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Recyclingunternehmen Interzero„Eine Welt ohne Abfall ist unsere klare Vision“

Nach der Teilung des Familienunternehmens hat Axel Schweitzer ehrgeizige Pläne: Er träumt von einer Welt ohne Abfälle. Ein Gespräch über Vergangenheitsbewältigung, Zukunftsvisionen und schädliche Plastikverpackungen.Jacqueline Goebel 22.09.2022 - 07:18 Uhr

Beinahe zwei Jahrzehnte lang führte Axel Schweitzer mit seinem Bruder Eric Schweitzer gemeinsam das Entsorgungsunternehmen Alba. Jetzt geht er eigene Wege.

Foto: Presse

Die Anfänge der Schweitzers als Familienunternehmer liegen lange zurück, die Geschichte begann in Berlin 1968 mit einem Müllhaufen hinter dem Berliner Hotel Kempinski. Der Bauingenieur Franz Josef Schweitzer bot dem Hotel an, sich um die Entsorgung zu kümmern und gründete kurze Zeit später mit seiner Frau das Entsorgungsunternehmen Alba. Das Unternehmen war eins der Ersten, das Glas und Papier getrennt sammelte und ins Plastikrecycling einstieg. Als Franz Josef Schweitzer 1998 verstarb, übernahmen seine Söhne Eric und Axel Schweitzer. Nun steht die Familie wieder vor einem Scheitelpunkt: Vor wenigen Wochen haben Eric und Axel Schweitzer ihr Familienreich aufgeteilt. Mit seinem neuen Unternehmen Interzero will Axel Schweitzer nun an einer Vision arbeiten: Er träumt von einer Welt ohne Abfälle.

WirtschaftsWoche: Herr Schweitzer, Sie teilen aktuell Ihr Familienimperium auf. Sind alle Papiere unterschrieben, alle Schnitte vollzogen?
Axel Schweitzer: Ja, wir haben diese Neuaufstellung jetzt abgeschlossen.

Ihr Vater hat Alba 1968 gegründet. Wie fühlt es sich an, das Familienreich nach mehr als 50 Jahren zu zerteilen?
Es ist ja eher ungewöhnlich, dass man in Familien auch den gleichen Beruf oder sogar das gleiche Unternehmen teilt. Wir sind als Brüder weiter mannigfaltig verbunden. Da verspüre ich auch viel Respekt und Stolz für die Vergangenheit. Aber ich freue mich auch darauf, die Zukunft zu gestalten. Die Aufspaltung ergibt Sinn, weil wir damit auf die veränderten Märkte reagieren. Wir sehen das als eine natürliche Weiterentwicklung.

Es gab mal eine andere Vision für ihr Familienunternehmen: Alba sollte der größte Entsorgungs- und Recyclingkonzern Deutschlands werden. Nun sind Sie nicht mal mehr die Nummer Drei. Wann haben Sie sich von dieser Idee für die Zukunft verabschiedet?
Unser Punkt war nicht, dass wir der Größte sein wollten. Wir wollten die komplette Wertschöpfungskette unter einem Dach vereinen, von der Entsorgung bis zu Kreislaufsystemen zur Abfallvermeidung. Aber seitdem haben sich die Märkte deutlich verändert und Technologien exponentiell weiterentwickelt. Deshalb ergibt es viel Sinn, dass auch wir uns verändern.

Alba und Interzero

Diese Brüder haben ihr Imperium geteilt. Warum bloß?

Einst wollten die Brüder Schweitzer mit Alba die Entsorgungskönige Deutschlands werden. Stattdessen haben sie ihr Unternehmen aufgeteilt – und keine der Hälften wirkt noch besonders königlich.

von Jacqueline Goebel

Ihnen ist häufig nachgesagt worden, dass Sie die Familie Rethmann mit Remondis als größten Entsorger in Deutschland überholen wollen. War das nicht so?
Wenn man von außen auf die Branche schaut und eben diese zwei Familien in Deutschland sieht, dann ist die Frage nachvollziehbar. Aber für uns ist das nicht relevant. Wir konzentrieren uns auf unseren eigenen Weg und unsere eigene Entwicklung – genau wie im Basketball. Dort gibt es auch andere Vereine, die machen beispielsweise neben Basketball auch weitere Sportarten. Aber weil das andere tun, heißt das nicht, dass wir jetzt eine Fußballabteilung aufmachen müssen. Was andere Unternehmen machen, können wir eh nicht beeinflussen.

