Diplomatischer Balanceakt: Annalena Baerbock: „Ein Mann kann den Krieg morgen beenden“
Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) wird beim Besuch der Flender GmbH in Tianjin von Arbeitern begrüßt. Dort werden Getriebe und Antriebskomponenten für Windturbinen montiert.
Foto: dpaAnnalena Baerbock hat China vor einem militärischen Konflikt mit Taiwan gewarnt. Dies wäre ein „Horrorszenario“, sagte die Bundesaußenministerin am Freitag in Peking nach einem Treffen mit ihrem chinesischen Amtskollegen Qin Gang. „Eine Destabilisierung hätte Folgen für alle Länder, die Weltwirtschaft und auch für Deutschland“, fügte sie hinzu. Eine Wiedervereinigung Chinas mit Taiwan mit Gewalt sei für Europa nicht akzeptabel, sagte Baerbock.
Ein Krieg würde „Schockwellen“ senden und eine Weltwirtschaftskrise auch China und Deutschland treffen, mahnte sie mit Hinweis auch auf die wirtschaftliche Bedeutung Taiwans, etwa für die Chip-Industrie.
„Die zunehmenden Spannungen in der Taiwan-Straße beobachten wir mit großer Sorge“, kommentierte Baerbock. Qin Gang warf ausländischen Regierungen vor, Separatisten auf Taiwan zu unterstützen, das Teil Chinas sei. Die Regierung in Peking dulde keine Einmischung in innere Angelegenheiten. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und Teil der Volksrepublik. Baerbock hatte bereits am Donnerstag betont, dass eine Eskalation zwischen China und Taiwan auch Deutschland angehe und auf die Auswirkungen für den Welthandel verwiesen.
„Ein Mann kann den Krieg morgen beenden“
Darüber hinaus hat Baerbock China aufgefordert, mehr Einfluss auf Russland auszuüben, um den Krieg in der Ukraine zu stoppen. „Ein Mann kann den Krieg morgen beenden“, sagte sie bei ihrem Besuch mit Verweis auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sie mahnte nach einem Gespräch mit Außenminister Qin Gang, dass China Russland auch keine Waffen liefern soll. Sie verstehe nicht, wieso China bisher Russland nicht aufgefordert habe, den Krieg zu stoppen.
Nach Angaben von Qin liefert China keine Waffen in Krisengebiete. Auf die Frage, ob China Waffen an Russland liefere, sagte er, dass sich die chinesische Praxis nicht ändern werde. Eine Lieferung sogenannter Dual-Use-Güter, die auch militärisch genutzt werden können, prüfe man gemäß der gesetzlichen Vorgaben. Auf ihre Forderung, dass China seinen Einfluss auf Russland nutzen solle, den Ukraine-Krieg zu beenden, ging der chinesische Außenminister nicht weiter ein. China wolle einen Friedensschluss und werde nicht mehr Öl ins Feuer gießen, kommentierte er lediglich.
Baerbock pochte zudem auf die Universalität der Menschenrechte und kritisierte Chinas Umgang mit der Minderheit der Uiguren in der Region Xinjiang. Deutschland und die EU würden Unternehmen zur Einhaltung der Menschrechtsstandards verpflichten, was nicht nur für China, sondern weltweit gelte. Qin betonte, dass China bei den Menschenrechten seinen eigenen Weg gehe. Er lud Baerbock ein, nach Xinjiang zu reisen.
Gefahr der wirtschaftlichen Abhängigkeit
Zu Beginn ihrer China-Reise hatte sich Baerbock am Donnerstag in der Hafenstadt Tianjin mit deutschen Wirtschaftsvertretern getroffen und Projekte zum Ausbau Erneuerbarer Energien besucht. Ein neuer Klima- und Transformationsdialog beider Regierungen solle die Zusammenarbeit verstärken. Die Außenministerin betonte, dass es zwar keine Entkoppelung von China geben solle, aber sehr wohl einen Abbau der Risiken.
„Fehler sollte man bekanntlich nicht zweimal machen“, sagte sie mit Hinweis darauf, dass Deutschland bei Gaslieferungen zu stark von Russland abhängig gewesen sei. Deshalb sei wirtschaftliche Sicherheit eine der Kernfragen der China-Strategie, die die Bundesregierung derzeit erarbeite. Hintergrund ist die hohe Abhängigkeit deutscher Unternehmen etwa von einigen Rohstofflieferungen aus China.
Der konservative Flügel der SPD warnte einem Medienbericht zufolge das Auswärtige Amt vor einer „Anti-China“-Politik. Angesichts der Abhängigkeiten von der Volksrepublik müsse die Bundesregierung eine abgestimmte und einheitliche Strategie vorlegen, heißt es in einem Thesenpapier des Seeheimer Kreises, das dem „Spiegel“ vorliegt. „Die Außenministerin betreibt eine sehr moralbasierte Außenpolitik“, kritisierte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
„Wir können nicht die ganze Welt erziehen. Es ist gut, sich für Menschenrechte, für Demokratie, für Frauenrechte einzusetzen, aber am Ende muss man auch die deutschen Interessen ein bisschen sehen“, sagte der CSU-Chef den Sendern RTL und ntv.
Bereits vor dem Abflug nach China hatte Baerbock das Ziel betont, Chancen für eine künftige Zusammenarbeit mit Peking auszuloten und Gefahren einseitiger Abhängigkeit abzubauen. „Partner, Wettbewerber, systemischer Rivale – das ist der Kompass der europäischen China-Politik. In welche Richtung die Nadel künftig ausschlagen wird, liegt auch daran, welchen Weg China wählt“, sagte sie.
Am Nachmittag (Ortszeit) will Baerbock auch zu einem kurzen Gespräch mit dem chinesischen Vizepräsidenten Han Zheng zusammenkommen. Sie reist nach ihren Gesprächen in Peking nach Südkorea und anschließend nach Japan weiter.
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