Aleph-Alpha-Gründer Jonas Andrulis: „Wir verbünden uns mit den besten Unternehmen der Welt“
Jonas Andrulis
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Zusammen mit Samuel Weinbach gründete der Wirtschaftsingenieur Jonas Andrulis 2019 in Heidelberg Aleph Alpha – das heute als größte deutsche KI-Hoffnung gilt. Im Vergleich zu den IT-Giganten aus den USA ist das Unternehmen mit seinen 50 Mitarbeitern zwar ein Winzling, aufgrund seiner einzigartigen Technologie wird es derzeit dennoch von den Großen der Branche umworben.
WirtschaftsWoche: Herr Andrulis, Ihr Start-up hat gerade eine Allianz mit Hewlett Packard Enterprise (HPE), einem der bedeutendsten IT-Konzerne der Welt, geschlossen. HPE wird Sprachmodelle per Supercomputer über seine Plattform Greenlake offerieren und startet mit Aleph Alpha. Wie kam es dazu?
Jonas Andrulis: Wir hatten erste Kontakte mit HPE als wir unser Rechenzentrum aufgebaut haben. Und haben festgestellt: Die liefern nicht nur Hardware, sondern denken mit, haben im Bereich Künstliche Intelligenz wirklich gute Leute. Diese wiederum haben gesehen, was wir machen. So sind wir ins Gespräch gekommen und haben festgestellt, dass wir gemeinsame Ziele haben. Also beispielsweise die Souveränität der Kunden sicherstellen, die sich nicht an einen einzigen Cloud-Anbieter binden wollen.
Was erreichen Sie durch die Allianz, was vorher nicht möglich war?
Wir sind aktuell nur 50 Leute und werden komplett von Anfragen überrannt. Da hilft HPE natürlich mit seiner Vertriebsmacht. Sie kennen aus Erfahrung viele Probleme, die beim Kunden auftreten. Und haben natürlich super Kontakte zu vielen spannenden Unternehmen.
Also geht es hauptsächlich um Vertrieb?
Nein. Wir können die KI-Cloud auch selbst nutzen und sie unseren Kunden bereitstellen. Wenn ein Unternehmen also eine hybride Lösung haben will, teils in der Cloud, teils im eigenen Rechenzentrum, können wir das nun offerieren.
Sie behalten ihr eigenes Rechenzentrum?
Ja. Wir haben Kunden, die nicht möchten, dass ihre Daten in die Cloud geladen werden, egal bei welchem Anbieter. Sie wollen, dass wir das machen.
Haben Sie das denn vor?
Nicht gezielt. Sagen wir so: Ich habe lieber einige sehr gute Partnerschaften als viele mittelmäßige.
Grafikprozessoren für Künstliche Intelligenz werden derzeit stark nachgefragt. Elon Musk hat sie schon mit Drogen verglichen. Wie stellen Sie Ihren Nachschub sicher?
Da helfen gute Partnerschaften. Ich sehe das für unsere nächste Wachstumsstufe allerdings nicht als limitierenden Faktor.
Aleph Alpha wird oft als das ChatGPT Europas bezeichnet. Was ist der größte Unterschied?
Wir konzentrieren uns auf Industrie und öffentliche Verwaltung. Salopp gesagt: Wir haben kein Interesse daran, Technologie zu entwickeln, die die Hausaufgaben der Kinder macht.
Es wird also keine Version für Konsumenten geben?
Für immer will ich das nicht ausschließen. Aber momentan sind wir mit dem Unternehmensgeschäft voll ausgelastet.
Die Aussagen Ihres Modells sind verifizierbar, die Quellen werden offengelegt. Wie wichtig ist das im täglichen Einsatz?
Gerade für Unternehmen ist das im Gegensatz zu Konsumenten entscheidend. Man kann bei jeder faktischen Aussage sehen, woher die Belege dafür kommen. Aber auch, was dagegenspricht. Es gibt in vielen Fällen keine endgültige Wahrheit. Um abwägen zu können, braucht man den vollen Kontext. Der muss nachvollziehbar sein und dokumentiert werden.
