuch „Big friendly Giant“, den Spitznamen „Big Fucking German“. Und das ist durchaus freundlich gemeint.
Die Bundesrepublik ist heute für viele Briten ein Vorbild, auf wirtschaftlichem Gebiet, aber auch in der Politik. Nicht zuletzt aufgrund des unaufgeregten Führungsstils von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Deutschland ist ein sehr friedlicher, unaufdringlicher Ort – es fehlt an Pomp und dem aufgeblasenen militärischen Getue, das unseren eigenen Staat entstellt“, schrieb jüngst der Schriftsteller Will Self im „Guardian“.
Der ehemalige Vorstands- und Verwaltungsratsvorsitzende der britischen Großbank HSBC, Lord Stephen Green of Hurstpierpoint, der Handelsminister in der Regierung David Camerons war, hat soeben ein Buch mit dem Titel „Reluctant Meister“ veröffentlicht, in dem er die neue politische Identität Deutschlands vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte analysiert.
Aus Liverpool kommen die Pilzköpfe, die als „The Beatles“ unsterblich wurden. 1960 gründete sich die Band, Love Me Do wurde ihre erste Single. Ohne ihre Hits wäre die Welt um zahlreiche Ohrwürmer ärmer. Sie zeigten der Jugend, dass neben Walzer und Stehblues auch bedingungsloses Durch-die-Gegend-Hüpfen als Tanzstil durchgeht. Dieses Foto entstand am 28. Februar 1968 und zeigt (v.l.): Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison.
Foto: APAls begnadete Autobauer werden die Engländer nicht in die Geschichte eingehen. Und doch gibt es einen Ausreißer, der die Herzen aller Karosserie-Liebhaber heftig schlagen lässt: der Rolls-Royce.
Foto: rtrEngland schenkte uns auch einen Zauberlehrling, der Kinder wieder dazu brachte, gierig nach einem Buch zu greifen. Harry Potter machte außerdem den Schauspieler Daniel Radcliffe berühmt und Autorin Joanne K. Rowling steinreich.
Foto: rtrAuf der Insel wurde nicht nur der Fußball erfunden, auf ihr wuchs auch ein Fußballer auf, der zu den extravagantesten seiner Zunft gehört: David Beckham. Der Kicker spielte nicht nur für Manchester United, sondern auch für Real Madrid, AC Milan und Los Angeles Galaxy. Mit ihm ...
Foto: dapd... zog seine Frau Victoria Beckham in die Welt – berühmt als Ex-Spice-Girl, später als Model und Designerin.
Foto: dpaTee wird auf verschiedenen Kontinenten getrunken. Eine wahre Zeremonie haben die Engländer daraus gemacht. So genießen auch diese Hindu ihre Tea-Time.
Foto: dapdEr lebte von 1564 bis 1614, schrieb 38 Dramen und wurde so zum bekanntesten Schriftsteller und Dichter Englands: William Shakespeare. Seine Komödien und Tragödien gehören zu den am meisten aufgeführten und verfilmten Bühnenstücken der Weltliteratur. Das Chandos-Porträt von William Shakespeare in der National Portrait Gallery in London.
Foto: dpaWas wären die Deutschen ohne die englische Königsfamilie? Selbst ohne eigenen Monarch belustigen, bestürzen, erfreuen die Geschichten rund um Queen Elizabeth II die Menschen auch jenseits des Kanals. Dass es noch eine Weile so bleibt, dafür sorgen ganz gewiss Prince William und seine Kate.
Foto: dpaIm Auftrag ihrer Majestät zieht ein anderer Engländer durch die Weltgeschichte: Bond, James Bond. Hier mimt Sean Connery den Geheimagenten, in bester 007-Manier posiert er vor einem Aston Martin.
Foto: rtrDer britische Humor ist so außergewöhnlich, dass er auch EU-weit seine Anhänger hat. Perfektioniert haben die Komik des Absurden gepaart mit Einlagen hart an der Grenze des guten Geschmacks die Macher von Monty Python's Flying Circus.
Foto: dapdOhne einen Engländer hätten Kinobesitzer derzeit nicht so volle Säle. Der Autor John Ronald Reuel Tolkien hat uns nicht nur mit den Hobbits, Gandalf und der Ring-Trilogie beschenkt, sondern auch mit Gollum, der am Verlust seines Rings verzweifelt.
