Deutsche Post: Die Brief-Katastrophe des Bonner Logistikkonzerns
Wenn Arno Müller über die Anforderungen seines Arbeitgebers berichten soll, dann fällt sein Urteil derzeit vernichtend aus. „Die Leistungen, die wir gerade erbringen müssen, sind eine Zumutung“, sagt Müller, der als Zusteller für die Deutsche Post Briefe und Pakete austrägt. „Ich komme abends heim und bin völlig fertig.“
Müller, der in Wahrheit anders heißt, aber gerne anonym bleiben will, arbeitet seit 25 Jahren für den Bonner Logistikkonzern. Aber in diesem Jahr hätten sich die Arbeitsbedingungen drastisch verschlechtert. Ursprünglich war er Zusteller in einem Stammbezirk, diese festen Bezirke fallen seit letztem Sommer weg. Jetzt besteht der Arbeitsalltag aus täglich wechselnden Arbeitsorten, oder wie die Deutsche Post sie nennt: „Flexbezirken“. Fällt etwa ein Zusteller oder eine Zustellerin krankheitsbedingt aus, werden die Bezirke auf die anderen Mitarbeitenden aufgeteilt: „Das führt zu viel mehr Arbeit, weil der zu vertretende Bezirk zuerst abgearbeitet werden muss. Meistens schafft man am Ende des Tages dann seinen eigenen Bezirk nicht mehr und muss die entstehenden Rückstände am darauffolgenden Tag abarbeiten.“
Die Folgen der Umstrukturierung erleben Brief- und Paketkunden aktuell nahezu täglich: Sendungen kommen deutlich verspätet an oder wochenlang auch gar nicht. Die Beschwerden bei der Bundesnetzagentur erreichen neue Rekordwerte. Die Deutsche Post will aber an ihrem Effizienz- und Strukturprogrammen festhalten. Die Zustellkrise könnte sich ausgerechnet in die Vorweihnachtszeit ziehen.
Wie viele Unternehmen leidet auch die Deutsche Post unter einem Fachkräftemangel. In manchen Regionen fehlten bis zu 30 Prozent des Personals, nicht zuletzt wegen eines hohen Corona-Krankenstands, sagte Post-Vorstandsmitglied Nikola Hagleitner kürzlich bei einer Stellungnahme in Bonn. Die Personalprobleme würden dazu führen, dass von den rund 50.000 Zustellbezirken aktuell 100 nicht bedient werden könnten.
„Die meisten kommen nach dem Probearbeiten nicht noch einmal wieder“
Der Personalmangel kann dabei nicht aufgefangen werden: „Viele meiner Kollegen und Kolleginnen, die teilweise seit 15 bis 20 Jahren bei der Post sind, kündigen. Da muss einiges passieren, dass man nach so einer langen Zeit diesen Schritt geht“, sagt Zusteller Müller. „Unsere Vorgesetzten wollen neues Personal einstellen, aber die meisten kommen unter diesen Bedingungen nach dem Probearbeiten nicht noch einmal wieder.“
Die neuen „Flexbezirke“ seien außerdem auch größer als die ursprünglichen Stammbezirke, erzählt der Zusteller. Daraus resultiere ein regelrechter Lauf um die Zeit – welcher darin mündet, dass sich der abzuarbeitende Stapel an Briefen und Paketen mit jedem Tag vergrößert. „Uns wurde die neue Regelung als leichteres Arbeiten verkauft, davon spüren wir aber nichts.“
Auf Anfrage der WirtschaftsWoche sagt die Deutsche Post, dass sie mit den neuen flexiblen Bezirken der steigenden Menge an Briefen und Paketen entgegenkommen will und diese Über- und Unterlasten ausgleichen sollen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurde der Deutschen Post nach „gerade einmal in rund 25 Prozent aller Zustellbezirke das Konzept der Flexibilisierung angewandt.“ Bei den Mitarbeitern kommt eine Erleichterung allerdings offenbar nicht an. Zusteller Müller: „Uns wird gesagt, dass die Sendungsmengen weiter zurückgehen. Wir merken davon nichts.“
Auch Gewerkschaften betrachten die flexiblen Bezirke derzeit kritisch: „Die Arbeitsbelastungen für die Mitarbeiter sind seit Jahren zu hoch. Die Brief- und Paketzusteller gehen auf dem Zahnfleisch“, sagt Christina Dahlhaus von der Fachgewerkschaft für die Beschäftigten der Post, Postbank, Telekom und Call-Center (DVPKOM). Die Zusteller und Zustellerinnen seien an ihre Stammbezirke gewohnt. „Plötzlich heißt es, dass eine weitere Straße hinzukommt. Das ist eine Herausforderung für die Mitarbeitenden, es wird über die Köpfe hinweg entschieden und damit sinkt auch die Akzeptanz“, sagt Thorsten Kühn, Bereichsleiter Postdienste in der Verdi-Bundesverwaltung.