Alba hat schwierige Jahre hinter sich. Das Unternehmen hat sich an Übernahmen verhoben, hatte jahrelang große Schuldenprobleme, hat Unternehmensteile an chinesische Investoren verkauft, die kurz danach in finanzielle Schwierigkeiten gerieten. Bereuen Sie einen dieser Schritte?
Es ist Teil unseres Weges, unserer Erfahrung. Das hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind, und hilft uns, morgen das ein oder andere noch besser zu machen. Das ist vielleicht auch einer der Punkte, warum es für uns nun natürlich ist, mit der Aufteilung einen weiteren Schritt zu gehen.

Die Unternehmensteile der chinesischen Investoren haben Sie später wieder zurückgekauft – zu einem Bruchteil des Preises, heißt es. Hat es sich also gerechnet?
Gerechnet würde heißen, unser Geschäftsmodell wäre es, Unternehmensteile zu verkaufen und wieder zurückzukaufen. Das ist nicht so. Man muss es jeweils zwischen Raum und Zeit sehen.

Früher hieß Ihr Unternehmensteil Interseroh – Ihr neues Unternehmen heißt nun Interzero. Wie spricht man das eigentlich aus?
Interseroh stand damals für „Internationale Sekundärrohstoffe“. Der neue Name kommt von „International Zero Waste Solutions“. Wir sind in Europa und darüber hinaus aktiv und so haben sich viele im englischsprachigen Raum gewundert, warum wir es „falsch“ schreiben.

Was wollen Sie mit der Aufspaltung und Interzero erreichen?
Mein Teil umfasst Kreislaufdienstleistungen, Kunststoffrecycling und das Duale System Ínterseroh+ mit der Verpackungslizenzierung als verbindendes Element – diese Bereiche habe ich in der Vergangenheit bei Alba auch schon verantwortet. Eine Welt ohne Abfall ist unsere klare Vision. Als ich darüber das erste Mal gesprochen habe, das ist schon über eine Dekade her, haben die Menschen mich noch belächelt und es teilweise als „Marketing“ abgetan. Denn als Mitinhaber eines der größten Entsorgungs– und Recyclingunternehmen kann das doch nicht ernst gemeint sein. Das hat sich vollkommen verändert. Jetzt arbeiten wir mit vielen namhaften Unternehmen zusammen an Lösungen, wie man Abfälle vermeiden und Produkte und Materialien im Kreislauf führen kann, und sind mit der neuen Aufstellung hervorragend dafür positioniert.

Und wie weit ist diese Welt ohne Abfall noch entfernt?
Unsere Vision umzusetzen, das ist ein langer Weg. Diesen Weg werden wir gemeinsam als Interzero in den kommenden Jahren und weiteren Jahrzehnten gehen. Dafür arbeiten wir an neuen Kreislauflösungen und gewinnen neue Talente. Ich persönlich freue mich darauf. Hier in Deutschland und Europa gibt es für uns noch sehr viele lohnende Aufgaben.

ARD-Dokumentation

Die fünf Probleme des Recyclings

von Jacqueline Goebel und Benedict Wermter

Und Ihr Bruder hat sich dieser Vision nicht angeschlossen? Zu seinem Unternehmensteil gehören zum Beispiel Müllabfuhr und Entsorgung.
Nein, da würde er Ihnen heftig widersprechen. Er macht neben der Entsorgung noch die Weiterverarbeitung vieler Materialien wie zum Beispiel von Papier, Stahl und Metall und Holz.

Und Sie haben den Kunststoff. Hätten Sie nicht lieber auch Papier oder Holz gehabt – Rohstoffe, für die sich Produkt-Kreisläufe vielleicht einfacher schließen lassen?
Das ist eine vereinfachte Darstellung. Wir wollen für und mit unseren Kunden Kreisläufe rohstoffübergreifend schließen. Bei einigen Rohstoffen wie Papier, Schrotten und Holz können wir besser Leistungen einkaufen und bei anderen sehr anspruchsvollen Bereichen wie zum Beispiel dem Kunststoffrecycling brauchen wir unser eigenes Wissen. Wir sind weltweit führend in der vollautomatisierten Kunststoffsortierung und haben uns dazu entschlossen, hier weiter tiefer in die Wertschöpfung hineinzugehen. Wir betreiben Sortieranlagen, investieren in die Granulatherstellung, also die Herstellung von Rezyklaten und schließen mit unseren Kunden Kreisläufe, unterstützt durch unser eigenes einzigartiges Labor.

