VW stoppt Golf-Produktion: Was über den VW-Lieferstreit bekannt ist
VW vermisst einige Teilelieferungen – wegen eines Streits mit einem Lieferanten
Foto: dpaAnfangs sah es wie ein kleineres Ärgernis aus: Wegen nicht näher genannten Problemen mit einem Zulieferer für Sitzbezüge musste Volkswagen die Produktion des Passat im Werk Emden drosseln, vielleicht die Mitarbeiter einige Tage in Kurzarbeit schicken. Eine kleine Meldung, mehr nicht – so etwas kann in modernen Produktionsabläufen passieren.
Die Lagerbestände in den Fabriken sind schließlich auf ein Minimum reduziert. Die benötigten Teile werden nicht nur "just in time", sondern "just in sequence" geliefert – also auch noch in der richtigen Reihenfolge. Kommt es da in der perfekt durchgetakteten Abfolge zu einem kleinen Fehler, kann das direkt die Produktion lahmlegen oder verzögern. Porsche hatte jüngst so ein Problem, als ein Zulieferer nicht genügend Navigationssysteme für die beliebten SUV-Modelle Cayenne und Macan liefern konnte. Die fast fertigen Autos mussten einige Wochen auf dem Parkplatz warten, bis sie mit nachgerüstetem Navi an den Kunden übergeben werden konnten.
So ähnlich sah es auch zunächst bei VW aus – nur steckt in diesem Fall mehr dahinter. In Emden steht bereits Kurzarbeit für über 7000 Mitarbeiter an. Die Fertigung des VW Golf im Wolfsburger Stammwerk steht wegen des Lieferstreits mit einem Teilehersteller mindestens eine Woche still. Von Montag (22.) an bis einschließlich kommende Woche Samstag (27. August) ruht die Arbeit auf den Montagelinien und in anderen Teilen der Golf-Produktion, wie die Deutsche Presse-Agentur von VW-Mitarbeitern erfuhr. Im Werk seien am Freitag entsprechende Schreiben ausgehängt worden. Jeder fehlende Produktionstag kostet Millionen.
Inzwischen ist klar: Es geht nicht nur um ein paar fehlende Sitzbezüge, sondern um einen Rechtsstreit mit einem Schlüssellieferanten, der die Versorgung mit zwei wichtigen Bauteilen eingestellt hat. Vieles ist noch unklar. Gewiss ist aber, dass der Lieferstopp den europäischen Branchenprimus ins Herz trifft.
Worum geht der Streit?
Im Kern steht ein Streit um gekündigte Aufträge. Volkswagen selbst sprach von einem eskalierten Streit über einen Entwicklungs- und Liefervertrag mit zwei deutsche Unternehmen der Prevent-Gruppe, die ihren Hauptsitz in Slowenien hat. Die beiden Unternehmen teilten mit, die jetzige Situation sei das Resultat einer "frist- und grundlosen Kündigung von Aufträgen". Die Ansprüche beliefen sich auf einen mittleren zweistelligen Euro-Millionenbetrag. Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge soll es um insgesamt 58 Millionen Euro gehen.
Niedersachsens Wirtschaftsminister und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies will in dem Streit vermitteln. Er werde mit seinem sächsischen Amts- und Parteikollegen Martin Dulig darüber sprechen, sagte der SPD-Politiker dem Radiosender NDR Info. „Diese Auseinandersetzung ist auch für das mittelständische Unternehmen in Sachsen nichts, wo man so einfach sagen kann, das geht so weiter“, meinte Lies. Aber auch im Interesse der VW-Mitarbeiter müsse der Konflikt rasch gelöst werden: „Wenn sich das lange hinzieht, mag ich über die Auswirkungen (...) noch gar nicht nachdenken.“ Beide Seiten sollten sich an einen Tisch setzen. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh forderte ein Ende des Lieferstopps: "Hier läuft ein ganz mieses Spiel des Lieferanten. Das macht uns wütend", sagte er der "Bild"-Zeitung. Kurzarbeit nehme niemand auf die leichte Schulter.
