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Wein wird teurer„Die Preise werden immer weiter nach oben gehen – da ist kein Ende in Sicht“

Wein kostet so viel wie nie zuvor: Discounter erhöhen die Preise ebenso wie Sternerestaurants. Spitzenweine erzielen auf Auktionen Rekorde. Zur Messe ProWein stellt sich die Branche die Frage: Was muss guter Wein kosten?Jacqueline Goebel 13.05.2022 - 15:00 Uhr

Sammler und Investoren treiben die Weinpreise für Raritäten.

Foto: imago images

Die Schatzkammer von Concept Riesling versteckt sich hinter einer gut gesicherten Tür neben dem Verkaufstresen. Nico Böttcher öffnet die Tür und tritt in den kalten, holzvertäfelten Raum, kaum größer als eine Abstellkammer. In der Ecke brummt das Kühlgerät, das den Raum konstant auf 12 Grad Celsius herunterkühlt. Die perfekte Temperatur für das, was Nico Böttcher seine Schätze nennt: Weine von der Saar, der Mosel, aus Rheinhessen, aus Bordeaux oder dem Burgund, Kästen voller Champagner und Kartons voller Chardonnay. Mit weißem Marker haben Böttcher und seine Kollegen Preise auf den Flaschen notiert: Im Regal an der rechten Wand stehen Chardonnay für 18 Euro, darüber ein Riesling von Keller für 329 Euro, aber auch Magnumflaschen von Markus Molitor für 1999 Euro und 2599 Euro.

Das ist nur eine Momentaufnahme. Dieses Jahr kann Nico Böttcher, Gesellschafter und Geschäftsführer beim Düsseldorfer Weinhändler Concept Riesling, die Weine noch zu diesem Preis anbieten. Aber nächstes Jahr? Wer weiß das schon. Die Kosten für die Weinproduktion steigen rasant. Der Verband Deutscher Prädikatsweine (VDP), dem 200 der besten Weingüter Deutschlands angehören, rechnet allein in diesem Jahr mit rund 30 Prozent höheren Kosten, um die Trauben vom Hang zu holen, zu gären und abzufüllen.

Die Preise steigen ebenfalls, besonders für Spitzenweine: Der Liv-ex Fine Wine 1000, ein Preisindex für die besten Weine der Welt, lag Ende April schon 8,60 Prozent höher als im Vorjahr – und sogar über 50 Prozent höher als noch im Jahr 2017.

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Nach oben gibt es ohnehin kaum eine Grenze: Ein Riesling Beerenauslese aus dem Jahrhundertjahr 1921 etwa kann heute bis zu 20.000 Euro kosten. Und gute Jahrgänge von weltberühmten Weingütern wie dem Screaming Eagle aus dem Napa Valley in Kalifornien oder dem Romanée-Conti aus dem Burgund erzielen auf Auktionen auch mal eine halbe Millionen Euro für eine Flasche.

Das ist das eine Extrem. Das andere steht in den Supermarktregalen. Nach Daten des Marktforschers Nielsen gaben die Deutschen im Durchschnitt im vergangenen Jahr 3,78 Euro für eine Flasche Wein im Lebensmitteleinzelhandel aus. Das waren bereits 13 Cent mehr als im Vorjahr. Doch die Mehrheit der Weinkäufer ist durchaus preissensibel: So zeigen die Daten auch, dass die eingekauften Mengen in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 18 Prozent zurückgingen.

Das sind keine guten Nachrichten, besonders so kurz vor der wichtigen Branchenmesse ProWein. Und so stellen sich Winzer und Weinliebhaber die Frage: Wann darf es beim Preis ein bisschen mehr sein? Und wann ist zu viel einfach zu viel?

„Inflation ist grausam“, sagt etwa Tim Raue, Spitzenkoch, ausgezeichnet mit zwei Michelin-Sternen, im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“. In seinem gleichnamigen Restaurant in Berlin stehen Weine zwischen 38 Euro und 14.000 Euro auf der Karte, die Menüs selbst kosten bis zu 248 Euro. „Aber das reicht noch lange nicht. Da müssen definitiv noch mal 15 Prozent drauf.“ Der Grund: Die Ausgaben für Lebensmittel haben sich um 27 Prozent erhöht. „Und bei Wein sind es sogar um die 35 Prozent“, sagt Raue im „Chefgespräch“.

