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ChatGPT in der Industrie„In 70 Prozent der Fälle ist das Ergebnis nutzlos“

Barbara Frei-Spreiter leitet beim Siemens-Konkurrenten Schneider Electric den Bereich Industrielle Automation. Mit der deutschen Digitalisierung geht die Vorständin hart ins Gericht – und erklärt, warum ChatGPT aus ihrer Sicht überschätzt wird.Angela Maier 27.04.2023 - 13:38 Uhr

"Was ChatGPT macht, wird schon seit fünf, sechs Jahren angewendet", sagt Barbara Frei-Spreiter.

Foto: PR

WirtschaftsWoche: Es ist inzwischen zehn Jahre her, dass in Deutschland das Thema Industrie 4.0 aufkam, also die vernetzte Industrieproduktion. Sind wir inzwischen am Ziel?
Barbara Frei-Spreiter: Es läuft nicht gut genug aus meiner Sicht. Etwa 30 Prozent der Unternehmen wenden Lösungen für das industrielle Internet an, wie eine Studie des Elektroverbands ZVEI ergab. Noch weniger Unternehmen haben die Produktion durchgehend vernetzt.

Woran hapert es?
Das Management muss Digitalisierung wirklich wollen und Geduld sowie Geld aufbringen. Oft stehen auch alte Führungsstrukturen dagegen, in denen jeder noch sehr stark sein eigenes Ding macht. In der Digitalisierung muss man zusammenarbeiten. Das ist auch das Geheimnis der großen Unternehmen, die im digitalen Bereich relativ stark gewachsen sind.

Inwiefern liegt es auch an Ihnen, den Ausrüstern für digitale Fabriken wie Schneider und Siemens?
Eine große Hürde ist tatsächlich, dass wir in Europa nicht genug skalieren. Wir haben in der Automatisierung, wo die meisten Daten kreiert werden, noch überwiegend geschlossene Systeme: Wettbewerber A hat sein Automatisierungssystem, B hat sein System. Von unserer Seite treiben wir jetzt sehr stark die Öffnung unserer Systeme voran. Unsere Kunden wünschen sich Systeme, die Daten austauschen können, ohne dass man sie groß aufeinander abstimmen muss. Das ist eine Wende im Markt im Vergleich zur Situation vor fünf, sechs Jahren.

Zur Person
Barbara Frei-Spreiter ist seit 2017 bei Schneider Electric und seit Mai 2021 Executive Vice President Industrial Automation.

Wie digitalisiert ist Schneider Electric?
Wir haben bei Schneider seit 2017 in unseren eigenen 200 Werken ein Smart-Factory-Konzept. Damals haben wir zusammen mit den Mitarbeitenden in der Produktion Pläne ausgearbeitet, wie wir digitalisieren und unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen. Das brachte einen großen Motivationsschub für die Beschäftigten. Zugleich haben wir damit viele Mitarbeitende darin ausgebildet, Produktionsstätten zu digitalisieren, und Beratungspraxis aufgebaut.

Wie groß sind die Unterschiede in Sachen Digitalisierung zwischen verschiedenen Ländern?
Ich bin Schweizerin. In der Schweiz ist der Druck auf die Konkurrenzfähigkeit so hoch, dass viele Unternehmen schneller digitalisieren, um Produktivitätsgewinne einzufahren. Das sehen wir auch bei unseren Distributoren, die in der Schweiz über 80 Prozent ihres Geschäfts online abwickeln. In Großbritannien haben wir noch heute einen Distributor, der die Bestellungen seiner Kunden per Fax entgegennimmt.

Welche Rolle spielen Deutschland und Europa überhaupt noch in Schneiders strategischen Überlegungen und Investitionsplänen?
Eine sehr große. Als Schweizerin bin ich überzeugte Europäerin. Europa ist der Weltmeister in der industriellen Produktion, und der deutsche Mittelstand ein extremer Innovator. Egal zu welchem Kunden man in China oder Indien geht und welche Applikation man anschaut: Irgendein deutscher Mittelständler hat irgendeine spezielle Komponente darin, die eine Funktion bringt, die sonst niemand kann. Diese Position müssen wir in Europa weiter ausfüllen. Deshalb bin ich froh, dass wir jetzt auch für Europa einen „Chips Act“ haben.

