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Verrückte ManagerWarum Chefs größenwahnsinnig sein müssen

Chef von sechs Leuten zu sein, bereitet manchem Bauchschmerzen. Doch wie sieht es bei 600.000 aus? Oder sechs Millionen? Wer Konzerne leiten und Neues erfinden will, braucht eine Spur Größenwahn. Wie viel Hybris gut ist.Stephan Happel, Kerstin Dämon, Sebastian Schaal 16.07.2015 - 14:09 Uhr

Narzissten sind selbstbewusst

Selbstbewusstsein und die dazugehörige Portion Rücksichtslosigkeit macht Narzissten so erfolgreich - und Unternehmen häufig erst innovativ. Eine Studie deutsch-amerikanischer Forscher um Wolf Christian Gerstner und Andreas König von der Universität Erlangen-Nürnberg zeigt: Unternehmen investieren umso häufiger in neue Technologien, je narzisstischer der jeweilige CEO ist. Dennoch ist Vorsicht angebracht: Zu viel Risikobereitschaft kann dem Unternehmen auch schaden.

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Narzissten sind ideale Chefs

Narzissmus ja, aber bitte nicht zu viel. So lautet die Beschreibung für den idealen Chef. Wissenschaftler um Emily Grijalva von der Universität von Illinois fanden heraus, dass der Zusammenhang zwischen Narzissmus und dem Erfolg als Führungskraft die Form eines umgekehrten U annimmt. Soll heißen: Extremer Narzissmus hilft ebenso wenig weiter wie überhaupt kein Narzissmus. „Der ideale Chef ist in Maßen narzisstisch“, sagt Grijalva.

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Narzissten sind ehrgeizig

Vor allem in Chefetagen sind Narzissten keine Seltenheit. Kein Zufall: Zum einen sind Narzissten ehrgeizig, motiviert und machtgierig. Zum anderen verfügen sie über die nötige soziale Intelligenz, um ihre Untergebenen und Kollegen zu umschmeicheln. Das beweist auch eine Studie von der Ohio State Universität aus dem Jahr 2008. Die ergab: Narzisstische Studenten sind nicht nur besonders dominant bei Diskussionen, sondern wurden auch häufig in den Vorsitz von Studentenvereinigungen gewählt.

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Narzissten machen steiler Karriere

Ego hin oder her: Dass Narzissten schneller die Karriereleiter erklimmen, ist bekannt. Rücksichtslos und konsequent egoistisch lassen sie alle Hindernisse links liegen und ziehen durch, bis sie in der Chefetage angekommen sind. Dieses Charisma kann manchmal sogar ansteckend wirken - und Mitarbeiter dazu verleiten, selbst ein bisschen mehr Ehrgeiz an den Tag zu legen.

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Narzissten sind sympathisch

Zumindest auf den ersten Blick. Das zeigt eine Studie der Universität Münster. Befragte Kommilitonen gaben bei Narzissten oft an: „Finde ich sympathisch, würde ich gern besser kennenlernen.“ Langfristig machen sich Narzissten dagegen keine Freunde – wer länger mit ihnen zu tun hat, dem werden Narzissten auf Dauer unsympathischer.  

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Narzissten sind extrovertiert

Vor allem mit ihrer Extrovertiertheit können Narzissten oft punkten. Die kann schon beim Bewerbungsgespräch zum entscheidenden Vorteil werden - wenn der Narzisst es schafft, bereits bei diesem ersten Treffen zu glänzen.

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Narzissten sind beharrlich

Narzissten sind von sich und ihren Ideen überzeugt - und wirken dementsprechend selbstbewusst. Ihre Ziele halten sie für die einzig waren – und verfolgen sie daher konsequent, wenn andere bereits aufgeben. Auch das ist ein Charakterzug, der im Berufsleben von Vorteil ist. Zumindest in Maßen.

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Narzissten bleiben neutraler

Da sie meist weniger Empathie zeigen, sind Narzissten weniger anfällig dafür, in die Probleme ihrer Kollegen hineingezogen zu werden. Es interessiert sie schlichtweg nicht, mit welchen Komplikationen die anderen gerade zu kämpfen haben. So unsozial diese Eigenschaft auch ist - so sehr kann sie von Vorteil sein.

Foto: Werner Heiber/Fotolia

Der Elektroauto-Pionier Tesla hat zuletzt einen kräftigen Absatzsprung gemacht: Im zweiten Quartal stiegen die Auslieferungen des Model S im Jahresvergleich um 52 Prozent auf 11.507 Fahrzeuge. Von solchen Wachstumsraten können die meisten Automanager nur träumen.

