Bundesweiter Warntag 2022: Härtetest für den neuen Katastrophenalarm
Beim bundesweiten Warntag testen Bund und Länder den Versand von Alarmmeldungen über Sirenen, Handy-Apps und SMS-Warnungen. Die Nachrichten werden von den Behörden über das Modulare Warnsystem MoWaS (Bild) verschickt.
Foto: dpaAls im Sommer 2021 die verheerenden Sommerfluten Bachläufe und Flusstäler im Westen Deutschlands und den angrenzenden Regionen Belgiens und der Niederlande verwüsteten, waren es schrille Alarmtöne und Warnbotschaften in Zigtausenden Mobiltelefonen, die Menschen vor den Wassermassen warnten und ihnen so das Leben retteten. Nur leider nicht in Deutschland.
Während niederländische Behörden die Bevölkerung der überflutungsgefährdeten Gebiete mithilfe des Handywarndienstes NL-Alert zur Räumung von Häusern und Siedlungen aufrief, blieben die Bewohner im Südwesten Nordrhein-Westfalens und dem Norden von Rheinland-Pfalz vielfach ahnungslos.
Es fehlten Sirenen, die hätten warnen können. Wo es sie gab, da ließen sie sich nicht aktivieren. Sie waren zu leise oder wurden von den Menschen als Feuerwehralarm missverstanden. Weil auch Warn-Apps wie KatWarn oder Nina stumm blieben oder zu spät auslösten, nahm die Katastrophe ihren Lauf: Mehr als 180 Menschen starben, die Versicherungsschäden summieren sich auf rund sieben Milliarden Euro.
Solch ein Warnversagen soll sich in Deutschland nicht mehr wiederholen. Wenn am Donnerstag dieser Woche die Sicherheits- und Katastrophenschutzbehörden von Bund, Ländern und Kommunen beim bundesweiten Warntag erstmals nach der Flutkatastrophe wieder die flächendeckende Alarmierung der Bevölkerung testen, gehört zum Mix der Warnmittel auch der Handy-Warndienst DE-Alert, dessen Einführung der Bundestag im September 2021 beschlossen hatte.
Wie sein niederländisches Pendant basiert auch der DE-Alert auf einem Mobilfunkdienst namens Cell Broadcast, dessen technische Wurzeln bis in die Frühzeit der digitalen Handynetze zurückreichen. Er macht es möglich, SMS nicht bloß an einzelne Empfänger zu schicken, sondern an alle Telefone in einer Funkzelle zugleich – wie eine Rundfunksendung, daher der Begriff Cell Broadcast.
Pünktlich um 11 Uhr sollen heute am 8. Dezember dank der neuen Technik nicht nur bundesweit die Sirenen heulen, Warn-Apps wie Nina oder Katwarn in Smartphones anspringen, digitale Werbe- und Informationstafeln an Bahnhöfen, Flughäfen und Straßen einen Probealarm anzeigen, sondern auch Millionen von Handys eine Cell-Broadcast-Warnung ausgeben.
Anders als bei den bekannten Warn-Apps, die bisher nur etwa ein Zehntel der Bundesbevölkerung auf ihren Smartphones installiert hat, funktionieren die Cell-Broadcast-Warnungen ohne Installation irgendwelcher Handy-Programme. Voraussetzung ist nur, dass auf den Telefonen eine passende Betriebssystemversion installiert ist.
Bei iPhones sollen nach Angaben von Apple alle Geräte ab dem Modell 6s, auf denen die iOS-Versionen 15.6.1 oder 16.1 installiert sind, Warnungen empfangen können. Im Fall von Android sollen alle Handys mit Version 11 und neuer die Alarme anzeigen können. Nach Angaben von Google sei es zudem möglich, dass auch Telefone mit älteren Android-Versionen die Warnungen ausgeben. Allerdings hänge das davon ab, ob die Hersteller selbst die nötige Konfiguration für den Empfang der Nachrichten in Deutschland bereits in den Handy-Einstellungen hinterlegt hätten.
