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Mobilfunk-Patente„Ich sehnte mich nach einer einfacheren Lösung“

Droht ein Produktionsstopp? Wird ein Verkaufsstopp verhängt? Eine Avanci-Lizenz kann es in der Regel richten. Gründer Kasim Alfalahi erklärt im Exklusiv-Interview, warum seiner Plattform die Zukunft gehören soll.Nele Husmann 07.09.2022 - 17:35 Uhr
Foto: imago images

Die Patentplattform Avanci machte in den vergangenen zwei Jahren Schlagzeilen: Immer, wenn ein Autohersteller wie Daimler oder Ford von einem Mobilfunkpatentinhaber verklagt wurde, heilten die Autobauer das Problem, indem sie eine Lizenz von Avanci kauften. Das war koordiniert, wie aus dem Gründungsvertrag hervorgeht, der der WirtschaftsWoche vorliegt. Avanci-Gründer Kasim Alfalahi, der als Jugendlicher aus dem Irak zunächst nach Europa auswanderte und heute in den USA lebt, spricht im Interview über seine Vision für das Patentgeschäft im Internet der Dinge.

WirtschaftsWoche: Wie kam Ihnen die Idee zu Avanci?
Kasim Alfalahi: Damals arbeitete ich noch bei Ericsson. Das Internet of Things begann gerade und mir war bewusst, dass alle Lizenzdeals, die ich für Ericsson abschloss, nur bilateral sind zwischen zwei Unternehmen. Das war für jeden einzelnen Vertrag ein langes Hin und Her – und erzeugte Ablenkung auf beiden Seiten und in allen Ebenen. Ich sehnte mich nach einer einfacheren und effizienteren Lösung. Ich dachte lange darüber nach. Es musste einfach einen besseren Weg geben.

Sie wollten also Ihren eigenen Job abschaffen?
Schon in meiner Zeit bei Ericsson war ich im Gespräch mit Autoherstellern. Die sagten mir, es sei gut, wenn Ericsson das regeln könnte. Doch das Unternehmen war nicht der richtige Ort dafür. Deshalb entschloss ich mich, Ericsson zu verlassen. Es bedurfte einer industrieweiten Lösung. Deshalb gründete ich Avanci.

Foto: WirtschaftsWoche

Patentpools gab es aber doch schon.
Das stimmt. Aber die gehören in der Regel einer Reihe von Patentbesitzern. Das funktioniert nicht immer. Mir schwebte dagegen eine neutrale Plattform vor. Der Unterschied zu einem Patentpool und uns ist, dass kein Patenthalter Avanci besitzt. Wir haben keine Unternehmensinteressen im Hintergrund. Wir haben auch keinen Patenthalter im Aufsichtsrat. Avanci gehört dem Management.

Wie läuft das genau?
Unsere Lösung funktioniert für beide Seiten. Wir sind wie ein Marktplatz – wir bieten eine Lösung für diese komplexe Situation. Wir haben 51 Unternehmen auf der Plattform, die uns die Erlaubnis gegeben haben, ihre Patente für 4G zu vermarkten. Und diese Zahl wächst. Viele Marken haben schon Lizenzen genommen, so dass wir 55 Prozent der vernetzten Autos weltweit abdecken. Aber unser Programm ist nicht nur für Autos. Wir halten Ausschau nach anderen Programmen für andere Produkte im Internet der Dinge.

Aber das lässt noch ein bisschen auf sich warten?
Wir sehen in der Tat noch nicht ganz so viele miteinander vernetzte Dinge, wie wir ursprünglich erwartet haben. Aber das beschleunigt sich jetzt mit 5G, da entsteht viel mehr Konnektivität. Unser Modell ist in jede Richtung skalierbar. Der Preis, den wir berechnen, versteht sich je Auto für die Lebensdauer eines Autos. Er steigt nicht, wenn neue Patentbesitzer hinzukommen. Unsere Lizenzgeber teilen sich diesen Umsatz, teilen sich diese 20 Dollar, auch mit denjenigen, die vielleicht künftig noch auf die Plattform kommen.

Lesen Sie auch: Patentwüste Deutschland – „Nur weil wir mit Legosteinen aufgewachsen sind, dürfen wir den Wert der immateriellen Welt nicht ausblenden“

Ab Anfang September haben Sie die Preise für eine 4G-Lizenz um 33 Prozent auf 20 Dollar erhöht. Das setzt einige Autobauer unter Zugzwang, die vor Gericht streiten.
Eine Avanci-Lizenz deckt jetzt sehr viel mehr Patente ab, als zu dem Zeitpunkt, zu dem wir das Programm starteten. Es wuchs von elf Lizenzgebern – als BMW 2017 die erste Lizenz nahm – auf heute 51 Lizenzgeber. Wir haben den Ehrgeiz, eine gesunde, funktionierende Plattform zu betreiben und die Partizipation zu maximieren. Deshalb haben wir die Lizenzgebühr für neue Lizenznehmer angehoben, um den höheren Wert heute widerzuspiegeln. Und um den Lizenzgebern eine faire Kompensation für die Nutzung ihrer Patente zu gewähren.