Doch Tesla-Chef Elon Musk lehnt sich nicht zurück: Im Gesamtjahr sollen 55.000 Elektroautos unters Volk gebracht werden. Bis zum Jahr 2020 will der Milliardär eine Million Tesla verkaufen. Ohnehin fällt Musk nicht durch Bescheidenheit auf. Drei Unternehmen hat der Paypal-Gründer derzeit unter Kontrolle, die alle ihre Branchen revolutionieren und die Welt verbessern sollen: Mit Tesla will Musk Elektroautos zum Durchbruch verhelfen, mit SolarCity das Geschäft mit Erneuerbaren Energien auf eine neue Stufe heben. Und Space X gilt als Vorzeigeunternehmen der privaten Raumfahrt, das bald schon Menschen ins All bringen könnte.

Der in Südafrika geborene Musk hat es so weit gebracht, weil er sich nie von seinen Plänen abbringen ließ - trotz Rückschlägen. Mit Tesla stand er vor der Pleite. Konstruktions-Fehlschläge und Raketen-Abstürze bei Space X verschlangen Milliarden. Trotzdem glaubte Musk stets, dass sein Weg der richtige sei. Das bekommen Partner und Investoren zu spüren, mit denen sich Musk gnadenlos zofft, selbst wenn er auf sie angewiesen ist.

Die wichtigsten Startups von Elon Musk
Internet-Medienunternehmen, 1999 von Alta Vista für 307 Millionen Dollar übernommen, Musk erhält 22 Millionen Dollar
Musk startet den Online-Bezahldienst, aus dem später PayPal wird. 2002 kauft Ebay die Firma für 1,5 Milliarden Dollar. Musk kassiert 165 Millionen Dollar
Ein Kindheitstraum wird wahr: Musk gründet sein Raumfahrtunternehmen
Musk beteiligt sich am Elektroautohersteller, wird später Mitgründer neben Martin Eberhard, Marc Tarpenning, Ian Wright und Jeffrey Brian Straubel
Lyndon und Peter Rive verleasen und installieren mit ihrem Start-up Fotovoltaikanlagen; Musk kofinanziert die Firma seiner beiden Cousins

Dass Musk zum Teil eine sehr eigene Sicht auf die Dinge hat, zeigt auch die Kooperation Teslas mit Panasonic. In der Wüste von Nevada bauen die beiden Unternehmen gerade eine Batteriefabrik – nicht irgendeine, sondern die weltgrößte. Dass das riesige Werk mit dem bezeichnenden Namen Gigafactory einen starken Einfluss auf den weltweiten Batterieabsatz haben wird, war nicht nur Branchenbeobachtern klar. Während Musk für das kommende Jahr von einem Wachstum von 50 Prozent spricht, erwartet sein japanischer Kooperationspartner lediglich elf Prozent. Auch bei der mittelfristigen Entwicklung hat Musk eine eigene Meinung: Während er auch in den kommenden Jahren von konstant 50 Prozent Wachstum ausgeht, veranschlagt Panasonic nicht einmal ein Drittel dieses Werts. Ein klarer Fall von Größenwahn?

Tesla ins All

Der schillernde Unternehmer will im Januar einen Tesla in die Mars-Umlaufbahn schicken. Das kündigte Musk am Wochenende auf Twitter an. Sein eigener roter Roadster solle dort „eine Milliarde Jahre lang“ kreisen und dabei „Space Oddity“ von David Bowie spielen. Motto der Aktion: „Rotes Auto für einen roten Planeten.“ Der Start, der von Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX durchgeführt wird, ist zugleich ein wichtiger Test der neuen Rakete „Falcon Heavy“.

Foto: dpa

„Big Fucking Rocket“

Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX will Menschen bereits in sieben Jahren per Rakete auf den Mars schicken. Das Hatte Musk im September 2017 beim Internationalen Astronauten-Kongress im australischen Adelaide angekündigt. SpaceX plane derzeit die Entwicklung einer Mega-Rakete namens „Big Fucking Rocket“ (BFR), die frühestens 2024 ein bemanntes Raumschiff mit Platz für bis zu 120 Menschen auf den Roten Planeten bringen soll. Bereits 2022 würden zwei Raumschiffe technische Ausrüstung auf den Mars bringen, um das Überleben von Menschen zu ermöglichen, sagte Musk. Die Mars-Pläne von Musk sind nicht ganz neu. Bereits Ende September 2016 hatte er eine Besiedlung geplant.

