ICE 4 der Deutschen Bahn: „Der Zug geht ab wie Schmitz' Katze“
Ein ICE 4 fährt in einen Bahnhof ein
Foto: dpaWenn man wissen will, wie ein neues Hightechmonster so ist, fragt man am besten die, die es am meisten nutzen. Markus Paetow fährt seit 25 Jahren als Lokomotivführer bei der Deutschen Bahn. Er hat sie alle durch: den ICE der ersten bis zur dritten Generation. Der ICE 1 sei bisher sein „Lieblingszug“, sagt er, weil er die Hochgeschwindigkeit Anfang der Neunzigerjahre auf die Schiene gebracht hat und „relativ robust“ sei.
Seit einigen Wochen testet Paetow den neuen ICE 4, den die Deutsche Bahn spätestens Ende 2017 in den Regelbetrieb übernehmen will. „Der Zug“, sagt der Bahner, „geht ab wie Schmitz' Katze“. „Er liegt wie ein Brett auf der Schiene.“ Der Zug sei luftgefedert, besser und ruhiger als jedes Vorgängermodell. „Das ist wie Schweben durch die Republik.“
"Das Rückgrat der Fernverkehrsflotte"
Paetow ist begeistert. Seine Kollegen sind es ebenfalls. Und künftig sollen es auch die Kunden sein. Doch ob das so sein wird, hängt davon ab, ob die Fahrgäste die Innovationen, die der Bahn-Vorstand verspricht, auch wirklich schätzen werden.
Der neue Hoffnungsträger der Bahn: Der ICE 4 im ICE-Werk Rummelsburg in Berlin. Im Spätherbst 2016 startete er auf der Strecke Hamburg - München.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheGroße Schnauze
Der ICE 4 ist vorne breiter als etwa der Vorgänger ICE 3. Grund: Neue europäische Crashtest-Normen erfordern eine robustere Schnauze, wenn es mal kracht. Die scharfe Kante dient als Windabbruchkante und macht den Zug stabiler auf der Schiene, wenn mal eine Böe von der Seite kommt.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheWissen wo es lang geht
Größere Piktogramme im Einstiegsbereich zeigen, wie der Wagen genutzt werden soll. Hier sind Handys verboten.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheFür die Erleuchtung
In der ersten Klasse gibt es Leselampen am Platz.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheNeue Sitze
Für die Bahn sind die Sitze eine echte Innovation. Die Sitzfläche schiebt sich auf Wunsch waagerecht nach vorne, die Rückenlehne rutscht dann ebenfalls schräg mit. Die Sitzschalen bleiben aber fix. Das spart Platz. In der längeren der beiden Varianten des ICE 4 können etwa 830 Passagiere transportiert werden.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheWissen, wann es weitergeht
Die Anzeigen in den Großraumwagen wurden verbessert. Der Monitor informiert nicht nur über Ankunftszeit, sondern auch über Anschlusszüge und Sehenswürdigkeiten an der Strecke. Das gab es bereits im frisch sanierten ICE 2. Dort starrte man im Monitor allerdings oft über Stunden auf die Oetker Halle, weil die Technik streikt – unter Vielfahrern wird das schon als „Bielefeld-Effekt“ verspottet. Im ICE 4 sollten solche Fehler behoben sein.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheSauber und keimfrei
Der Spender für das Desinfektionsmittel ist beim ICE 4 fester Bestandteil der Armaturen. Bleibt die Frage, ob er jemals aufgefüllt wird. In den bisherigen ICE ist die nachträglich eingebaute Desinfektionsmittelflasche fast immer leer. Einen Schritt zurück entwickelt sich die Hygiene am Abfalleimer. Dieser muss jetzt mit der Hand geöffnet werden. Bei älteren Modellen war die Klappe einfach offen, man musste nichts berühren.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheKein Gefummel mehr
Die Bahn hat Erbarmen mit ihren Fahrgästen. Die Papiertücher in den Toiletten kommen locker aus dem Spender. Eine Mitarbeiterin sagt, das Papier sei besser auf die Boxen abgestimmt. Wenn dem so ist, wäre das ein hygienischer Quantensprung.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheMülleimer mit Sinn
Die bisherigen Mülleimer im ICE müssen müssen mit den Fingerkuppen nach oben geschoben werden. Im ICE 4 reicht dafür der Handrücken.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheAirbus-Ambiente
Im ICE 4 dimmt die Bahn die Beleuchtung entsprechend der Tageszeit. Morgens strahlt es blau, mittags weiß und abends rötlich-violett.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheÜppige Ablagen
Mehr Stauraum im Großraumwagen und am besten in Sichtweite - laut Bahn war dies ein vielfacher Kundenwunsch. Das Unternehmen hat darauf reagiert und das ursprüngliche Konzept mit weniger Stauraum für den ICE 4 noch einmal überarbeitet.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheDas Bordrestaurant bleibt
22 Sitzplätze gibt es im Bordrestaurant des ICE 4 - so viele wie in den Vorgängerzügen. Neu: extra Stauraum für Garderobe und Gepäck (hinten links).
