Reichtum in den USA: Jeder 16. Amerikaner ist Millionär – wie kann das sein?
In den USA leben 19 Millionen Millionäre – zumindest, wenn man den Statistikern der Credit Suisse glaubt.
Foto: imago imagesDas Leben der Superreichen ist ein Mysterium, nicht nur für Normalverdiener, sondern auch für die Forschung. Das liegt an ihrer geringen Anzahl und ihrer Diskretion, vor allem aber an den mangelnden Daten, die daraus resultieren. Viele Vermögensstudien basieren auf Umfragen – und an denen nehmen nun einmal nicht genügend Superreiche teil, um verlässliche Rückschlüsse zu ziehen.
Dennoch werden Jahr für Jahr allein vier „Global“ oder „World Wealth Reports“ veröffentlicht, von Credit Suisse, der Allianz, Cap Gemini und Boston Consulting. Aus Mangel an Daten nutzen alle vier Schätzverfahren – und die kommen zu enorm unterschiedlichen Ergebnissen.
So hat etwa Boston Consulting errechnet, dass es in ganz Nordamerika 2,5 Millionen Millionäre gibt. Den Rechenkünstlern von Cap Gemini zufolge sind es 5,3 Millionen. Und Credit Suisse kommt im neuesten Vermögensreport von Oktober 2020 gar auf die schwindelerregende Zahl von knapp 20,2 Millionen Millionären in den USA. Das hieße, das fast jeder 16. US-Amerikaner eine Million Dollar oder mehr sein Eigen nennt.
Diese gigantische Diskrepanz lässt sich durch die Methodik erklären. Verantwortlich ist vor allem die Frage, ob nur finanzielles Vermögen erfasst wird oder auch Sachvermögen. Je mehr Vermögenswerte einfließen, desto höher ist naheliegenderweise das Ergebnis.
Während die meisten Vermögensstatistiken sich mehr oder minder auf den finanziellen Bereich beschränken, rechnet Credit Suisse auch nicht-finanzielle Werte ein. Im Klartext heißt das vor allem: Land und Immobilien.
Für Deutschland etwa kommt Credit Suisse zu dem Schluss, dass 57 Prozent des hiesigen Vermögens in Sachwerten liegen. Würden diese nicht erfasst, würden Deutschland und die Deutschen also in der Statistik plötzlich deutlich ärmer aussehen.
Die große Diskrepanz bei den US-amerikanischen Millionären vermag dieser Ansatz trotzdem nur unzureichend zu erklären. Hier liegen laut Credit-Suisse-Wertung satte 72 Prozent der Vermögen im Finanzbereich. Immobilien machen also nur einen Teil des Unterschieds aus.
Platz 1: USA
18,6 Millionen Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Million US-Dollar leben derzeit in den Vereinigten Staaten – das sind 40 Prozent der Millionäre, die es auf der Welt überhaupt gibt. Damit liegen die USA deutlich an der Spitze des diesjährigen Millionärs-Rankings im Global Wealth Report 2019 der Schweizer Großbank Credit Suisse. Im Vergleich zum Jahr 2018 sind in den USA sogar 675.000 Millionäre hinzugekommen – auch das ist ein Spitzenwert.
Platz 2: China
Weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz folgt China: Zehn Prozent der Millionäre der Welt leben in der Volksrepublik (4,4 Millionen Menschen). Auch China konnte im vergangenen Jahr einen Zuwachs an Millionären verzeichnen – 158.000 kamen hinzu. Damit löst China Japan auf dem zweiten Platz des Rankings ab.
Platz 3: Japan
Dabei lag die asiatische Inselnation über mehrere Jahre hinweg ununterbrochen auf dem zweiten Platz. Und auch im vergangenen Jahr kamen noch einmal 187.000 Millionäre hinzu. Zurzeit leben sechs Prozent der Millionäre in Japan, gut drei Millionen Menschen.
Platz 4: Großbritannien
Das Vereinigte Königreich folgt im Ranking. Doch um den vierten Platz muss das in Brexit-Angelegenheiten vertiefte Großbritannien kämpfen: Im vergangenen Jahr ging die Anzahl der Millionäre nämlich um 27.000 zurück. Fünf Prozent der weltweiten Millionäre leben nunmehr hier – das entspricht knapp 2,5 Millionen Menschen.