Foto: SapceX,AP

Mehrweg-Raketen
Es gilt als Meilenstein der Raumfahrt: Im Dezember 2015 kehrt mit der „Falcon 9“ erstmals eine Trägerrakete nach einer Mission heil und aufrecht zum Startplatz auf die Erde zurück. Nachdem sie elf Kommunikationssatelliten im All ausgesetzt hat, beschreibt sie in etwa die Bahn eines Kugelschreibers, der sich in der Luft um 180 Grad dreht. Auf dieser Kurve fliegt die „Falcon 9“ zurück und landet elf Minuten nach dem Start wieder in Florida. Im April 2016 bringt die „Falcon 9“ erstmals einen Frachter auf den Weg Richtung Raumstation ISS. Zuvor waren einige Versuche gescheitert.

Foto: dpa

Autopilot
Seit Oktober 2015 lässt der Elektroauto-Hersteller Tesla, an dessen Spitze Musk steht, seine Fahrzeuge automatisch die Spur und den Abstand halten. Außerdem sollen sie auch die Spur wechseln und einparken können. Kritik kommt an dem Fahrassistenz-System, als einige Monate später der erste Mensch bei einem Unfall in einem vom Computer gesteuerten Auto stirbt.

Foto: REUTERS

Autonomes Fahren
Im Oktober 2016 teilt Tesla mit, dass das Unternehmen als erstes in der Branche alle seine künftigen Fahrzeuge zu selbstfahrenden Wagen machen will. Dafür werden neu gebaute Autos mit der nötigen Technik für komplett autonomes Fahren ausgerüstet.

Foto: REUTERS

Super-Ladestationen
Die sogenannten „Supercharger“ brauchen rund 75 Minuten, um einen Tesla-Akku komplett aufzuladen und eine halbe Stunde für eine halbe Ladung. Ende 2017 gibt es laut Tesla 1.043 Supercharger-Stationen mit 7.496 Ladeplätzen.

Foto: REUTERS

Hyperloop
Mit einer „Hyperloop“ genannten Röhre will Musk irgendwann in der Zukunft per Unterdruck Passagiere mit nahezu Schallgeschwindigkeit wie eine Art Rohrpost transportieren. Im August 2013 stellt er seine Pläne für auf Luftkissen schwebende Kapseln vor. Das Vorhaben berechnet er mit bis zu 7,5 Milliarden US-Dollar.

Foto: REUTERS

Ja. Denn ohne ein gesundes bis übersteigertes Selbstbewusstsein, Optimismus und sehr hoch gesteckte Ziele lässt sich ein Unternehmen weder gründen noch führen. Ohne den Glauben an sich selbst und die eigene Idee gäbe es weder das Musk-Imperium noch irgendein anderes Unternehmen. Grundsätzlich muss jeder, der sich hocharbeiten will – sei es in einem Unternehmen oder einer Partei oder einem Verein – extrovertiert sein.

Psychopathen in der Chefetage sind die Regel

Wer dann noch die Traute hat, Brötchengeber von Tausenden Mitarbeitern zu sein oder mit Millionenetats zu jonglieren, der hat mehr als nur ein gesundes Selbstbewusstsein. Ohne den richtigen Funken Wahnsinn findet keine Weiterentwicklung statt. „In der Tat ist Größenwahn manchmal für Manager nützlich, damit sie eine Vision entwickeln können und sich trauen, diese umzusetzen“, sagt der Münchner Sozialpsychologe und Managementforscher Dieter Frey.

Entsprechend geballt taucht die Hybris in den Chefetagen rund um den Globus auf. Wirft man einen Blick in die Statistiken, werden globale Unternehmen aber ohnehin von einem Haufen Verrückter geführt. So bewies der kanadische Psychiater Robert Hare, dass deutlich mehr Psychopathen in Vorständen und Aufsichtsräten großer Unternehmen sitzen, als beim Discounter an der Kasse.

Laut Hare sind Psychopathen „Menschen, die schwer gestört sind und fortwährend gesellschaftliche Regeln verletzen“. Sie empfänden kaum Mitgefühl oder Reue und sie manipulieren andere, um ihre Ziele zu erreichen.