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheKiosk im Zug
Snacks und Kuchen gab es schon immer bei der Bahn. Im ICE 4 sieht es auch noch schön aus. Die Bahn hoffte so, den Umsatz im Bordbistro kräftig zu steigern.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheZu ist zu und auf ist auf
Wer in einem älteren ICE 2 von außen die Behindertentoilette öffnete, blickte nicht selten in große Augen und nackte Hintern der auf der Schüssel hockenden Fahrgäste - wenn die vergessen haben, die Tür nach dem Schließen per Knopfdruck zu verriegeln. Jetzt kann das nicht mehr passieren: Wer die Tür verschließen will, dreht die Klinke nach links. Ein kleines Fenster leuchtet rot.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheBesserer Blick nach draußen
Die Bahn lobte bei der Präsentation des ICE 4 vor allem die breiteren Fenster. Für Fernverkehrschefin Birgit Bohle ein Highlight des neuen Zuges.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheFamilien unter sich
Die Bahn will im ICE 4 Kinder und Eltern in Großraumabteilen zusammenbringen. Das Konzept gibt es auch schon in anderen ICEs und scheint zu funktionieren. Außerdem gibt es separate Familienabteile.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheBessere Orientierung
Neue Piktogramme sagen dem Kunden im ICE 4, wer auf dem Platz den Vorzug bekommt. Das verstehen auch Touristen, die kein Deutsch sprechen.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheDas Rad kann mit
Je nach Länge des Zuges können vier bis acht Fahrräder im ICE 4 mitgenommen werden. Dafür ist eine Reservierung notwendig. Für die Bahn ist das auch ein Risiko. Das Ein- und Aussteigen mit Rad kostet Zeit. Die Türen sind nicht breiter.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheSitz mit Ohren
Für Vielflieger ist das eine fast religiöse Frage: Welche Kopfstützen bieten die perfekte Schlafposition? Die Bahn bietet den Airlines mit einer eigenen Antwort im ICE 4 Paroli. Die Stützen sind fix, aber bequem.
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheLauter Übergang
Nicht alles ist neu. Der Übergang zwischen zwei Wagen im ICE 4 hat die gleichen klappernden Trittelemente wie bei den Vorgängerzügen. Rollkoffer werden weiterhin einen Höllenlärm verursachen. Was soll das?
Foto: Christian Schlesiger für WirtschaftsWocheFür die Deutsche Bahn ist der heutige Tag jedenfalls ein ganz wichtiger. Das Unternehmen stellt in Berlin ihren ersten ICE4 der Öffentlichkeit vor. Ein Produkt von Siemens und Bombardier. Der Zug werde „das Rückgrat der Fernverkehrsflotte“ sein, sagt Berthold Huber. Der Personenverkehrsvorstand schwärmt von der „größten und teuersten Bestellung“ in der Geschichte des Konzerns. 130 Züge im Wert von 5,3 Milliarden Euro sind geordert. Sie sollen die Metropolen im Stundentakt miteinander verbinden. „Perspektivisch zwei Mal pro Stunde“, so Huber.
Der ICE4 soll die Deutsche Bahn auch aus der Krise fahren. Er soll das Zugfahren wirtschaftlicher machen. Das könnte gelingen, weil er 22 Prozent weniger Energie verschlingt. Und er soll bis 2030 pro Jahr 50 Millionen mehr Menschen auf die Schiene bringen. „Bahnfahren ist Nutzzeit“, verspricht Huber.
Licht variiert nach Tageszeit
Innovationen gibt es einige. Viele verstecken sich im Detail. Nicht alle wirken auf den ersten Blick sinnvoll, andere durchaus. Und ob einige Verbesserungen wirklich nützlich sind, wird sich erst im Alltag zeigen.
Ein neues Beleuchtungskonzept sieht vor, dass das Licht in Abhängigkeit der Tageszeit variiert. Ist es früh am Morgen, werden die Fahrgäste mit einem kühlen Blau empfangen. Im Laufe des Tages wechselt die Beleuchtung über hell bis orange-rot. „Das ist ein bisschen wie zu Hause, wo wir auch nicht immer das gleiche Licht haben“, sagt Fernverkehrschefin Birgit Bohle. Ihr Highlight seien jedoch die größeren Fenster. Schließlich sollen die Kunden das Zugfahren genießen, indem sie auch die Landschaft sehen.