Neben den neuen Bezirken wird auch die hohe Zahl der befristeten Verträge kritisiert. Seit Juli hat die Deutsche Post laut eigenen Angaben zwar 10.000 Entfristungen vorgenommen. Die relative Gesamtzahl läge zurzeit trotzdem noch bei rund 13 Prozent, sagt Verdi-Mann Kühn. Bevor Entfristungen durchgeführt werden, fühlten sich Mitarbeitende besonders unter Druck gesetzt. „Mitarbeitende dürfen beispielsweise nicht so viele Krankentage haben, sonst werden sie nicht entfristet“. Die Gewerkschafter kritisieren, dass die Rekordgewinne der vergangenen Jahre offenbar nicht in Personal investiert worden seien.
Im dritten Quartal hat die Deutsche Post dank florierender Geschäfte im internationalen Express- und Frachtgeschäft deutlich mehr verdient und ihre Prognose für das Gesamtjahr angehoben. Der Bonner Dax-Konzern erwartet nun einen operativen Ertrag (Ebit) von 8,4 Milliarden Euro, wie er am Dienstag mitteilte. Zuvor hatte die Post ein Ebit von rund acht Milliarden Euro mit einer Abweichung von rund fünf Prozent nach oben oder unten in Aussicht gestellt. Nach neun Monaten hat der Konzern aber bereits einen operativen Ertrag von rund 6,5 (Vorjahr: 5,8) Milliarden Euro erreicht.
Einen Rückgänge beim Ergebnis verzeichnete die Post dagegen im Geschäft mit Briefen und Paketen, dort sank das operative Ergebnis bei stagnierenden Umsätzen auf 290 (Vorjahr: 300) Millionen Euro. Während das Paketgeschäft leicht wuchs, sank der Umsatz im Postgeschäft um rund 3 Prozent, die Zahl der verschickten Briefe sank um rund 5 Prozent.
Die Deutsche Post steht kurz vor Tarifverhandlungen mit Verdi. Der Konzernchef Frank Appel erwartet „schwierige Verhandlungen“, wie er bei der Vorstellung der Quartalszahlen sagt, „es werden vermutlich hohe Forderungen kommen. Aber die Umsätze der Brief- und Paketsparte gehen zurück, von unserer Seite können wir den Kuchen nicht vergrößern.“ Appel erwartet, dass die Umsätze in der Post und Paket Sparte auch im nächsten Quartal weiterzurückgehen, geschuldet durch die sinkende Briefvolumina, die aber zwei Drittel des Umsatzes in diesem Bereich ausmachen.
Der Zuschnitt der neuen Bezirke führt jedenfalls zu massiven Qualitätsproblemen: Im Oktober seien rund 9700 Beschwerden eingegangen und damit fast doppelt so viele wie im September, teilte die Bundesnetzagentur auf WirtschaftsWoche-Anfrage mit. Im bisherigen Jahresverlauf seien es schon mehr als 30.000 Beschwerden gewesen, im ganzen Vorjahr waren es 15.000. „Die Beschwerden betreffen Orte, die sich auf das gesamte Bundesgebiet verteilen und sowohl ländlich als auch städtisch geprägt sind“, so die Bonner Regulierungsbehörde. Der Trend halte nach wie vor an.