Die Elon-Musk-Biografie
"Elon Musk. Die Biografie des Gründers von Tesla, PayPal, SpaceX und wie er unsere Zukunft neu erfindet" Finanzbuchverlag, 368 Seiten, 14,95 Euro
Ashlee Vance, geboren 1977 in Südafrika, ist ein amerikanischer Wirtschaftsjournalist. Unter anderem schrieb er für die New York Times, den Economist, die Chicago Tribune, CNN.com und die International Herald Tribune. Bei der Bloomberg BusinessWeek ist er einer der bekanntesten Journalisten und hat unzählige Titelgeschichten über Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Steve Ballmer geschrieben.

Das trifft auch auf Vordenker Elon Musk zu: Von seinen Angestellten erwartet er die gleiche Hingabe und Leistungsbereitschaft wie von sich selbst. Bei Space X, Tesla und SolarCity gilt die Musksche Maxime: Elons Weg, Elons Regeln. Wer sie nicht befolgt, muss gehen. Als bei Tesla die Produktion stockte, kündigte er seinen Mitarbeitern an, dass sie samstags und sonntags arbeiten und unter den Schreibtischen schlafen würden, bis alles erledigt sei.

Zeit mit Freunden und Familie könnten die Angestellten verbringen, wenn das Unternehmen pleite sei.

Langjährige Weggefährten werden gefeuert

Musks Glaube, er wisse am besten, wie Dinge zu erledigen sind, macht vor niemandem halt. Sein Biograf Ashlee Vance schildert eindrucksvoll, wie Musk seine langjährige Assistentin und engste Vertraute Mary Beth Brown entließ. Sie hatte mehr als ein Jahrzehnt ihr Leben für ihn zurückgestellt und arbeitete stets an seiner Seite - auch nachts. Nachdem sie ihn um eine Gehaltserhöhung bat, schickte er sie für ein paar Tage in den Urlaub. Als sie zurück kam, sagte er ihr, dass er ihre Arbeit übernommen und dabei festgestellt habe, dass er ihren Job besser macht als sie.

Elon Musk Biografie

Furcht und Ehrfurcht vor dem Iron Man

von Stephan Happel

Hier lässt nicht nur der Größenwahn, sondern auch der Psychopath grüßen. Jedoch gibt der Erfolg ihm Recht: Musk ist ein Ausnahme-Unternehmer, der das Unmögliche möglich macht. Mit Bescheidenheit bringt man es nicht soweit. Für Psychologe Frey ist klar, dass man sich sehr hohe Ziele setzen und eine "Duftnote" setzen muss, durch die man sich von anderen unterscheidet. Ob man dabei die eigenen Mitarbeiter schlecht behandelt, ist scheinbar eine Typfrage.

Jedenfalls zeigt auch die Untersuchung von Hare mit seinem Kollegen Paul Babiak, dass Psychopathen in der Chefetage Erfolg haben. Diejenigen, die am verhaltensauffälligsten waren, galten in der Leistungsbewertung als hervorragende Strategen und Innovatoren.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?
Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.
Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. Im vergangenen Jahr machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im ersten Quartal blieben unterm Strich 108 Millionen Dollar (78 Millionen Euro) – bei einem Handelsumsatz von 19,7 Milliarden Dollar.
Es ist der größte Auslandsmarkt. Im vergangenen Jahr setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.
Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.
In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 7700 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten zum Jahreswechsel 88.400 Festangestellte im Unternehmen.
Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.
Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,30 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.
In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

„Der Punkt ist: Es muss nicht so sein“, sagt Frey. „Oft ist die Vision ja da, aber man verliert auf Dauer an Glaubwürdigkeit, wenn die Ziele absolut nicht erreicht werden, und vor allem wenn kein realistisches Maßnahmenprogramm „nachgeliefert“ wird, wie es erreicht werden soll. Dann wird der Narzisst mit seinen „tollen“ Visionen plötzlich nicht mehr ernst genommen.“

Größenwahn kann in die Irre führen

Dieses Schicksal hätte Amazon-Cheff Jeff Bezos blühen können. Denn ihn hat seine Form des Größenwahns durchaus schon auf die falschen Pfade geführt. Das Prestige-Projekt FirePhone setzte Amazon auch in den Sand, weil sich der Chef für unfehlbar hielt. Bevor das erste Smartphone aus dem Hause Amazon im Sommer 2014 auf den Markt kam, hatten Branchenbeobachter ein günstiges Gerät erwartet.