Harsche Töne kamen vom Land Niedersachsen, dem zweitgrößten Aktionär von VW. Der schon jetzt beträchtliche Schaden würde sich mit jedem Tag vergrößern, warnte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Sollte die Verhandlungslösung scheitern, müsse Druck ausgeübt werden: „Dann wird man auch Zwangsmaßnahmen aufnehmen müssen.“
Am Freitagnachmittag wiesen die beiden betroffenen Unternehmen Car Trim und ES Automobilguss jegliche Vorwürfe zurück. "Für die Krise bei VW und die dadurch entstandene Kurzarbeit sind wir nicht verantwortlich. Das ist hausgemacht und VW verlagert die eigenen Probleme auf die Zulieferindustrie", sagte Alexander Gerstung, Mitglied der Geschäftsleitung der ES Automobilguss GmbH, laut einer Mitteilung. "VW zwingt uns zu diesem Vorgehen, um unsere eigenen Mitarbeiter in Niedersachsen und Sachsen zu schützen und letztlich den Fortbestand des Unternehmens zu sichern". Der Konzern nutze in diesem Konflikt seine dominierende Marktstellung gegenüber der Zulieferindustrie klar aus. Vor dem Hintergrund jüngster Äußerungen appellieren beide Zulieferer an die Landesregierung nicht einseitig Partei zu ergreifen, sondern sich in diesem Konflikt neutral zu verhalten und Interessenkonflikte auszuräumen.
Was sagt VW?
Der Konzern will auf eine gütliche Lösung setzen. "Wir sind mit den Lieferanten natürlich im Gespräch und suchen eine Einigung auf dem Verhandlungsweg," sagte ein VW-Sprecher am Samstag. Zugleich halte sich der Konzern aber auch den Rechtsweg weiter offen. Die Verhandlungen seien am Freitagabend beendet worden und würden am Montag weitergehen.
Was ist am Freitag passiert?
Nach Angaben des zuständigen Gerichts hat Volkswagen bereits alle nötigen Voraussetzungen für die Herausgabe fehlender Teile erwirkt. Für beide Teilehersteller, die ihre Lieferungen laut VW-Angaben vertragswidrig gestoppt haben, liege eine einstweilige Verfügung vor, die aktuell "vollstreckbar" sei. Das teilte das Landgericht Braunschweig am Freitag mit. Die Wirksamkeit der beiden Verfügungen greife bereits.
Daran ändere auch der Umstand nichts, dass in den Fällen teilweise noch Fristen für Stellungnahmen gewährt sind und zudem eine mündliche Verhandlung am 31. August ansteht.
Den VW-Partnern drohen laut der Mitteilung Ordnungsgelder teils in Höhe von bis zu 250.000 Euro. Diese Strafe greife "für jeden Fall der Zuwiderhandlung gegen die Lieferverpflichtung". In welchen zeitlichen Etappen diese Verpflichtungen bestehen, ging aus der Mitteilung indes nicht hervor. Auch "Ordnungshaft, zu vollziehen am Geschäftsführer der Verfügungsbeklagten" nennt das Gericht als eine mögliche Folge.
Wer ist eigentlich der Zulieferer?
Streitpartner von VW sind zwei Firmen aus der ebenfalls in Wolfsburg ansässigen Unternehmensgruppe Prevent. Die beiden Firmen, Car Trim und ES Automobilguss, betonen in der Mitteilung, eigenständig zu arbeiten. An der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit VW sei die Prevent DEV GmbH nicht beteiligt.
Die auf Textil- und Lederbezüge spezialisierte Car Trim ist für die fehlenden Sitzbezüge verantwortlich. ES Automobilguss liefert derzeit keine Getriebegehäuse mehr an Volkswagen.