Für 5G erwarten viele sogar eine erneute Verdoppelung der Preise auf 40 Euro.
Unsere Gebühren basieren auf dem Mehrwert, den eine lizenzierte Technologie einem Fahrzeug bringt. Und weil 5G einem Fahrer eines Fahrzeugs erhebliche Vorteile bringt, wird es eine Preisdifferenz für 5G geben. Wir teilen mehr mit, wenn wir das Programm der Öffentlichkeit vorstellen.

Zur Person
Kasim Alfalahi gründete die Patentplattform Avanci vor sechs Jahren und hat seitdem rund 55 Prozent aller vernetzten Autos mit 4G-Lizenzen unter Vertrag genommen. Unter dem Avanci-Schirm bündeln insgesamt 51 Mobilfunk-Patentinhaber wie Nokia und Ericsson, aber auch die Deutsche Telekom, ihre 2G, 3G und 4G-Patente. Alfalahi stammt ursprünglich aus dem Irak. Er arbeitete im Möbelgeschäft seiner Familie in Bagdad, eher er zuerst in England, Spanien und später in Schweden studierte und  seine Studien in Ingenieurwesen und Management mit einem Master abschloss. Alfalahi arbeitete 21 Jahre lang für Ericsson, zuletzt berichtete er als Chef der Abteilung für geistiges Eigentum direkt an den CEO. Heute lebt er in Dallas. Die Patentplattform Avanci wurde 2020 vom World Economic Forum in Davos als „Technology Pioneer“ ausgezeichnet, eine Kategorie für Startups, die das Potential haben, die Gesellschaft und die Geschäftswelt grundlegend zu verändern.

Avanci kündigt die 5G-Plattform seit 2020 an. Alle unter einen Hut zu bekommen, scheint schwierig zu sein.
Manche Leute in der Mobilfunkindustrie sagen, 15 oder 20 Dollar seien zu wenig. Manche Autohersteller finden, das ist zu teuer. Man muss genau den „Sweet Spot“ finden, wo ein Preis für beide Seiten schmerzhaft, aber gerade noch erträglich ist. Das haben wir für 4G geschafft. Dieser Preis hat sich nicht von allein gefunden. Das dauerte. Es gab lange Verhandlungen mit Patentbesitzern und Lizenznehmern. Jetzt machen wir dasselbe für 5G. Als Mittelsmann müssen wir genau die Mitte finden. Uns gehört ja nichts. Wir wollen die Technologie nur zugänglich machen. Und wir wollen, dass die Unternehmen, die zur Entwicklung dieser Technologie beigetragen haben, dafür belohnt werden. Die entwickeln gerade schon 6G. Je mehr Geld wir diesen Unternehmen, die diese Technologie erfinden, zukommen lassen, desto höher der Anreiz, für sie so weiterzumachen. Das führt zu besserer Qualität für die Konsumenten. Deshalb rechnen wir auf lange Sicht damit, dass jeder, der mit 4G und 5G arbeitet, langfristig mitmachen wird auf unserer Plattform.

Es gibt Hinweise, dass sowohl Nokia wie auch ihr Gründungsmitglied Qualcomm sich zieren, mitzumachen?
Wir sprechen regelmäßig mit potentiellen 5G-Lizenznehmern und -gebern. Ich bin sehr zuversichtlich. Gerüchte zu einzelnen Unternehmen kommentiere ich aber nicht.

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Haben Sie die Erfolge der Mobilfunkunternehmen in den 4G-Prozessen gegen die Autobauer gierig gemacht?
Das beste Modell für die Industrie ist ein One-Stop-Solution. Nach meiner Erfahrung setzt sich das beste Modell langfristig durch. Aber manche Unternehmen entscheiden sich trotzdem, lieber vor Gericht zu gehen. Meiner Meinung nach ist das nicht das Beste für ein Unternehmen. Gerichtsprozesse sind teuer. Das erzeugt eine Menge Ablenkung. Es bringt weder den Konsumenten noch der Entwicklung der Technologie Mehrwert.

Stimmt es, dass Avanci einem Patenthalter des 4G-Pools die Rechtskosten zurückerstattet, wenn es einen unwilligen Lizenznehmer verklagt?
Manches unterliegt der Verschwiegenheitspflicht. Wir haben uns so strukturiert, dass jedes Unternehmen, das Teil von Avanci ist, auch einen Deal mit einem anderen Unternehmen abschließen darf. Wir sind nicht exklusiv. Jeder kann jederzeit seinen eigenen Deal machen. Aber wer an einer gemeinsamen Lösung mit allen interessiert ist, kriegt sie durch uns.