In einer Umfrage unter deutschen Maschinenbaubetrieben sagten soeben 97 Prozent der Befragten, dass ihnen Fachkräfte fehlen.
Das ist generell korrekt, aber auch Jammern auf hohem Niveau. Unsere Fachkräfte sind sehr gut, und unsere dualen Ausbildungssysteme in Deutschland sind weltweit Benchmark. Wir müssen als Europäer auch ein gewisses Selbstvertrauen zeigen gegenüber der Welt. Wir können Technik und Innovation!

Künstliche Intelligenz

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Warum wachsen neue Technologieunternehmen dennoch eher in den USA und China heran?  
Was mir in Europa wirklich Sorge macht, ist die Skalierung. Gewisse Start-ups in China und USA sind so erfolgreich, weil sie einen einheitlichen großen Markt haben – und darin relativ schnell wachsen können. In Europa herrschen in jedem Land unterschiedliche Standards. Nehmen Sie als Beispiel Solarwechselrichter: Die sind in der Schweiz anders als in Deutschland, und in Frankreich und Spanien wieder anders. Das heißt: Für jedes Land muss ich Anpassungen fahren. Europa muss lernen, Standards besser zu vereinheitlichen – gerade, wenn’s um neue Dinge wie die Energiewende geht.

Automatisierungsanbieter wie Siemens und Schneider Electric dominieren noch die europäischen Fabriken, doch die großen US-Cloudanbieter wie Amazon und Microsoft dringen auch in diesem Bereich immer stärker vor. Wie groß ist die Gefahr, von ihnen abgehängt zu werden?
Diese Konzerne sind keine Automatisierungsspezialisten, sondern für uns Partner. Es gibt klare Verantwortlichkeiten, wer was macht. Zu verstehen, wie ein Produktionsprozess abläuft und wie man ihn optimieren kann, das werden die Cloudanbieter nie können. Sie stellen Infrastruktur wie die Telekommunikationsunternehmen. Die Domänen-Expertise gehört uns. Das wird immer ein Zusammenspiel sein.

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Welche Rolle wird künstliche Intelligenz in der Industrieproduktion spielen? 
Die KI wird uns helfen, noch produktiver zu werden, höhere Qualität zu erzeugen, besser vorhersehen zu können, wann eine Wartung ansteht. Am Ende wird aber immer eine Empfehlung stehen. Ich glaube nicht, dass die KI selbst Entscheidungen treffen wird. 

Lesen Sie auch: Die KI würfelt nicht – oder doch?

Siemens arbeitet daran, dass die KI ChatGPT künftig auf Anweisung des Fachpersonals Software-Codes für Maschinensteuerungen schreibt. 
Das haben wir auch schon gemacht. Wenn man bei ChatGPT etwas eingibt, kommt in 30 Prozent der Fälle etwas Brauchbares heraus. In 70 Prozent der Fälle ist das Ergebnis nutzlos. Das wird sich mit der Zeit verbessern. Aber: Bevor diese Software auf die Maschinensteuerung geladen wird und produktiv wird, wird es immer einen Entwickler geben, der sie kontrolliert.

Ist denkbar, dass eine KI irgendwann eine Fabrik übernimmt und dann auf einmal etwas ganz anderes fertigt?
Das glaube ich nicht. Die KI beschleunigt unsere Entscheidungen, aber die Entscheidungen treffen immer noch Menschen.

Aber wir stehen bei KI doch noch ziemlich am Anfang. 
Nein, die Algorithmen für die KI entstanden schon in den achtziger Jahren. Was ChatGPT macht, wird schon seit fünf, sechs Jahren angewendet. Was sich geändert hat, ist die Rechenleistung. Aber auch die stößt an Grenzen. Es gibt Start-ups, die daran arbeiten, die Rechenleistung zu optimieren, um noch mehr berechnen zu können. Kritisch wäre, wenn letztlich nicht mehr transparent wäre, dass KI hinter den Endergebnissen steckt. Dann wäre die Politik gefragt, mit Regulierungen einzugreifen.