Car Trim aus dem sächsischen Plauen schickt schon seit einiger Zeit keine Sitzbezüge mehr an die VW-Tochter Sitech, die dann die Autositze für VW-Modelle fertigt. Beim Landgericht Braunschweig hatte Volkswagen vergangene Woche eine Einstweilige Verfügung erwirkt. Das Gericht befand, Car Trim müsse wieder liefern. Über diesen Beschluss habe sich das Unternehmen jedoch hinweggesetzt, erklärte VW. Prevent hat Car Trim erst im April übernommen. Im Juni hatte die Chemnitzer Regionalzeitung "Freie Presse" über eine Kündigungswelle bei der sächsischen Firma berichtet.
Platz 15: Thyssen-Krupp
Im Geschäftsjahr 2014 erwirtschaftete Thyssen-Krupp durch Geschäfte mit Volkswagen einen Umsatz von rund 2 Milliarden Euro. Die Summe macht allerdings lediglich 5 Prozent am Gesamtumsatz aus.
Angaben beruhen auf Geschäftsberichte, Unternehmenspräsentationen, Berechnungen und Schätzungen. Quelle: Bloomberg, HRI
Stand: 28. September 2015
Platz 14: Leoni
Die Leoni AG aus Nürnberg ist als Hersteller von Kabeln und Drähten auf Bordnetz-Systeme spezialisiert. Als Zulieferer für Volkswagen machte das Unternehmen 2014 einen Umsatz von 243 Millionen Euro, das waren 6 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaPlatz 13: Rheinmetall
Auch Rheinmetall erzielt 6 Prozent seines Gesamtumsatzes mit VW, 294 Millionen Euro waren es im Geschäftsjahr 2014.
Foto: dpaPlatz 12: ZF Friedrichshafen
Rund 1,5 Milliarden Euro erlöste der Konzern mit den Wolfsburgern, 9 Prozent des Gesamtumsatzes im Geschäftsjahr 2014.
Foto: dpaPlatz 11: Continental
Der Dax-Konzern erwirtschaftete durch VW-Aufträge im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von rund 3 Milliarden Euro, die immerhin 9 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachten.
Foto: dpaPlatz 10: Delphi
Der US-Zulieferer Delphi Automotive setzte bei Geschäften mit VW 2014 rund 1,2 Milliarden Euro um – 10 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaPlatz 9: Elring-Klinger
Der unter anderem auf Zylinderkopf und Spezialdichtungen spezialisierte Konzern machte durch Geschäfte mit VW absolut den geringsten Umsatz in der Rangliste: lediglich 142 Millionen Euro. Die Summe machte trotzdem 10 Prozent des Gesamtumsatzes im Geschäftsjahr 2014 aus.
Foto: dpaPlatz 8: Kuka
Der Roboter-Spezialist erwirtschaftete bei Geschäften mit VW 326 Millionen Euro, 11 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaPlatz 7: Harman
Die Automobilsparte des US-Unternehmens Harman stellt Lautsprecher, Audiogeräte und Infotainmentsysteme her. Das Geschäft erwirtschaftete nur mit VW-Aufträgen im Jahr 2014 einen Umsatz von 616 Millionen Euro, 11 Prozent des Gesamtumsatzes des Unternehmens.
Foto: APPlatz 6: Magna
Auch beim kanadisch-österreichischen Konzern Magna machten die Geschäfte mit VW 11 Prozent des gesamten Konzernumsatzes aus – mit einer Summe von rund 3,7 Milliarden Euro ist dies allerdings absolut der höchste Wert im Ranking.
Foto: APPlatz 5: Schaeffler
Die Schaeffler-Gruppe setzte durch Geschäfte mit VW im Jahr 2014 rund 1,6 Milliarden Euro um, eine Summe, die 13 Prozent des Konzernumsatzes ausmachte.
Foto: dpaPlatz 4: Plastic Omnium
Der französische Kunststoffverarbeiter Plastic Omnium setzte durch VW-Aufträge 781 Millionen Euro um, was 15 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte.
Foto: ScreenshotPlatz 3: Faurecia
Der französische Zulieferer Faurecia, einer der zehn größten Automobilzulieferer der Welt, erwirtschaftet sein Geld in den vier Geschäftsbereichen Autositze, Innenraumausstattung, Kunststoffaußenteile und: Abgassysteme. Das Geschäft mit VW brachte im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von rund 3,4 Milliarden Euro, was stolze 18 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte.
