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  4. Ukraine-Krieg: Was Russland und der Ukraine noch bevorsteht

Vier Blickwinkel auf den Krieg„Die Vermutung liegt nahe, dass Putin durch die Hand seiner engsten Vertrauten stirbt“

Wie geht es weiter im Ukraine-Krieg, wie sollte sich der Westen positionieren – und was sind die langfristigen Folgen des russischen Überfalls auf sein Nachbarland? In Gastbeiträgen für die WirtschaftsWoche präsentieren drei internationale Wissenschaftler und eine in Russland geborene Autorin ihre persönliche Sicht auf den Krieg.Anders Asl, , Anastasia Edel, Charles Tannock, Pascal Boniface 26.05.2022 - 11:31 Uhr

Wie kann der Krieg in Europa beendet werden?

Foto: AP, dpa Picture-Alliance

1. ANDERS ÅSLUND: „Putin wird nicht an der Macht bleiben“ 

Anders Åslund ist Senior Fellow am Stockholm Free World Forum und Verfasser von Russia’s Crony Capitalism: The Path from Market Economy to Kleptocracy (Yale University Press, 2019).

Putins grundloser Angriffskrieg gegen die Ukraine dürfte wohl als einer der törichtesten Kriege aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Die Ukraine wird den Krieg wahrscheinlich gewinnen und die russischen Truppen aus allen ukrainischen Gebieten, einschließlich der Krim, hinauswerfen. Dieser Meinung sind nicht weniger als 93 Prozent der Ukrainer. Wie rasch sich der Sieg einstellt, hängt von den Waffenlieferungen des Westens ab, der geschlossen hinter der Ukraine steht, die nun sowohl Mitglied der Nato als auch der Europäischen Union werden könnte.

Der Westen wird für die Ukraine wahrscheinlich einen mit einer halben Billion Dollar dotierten „Marshallplan“ aufstellen, wobei die Mittel hauptsächlich aus beschlagnahmten russischen Zentralbankreserven und Oligarchenvermögen stammen dürften. Die Ukraine kann dann endlich den Übergang vollziehen, wie ihn zum Beispiel Polen 1989 geschafft hat.

Das russische Militär ist verheerend geschlagen, wodurch Russlands Geltung als militärische Großmacht beendet ist. Die westlichen Sanktionen und Putins Kleptokratie ruinieren zugleich die russische Wirtschaft. Putin hat die Wirtschaft auf den erbärmlichen Zustand des Jahres 1991 zurückgeworfen, als die Sowjetunion zusammenbrach. Da Putin den Menschen in Russland dieses Chaos beschert hat, wird er wohl nicht an der Macht bleiben.

Die Vermutung liegt nahe, dass Putin durch die Hand seiner engsten Vertrauten stirbt. Dieses Szenario scheint er auch selbst zu befürchten, wie man an seiner extremen Isolation und den starken Sicherheitsmaßnahmen sieht. Einige Russen ziehen bereits Parallelen zum gescheiterten Zaren Paul I., der 1801 von einer Gruppe russischer Offiziere erdrosselt wurde. Sollte Putin ein ähnliches Schicksal ereilen, würde die Macht wohl auf den nationalen Sicherheitsrat übergehen, der aber kaum in der Lage wäre, sich zu behaupten. Wie 1991 würde die Macht wahrscheinlich wieder auf den Straßen landen.

Die Alternative wäre, dass Putin sein zunehmend stalinistisches Regime konsolidiert und Russland ebenso isoliert dasteht wie Nordkorea.

2. ANASTASIA EDEL: „Ein Sieg der Ukraine wird Russland noch tiefer in antiwestliche Hysterie und Faschismus treiben“

Anastasia Edel ist eine in Russland geborene Autorin. 2016 erschien ihr Buch „Putin's Playground: Empire, Revolution, and the New Tsar“.

Die Welt muss verstehen, dass es sich bei dem Krieg, den die Ukraine derzeit gegen Russland führt, nicht um den „Krieg zur Beendigung aller Kriege“ handelt. Selbst im optimistischsten Szenario, die Ukraine erobert alle besetzten Gebiete zurück, einschließlich Krim, bedeutet ein Sieg im Wesentlichen, Russland wieder in seine internationalen Grenzen zurückzudrängen. Es wird keine Kapitulation nach deutschem Muster und auch keinen Marshallplan geben, denn Russlands Atomwaffenarsenal würde einen „Krieg bis zum siegreichen Ende“ auf seinem Territorium verhindern.

Isoliert und gedemütigt durch die Niederlage, die die Propagandamaschinerie des Kremls den Einheimischen als Sieg verkaufen wird, wird Putins Regime Russland noch tiefer in antiwestliche Hysterie und Faschismus treiben. Die Sanktionen des Westens werden Russlands Bestrebungen um den Wiederaufbau seines Militärs erschweren, aber nur bis zu einem gewissen Grad, denn das Land verfügt über genügend menschliche und natürliche Ressourcen, um damit seine Raubtiermentalität und den Ehrgeiz seiner Machthaber zu stillen. Solange Russland ein imperialistisches Staatsgebilde bleibt, wird es eine Bedrohung für seine Nachbarn und die ganze Welt darstellen.