Stellt die Bundesnetzagentur bei den Beschwerden Auffälligkeiten fest, führt sie eine Anlassprüfung beim jeweiligen Postunternehmen durch. Während im vergangenen Jahr 16 anlassbezogene Prüfungen durchgezogen wurden, waren es in diesem Jahr bereits 44. Meistens ausgelöst durch eine mangelhafte oder ausgebliebene Briefzustellung, so die Bundesnetzagentur.
Der Bundesnetzagentur sind aber die Hände gebunden: „Es gibt kein gesetzliches Instrumentarium, mit dem ein Postunternehmen im Einzelfall durch eine behördliche Anordnung oder Ähnliches zur Erbringung einer bestimmten Qualität verpflichtet werden kann. Ebenfalls kann die Bundesnetzagentur vorübergehende Mängel nicht entsprechend sanktionieren.“
Gesetzlich geregelte Auslieferungsfrist
Damit nicht zu lange auf Briefe gewartet werden muss, gibt es gesetzliche Vorschriften, wann ein Brief den Empfänger erreichen soll. Die Deutsche Post ist verpflichtet, 80 Prozent der Briefe am nächsten Tag, 95 Prozent am zweiten Tag zuzustellen. Nach eigenen Darstellungen hält die Post diesen Wert ein, aktuell liege die Quote bei 83 bis 84 Prozent, im ersten Halbjahr seien es noch 89 Prozent gewesen.
In der Praxis sind diese Werte jedoch nicht sehr aussagekräftig. Es handelt sich um Durchschnittswerte, die auf das Jahr gerechnet werden. Das heißt, dass der Wert in einem Monat stark sinken und im nächsten wieder aufgefangen werden kann, erklärt Rico Nelte, Geschäftsführer des Bundesverbands Briefdienste. Außerdem kann es zu großen lokalen Unterschieden kommen, die den Wert ausgleichen können.
Diese gesetzliche Grundlage gilt aber nur für den Universaldienst, also für die Briefe, die in die gelben Briefkästen geworfen werden. Unternehmen haben keine rechtliche Teilhabe an diesen Laufzeiten, obwohl sie einen Großteil des Briefverkehrs ausmachen, erklärt Klaus Gettwart, Vorstand des Kundenverbandes DVPT, „wir haben ein regulatorisches Problem in Deutschland“.
Der Deutsche Verband für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation (DVPT) bestätigt die Probleme der Deutschen Post bei der Zustellung von Postsendungen. Der Verband misst die Brief-Laufzeiten und bemerkt regional und zeitlich enorme Schwankungen – was auch Unternehmen bestätigen. „Unternehmen verschicken Verträge, Angebote, Rechnungen – da können nicht vier Wochen bis zur Zustellung vergehen“, so Gettwart. Die Probleme lägen nahezu ausnahmslos auf der letzten Meile, also bei der Zustellung selbst.
Einige Unternehmen gehen als Konsequenz zu privaten Dienstleistern über, diese decken aber nur rund 15 Prozent des Marktes ab und sind vor allem regional ausgerichtet.
Der Verband fordert eine Überarbeitung des Postgesetzes: „Die Bundesnetzagentur muss ein schärferes Schwert für Überprüfungen erhalten“, sagt Gettwart. Außerdem sollen Initiativuntersuchungen durchgeführt werden, und die Qualitätsanforderungen sollen auch für Unternehmen gelten.
Für die Zusteller und Zustellerinnen steht die schlimmste Zeit noch bevor – die Wochen vor Weihnachten zählen zu der stressigsten Phase. Zusteller Müller sagt: „Unter den aktuellen Bedingungen kann man es da nicht lange aushalten.“
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