Foto: CLARK/obsPlatz 2: Grammer
Der Oberpfalzer Automobilzulieferer Grammer erwirtschaftete durch Geschäfte mit VW 23 Prozent seines Umsatzes, 317 Millionen Euro.
Foto: dpaPlatz 1: SHW Automotive
Der Zulieferer SHW Automotive kann auf eine 640-jährige Tradition zurückblicken; die Geschichte des metallverarbeitenden Unternehmens geht in direkter Linie bis auf die ersten Hüttenwerke in Württemberg im 14. Jahrhundert zurück. Heute ist der Hersteller von unter anderem Bremsscheiben, Pumpen und Motorenkomponenten so abhängig von VW wie kein anderer Zulieferer: 178 Millionen Euro, die im Geschäftsjahr 2014 durch VW-Aufträge umgesetzt wurden, machten 41 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
Foto: dpa
Weil ein weiteres Unternehmen aus diesem Firmengeflecht, die ES Automobilguss GmbH, die Lieferung für Gussteile für Getriebe an Volkswagen einstellte, kam nun auch das Werk Kassel unter Druck. Dort können laut VW bestimmte Getriebe nicht gefertigt werden, wodurch wiederum Teile der Produktion von Golf und Sportsvan in Wolfsburg beeinträchtigt seien. Auch Zwickau ist davon betroffen. ES Automobilguss, eine alteingesessene Zulieferfirma aus dem Erzgebirge, äußerte sich nicht. Mit weniger als 400 Mitarbeitern fertigt das traditionsreiche Gießereiunternehmen auch Ausgleichgetriebegehäuse. Nach eigenen Angaben beliefert der Betrieb nicht nur VW, zumindest stehen auch andere bekannte Hersteller auf der im Internet einsehbaren Kundenliste.
Was bezweckt Prevent damit?
Bei Car Trim und ES Automobilguss ging offenbar die Angst um Arbeitsplätze um. Aus der Sichtweise der beiden Teilehersteller nutzt Volkswagen seine dominierende Marktstellung gegenüber der Zuliefererindustrie klar aus. Die jetzige Situation sei das Resultat einer frist- und grundlosen Kündigung von Aufträgen, die sich nach Darstellung von VW auf die Serienbelieferung beziehen. Die daraus entstandenen Ansprüche auf Seiten der beiden Unternehmen belaufen sich auf einen mittleren zweistelligen Euro-Millionenbetrag. Da VW eine Kompensation in den nachfolgenden Verhandlungen ablehnte, sahen sich CarTrim und ES Automobilguss nach eigenen Angaben letztlich zum Lieferstopp gezwungen.
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur war VW dabei prinzipiell zu einem finanziellen Ausgleich bereit. Aber die aufgemachten Forderungen des Zulieferers sollen unrealistisch gewesen sein. Das lässt sich nicht nachprüfen.
Man sei keinesfalls an einer weiteren Eskalation des Konflikts interessiert, so einer der Zulieferer. "Aber die Art und Weise, wie VW mit Zulieferern umgeht, ist in keiner Weise akzeptabel und kann jeden kleineren Betrieb in den Ruin treiben", wird Gerstung in der Mitteilung zitiert. Jedes Unternehmen brauche schließlich Planungssicherheit, um nachhaltig wirtschaften zu können und um seiner unternehmerischen Verantwortung gerecht zu werden. Nur so könnten Arbeitsplätze langfristig in Niedersachsen und Deutschland gesichert werden.
Wenn sich ein Autobauer und ein Zulieferer streiten – was in der Regel hinter den Kulissen passiert – geht es meistens um Geld. Die Autobauer versuchen, ihre Kosten immer weiter zu drücken – teils mit sehr harten Bandagen. Im Falle von VW wurden nach dem Bekanntwerden des Abgasskandals und den daraus resultierenden Milliarden-Kosten von Einkaufsvorstand Javier Garcia Sanz gleich weitere Sparrunden bei den Zulieferern ausgerufen. Er schrieb den Zulieferern Ende Juni, der Autobauer müsse auch bei den "Beschaffungskosten deutlich effizienter werden". Er wolle die Reserven mobilisieren. "Das wollen wir kooperativ erreichen, aber auch mit der notwendigen Konsequenz, um wettbewerbsfähig zu bleiben", kündigte er die Marschrichtung an.
