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Global Wealth Report 2019 Die Wohlstands-Illusion

Bei der Altersvorsorge ist immer stärker jeder einzelne gefordert - das ist nicht immer einfach Quelle: Getty Images

Der neue Global Wealth Report zeigt, dass Deutschland weltweit am viertmeisten Vermögen hat. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte, doch dahinter verbirgt sich eine ganz andere Wahrheit.

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Wer wissen will, wie gut oder schlecht es den Deutschen geht, hat einen ganzen Strauß an Indikatoren zur Auswahl. Bruttoinlandsprodukt, Pro-Kopf-Einkommen, Produktivität, Kaufkraft, Vermögen und viele mehr. So verwirrend wie diese Vielzahl ist das, was man aus jedem einzelnen Indikator ablesen kann.

Das verdeutlicht eine neue Vermögenserhebung der Schweizer Großbank Credit Suisse. Der Global Wealth Report wird jedes Jahr im Herbst veröffentlicht und zeigt, wie sich die weltweiten Vermögen entwickelt haben. Insgesamt sind die Vermögen demnach trotz aller wirtschaftspolitischen Unsicherheiten um 2,6 Prozent gestiegen. Das gesamte weltweite Vermögen liegt demnach bei 360 Billionen US-Dollar.

Auch in Deutschland ist das Gesamtvermögen leicht gestiegen und liegt nun bei umgerechnet knapp 15 Billionen US-Dollar. Damit ist Deutschland das viertreichste Land der Erde nach den USA, China und Japan. Beließe man es bei dieser Zahl, müsste man zu dem Ergebnis kommen, dass es den Deutschen sehr gut geht.

Doch der Wealth Report offenbart noch weitere Daten, und die trüben die Euphorie. Das Vermögen pro Kopf nämlich ist in Deutschland vergleichsweise niedrig. Schon beim Durchschnittsvermögen reicht es mit knapp 217.000 Dollar pro Kopf nur noch für Platz 19 und Deutschland liegt damit auf einem Niveau mit Italien.

Noch deutlicher wird es, wenn man statt des Durchschnitts den Median betrachtet. Der bildet exakt die Mitte der Pro-Kopf-Vermögen ab, jeweils die Hälfte der Bevölkerung hat also mehr beziehungsweise weniger Geld. Dadurch ist er in der Regel niedriger als der Durchschnitt, der durch einen Super-Vermögenden sehr hoch ausfallen kann, ohne dass die anderen Menschen mehr Geld hätten.

Und eben dieser Median liegt für Deutschland nur bei 35.000 US-Dollar pro Kopf. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es 228.000 Dollar, in Großbritannien 97.000 Dollar und selbst in den USA 66.000 Dollar. Japan, das ein ähnliches Durchschnittsvermögen vorweist wie Deutschland, kommt auf einen Median von 110.000 Dollar.

Übersetzt heißt das, dass es in Deutschland zwar viel Vermögen gibt, ein Großteil der Bevölkerung jedoch nicht daran partizipiert. Die Credit-Suisse-Analysten schätzen, dass 30 Prozent des deutschen Vermögens in den Händen des reichsten einen Prozents der Deutschen liegen. Auf der anderen Seite haben 41 Prozent der Deutschen mit weniger als 10.000 Dollar kein nennenswertes Vermögen.

Damit ist das Vermögen in Deutschland deutlich stärker ein rein elitäres Phänomen als in den Nachbarstaaten. In Italien und Frankreich etwa besitzt das oberste Prozent nur 22 Prozent des Vermögens und selbst in Großbritannien sind es mit 24 Prozent deutlich weniger als hierzulande.

Wie kann das sein? Schließlich kommt Deutschland bei Einkommens-Statistiken immer noch ziemlich gut weg, was die Gleichheit anbelangt. Das liegt freilich vor allem an der Umverteilung. Die gleicht die Einkommensniveaus an, aber selbst die angeglichenen Werte reichen in der Regel nicht, um ein Vermögen aufzubauen. Das Netto-Medianeinkommen liegt derzeit bei gerade einmal 1869 Euro.

Das Problem wird verschärft durch die Niedrigzinsen, unter denen gerade die weniger wohlhabenden Deutschen leiden. Schließlich setzen sie nach wie vor überproportional oft auf klassische, kaum verzinste Geldanlagen wie Festgeldkonten, statt ihr Erspartes in die deutlich rentableren Alternativen Aktien oder Immobilien zu tragen.

Tatsächlich liegt ein Großteil der deutschen Vermögen in Immobilien, wie Credit Suisse herausgefunden hat. 58 Prozent des Gesamtvermögens liegen in Sachwerten, darunter vor allem Immobilien. Dabei verfügt weniger als die Hälfte der Deutschen auch nur über ein Eigenheim, geschweige denn Immobilien als Geldanlage. Sie sind also auch hier außen vor.

Und der Wealth Report macht noch einen anderen Grund aus für die niedrigen Vermögen der Deutschen: Schuld wäre demnach ausgerechnet der starke Sozialstaat: „Die großzügigen Staatsleistungen im Bereich Gesundheit und Rente führen dazu, dass die Menschen weniger Anreize haben, für ihre Rente zu sparen.“

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