Eines das vielleicht zum Null-Tarif verkauft wird, und mit dem sich Amazon endgültig im Alltagsleben der Kunden einnisten kann. Stattdessen schuf Jeff Bezos ein Monster mit allerlei Schickschnack, einer 3D-Funktion bei der manche Nutzer seekrank wurden, und bot es zu iPhone-Preisen an. Das FirePhone floppte katastrophal. Mittlerweile verramscht der Konzern das Gerät für einen Dollar. Haben will es trotzdem kaum jemand. Das FirePhone ist ein Millionengrab.

Vita: Jeff Bezos
Geboren als Jeffrey Preston Jorgensen in Albuquerque, US-Bundesstaat New Mexico.
Miguel Bezos, neuer Ehemann der Mutter Jacklyn Gise, adoptiert ihn.
Jahrgangsbester seiner Highschool in Miami.
Abschlüsse in Computerwissenschaften und Elektrotechnik an der Princeton-Universität.
Analyst beim New Yorker Hedgefonds D. E. Shaw & Co.
Gründung von Cadabra in Seattle, später in Amazon umbenannt.
Börsengang von Amazon.
Das „Time Magazine“ kürt ihn zum Mann des Jahres.
Bezos gründet das Raumfahrtunternehmen Blue Origin.
Amazon übertrifft voraussichtlich die Umsatzschwelle von 100 Milliarden Dollar.

Das Fiasko war früh absehbar, sagen viele bei Amazon. Entwickelt wurde offenbar von Beginn an nicht, was den Kunden interessiert, sondern was der Chef wollte. Und der interessierte sich vor allem dafür, mit seinem Unternehmen endlich cool wie Apple zu werden. 

Bezos glaubte, die 3D-Funktion sei das geeignete Mittel. Alle anderen hielten das Feature für unsinnig - und sagten das auch; mal mehr, mal weniger deutlich. Ausreden ließ sich der Amazon-Boss seine Idee aber nicht. „Because Jeff wants it“, wurde zum geflügelten Spruch unter den FirePhone-Entwicklern. Quatsch machen, weil Jeff es will.

Führungstipps aus dem Buch "Die Macht der Macht"
Einen praktischen Leitfaden zum Umgang mit Macht hat in diesem Sommer Reiner Neumann herausgebracht. Der Berater erklärt in „Die Macht der Macht“, worauf Führungspersönlichkeiten achten müssen, um ihre Macht zu steigern und vor allem zu erhalten. Hier einige Auszüge.
Gesten mit beiden Händen wirken sehr viel stärker und dynamischer als die mit einer Hand. Vermeiden Sie Gesten mit negativem Gehalt wie erhobene Zeigefinger oder vor der Brust verschränkte Arme.
Vermitteln Sie Souveränität durch ruhiges Sprechtempo und gut gewählte Pausen. Das zeugt davon, dass Sie keine Angst vor Unterbrechungen haben. Betonen Sie maximal zwei Wörter pro Satz und passen Sie die Lautstärke der Größe des Raumes an.
Menschen mit Macht unterbrechen, Menschen ohne werden unterbrochen. Es ist nicht höflich, aber wirkungsvoll. Sorgen Sie dafür, wenn man Sie mal unterbricht, dass Sie Ihren Gedanken zu Ende bringen können.
Macht hat, wer die Regeln definiert. Übernehmen Sie keine Normen blind vom Vorgänger. Regeln schaffen Sicherheit und Vertrauen, schränken bisweilen aber auch zu stark ein. Ideal ist es, wenn nicht der Chef, sondern die Allgemeinheit Verstöße ahndet.
Macht und Dominanz strahlt man – bisweilen auch zu viel – aus durch entspanntes Zurücklehnen, gespreizte Beine, weit geöffnete Augen und hochgezogene Brauen. Bemühen Sie sich um flüssige Bewegungen und vermeiden Sie keinen Blickkontakt – das ist ein Zeichen von Schwäche.
Geben und Nehmen: Der beste Einstieg ist eine Investition von Ihrer Seite – gehen Sie in Vorleistung. Pflegen Sie Beziehungen durch regelmäßiges Kontaktieren und zeigen Sie Interesse für den Anderen. Und seien Sie verlässlich, auch wenn es mal schwer fällt.
Mal ist es ein eigenes Büro, bei einigen ein Firmenwagen oder die Zahl der Sekretärinnen: Symbole zeigen, wie mächtig ein Manager ist. Nutzen Sie diese Symbole und setzen Sie sie geschickt ein.
Kämpfen Sie um die Projekte, mit denen Sie glänzen können: Überschaubares Risiko, hohes Prestige und die Aufmerksamkeit des Top-Managements sind die wesentlichen Kriterien.