Italien will bis zu fünf Millionen Euro
VW muss in Italien wegen des Abgasskandals um Dieselfahrzeuge bis zu fünf Millionen Euro Strafe zahlen. Es gehe um Verkäufe von Autos auf dem italienischen Markt ab 2009, bei denen die Zulassung durch Softwaremanipulationen erreicht worden war, teilte die italienische Wettbewerbsbehörde mit. Es habe einen schweren Verstoß gegen die professionelle Sorgfalt gegeben und Kunden hätten mit den realen Daten womöglich eine andere Kaufentscheidung getroffen. Laut früheren Meldungen sind in Italien knapp 650.000 Volkswagen von dem Skandal betroffen.
Foto: dpaBayern will bis zu 700.000 Euro
Der bayerische Finanzminister Markus Söder kündigt am 2. August 2016 an, Bayern werde den Volkswagen-Konzern wegen der Folgen des Diesel-Skandals auf Schadensersatz verklagen. Wie andere klagende Anleger geht Bayern davon aus, dass VW zu spät über die Risiken des Abgas-Betrugs informiert hat. Volkswagen hatte bislang alle Anlegerklagen als unbegründet zurückgewiesen. Bayern hielt in seinem milliardenschweren Pensionsfonds rund 58.000 VW-Vorzugsaktien. Konkret geht es um maximal 700.000 Euro, die Bayern zurückhaben möchte.
Auch Hessen und Baden-Württemberg prüfen derzeit Klagen.
(Stand: 3. August 2016)
Entschädigungen für Aktionäre und Anleger: 1 bis 8 Milliarden Euro
Tausende Anleger gehen davon aus, dass VW zu spät über die Risiken des Abgas-Betrugs informiert hat, damit griffe der Vorwurf der Marktmanipulation. Weltweit bereiten Anwälte Klagen gegen den Konzern vor.
Foto: dpaKundenentschädigungen: derzeit bis zu 10 Milliarden Euro
Mit der US-Umweltbehörde ist sich Volkswagen weitestgehend einig. US-Kunden erhalten eine Entschädigung zwischen 5100 und 10.000 Dollar. Die Summe richtet sich nach dem geschätzten Wert des Wagens bei Bekanntwerden des Skandals. Zusätzlich bietet VW an, das Auto zurückzukaufen, sollte der Kunde mit der Nachrüstung nicht zufrieden sein. Dies gilt für die rund 480.000 2-Liter-Diesel-Motoren. Für die rund 100.000 betroffenen 3-Liter-Motoren gibt es noch keine endgültige technische Lösung.
Eine Entschädigung der Kunden in Europa lehnt Volkswagen mit dem Verweis auf nicht gegebene rechtliche Grundlagen bisher ab.
Foto: dpaRückrufe und Entschädigungen in Europa und dem Rest der Welt: bis zu 4,5 Milliarden Euro
Volkswagen muss außerhalb der USA den größten Teil des Rückrufes stemmen: rund 10,5 Millionen Diesel-Fahrzeuge müssen in die Werkstatt. Ob es für deutsche Kunden eine Entschädigung geben wird, ist noch offen.
Foto: dpaRückrufe und Nachrüstung in Europa: bis zu 4,5 Milliarden Euro
Volkswagen muss in Europa und dem Rest der Welt den Rückruf und die Nachrüstung von rund 10,5 Millionen Fahrzeugen bezahlen. Experten gehen dafür von Kosten von bis zu 4,5 Milliarden Euro aus.