Was verdient Avanci für sein Engagement? Wahrscheinlich eine Plattformgebühr, ähnlich wie Apple oder Google mit ihren App-Stores?
Wir erhalten nur eine Gebühr auf das Geld, das wir einnehmen. Wir haben eine Matrix, die die Einnahmen aufteilt. Wenn neue Teilnehmer mitmachen, wird der Anteil der früheren Mitglieder entsprechend verwässert. Der Kuchen wächst. Da kann man sich mit einem kleineren Anteil des Kuchens vorliebnehmen. Und wir erhalten auch ein Stück.

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Wie haben Sie die Gründung von Avanci finanziert?
Wir haben Gelder von Investoren eingesammelt – in erster Linie vom Management. Und zusätzlich einen Kredit aufgenommen, den wir bereits zurückgezahlt haben.

Volkswagen hat im Frühjahr als letzter deutscher Autobauer eine Avanci-Lizenz genommen. Warum dauerte das so lange?
Volkswagen war vom Tag eins in unsere Diskussionen einbezogen. Wir standen im regen Austausch. Schon vor drei Jahren haben wir mit VW einen Vertrag über 3G abgeschlossen, für die Töchter Audi und Porsche auch einen 4G-Deal. Volkswagen nahm dann auch eine 4G-Lizenz, weil sie diese Technologie inzwischen in ihren Autos einbauen.

Die Verhandlungen mit VW „Diskussionen“ zu nennen, ist ein Euphemismus. Das Unternehmen sah sich einem gerichtlich angeordneten Produktionsverbot ausgeliefert und handelte unter immensem Druck.
Uns gehören ja keine Patente, wir haben auch mit niemandem ein Problem. Wir sind unabhängig. Volkswagen ist für uns ein Partner. Mit ihnen war ich schon im Gespräch, als ich Ericsson verlassen habe. VW ist der größte Autohersteller der Welt. VW produziert Autos quer durch alle Preisklassen. Für uns ist es aufregend, einen derart breiten Vertrag zu machen. Denn Konnektivität wird Teil eines jeden Autos, nicht mehr nur im Luxussegment. Das ist wichtig, nicht nur aus Sicherheitsaspekten. Ein Kollege besitzt einen VW, und AT&T hat sein 3G-Netzwerk in den USA kürzlich abgeschaltet. Das hat ihn wütend gemacht! Er zahlt nämlich 15 Dollar im Monat für das Konnektivitätsabo seines Autos. VW schickte ihm eine Nachricht, dass sie versuchen wollen, sein Auto auf 4G umzurüsten. Für ihn war es wichtig, auch aus der Entfernung Zugriff zu seinem Auto zu haben. Er kann über sein Handy die Heizung anmachen, checken, ob das Auto okay ist oder etwa gestohlen wird und Updates über die Verkehrskonditionen erhalten, während er fährt.

Volkswagen wollte lange einen „Buyersclub“ organisieren, um einen faireren Deal zu verhandeln. Die Autoindustrie ist es gewohnt, auf den eingebauten Chip Lizenzgebühren zu zahlen, nicht auf das gesamte Auto. Und auf einen Chip berechnet wären 15 Euro Gebühr Wucher.
Der Preis ist nicht von Avanci festgelegt worden und auch nicht nur von einem einzelnen Marktteilnehmer, sondern entstand in einem langen, intensiven Austausch. 15 Dollar kamen nicht aus der Luft, und Leute waren involviert, die diesen Preis für akzeptabel hielten. Das Missverständnis ist, dass Avanci ein Patentpool sei. Das stimmt aber nicht. Eine Organisation der Käuferseite wäre dem ähnlich – dann gäbe es zwei Gruppen, deren Interessen sich überhaupt nicht decken. Ich wollte etwas anderes schaffen – einen unabhängigen Intermediär, der beiden Seiten zuhört und sie in einer Lösung zusammenführt.

Wann waren Sie sich sicher, dass VW eine Lizenz nehmen würde? Als der Autokonzern vor dem Landgericht München 1 verklagt wurden, das für besonders scharfe Urteile gegen Patentverletzer bekannt ist?
Ich war mir immer sicher, dass Volkswagen sich für unsere Plattform entscheiden würde. Sie hatten ja schon die 3G-Lizenz und das Modell akzeptiert. Jedes Unternehmen wird partizipieren. Die beste Lösung gewinnt. Daran glaube ich.

Wie lange dauert es noch, bis Sie die 4G-Plattform erweitern – von Autos hin zu Smartmetern oder Fitbits oder anderen Produkten, die miteinander kommunizieren?
Wir unterhalten uns schon mit Smartmeter-Herstellern und anderen Unternehmen, die im Internet der Dinge relevant werden. Die Konnektivität wird aktuell mehr und mehr eingesetzt. Der Massenmarkt wird jetzt Realität. Es hat gedauert, aber jetzt passiert was.

Lesen Sie auch: Warum Widerstand gegen 5G-Lizenzierungen zwecklos ist. Und warum man auch als Industriekonzern selbst ein 5G-Patentportfolio aufbauen sollte. IP-Legende Alexander Wurzer erklärt, warum deutsche Vorstände dringend Nachhilfe brauchen in Sachen Patent-Management.

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