Geburtstourismus nach Argentinien: Das Millionen-Geschäft mit den schwangeren Russinnen
Immer mehr schwangere Russinnen machen sich auf den Weg nach Argentinien
Foto: imago images„Muss ich die Grenzbeamten anlügen, wenn ich mit einem dicken Bauch vor ihnen stehe, obwohl es offensichtlich ist, dass ich schwanger bin?“ fragt eine junge Russin in einem Gruppenchat auf dem Instant-Messaging-Dienst Telegram. Sie ist eine von 5800 schwangeren Russinnen, die in den letzten drei Monaten nach Argentinien gereist sind, um ihr Kind dort auf die Welt zu bringen.
Damit entwickelte sich im letzten Jahr ein neuer Trend, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Seit letztem Jahr gelten in vielen Ländern strenge Einreise- und Visaregeln für Russen und Russinnen, zum Beispiel in der Europäischen Union.
Anders ist das in Argentinien: Hier können Russinnen nicht nur ohne Visum einreisen, in Argentinien geborene Kinder erhalten außerdem automatisch die argentinische Staatsbürgerschaft. Als Eltern eines argentinischen Kindes können die Paare aus Russland dann recht einfach eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und später auch die Staatsangehörigkeit beantragen – und visafrei in über 160 Länder reisen. Das macht die Einbürgerung in Argentinien einfacher als in vielen anderen Staaten dieser Welt. In EU-Ländern ist die Geburt eines Kindes keine Garantie für den Erwerb der Staatsbürgerschaft, in den Vereinigten Staaten erhalten zwar alle Kinder, die im Land geboren wurden, die Staatsbürgerschaft, die Eltern können diese aber erst beantragen, wenn das Kind 21 Jahre alt ist.
Organisiert wird der „Geburtstourismus“ zum Beispiel durch Agenturen oder, je nach Einkommen, im Alleingang auf Telegram. Dabei fliegen die Frauen entweder alleine oder mit ihrer Familie über die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate nach Buenos Aires. Meistens sind sie dabei schon über die 30. Schwangerschaftswoche hinaus.
Die wohl bekannteste Agentur ist „RuArgentina“, die eine schnelle Aufenthaltserlaubnis, einen dauerhaften Aufenthalt und einen argentinischen Pass, der die „visafreie Einreise in 170 Länder der Welt“ ermöglicht, verspricht: „Nirgendwo sonst auf der Welt können Sie so schnell einen zweiten Pass bekommen wie nach der Geburt in Argentinien“, heißt es. Anders als in Russland gebe es außerdem keine Wehrpflicht und die Agentur sei ein argentinisches Unternehmen, zahle also keine Steuern an „Putins Reich“.
Es kann zwischen drei Paketen gewählt werden: Das Economy-Paket kostet 5500 US-Dollar und beinhaltet eine Vorbereitung auf die Reise, Hilfestellung und Ansprechpartner vor Ort sowie die Dokumente für das neugeborene Kind. Werden nochmal 1500 Dollar draufgezahlt, gibt es in der „Business Klasse“ noch eine Wohnungsberatung und die Begleitung zu Arztterminen. Die „Erste Klasse“ kostet 15.000 Dollar und beinhaltet unter anderem Flugtickets, einen Spanisch-Kurs und eine Unterstützung bei der Wohnungssuche.
„Die Frauen können mehr oder weniger Beratung und Hilfe buchen. Einige brauchen Unterstützung, um zum Supermarkt zu gehen, andere dabei, ein Krankenhaus zu finden“, erklärte der Agentur-Chef Kirill Makoveev im Interview der Zeitung „La Nación“. „Wir können uns um alles kümmern. Den Unterschied machen die Spezialisten, die wir engagieren – davon hängt der Tarif ab.“
In Russland liegt der Durchschnittslohn bei 12.000 Dollar jährlich – selbst der günstigste Tarif ist damit für viele ein halbes Jahresgehalt. Diese Leistungen sind also einem bestimmten, gutverdienenden Teil der Gesellschaft vorbehalten. Viele Russinnen organisieren sich deswegen selbstständig – in unzähligen Telegram-Gruppen.
Eine davon ist die Gruppe „Giving Birth in Argentina“. Die Gruppe wurde im März 2022, kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs, gegründet und zählt mittlerweile über 5000 Mitglieder. Hier stellen junge Frauen Fragen, organisieren sich, tauschen Erfahrungen aus. Einige planen die Reise noch, einige sind gerade am Flughafen in Buenos Aires angekommen, andere haben bereits in einem argentinischen Krankenhaus entbunden.
„Soll ich bei der Einreise sagen, dass ich schwanger bin?“ „Wie lange brauche ich, bis ich eine Wohnung gefunden habe?“ „Mädchen, wie ist es in Argentinien mit den Babysachen? Kinderwagen und so weiter – lohnt es sich, etwas aus Russland mitzunehmen?“ Zu fast allen Fragen gibt es Antworten aus der Community.
In den letzten Tagen sammeln sich aber Nachrichten darüber, dass viele schwangere Frauen am Flughafen in Buenos Aires gestrandet sind. Auf Videos sind Frauen zu sehen, die auf dem Boden sitzen und darauf warten, dass es weitergeht. Vor allem Russinnen, die alleine reisen, scheinen Probleme beim Grenzübertritt zu haben. „Mein Mann wurde drei Stunden lang festgehalten und durfte dann gehen. Alleinstehende Männer sind eindeutig nicht ihr Ziel“, schreibt ein Mitglied.
Mit „ihr“ sind die argentinischen Behörden gemeint, die nun Ermittlungen eingeleitet haben. Geprüft werde, ob ein kriminelles Netzwerk hinter dem Geburtstourismus in das südamerikanische Land stecke, berichtete die Zeitung „La Nación“. Bei Hausdurchsuchungen im Stadtteil Puerto Madero in Buenos Aires wurden demnach Computer, Mobiltelefone, Einreisedokumente und Bargeld sichergestellt. „Es gibt Ermittlungen, wer hinter diesen Banden steckt, die Männer und Frauen hierherbringen. Das ist ein Millionen-Geschäft“, sagte die Leiterin der argentinischen Einwanderungsbehörde, Florencia Carignano.
In den Gruppen weiß man von dieser organisierten Kriminalität nichts.
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