ChatGPT: Wie die KI funktioniert und welche Einsatzgebiete es gibt
OpenAI wurde 2015 als gemeinnützige Forschungs- und Entwicklungsorganisation vom Tesla- und Twitter-Chef Elon Musk sowie dem Technologie-Investor Sam Altman gegründet. Zu den Investoren zählt außerdem der PayPal-Mitgründer Peter Thiel. Im Jahr 2019 wurde ein gewinnorientierter Ableger gegründet, um externe Investitionen einzusammeln. Auch der Software-Konzern Microsoft sicherte sich Anteile an dem Unternehmen, dass bei der jüngsten Finanzierungsrunde Insidern zufolge mit 20 Milliarden Dollar bewertet wurde.Musk verließ den Verwaltungsrat von OpenAI 2018, lobte ChatGPT auf Twitter allerdings als "erschreckend gut". Allerdings kündigte er später an, den Zugriff von OpenAI auf die Datenbank des Kurznachrichtendienstes vorerst zu sperren. Er habe gerade erst erfahren, dass OpenAI die Daten nutze, um die KI zu trainieren.
Mögliche Anwendungsbereiche für das Programm sind Digital-Marketing oder die Beantwortung von Kunden-Anfragen. Einige Nutzer habe ChatGPT sogar dafür genutzt, Software-Code auf Fehler zu prüfen.
OpenAI zufolge kann ChatGPT einen menschlichen Dialog simulieren, Nachfragen beantworten, Fehler eingestehen, falsche Annahmen revidieren und unangemessene Anfragen zurückweisen. Trainiert werde die Künstliche Intelligenz nach der Methode "Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF)". Dabei bewerten Menschen Schlussfolgerungen, die die Software zieht, um künftige Ergebnisse zu verbessern.ChatGPT versucht Fragen von Nutzern zu verstehen und in einer schriftlichen Konversation so zu beantworten, wie es ein Mensch täte.
OpenAI hat eingeräumt, dass ChatGPT die Tendenz hat, „plausibel klingende, aber falsche oder sinnlose Antworten" zu liefern. Die Behebung dieses Problems sei schwierig. Außerdem können durch KI Vorurteile zu ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht oder Kultur weiterverbreitet werden. Auch Google und Amazon hatten mit ethisch fragwürdigen Entscheidungen ihrer jeweiligen KI-Projekte zu kämpfen. Bei anderen Unternehmen mussten Menschen eingreifen, um ein durch die Software verursachtes Chaos einzudämmen.

Sehen Sie andere vergleichbare KI-Modelle, die es in die Industrieproduktion schaffen werden?
Natürlich. Zu ChatGPT, einem sogenannte Large Language Model, gibt es einige Konkurrenzprodukte, beispielsweise wie XLNet oder BERT.  Diese sind in manchen Punkten schlauer als ChatGPT, in manchen weniger schlau.

Zurück zu Schneider: Ihr Chairman und CEO Jean-Pascal Tricoire übergibt nach 20 Jahren an der Spitze Anfang Mai an den bisherigen Chef Ihrer Software-Tochter Aveva, den Saarländer Peter Herweck. Tricoire will sich auf seinen Chairman-Posten konzentrieren. Wie groß ist der Umbruch durch diesen Führungswechsel?
Das werden wir sehen. Peter Herweck hat bisher auch im Vorstand noch keinerlei Aussagen getroffen.

In der Mitteilung zum Wechsel attestierte Tricoire seinem Nachfolger die „Fähigkeit, radikale Transformationen zu entwickeln, zu initiieren und voranzutreiben“. Wird bei Schneider demnächst radikal umgebaut?
Das würde ich daraus nicht ableiten. Aber ich würde auf das Folgende hinweisen: Für sämtliche Fortschritte in der industriellen Software war Peter verantwortlich. Wir haben das britische Software-Unternehmen Aveva gekauft, dort unseren Software-Teil integriert und im Dezember die restlichen 40 Prozent an Aveva erworben. Auch den wichtigen Kauf der Prozesssoftwarefirma Osisoft hat Peter vorangetrieben. Für mein Geschäft der industriellen Automation macht das einen riesigen Unterschied. Dadurch, dass wir Software für den Bereich Operations haben, können wir die Fabriken unserer Kunden besser optimieren. Unsere neue Steuerungsplattform „Automation Expert“ ist mit der Aveva-Systemplattform verknüpft. Das erlaubt eine viel schnellere Anbindung im Betrieb. Wobei unsere Software agnostisch ist und auch beispielsweise mit Steuerungen von Siemens oder Rockwell läuft.

Manche hätten auch Ihnen Chancen auf den Chefjob eingeräumt. 
Weil ich eine Frau bin?

Nein, weil Sie auch erfolgreich Karriere bei Schneider gemacht haben. Sind Sie jetzt enttäuscht?
Nein. Ich liebe meinen Job wirklich (lacht).

Lesen Sie auch: Wo IT-Anbieter die KI einsetzen wollen – und wie sie die Informatik verändern wird

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