Chipkrise: Infineons neue Chipfabrik in Dresden – eine „fantastische Investition“?
Auf dem Infineon-Campus im Dresdner Norden wühlen sich seit Wochen Bagger in die Erde. Auf einer Wiese daneben haben Arbeiter ein riesiges Zelt aufgebaut, für die Prominenz aus Politik und Wirtschaft, die sich zum Spatenstich für das neue Chipwerk am 2. Mai angekündigt hat: darunter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU). Der Besuch von der Leyens sei ein „gutes Signal“, welche Bedeutung auch Brüssel dem neuen Werk beimesse, erklärt Sachsens Staatsminister und Staatskanzleichef Oliver Schenk (CDU) in einem Pressegespräch. Das Werk sei eine „wirklich fantastische Investition“.
Tatsächlich rief die Kommission angesichts der durch die Pandemie mitverursachten Halbleitermangels schon vor über zwei Jahren das Ziel aus, den Anteil Europas an der Welt-Halbleiterproduktion von acht Prozent auf 20 Prozent im Jahr 2030 mehr als zu verdoppeln. Seither wurde mehr diskutiert, als dass neue Werke entschieden oder gar gebaut worden wären. Erst vor zwei Wochen wurde auch für Europa ein „Chips Act“ beschlossen, acht Monate nach den USA. Dieser erlaubt den nationalen Regierungen, Subventionen für innovative Fabriken zu zahlen.
Infineon strebt für seine Gesamtinvestition von fünf Milliarden Euro eine staatliche Förderung von rund einer Milliarde Euro ein. Das neue Infineon-Werk in Dresden mit 1000 Beschäftigten könnte eines der ersten werden, das von Europas „Chips Act“ profitiert. In dem neuen EU-Regelwerk werden erstmals auch Innovationen im Herstellungsprozess als förderfähig klassifiziert.
Genau darauf setzt Infineon mit seiner „Smart Power Fab“: Sie ermöglicht erstmals die flexible Produktion zweier verschiedener Halbleiterarten: von Leistungshalbleitern, um Strom möglichst verlustarm zu schalten, sowie „Analog Mixed Signal Chips“, also Logikchips, die Daten verarbeiten und unter anderem in der E-Mobilität eingesetzt werden. „Die Flexibilität im Fertigungsprozess ist einzigartig“, sagt Raik Brettschneider, Leiter des Infineon-Standorts in Dresden.
Während der US-Riese Intel und der weltgrößte Chip-Auftragsfertiger TSMC aus Taiwan noch um Subventionen pokern, schafft Infineon Fakten. Im Februar holte der Konzern beim Bundeswirtschaftsministerium die „Genehmigung für einen vorzeitigen Projektbeginn“ ein. Damit konnten die Erdarbeiten in Dresden beginnen, ohne dass dies für eine spätere Förderung schädlich wäre. Die Anträge auf Förderung hat Infineon gestellt, das Beihilfeverfahren bei der EU-Kommission läuft. Noch diesen Herbst soll der Rohbau starten, im Herbst 2026 soll die Fabrik laufen. Brettschneider: „Das Umsatzpotenzial bei voller Auslastung liegt auf dem Niveau der Investitionen“, also fünf Milliarden Euro pro Jahr.
Infineon in Dresden: Hochautomatisierte neue Fabrik
Es wird Infineons viertes Werk auf dem Dresdner Campus sein und die Chips auf superdünnen Siliziumscheiben mit 300 Millimetern Durchmessern fertigen – ein besonders effizientes Verfahren. Eines der drei bestehenden Werke produziert bereits in dieser Fertigungstechnik: Die Fabrik läuft 24 Stunden sieben Tage die Woche hochautomatisiert; die Behälter mit den Wafern rasen im Reinraum von der Decke hängend wie durch Geisterhand gesteuert von Werkstatt zu Werkstatt. Menschen werden hier praktisch nur noch gebraucht, um die Anlagen zu überwachen, die Arbeitsplätze seien „hochqualifiziert“, betont Brettschneider. Während der Pandemie wurde die Produktion teilweise sogar aus dem Homeoffice gesteuert.
Obwohl die Bagger gerade erst begonnen haben, bereiten sich auch Zulieferer schon auf das neue Chipwerk vor. Der Dresdner Sondermaschinenbauer Fabmatics, ein Mittelständler mit 250 Mitarbeitern, hat bereits acht Leute nur dafür eingestellt. Fabmatics-Systeme transportieren und lagern die Transportbehälter. Man arbeite schon jetzt daran, Infineons neue Chipfabrik an die Altgebäude anzubinden, sagt Fabmatics-Geschäftsführer Roland Giesen.
Der Fabmatics-Chef schätzt, dass pro Arbeitsplatz in einer Chipfabrik mindestens fünf weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern entstehen. Die Kalkulation, dass ein Arbeitsplatz in dem neuen Chipwerk mit einer Million Euro subventioniert werde, nennt Giesen deshalb eine „Milchmädchenrechnung“. Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Netzwerkvereins „Silicon Saxony“, schätzt pro Job in der Chipfabrik sogar acht Stellen bei Zulieferern.
Der gesamte Halbleiter-Cluster aus Dresden, Leipzig und Chemnitz mit 70.000 Mitarbeitern bezeichnet sich selbst als Europas größter Mikroelektronik-Cluster und entstand zu DDR-Zeiten Anfang der sechziger Jahre. Nukleus war die 1961 in Dresden gegründete „Arbeitsstelle für Molekularelektronik“, das Zentrum für Mikroelektronik der DDR. Die DDR hatte die Dünnschichttechnologie mit hohen Summen entwickelt; in diese Technik flossen etwa sieben Prozent der gesamten Industrieinvestitionen. Nach der Wende übernahm 1994 Siemens das Zentrum für Mikroelektronik und baute auf einem ehemaligen russischen Truppenübungsplatz das erste neue Chipwerk. Siemens‘ Chipsparte ging 2000 als Infineon an die Börse.
„Wir sind schon froh, wenn wir unseren Anteil halten“
In Dresden finde etwa die Hälfte der europäischen Chipproduktion statt, sagt Sachsens Staatskanzleichef Schenk. Die 17 Milliarden Euro, die die Bundesregierung an Förderungen für Chips in den Haushalt eingestellt habe, müssten fortgeschrieben werden. „Sonst droht das ein Strohfeuer zu werden.“ Allein Intel verlangt für seine 17-Milliarden-Euro-Fab mindestens 10 Milliarden Euro an Subventionen.
Erweitert wird schon jetzt überall: auch beim Auftragsfertiger GlobalFoundries, beim Optikspezialisten Jenoptik und bei Bosch. Infineon stößt in Dresden wohl an Grenzen: „Das Grundstück wird mit der neuen Fabrik komplett belegt sein“, sagt Standortchef Brettschneider.
Doch auch der Welthalbleitermarkt wächst und wächst und könnte sich bis 2030 gegenüber 2021 auf eine Billion Dollar annähernd verdoppeln, wie etwa die Unternehmensberatung McKinsey prognostiziert. „Wir sind vielleicht schon froh, wenn wir unseren Anteil halten“, sagt Staatsminister Schenk. So gesehen ist Infineons größte Einzelinvestition der Geschichte womöglich nicht viel mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
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