Für den Wein-Fachhandel waren die zwei vergangenen Jahre hart. In der Coronapandemie hatten viele Restaurants und auch die Verkaufsräume des Fachhandels selbst über Monate geschlossen. Kellner und Sommeliers sind abgewandert, haben der Branche für immer den Rücken gekehrt, sagt Nico Böttcher. Auch das fließt in den Preis mit ein. Sein Weinhandel Concept Riesling verkauft an seinem Standort am Düsseldorfer Carlsplatz und auch online Wein an Gastronomen, an Sammler und auch einfach an diejenigen, die am Carlsplatz vorbeischlendern. Etwa zwanzig bis vierzig Prozent Marge benötigt das Unternehmen pro Flasche, sagt Böttcher. Davon zahlt Concept Riesling den Verkaufsstand, das Personal, aber auch gekühlte Lagerhallen und Logistik. Der Großteil der Kosten aber fällt woanders an: im Weinberg.

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Dirk Würtz steht in der Küche seiner Vinothek in seinem Weingut St. Antony. Er knetet Pastateig, jagt die gelbe Masse durch die Maschine, formt Tagliatelle für eine private Geburtstagsparty. „Wein ist das geilste, das genialste Kulturgut auf der Welt“, sagt er. Aber auch purer Luxus. „Wir verkaufen ein Produkt, das kein Mensch braucht. Besoffen wird man auch für 3,99 Euro.“

Würtz hat es sich zu seiner Aufgabe gemacht, dieses Kulturgut zu erklären. Sein Name ist in der Szene bekannt, der ausgebildete Sommelier hat einen der erfolgreichsten Blogs über Wein in Deutschland geschrieben, mittlerweile nimmt er Podcasts auf, stöbert für die Wein-Beteiligungsgesellschaft Tokos Investments auf, vermarktet sich selbst und auch das Weingut. St. Antony hat am roten Hang bei Nierstein rund 60 Hektar, auf denen die Weinreben wachsen, produziert 250.000 Flaschen Wein im Jahr, alles ökologisch, alles Demeter zertifiziert, sagt Würtz. Und alles teurer als je zuvor.

Im Januar erst hat er die Preise für den Gutswein, den das Weingut aus Trauben unterschiedlichster Lagen herstellt, um rund zwölf Prozent angehoben. Im Mai hat er die Preise für Weine aus erster Lage seiner besseren Weinberge noch mal um 20 Prozent erhöht. Mittlerweile kostet der günstigste Wein, der in der Vinothek über die Theke geht, 8,50 Euro. Der teuerste 125 Euro.

Es geht nicht anders, sagt er, wegen der steigenden Energiekosten, wegen der Lieferprobleme. Um den Wein aus dem Hang zu holen, brauchen die Winzer Schlepper und Raupen. „Und ohne Diesel fahren die Maschinen nicht.“ Dann sind da noch die Kosten für Flaschen und Verpackungen. Draußen auf dem Hof des Weinguts stehen noch Paletten voller Glasflaschen, sie stapeln sich meterhoch. Und trotzdem reiche das kaum aus, sagt Würtz. „Wir haben große Schwierigkeiten, Nachschub zu bekommen.“ Früher habe eine Standardflasche rund 21 Cent gekostet, jetzt sind es eher 30 Cent. „Die Kostensteigerungen sind aberwitzig, das habe ich noch nie erlebt.“

Dem Weingut bleiben pro verkaufter Flasche in den Handel im Einstiegssegment unter zwei Euro Marge. Bei den höhenwertigeren Weinen um die fünf Euro. „Wenn wir Winzer im Schnitt 10 Euro pro Liter erzielen könnten, würde es dem gesamten deutschen Weinbau sehr gut gehen“, sagt er. Seine Winzerkumpels in Frankreich würden dafür morgens wahrscheinlich nicht mal zur Arbeit gehen, schiebt er nach.