Für Kritiker ist der FirePhone-Fehlschlag kein Ausrutscher. Amazon fährt regelmäßig Verluste ein, obwohl der Konzern von Umsatzrekord zu Umsatzrekord eilt. Einzig, weil Jeff Bezos Amazon gegen den Willen vieler Anteilseigner und Berater auf Expansion und Experimente statt auf solides Wirtschaften setzt.

Bezos ficht die Kritik bislang wenig an. Es sei schließlich sein Job, „kühne Wetten“ einzugehen, sagte er einmal. Von kühn zu größenwahnsinnig ist es nicht weit. Das bestätigt auch Experte Frey. Er sagt: „Oft ist die chronische Überschätzung verbunden mit Narzissmus („I, Myself and Me“), wo Leute sich im Rampenlicht sehen, und sie werden eben eher mehr bewundert, wenn sie großartige Dinge ankündigen.“ Und je mehr Macht jemand hat, desto größer die Selbstüberschätzung.

Die beiden Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky sprechen in dem Zusammenhang vom Overconfidence-Effekt.

Ohnehin hält sich demnach jeder für den Klügsten, den besten Autofahrer, den besten Chef. Und je schwieriger die Aufgabe, desto größer die Selbstüberschätzung. Wer dann noch die Macht hat, mit seinen Mitarbeitern umzuspringen, wie es ihm passt oder Geld zu verbrennen, der wird es tun. Und zwar, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Denn wer sich über die Regeln hinweg setzt, gilt in der allgemeinen Wahrnehmung als durchsetzungsstark, ein echter Entscheidungsträger eben. Das hat zumindest der Sozialpsychologe Gerben van Kleef von der Universität von Amsterdam belegt. „Regelbrecher wirken mächtiger“, sagt van Kleef, „weil sie den Eindruck machen, sie könnten sich alles erlauben.“

Den Glaube, sich alles erlauben und alles erreichen zu können, hatte auch Wendelin Wiedeking verinnerlicht – am Ende führte es aber zu seinem Scheitern. In über einem Jahrzehnt beharrlicher Arbeit hatte der gebürtige Westfale den kurz vor der Pleite stehenden Autobauer Porsche zu einer wahren Ertragsperle gemacht. Selbst anfangs kritisch beäugte Projekte wie der Einsteiger-Porsche Boxster oder das SUV Cayenne – ein wahrer Frevel für die Sportwagen-Jünger – schlugen am Markt ein und erweckten bei dem Porsche-Chef wohl das Gefühl, aus allem einen Erfolg machen zu können.

Dann wagte sich Wiedeking an sein Meisterstück: Der kleine Sportwagenbauer aus Zuffenhausen sollte den Riesenkonzern Volkswagen übernehmen. Nicht, weil es eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit war und er einen kühlen Logik folgen würde – wie weithin von einem Unternehmenslenker erwartet –, sondern weil er es konnte. Mit gewagten Finanzgeschäften, Optionsscheinen und Krediten formte Wiedeking zusammen mit seinem talentierten Finanzchef Holger Härter aus Porsche einen Hedgefonds mit angeschlossener Autofabrik. Er wollte es allen zeigen.

Doch statt auf der Überholspur endete der Übernahme-Versuch für Wiedeking im Abseits. Die Finanzkrise brachte das Transaktions-Kartenhaus zum Einstürzen. Die genauen Umstände des Scheiterns beschäftigen die Gerichte bis heute, Porsche ist längst Teil des VW-Konzerns und Wiedeking wurde – allen Verdiensten in seinen 17 Jahren als Porsche-Lenker zum Trotz – vom Hof gejagt.

Einsicht kam bei Wiedeking erst, als es bereits zu spät war. Im Januar 2009, als die Banken die Schlinge bereits langsam zuzogen, sagte Wiedeking auf der Porsche-Hauptversammlung: „Die Krise macht uns mit messerscharfer Eindringlichkeit bewusst, dass der Erfolg von gestern Geschichte ist. Und sie lehrt und, was wir zwar wissen, aber im Erfolgsrausch allzu gerne verdrängen, dass er jeden Tag neu erarbeitet werden muss.“

In den Ohren mancher Spekulanten, die bei dem Debakel Milliarden verloren haben, mag das wie Spott klingen. Hinterher ist man halt immer schlauer. Aber mit Demut hat es noch selten einer zum Weltstar geschafft.

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