Foto: dpaMögliche Wertminderung von VW-Fahrzeugen: 0,5 Milliarden Euro
Ist ein VW-Diesel-Fahrzeug nach der Umrüstung noch genauso viel wert wie vorher und erzielt es als Gebrauchtwagen denselben Preis wie vor dem Skandal? Diese Frage ist noch nicht abschließend geklärt, doch das Risiko, dass die VW-Fahrzeuge im Wert fallen, ist gegeben. Die VW-Tochter Financial Services, die für 1,2 Millionen Leasing-Fahrzeuge zuständig ist, hat vorsorglich die Rücklagen für mögliche Wertverluste nach oben korrigiert.
Foto: dpaBehördliche Auflagen: 4,5 Milliarden Euro
In den USA muss Volkswagen 2,4 Milliarden Euro in einen Umweltfonds einzahlen und verpflichtet sich zusätzlich, 1,8 Milliarden Euro in die Entwicklung umweltfreundlicher Autos zu investieren. Möglich sind weitere Zahlungen für die 3,0-Liter Motoren.
Foto: dpaAnwaltskosten: bis zu eine Milliarde Euro
Für die zahlreichen Verteidiger und juristischen Fachkräfte für die interne Aufklärung bei VW rechnen Experten mit Kosten von bis zu einer Milliarde Euro.
Foto: dpaRückstellungen werden wohl nicht reichen
Volkswagen hat für die Aufarbeitung des Dieselskandals bis zum ersten Halbjahr 2016 insgesamt Rückstellungen im Wert von 17,8 Milliarden Euro gebildet. Nach aktuellem Stand der Klagen dürfte das nicht ausreichen. Der mögliche zusätzliche Finanzbedarf könnte sich auf bis zu 19 Milliarden Euro belaufen. In dieser Schätzung nicht berücksichtigt, weil nicht seriös zu beziffern, sind: Umsatzeinbußen, Klagen von Händlern, Wettbewerbern oder Kunden, zivilrechtliche Strafen der US-Umweltbehörde EPA sowie Strafzahlungen an das US-Justizministerium.
Foto: dpa
Warum trifft der Streit VW so stark?
Es spricht einiges dafür, dass das sogenannte Ausgleichgetriebegehäuse – ein Gussteil – der Auslöser für den neuerlichen VW-Alptraum ist. 2014 hatte das Unternehmen ES Automobilguss fast vier Millionen Euro investiert, einen Teil davon in "die Installation und Inbetriebnahme einer neuen Bearbeitungseinheit zur mechanischen Fertigbearbeitung von Differentialgehäusen der Baureihe MQB 450 von Volkswagen", wie es im letzten öffentlich verfügbaren Geschäftsbericht von ES Automobilguss heißt.
Nach dpa-Informationen hat sich VW bei einem speziellen Getriebeteil für das Erfolgsmodell Golf in weiten Teilen auf nur einen Zulieferer verlassen. Das Prinzip ist in der Branche bekannt als "Single Sourcing" (Einzelquellenbeschaffung). Es ist offensichtlich riskant.
Der Machtkampf könnte den Dax-Konzern insgesamt teuer zu stehen kommen. Der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer sagte den "Ruhr Nachrichten", VW drohten "Gewinneinbußen im hohen dreistelligen Millionen-Bereich".
Was ist der aktuelle Stand vor Gericht?
Vor Gericht hatte VW bisher Erfolg. Gegen die Tochter, die VW mit Sitzbezügen beliefert, habe der Autobauer bereits einen wirksamen Vollstreckungstitel, sagte ein Gerichtssprecher. Bei dem Getriebeteil-Zulieferer sei das aber anders. Dort erließ das Landgericht Braunschweig zwar eine einstweilige Verfügung zugunsten von VW – doch davon haben die Wolfsburger erstmal nichts.