Platz 5: Deutschland
Deutschland liegt gemessen an den Millionären auf dem fünften Platz. Fünf Prozent der Millionäre (2,2 Millionen Menschen) leben hierzulande – ob auf Sylt, am Tegernsee oder am Rhein in Düsseldorf. Und der Trend zeigt nach oben: Im vergangenen Jahr kamen 65.000 Millionäre hinzu. Und der Abstand zu Großbritannien könnte sich aufgrund des Brexits womöglich noch verringern.
Platz 6: Frankreich
Das deutsche Nachbarland Frankreich liegt im diesjährigen Ranking der Credit Suisse auf dem sechsten Platz und kann von sich behaupten, vier Prozent der weltweiten Millionäre (2,1 Millionen) zu beherbergen. Doch ähnlich wie in Großbritannien geht die Zahl auch in Frankreich zurück: im vergangenen Jahr um 11.000 Millionäre.
Platz 7: Italien
Mit Italien schafft es ein weiteres europäisches Land in die Top-Ten. Drei Prozent der Millionäre leben hier (etwa 1,5 Millionen Menschen). Doch im vergangenen Jahr ging die Anzahl der Menschen mit einem Vermögen über einer Million US-Dollar um 19.000 zurück.
Platz 8: Kanada
In Kanada leben ebenfalls drei Prozent der Millionäre, allerdings etwas weniger als in Italien: 1,3 Millionen. Doch im Gegensatz zu dem europäischen Konkurrenten legte die Anzahl der in Kanada lebenden Millionäre im vergangenen Jahr um 30.000 zu.
Platz 9: Australien
Und auch in Australien leben etwa drei Prozent der Millionäre – hier sind es gut 1,2 Millionen. Im vergangenen Jahr ging die Anzahl allerdings massiv zurück: und zwar um 124.000 Millionäre. Das ist weltweit der stärkste Verlust.
Platz 10: Spanien
Spanien markiert in den Top-Ten das Schlusslicht. Zwei Prozent der Millionäre leben hier (979.000 Menschen). Das entspricht einem Plus von 33.000 Millionären im Vergleich zu 2018. Nach Spanien folgen im Ranking noch Länder wie die Niederlande, die Schweiz und Indien.
Was hingegen ins Gewicht fällt, ist, dass Unternehmensanteile – anders als in anderen Erhebungen – in der Statistik komplett zu Finanzvermögen gezählt werden. Ohne diese läge der Anteil der finanziellen Vermögen nur noch bei 64 Prozent.
Doch auch das vermag den immensen Unterschied von 2,5 Millionen versus 20 Millionen Millionären in den USA nicht zu erklären.
Einen weiteren Ansatz liefert Peter von Kageneck, der zuständige Sprecher für den Credit-Suisse-Vermögensatlas. Untersuchungen zu Reichen und Superreichen würden die Vermögen wegen der wenigen verfügbaren Daten oft „stark unterschätzen“. „Diese Daten bereinigt das Credit Suisse Research Institute daher im Anschluss.“ So fließen etwa die Daten der bekannten Forbes-Liste in die Schätzung mit ein.
Auch diese Liste basiert jedoch in weiten Teilen nicht auf harten Daten, sondern auf Schätzungen. Wie viele Millionäre es nun also wirklich in den USA gibt, wird wohl weiterhin ein Mysterium bleiben – oder, wie Ökonomen sagen: „Voodoo Economics“.
Es ist jedoch davon auszugehen, dass nicht wirklich jeder 16. Amerikaner über eine Million Dollar verfügt, selbst wenn man Unternehmensanteile und Eigenheime mit einrechnet. Die Schulden, die die meisten Immobilienbesitzer mit sich herumtragen, würden dieses Vermögen bei den meisten schließlich deutlich schmälern.
Dieser Artikel erschien erstmals im Oktober 2019 bei der WirtschaftsWoche. Im Oktober 2020 wurde er aktualisiert und die Zahlen des „World Wealth Reports“ aktualisiert.
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