Unter dem Eindruck der Flutkatastrophe im Juli 2021 hatte der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) angekündigt, Cell-Broadcast-Warnungen möglichst rasch einzuführen. Allzu lang hatten Bund und Länder zuvor darauf gesetzt, die Menschen im Ernstfall allein mit Alarm-Apps vor drohenden Gefahren warnen zu können. Sie nahmen nicht bloß bundesweit Sirenen außer Betrieb, sondern verzichteten auch darauf, zusätzliche auf Cell Broadcast basierende Warnplattformen aufzubauen, wie es sie etwa in den Niederlanden, in Litauen, Israel, Kanada oder den USA seit Jahren gibt.
In Deutschland stießen Forderungen von Katastrophenschützern, ähnliche Netze einzurichten, dagegen jahrelang auf taube Ohren in der Politik. Nach der Flut folgte dann die 180-Grad-Wende in der Warnstrategie. Und wo zuvor stets begrenzte Mittel als Grund angeführt wurden, auf die Technik zu verzichten, hatte der Innenminister plötzlich tiefe Taschen. Insgesamt überweise der Bund den deutschen Netzbetreibern „einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ für den Aufbau der Technik, heißt es aus der Branche.
Ursprünglich hatte der Test des neuen Warndienstes bereits am 8. September stattfinden sollen. Doch im Frühsommer wurde immer deutlicher, dass zum angepeilten Termin nur ein Teil der Android-Handys Cell-Broadcast-Warnungen würden empfangen können und Apples iPhones in Deutschland gar nicht. Nach entsprechenden Berichten der WirtschaftsWoche beschlossen die Innenminister von Bund und Ländern daraufhin, den Warntag in den Dezember zu verschieben: Auf einen Zeitpunkt, nachdem Apple die erforderlichen iOS-Updates würde veröffentlicht haben. Die sind inzwischen verfügbar und immer mehr iPhone-Nutzer haben sie auf ihre Smartphones geladen.
Dennoch herrscht in der Szene gespannte Nervosität, ob und wie viele Telefone gegen 11 Uhr tatsächlich den Probealarm anzeigen. Fachleute aus Kreisen des deutschen Katastrophenschutzes kalkulieren derzeit mit rund 60 Prozent der im Land zirkulierenden Mobiltelefone, die potenziell empfangsfähig sein sollten. Umgekehrt bedeutet das, dass ein gutes Drittel der Telefone stumm bleiben könnte.
Was alle Verantwortlichen in diesem Jahr vermeiden wollen, ist eine Pleite wie beim Warntag 2020: Damals blieben viele Sirenen stumm oder waren kaum zu hören, Warn-Apps zeigten Nachrichten teils mit halbstündiger Verspätung an – oft auch gar nicht. Der Fehlschlag der zuvor drei Jahre lang vorbereiteten Warnprobe war so gravierend, dass er Christoph Unger den Job kostete: Kurz nach dem verpatzten Test entließ Innenminister Seehofer den Präsidenten des für die Planung zuständigen Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenhilfe (BBK).
Für den heutigen BBK-Chef Ralph Tiesler ist es deshalb entscheidend, dass die Alarme in diesem Jahr durchkommen. Und zwar nicht bloß als Handy-Warnung: „Denn auch der neue Warnkanal ist nur ein zusätzlicher Baustein in einem umfassenderen Warnmittelmix“, so Tiesler. Dazu gehöre – neben Cell Broadcast – auch der Wiederaufbau des Sirenennetzes, das Bund und Länder nach dem Ende des kalten Krieges weitgehend demontiert hatten. „Die Annahme in Politik und Bevölkerung war damals, dass man die zur Warnung vor militärischen Attacken installierten Anlagen nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr braucht“, erklärt der BBK-Chef. „Inzwischen wissen wir, dass Sirenen weiterhin eine wichtige Rolle in der Warnung spielen.“
Das BBK werde den Warntag wissenschaftlich begleiten und ermitteln lassen, „wie viele Menschen auf welchem Weg einen Alarm wahrgenommen haben“, kündigt Tiesler an. Danach geht es darum die Technik und den Mix der Systeme in den kommenden Wochen noch zu optimieren, denn die Zeit drängt, speziell für den neuen Handyalarm. Besteht die Technik ihre Praxisprobe in dieser Woche, soll das System spätestens im Februar 2023 für den Serienbetrieb scharf geschaltet werden.
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