Dass Künstliche Intelligenz einfach Gerichtsentscheidungen für eine Klageschrift erfindet, wie gerade in den USA passiert, wo sich ein Anwalt damit blamierte, dürfte dann nicht mehr vorkommen?
Ich sage nicht, dass unser Modell keine Fehler macht. Aber es versetzt seinen Nutzer in die Lage, die gegebenen Informationen zu verifizieren.
Künstliche Intelligenz ist derzeit das überragende Thema in der Wirtschaft. Wie schlägt sich das bei Ihnen nieder?
Es ist wild. In den vergangenen zwei Wochen hatten wir eine dreistellige Anzahl von Anfragen. Weil sich momentan jedes Unternehmen über seine KI-Strategie Gedanken macht.
Sie haben bislang erst 28 Millionen Euro eingesammelt. OpenAI, der Schöpfer von ChatGPT, hat von Microsoft eine Finanzierungszusage von über zehn Milliarden Dollar. Können Sie mit der vergleichsweisen bescheidenen Summe das Geschäft über Wasser halten?
Nicht ewig. Da müssen wir irgendwann mal wieder Geld einsammeln.
Wie schwierig war das Einwerben von Kapital, bevor ChatGPT das Interesse von Investoren für Künstliche Intelligenz angestachelt hat?
Wir haben europäische Kapitalgeber. Große Summen für Deep Tech sind ungewöhnlich, das gab es in Deutschland nur für E-Commerce. Meine erfolgreiche unternehmerische Vergangenheit, meine Arbeit in der KI-Forschung für Apple, hat geholfen. Ohne die wäre es nicht gegangen.
Wie ist es nun?
Jetzt müssen wir niemandem mehr erklären, dass Künstliche Intelligenz die Welt verändern wird. Das haben jetzt alle geschluckt. Dafür muss ich mir andere Fragen gefallen lassen.
Zum Beispiel?
Ob es uns in zwei Jahren überhaupt noch gibt, weil uns Microsoft oder Google platt machen.
Und was antworten Sie darauf?
Der Wettstreit ist nicht Aleph Alpha gegen Microsoft. Sondern Aleph Alpha, gemeinsam mit Hewlett Packard Enterprise oder SAP. Wir verbünden uns mit den besten Unternehmen der Welt, die ihre Souveränität ja auch erhalten wollen. Nur so kann es funktionieren.
Wird es nicht eine Vielfalt von KI-Modellen geben?
Schon. Aber ich erwarte eine Konsolidierung wie im Cloud-Bereich, wo einige große Unternehmen den Markt dominieren.
Momentan wird ein europäisches KI-Gesetz diskutiert, das in der Branche umstritten ist. Wie sehen Sie das?
Es behindert, vor allem als Start-up. Keine Frage, Transparenz über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Energieeffizienz sind wichtig. Aber damit haben wir uns vorher auch schon befasst. In der allgemeinen Regulierung sind viele schwierige Sachen drin. Man soll als Hersteller einer Basistechnologie Verantwortung übernehmen, dass keine Grundrechtsverletzungen mit den Modellen geschehen. Aber wie soll ich das sicherstellen, was andere damit machen?
Wird es die noch junge KI-Branche in Deutschland bremsen?
Das sieht so aus. Es gibt eine Umfrage unter Investoren und Unternehmern, die zeigt, dass dies Investitionen verringern wird und zum Abwandern von Unternehmen führt. Die KI-Branche, die in Europa ohnehin nicht auf der Pole Position steht, muss also eine zusätzliche Hürde überwinden.
Wie stark ist denn Ihr Bekenntnis zum Standort Deutschland?
Wir haben mit Absicht in Heidelberg gegründet und nicht in den USA. Ich möchte gerne Europa unterstützen. Wir brauchen diese Industrie. Ich bin überzeugt, dass es in aller Interesse wäre, wenn Europa nicht nur durch Regulierung zu KI beiträgt, sondern auch durch eigene Kompetenz, durch Gestalten. Wenn wir in Europa allerdings nicht überleben können, dann müssen wir reagieren. Aber meine Präferenz ist Heidelberg.
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