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Den französischen Winzern gelingt es besser als den deutschen, auskömmliche Preise zu erzielen. Ein Premier Crus – ein Wein aus bester Lage - aus dem Burgund ist mittlerweile kaum unter 250 Euro zu haben. Der Grund? Angebot und Nachfrage. Das weltberühmte Weingebiet litt in den vergangenen Jahren unter Frühjahrsfrost und Hagel, die Winzer hatten weniger Ertrag. Gleichzeitig ist die Nachfrage hoch, Burgund gilt als angesagt.

Getrieben werden die Preise von Einkäufern, die für reiche Kunden aus Hongkong oder Singapur nach Raritäten suchen. Oder von Sammlern, für die Wein nicht mehr nur Genuss, sondern längst auch Investment ist. Der Weinkeller soll sich nicht leeren, sondern seinen Wert steigern. Erhält ein Wein eine gute Bewertung, etwa die heißbegehrten 100 Punkte von Robert Parker, löst das einen Nachfrageschub aus – und der Preis vervielfacht sich.

„Wir haben eine ziemlich perverse Marktsituation“, sagt Nico Böttcher. Auch er berät Sammler und Kenner beim Aufbau ihrer Weinsammlungen, besorgt ihnen Raritäten. „Alles wird teurer. Aber gleichzeitig ist unfassbar viel Geld auf dem Markt.“

Das haben auch Fälscher und Betrüger erkannt. In Großbritannien etwa sollen zwei mutmaßliche Betrüger Weinliebhaber und Investoren um 99 Millionen US-Dollar gebracht haben. Die beiden hatten das Investmentbüro „Bordeaux Cellars“ gegründet, und gaben vor, Kredite mit seltenen Weinen abzusichern. Doch laut Anklageschrift hatte „Bordeaux Cellars“ niemals Raritäten auf Lager – nur Fälschungen.

Zwar betreiben bekannte Weingüter allerlei Vorkehrungen, um Betrug und Schummelei zu verhindern, nummerieren etwa jede einzelne Flasche durch. Doch am Wein selbst lässt sich der Betrug nur von den allerwenigsten Zungen erkennen. Aber teuer schmeckt besser. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie der Universität Bonn: Die Wissenschaftler ließen Probanden Wein angeblich aus verschiedenen Preisklassen verkosten – in Wahrheit handelte es sich immer um dieselbe Sorte. Doch bei Gehirnscans der Probanden stellten die Forscher fest, dass der vermeintlich höherpreisige Wein das Belohnungszentrum des Gehirns der Probanden anregte.

Trotzdem ist es Schwachsinn, das guter Wein teuer sein müsse, findet Dirk Würtz. Den teuersten Wein, den er selbst jemals verkostet hat, war ein Cabernet Sauvignon vom weltberühmten Weingut Screaming Eagle im kalifornischen Napa Valley aus dem Jahr 1992. Eine Großflasche des gleichen Jahrgangs ist später für 500.000 Dollar versteigert worden. „Mondpreise“, sagt Würtz. „Man schmeckt den Unterschied zwischen einem 30-Euro-Wein oder einem für 100 oder 200 Euro. Aber darüber wird es komplex.“ Ein guter Wein sei auch schon für acht Euro zu bekommen. Ein Wein aus bester Lage vielleicht für 20 bis 30 Euro. Hauptsache, es schmeckt.

Nico Böttcher manövriert sich wieder aus seiner Schatzkammer heraus. Der Raum ist voller als sonst, sagt er, die Kartons stehen bereit für die ProWein. Die Branchenmesse in Düsseldorf zieht Publikum aus der ganzen Welt an, die deutsche Weine verköstigen und kaufen wollen. Für viele Winzer ist das eine gute Nachricht, sie sind auf dem Weltmarkt angekommen. „Aber die Preise werden immer weiter nach oben gehen – da ist kein Ende in Sicht“, sagt Böttcher.

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