Und die Ukraine wird Russlands immerwährendes Ziel bleiben. Ohne Kiew kann Russland nicht behaupten, eine tausend Jahre alte Kultur mit direkten historischen Verbindungen zu Byzanz, dem „dritten Rom“ und dem „spirituellen“ orthodoxen Reich zu sein, die als Antithese zum korrupten und materialistischen Westen präsentiert wird. Die Ukraine ist ebenso Teil der langfristigen geopolitischen Strategie Russlands wie die Bemühungen um eine „Wiedervereinigung“ von Ukrainern und Russen.

Das Engagement des Westens in der Ukraine hingegen wird von den Wahlzyklen in den wichtigsten Ländern beeinflusst werden. Was passiert hinsichtlich Amerikas Einsatz in der Ukraine nach den Zwischenwahlen im November 2022, wenn die Republikaner womöglich die Kontrolle über den Kongress übernehmen? Oder nach den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024, sollte es der offen Putin-freundliche Donald Trump wieder ins Amt schaffen? Einstweilen kämpft die Ukraine in einem Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen Konflikt für den westlichen Traum von Demokratie. Der Westen wird diesen Krieg nicht gewinnen, wenn er keinen Weg findet, seine Unterstützung für die Demokratie im In- und Ausland auf Dauer sicherzustellen.

3. CHARLES TANNOCK: „Putin wird es nicht gelingen, weitere Gebiete im Osten oder Süden, insbesondere Odessa, einzunehmen“

Charles Tannock ist ehemaliges Mitglied des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments und Fellow bei GLOBSEC, einer Denkfabrik mit Sitz in Bratislava, die sich für die Verbesserung von Sicherheit, Wohlstand und Nachhaltigkeit einsetzt.

Ich habe immer daran geglaubt, dass sich die Ukraine gegen die russische Aggression durchsetzen wird. In offiziellen Briefings des Vereinigten Königreichs wurde dagegen prognostiziert, dass die russischen Truppen die ukrainischen Verteidigungslinien mühelos ausschalten würden. Doch die Analysten haben den Widerstandswillen der Ukraine und  die Korruption und Inkompetenz des russischen Staates und der Streitkräfte unterschätzt.

Nun, da die Schlachten um Kiew und Charkiw gewonnen sind, wird die Ukraine als unabhängiger Staat überleben. Und wenn der Westen an den Wirtschaftssanktionen festhält und sie schließlich auch auf Öl und Gas ausweitet, wird Russlands wenig diversifizierte Wirtschaft innerhalb von sechs Monaten ruiniert sein. Putin wird es nicht gelingen, weitere Gebiete im Osten oder Süden, insbesondere Odessa, einzunehmen, um ukrainische Exporte abzuwürgen. Es wird ihm auch nur schwer möglich sein, Städte wie Cherson besetzt zu halten oder den Zermürbungskrieg aufrechtzuerhalten, der notwendig ist, um die ukrainische Wirtschaft und das Militär so weit zu schwächen, dass die ukrainische Führung an den Verhandlungstisch zurückkehrt.

Putins ursprüngliche Pläne, die gesamte Ukraine zu erobern, eine Marionettenregierung einzusetzen und den Osten und Süden als Neurussland – Noworossija - zu annektieren, sind hinfällig. Die im Rahmen seines Feldzugs begangenen Kriegsverbrechen haben die Ukrainer in ihrer Entschlossenheit bestärkt, sich von ihren brutalen Eindringlingen zu befreien. Ermöglichen werden das hohe Kampfmoral und Militärhilfe – insbesondere Langstreckenartillerie, da die Bestände an russischen ballistischen Raketen und Marschflugkörpern rasch zur Neige gehen und die Sanktionen den Nachschub behindern.

Ich glaube, dass die Ukraine einem Waffenstillstand zustimmen wird, wenn Russland sich in die Grenzen vom 24. Februar zurückzieht und sich bereit erklärt, Reparationen für Kriegsschäden zu zahlen. Eine Annexion ihres Territoriums an Russland wird sie aber niemals anerkennen. Ich glaube nicht, dass Putin den Krieg erklären oder eine Generalmobilmachung veranlassen wird, da er weiß, dass dies das Risiko eines Putsches erhöhen würde. Ebenso wenig glaube ich, dass Putin chemische oder atomare Waffen einsetzen wird, denn das wäre Selbstmord für ihn und Russland. Letztlich wird entweder Putin gehen oder Russland wie Nordkorea werden.

4. PASCAL BONIFACE: „Wir müssen trotz allem mit dem Kreml in Kontakt bleiben“

Pascal Boniface ist Direktor des französischen Instituts für Internationale und Strategische Beziehungen (IRIS).

Drei Monate nach Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine haben sich die Erwartungen der wichtigsten Akteure grundlegend geändert. Ursprünglich hoffte Putin, Kiew rasch einzunehmen und in der Ukraine ein Marionettenregime zu installieren. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenski lehnte jedoch ein Evakuierungsangebot der USA in heldenhafter Weise ab, obwohl er an Leib und Leben bedroht war.

Mittlerweile gibt sich Selenski siegessicher, während Putins Hauptsorge der Schadensbegrenzung gilt. Seit dem 24. Februar wurden in der Ukraine mindestens 15.000 russische Soldaten getötet, so viele wie während der gesamten sowjetischen Besetzung Afghanistans von 1979 bis 1988. Putins Herausforderung wird darin bestehen, der russischen Bevölkerung dieses katastrophale strategische Ergebnis als Erfolg zu verkaufen.

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