Das liegt an verschiedenen Verfahrenswegen: Beim Sitzzulieferer verhandelte das Gericht mündlich und traf eine Entscheidung. Daher ist in diesem Fall nur das Rechtsmittel Berufung vor dem Oberlandesgericht möglich. Bei den Getriebeteilen lief es dagegen anfänglich ohne eine mündliche Verhandlung, was in diesem Fall einen Widerspruch erlaubte. Deswegen gibt es nun eine mündliche Verhandlung Ende August, wann das Urteil fällt ist offen. Und derzeit ist solange keine Lieferung zu erwarten – womöglich aber auch noch länger, falls die Entscheidung aus dem Gericht nicht die Wende bringt.
Was will VW jetzt machen?
Volkswagen will den Justizrahmen voll ausschöpfen und notfalls per Beschlagnahme an die Teile kommen. Man sei gezwungen, die "zwangsweise Durchsetzung der Belieferung vorzubereiten", teilte VW auf Anfrage der "Süddeutschen Zeitung" mit. Dafür werde man alle Mittel nutzen, die laut Gesetz möglich seien. "Dazu gehören Ordnungsgeld, Ordnungshaft, Beschlagnahme, die über das Gericht beantragt werden", teilte VW dem Blatt mit. Parallel bemühe sich der Autobauer aber weiterhin um "eine gütliche Einigung". Auf welchen Kanälen, blieb unklar.
Laut einer internen Mitteilung hat VW seine Lieferpartner bereits über die nahende Zwangspause der Golf-Fertigung vom 20. bis 29. August im Stammwerk in Wolfsburg informiert. Grund sei der Lieferstopp. Ob VW für einen Teil der in Wolfsburg anstehenden Tage Kurzarbeit wie in Emden anmeldet, soll sich laut Konzernkreisen diesen Freitag klären. Vormittags gibt es laut Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein Gespräch mit der örtlich zuständigen Arbeitsagentur.
Welche Werke sind genau betroffen?
In Emden hat VW für 7500 Menschen Kurzarbeit bereits angemeldet. In dem VW-Werk mit insgesamt gut 9000 Beschäftigten läuft das Mittelklassemodell Passat in verschiedenen Varianten vom Band, darunter auch der CC. Im Schnitt werden dort 1250 Fahrzeuge am Tag produziert. Der Konzern prüft dieses Mittel derzeit auch für die Standorte Braunschweig, Zwickau, Kassel (eine Übersicht der VW-Komponentenwerke finden Sie hier) und eben Wolfsburg. Dort steht das Stammwerk von Europas größtem Autobauer. Es baut fast 4000 Wagen pro Tag, neben Golf auch Tiguan und Touran, deren Bänder nicht ruhen müssen.
Insgesamt könnten von dem Lieferstopp mehr als 20.000 VW-Mitarbeiter betroffen sein, wie die dpa erfuhr. Für Wolfsburg sei dabei denkbar, dass die fünf Werktage Montag bis Freitag in der nächsten Woche über Kurzarbeit aufgefangen werden. Der in dem internen Schreiben an die VW-Zulieferer genannte längere Zeitraum für den Produktionsstopp, der vom nächsten Samstag bis zum übernächsten Montag reicht, ist mit der umfangreichen Vorarbeit der Zulieferer zu erklären. Sie arbeiten auch am Wochenende, wenn die Bänder nicht laufen – etwa an Lagerplätzen.
Das Stammwerk in Wolfsburg ist die größte zusammenhängende Autofabrik der Welt. Sie baute 2015 mit insgesamt rund 815.000 Fahrzeugen fast ein Zehntel des gesamten globalen Absatzes des Zwölf-Marken-Konzerns. Zum Vergleich: Das Unternehmen hat weltweit rund 120 Produktionsorte.
Wie geht der Rechtsstreit weiter?
Bisher hängt die juristische Auseinandersetzung am Landgericht in Braunschweig. Dort soll es am 31. August eine mündliche Verhandlung über eine umstrittene einstweilige Verfügung geben, mit der VW gegen den Zulieferer vorgeht. Das Urteil dazu könnte noch später fallen. Und auch dann scheint es ungewiss, ob der Zulieferer tatsächlich einlenkt. Womöglich könnte er weiter juristischen Widerstand leisten – deutete in der Mitteilung vom Freitag Interesse an einer einvernehmlichen Lösung an.