In Deutschland werden bisher kaum zehn Prozent der Neukunststoffe im Jahr durch Rezyklate aus Plastikabfällen ersetzt. Das klingt nicht nach Kreislauf.
Da sehen Sie, dass wir erst am Anfang einer Kurve sind. Es gibt noch viel zu tun.

…nach 30 Jahren Mülltrennung und Recycling?
Die Ungeduld in diesem Punkt eint uns. Es bedarf eines Dreiklangs aus Gesetzgebung zur Bestimmung des Rahmens, der Industrie, um Lösungen anzubieten und umzusetzen und der Gesellschaft, diese auch zu implementieren. Durch die Coronapandemie hat sich erfreulicherweise noch mal das Bewusstsein verstärkt, dass sich etwas ändern muss, gerade bei den jüngeren Generationen. Unser Ziel ist auch nicht, Recyclingrohstoffe in Bahnschwellen zu bringen, wir wollen diese viel mehr in hochwertigen Produkten einbringen. Wir haben mit Vaude eine Fahrradtasche entwickelt, die zu hundert Prozent aus Recyclingmaterial ist. Da sind auch die Rückwand und das sehr strapazierte Befestigungssystem aus Recyclingrohstoff aus der gelben Tonne.

Elektrogeräte recyceln

Zweite Chance für den Schrott

von Michael Kroker

Können Sie damit Geld verdienen?
Das muss unser Anspruch sein, sonst gibt es uns irgendwann nicht mehr. Natürlich unterliegen Rohstoffmärkte gewissen Volatilitäten. Die Preise schwanken, das haben wir auch in der Coronapandemie gesehen und spüren es durch den Ukraine-Krieg.

Also freuen Sie sich über die Gaskrise und dass Öl teurer ist? Schließlich wird dadurch auch Primärkunststoff teurer.
Das wäre viel zu kurz gesprungen. Dies bringt für uns auch echte Herausforderungen gerade hinsichtlich der Energiepreissteigerungen, und wenn man sich umsieht, kann man von Freude kaum sprechen.

Wie viel teurer wird das Recycling durch die höheren Gaspreise – lohnt es sich noch?
Wenn wir uns auf den einschlägigen Portalen der Kunststoffbranche die Preisentwicklung ansehen, stoßen wir auf eine kaum vorhersagbare Entwicklung. Wir haben Abnahmerückgänge und daher eher sinkende Preise in vielen Bereichen und andererseits auch die Nachrichten über exorbitant steigende Kosten. Teilweise sehen wir bereits jetzt die Schließung von Produktionsstätten. Uns helfen hier sicherlich unsere langjährigen vertrauensvollen Geschäftsbeziehungen mit unseren Partnern. Dennoch hat die Politik den klaren Auftrag, mit und für die Wirtschaft schnelle und wirksame Wege aus der jetzigen Krisenentwicklung zu finden. Gerade die Recyclingindustrie braucht wegen ihres Beitrags zum Kampf gegen den Klimawandel besondere Aufmerksamkeit. Handeln ist jetzt gefragt.

Und wie könnte dieses Handeln aussehen?
Eine der konkreten Positionen, die unsere Branche sehr bewegt, ist beispielsweise die Wiederaufnahme der Recyclingwirtschaft in die Liste der beihilfefähigen Wirtschaftszweige.

Weil Ihre Kunden die Preissteigerung zum Beispiel durch die höheren Gaspreise nicht zahlen wollen?
Wir sehen eine Veränderung bei der Wertschätzung für Recyclingrohstoffe: Über Dekaden gab es den Ansatz, dass Recyclingmaterial günstiger sein muss als Neuware, weil es qualitativ nicht so gut sein kann. In den vergangenen Jahren hat sich dieser Leitsatz verändert. Heute hat Recyclingkunststoff teilweise einen höheren Wert als Primärkunststoff und die Qualitäten sind durchaus gleichwertig. Da hilft uns unser eigenes Labor sehr.

Woher kommt der Sinneswandel?
Immer mehr Unternehmen stellen fest, dass eine gesellschaftliche Veränderung stattfindet. Gerade unter den Konsumgüterkonzernen und Autoherstellern gibt es viele, die sich Ziele gesetzt haben und zum Beispiel eine Einsatzquote von Recyclingmaterial von 20 oder 30 Prozent bis 2030 erreichen wollen. Die stehen nun vor der Herausforderung, an genügend Material in der richtigen Qualität und Quantität heranzukommen.