Foto: dpaGut, dass englische Essen ist durchaus verzichtbar. Und doch: Nach einer durchzechten Nacht hilft gegen Kater kaum etwas besser als eine schöne Portion Fish & Chips.
Foto: dpa
Green, der in Oxford Politik, Philosophie und Ökonomie studierte und fließend Deutsch spricht, weist darauf hin, dass die Demokratie im modernen Deutschland fest verankert sei. „Das ist eine außerordentliche Leistung“, sagt er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.
Deutschland sei „weit entfernt vom alten Führerprinzip. Deutschland übt eine Rolle aus, die man als zögernde Führung bezeichnen könnte, sie steht im Kontext einer europäischen Identität. Dieses neue Deutschland wird von den Briten nicht als bedrohlich empfunden.“
Der Ex-Banker macht klar, dass es die Euro-Krise war, die Deutschland zwang, in seine Funktion als „zurückhaltender Meister“ hineinzuwachsen. Die Identität des heutigen Deutschlands sei einerseits Folge lang zurückliegender historischer Gegebenheiten, andererseits ein Resultat der jüngeren Geschichte: Green nennt die Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit, die Wiedervereinigung und die EU-Osterweiterung.
Wirtschaftlicher Erfolg
Aus britischer Sicht ist es aber nicht nur diese politische Transformation, sondern auch der wirtschaftliche Erfolg, der zu einer Neubewertung Deutschlands geführt hat. Die Finanzkrise hat den Briten gezeigt, dass ihr Wirtschaftsmodell mit seiner Abhängigkeit vom Finanzsektor und den vergleichsweise geringen Exporten erhebliche Schwächen aufweist. Deutschland, das nach der Wiedervereinigung jahrelang als „kranker Mann Europas“ und Repräsentant der „Old Economy“ verspottet worden ist, gilt vielen Experten nun als Vorbild.
Green lobt nicht nur den deutschen Mittelstand, sondern erwähnt auch die gut funktionierenden Handelskammern und das duale System der Berufsausbildung. Immerhin: Die Briten haben mit der British Business Bank eine neue Förderbank gegründet, die sich an der deutschen Kreditanstalt für Wiederaubau und Entwicklung (KfW) orientiert und Mittelständler mit günstigen Darlehen versorgen soll.
Wichtigster Handelspartner
Auch die gegenseitige Abhängigkeit ist gewachsen: 40 Prozent der britischen Exporte gehen in die Euro-Zone, wo Deutschland der wichtigste Handelspartner ist. Zudem werden die Briten bei ihrem Versuch, das eigene Verhältnis zur EU neu auszuhandeln, die Deutschen als Partner brauchen. Schon deshalb wurde die Bundeskanzlerin bei ihrem jüngsten London-Besuch besonders herzlich empfangen.
Viel Deutsches gehört inzwischen zum Alltag der Briten, nicht zuletzt im Bereich des Konsums. Discounter wie Aldi konnten seit der Finanzkrise kräftig zulegen. Zu den typischen Szenen gehört der Einkauf im Lidl-Supermarkt: Bei Nieselregen packt die Londoner Familie Paprika der Eigenmarke „Karin“, Edel Nougat Zapfen (mit 26 % Haselnüssen) und zehn Flaschen Wein in ihren Einkaufswagen. Mit günstigem Wein guter Qualität lockt Lidl inzwischen auch die englische Mittelklasse in seine Geschäfte.
Humor
Und was ist mit dem Humor, der den Deutschen angeblich fehlt? Der deutsche Komiker Henning Wehn gehört inzwischen zum Standardrepertoire der BBC, tritt in Quizsendungen auf und treibt mit seinem fetten deutschen Akzent selbstironisch die beliebten Klischees über die Deutschen auf die Spitze. Gleichzeitig erlaubt er sich Scherze über die Briten, indem er etwa Witze über englische Handwerker reißt. Auch für „Herman ze German“ gehört Humor zum Erfolgsrezept: Der Firmenname nimmt die harte „th“-Aussprache der Deutschen aufs Korn.
„Wir wollen uns damit bewusst von den Kriegsgeschichten distanzieren“, sagt Florian Frey. Das „ze“ ist allgegenwärtig: „Our Wurst is ze Best“ lautet der Slogan der Jungunternehmer. Wenn alles glattgeht, hoffen sie mit ihren Produkten bald auch in britischen Supermärkten präsent zu sein.