Die Toiletten sind größer als die bisherigen Klos etwa im ICE 3. Dadurch lässt sich die Tür schließen, ohne dass man fast über den Toilettenrand steigen muss. Es ist genug Platz da, um die Tür bequem zu schließen. Besonders gut gelungen: Die Fummelei mit dem Papiertüchern soll ein Ende haben. Das Papier passt angeblich besser in den Spender. Im Test ist das der Fall.
Einen komplett neuen Anstrich bekommt das Bordbistro. Künftig gibt es eine großzügige Glasvitrine, die Salate, Snacks und Kuchen in einer üppigen Auslage präsentiert. Die Mitarbeiter erhalten in der Küche mehr Platz. Der Gang zwischen Küche und Fenster wird allerdings noch schmaler. Für die Kunden wirkt das Bistro jedenfalls deutlich übersichtlicher. Das Bordrestaurant erhält einen Gepäckbereich, wo die Gäste ihre Koffer abstellen und ihre Garderobe aufhängen können.
Neu ist auch, dass die Bahn im ICE 4 die Mitnahme von bis zu acht Fahrrädern erlaubt – je nach Zuglänge. Den Stellplatz müssen die Passagiere extra reservieren. Derzeit kostet die Fahrradmitnahme sechs Euro für Bahncard-Kunden und neun Euro für alle anderen. Die Bahn-Manager wollen damit vielen Kundenwünschen entgegen kommen. Aber sie wissen auch um das Risiko. Wenn an einem Bahnhof eine komplett Radfahrer-Gruppe mit acht Rädern aussteigt und eine ebenso große Truppe einsteigt, könnte das die Abfahrt verzögern. Denn die Türen sind keine Zentimeter breiter. "Wir erwarten aber keine strukturellen Probleme", sagt Huber.
Die Achillesferse des neuen Konzepts könnten die neuen Sitze sein. Die Bahn ist stolz auf sie, weil sie Platz sparen. In der Grundposition sitzen Fahrgäste aufrecht. In der Komfortstellung rutschen Sitzfläche waagerecht und die Rückenlehne schräg nach vorne. Die Kopfstützen und Sitzschalen bleiben fix. Das spart Platz im Zug.
Die Ergonomie des Sitzes soll dem Fahrgast das Gefühl vermitteln, als würde er die Rückenlehne nach hinten schieben. Ob der Kunde das auch so wahrnimmt, dürfte eine der kniffligsten Fragen sein. Denn. Im Test wirkte die Komfortstellung noch gewöhnungsbedürftig.
Die Bahn weiß um mögliche Schwächen. Und sie kann immer noch korrigieren. Denn der Konzern testet den Zug zunächst ab Spätherbst auf der Strecke von Hamburg über Kassel und Nürnberg nach München im Echtbetrieb, sobald die Zulassung des Eisenbahnbundesamtes vorliegt. Die Pilotphase dauert bis Ende 2017.
Dann geht die Produktion der Zuges in Serie. Siemens baut dann mehr als 50 Züge pro Jahr. Im Jahr 2023 soll der letzte ausgeliefert werden. Die Bahn könnte noch eine Option über weitere 90 Züge ziehen. Das würde zusätzliche zwei Milliarden Euro kosten.
Schnelle Beschleunigung statt Geschwindigkeitsrekorde
Das Besondere am Zug ist die Flexibilität. Jeder Zug wird über mehrere so genannte Powercars angetrieben, sprich: kleine Lokomotiven. Die Züge könnten dadurch fünf bis 14 Wagen lang sein. Die Deutsche Bahn hat zwei Varianten bestellt: Einen Sieben-Teiler mit 456 Sitzplätzen und einer Spitzengeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde. Und einen Zwölf-Teiler mit Platz für 830 Passagiere und einer Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometer pro Stunde.
Das relativ bescheidene Tempo zeigt: Die Züge sind ein Produkt für Deutschland. Während andere Länder weite Strecken überbrücken müssen, um Metropolen zu verbinden, braucht die Bahn Züge, die zügig beschleunigen und nicht mit Geschwindigkeitsrekorden protzen. Siemens glaubt daher kaum einen Exporterfolg des ICE4. Auf der in wenigen Tagen startenden Bahnmesse Innotrans in Berlin wird der ICE4 nicht ausgestellt.
Der ICE 4 leitet damit auch das Ende der Höchstgeschwindigkeit in Deutschland ein. Ende 2017 wird zwar zwischen Erfurt und Nürnberg ein letztes Teilstück eröffnet, auf dem Züge bis zu 300 Kilometer pro Stunde fahren können. Doch für die Verbindungen zwischen Berlin und München ist das irrelevant. Siemens-Berechnungen haben ergeben, dass der ICE4 auf dieser Strecke ganze drei Minuten gewinnen würde, wenn er schneller als 250 km/h fahren könnte. Mit Ausnahme der wenigen Sprinter-Züge pro Tag, die die Städte nonstop verbinden, verkehrt der ICE4 vor allem im „Stop and Go“.