Bringen nicht zu viele Konzerne noch immer Verpackungen und Produkte auf den Markt, die sich nicht recyceln lassen? Wie oft kritisieren Sie dafür Ihren Kunden Aldi?
Aldi und uns eint unter anderem auch die Ungeduld, den Übergang in die Kreislaufwirtschaft besser heute als morgen umzusetzen. Dies war schon fester Teil der Strategie, bevor man sich für die Partnerschaft mit uns entschieden hat. Dieser Weg wird konsequent umgesetzt – und dafür hat sich Aldi aus meiner Sicht den richtigen Partner ausgesucht.

Wenn Sie sich eine Verpackung aussuchen könnten, die sofort aus allen Aldi-Regalen verschwinden müsste, welche wäre das?
Das gilt für alle Händler und Inverkehrbringer. Es gibt Multi-Layer-Verpackungen, die teilweise noch extra Aufkleber und Papier-Banderolen haben, die so nicht vernünftig recycelbar sind. Da sollte es Veränderungen geben. Gleichermaßen ist es wichtig, dass weiter Verpackungen eingespart werden. Und wir müssen mehr Recyclingrohstoffe zum Einsatz bringen in Verpackungen und bei Produkten – und nicht nur in minderwertigen Anwendungen.

Für Lebensmittelverpackungen ist der Einsatz von Kunststoff-Rezyklaten in der EU allerdings verboten, weil sie Schadstoffe abgeben könnten.
Da haben wir gesetzgeberische Hürden, die Recycling nicht vereinbaren. Aber ich hoffe, dass uns der technische Fortschritt helfen wird. Wir müssen da mehr Aufklärung leisten und zeigen, wie Produkte gestaltet sein können, damit sie auch kreislauffähig sind.

Zum Beispiel?
Wir haben heute zu viele Additive. Heute ist es so: Ein Hersteller bestimmt: Mein Produkt soll folgende Eigenschaften haben. Und dann wählt man aus über 20 Kunststoffarten und hunderttausenden Additiven und Kombinationen. Da ist die Frage: Brauchen wir das denn überhaupt? Oder können wir das vereinfachen? Aber das muss aus dem System heraus geschehen.

Sie wollten das Wissen aus Deutschland internationalisieren, haben eine Recyclinganlage in Hongkong aufgebaut und leeren Mülltonnen in Singapur. Hat das Asiengeschäft die Erfolge gebracht, die Sie sich erhofft haben?
Wir haben gewisse Herausforderungen, natürlich auch durch Covid-19. In Hongkong hat uns die Stadt nach einem weltweiten Teilnehmerwettbewerb ausgewählt, das Elektrorecycling aufzubauen und durchzuführen. Das hat sich toll etabliert und genießt höchste Anerkennung. Singapur ist ebenfalls sehr spannend, weil sich das Land zum Ziel gesetzt hat, das führende Land für Nachhaltigkeit und Digitalisierung zu werden. Da sind wir sehr willkommen.

Wie viel Anteil macht das Asiengeschäft denn an Interzeros Umsatz und Gewinn aus?
Wir veröffentlichen dazu keine Zahlen. Wir wachsen aktuell sehr stark in Asien, im Prinzip verdoppeln wir uns alle zwei Jahre, aber auch Deutschland und Europa legen kräftig zu.

Noch eine Basketballfrage zum Schluss: Auch Interzero ist nun Sponsor von Alba Berlin. Bleibt der Name – oder gibt es bald eine Basketballmannschaft namens Interzero?
Der Verein war immer Teil meines Engagements und es gibt viele Parallelen zum Unternehmen. Insofern ist das Engagement von Interzero als Umwelt– und Nachhaltigkeitspartner sehr naheliegend. Wir sind wirklich stolz darauf, dass wir Deutschlands größte Basketballmannschaft sind, und unsere Frauenmannschaft auch jetzt in die Erste Liga aufgestiegen ist. Das zeigt, wie wir uns in die Gesellschaft einbringen und unsere Nachhaltigkeitsziele umsetzen. Als Unternehmen können wir von diesem Team mit seinem großen Zusammenhalt jede Menge lernen.

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