Carsten Linnemann: Der CDU-Chef und sein Einfach-mal-machen-Mann
CDU-Chef Friedrich Merz mit Carsten Linnemann, der einstimming zum neuen - zunächst kommissarischen - Generalsekretär der Partei gewählt worden ist.
Foto: dpaFür Friedrich Merz ist es wohl auch eine Art Befreiungsschlag in eigener Sache. Noch rechtzeitig vor den wichtigen Wahlen jetzt im Herbst und dann im kommenden Jahr soll der Wechsel des Generalsekretärs von Mario Czaja zu Carsten Linnemann die mauen Umfragewerte der CDU wieder in die Höhe treiben. Und den Partei- und Fraktionschef letztlich auch davor bewahren, dass aus dem internen Murren über ihn lautstarke Kritik und handfeste Opposition wird.
Mögliche Konkurrenten um den Posten des Kanzlerkandidaten halten sich schon bereit. Das dürfte dem Sauerländer Merz spätestens klar gewesen sein, als Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst im Juni pünktlich zum Kleinen Parteitag ein Denkstück in der „FAZ“ und ein Interview in der „Rheinischen Post“ zum Zustand seiner Partei platzierte. Merz und andere in der CDU verstanden das als eine Art vorzeitige Bewerbung für eine mögliche Kanzlerkandidatur – auch wenn Wüst und sein Umfeld sich sofort bemühten, diesen Eindruck zu zerstreuen.
Und wer weiß, welche Ambitionen CSU-Chef Markus Söder in der K-Frage trotz gegenteiliger Beteuerungen noch entwickelt, sollte er bei der Landtagswahl in Bayern am 8. Oktober mehr als 40 Prozent holen.
Murren in der CDU über Merz
Schon länger wird Merz in der CDU angelastet, dass die Union trotz des teils desaströsen Erscheinungsbildes der Ampel-Koalition in den Umfragen bei Werten meist unter 30 Prozent dahindümpelt.
Frauen, junge Menschen, Großstädter – sie alle erreiche Merz nicht, ist von Kritikern in den eigenen Reihen zu hören. Anders als die frühere CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel schaffe er es nicht, die Partei über ihre konservative Kernklientel hinaus breiter aufzustellen. Manche in der Partei sind ausnehmend skeptisch, ob die CDU trotz des aktuellen Vorsprungs in den Umfragen die Bundestagswahl 2025 mit Merz tatsächlich gewinnen kann.
Um genau diese Kernklientel dürfte es Merz mit der Entscheidung für den ausgewiesenen Wirtschaftsliberalen Linnemann gehen. Völlig unerwartet dürfte die Rotation für viele in der CDU nicht gekommen sein. Der aus Ostberlin stammend Czaja stand intern schon länger in der Kritik. Zu wenig öffentlichkeitswirksam war er vielen mit seiner eher ruhigen und auf Ausgleich bedachten Art. In den Ländern sei er gar nicht erst ernst genommen worden, war von Kritikern zu hören.
Linnemann - der Machertyp
Mit Linnemann dürfte sich das nun ändern. Eloquent, selbstbewusst, gern auch mal provokativ – wenn der 45 Jahre alte Paderborner loslegt, ist er kaum zu bremsen. In Talkshows ist er gern gesehener Gast. Wer ihm zuhört, merkt schnell, dass er für sein Thema brennt: die Wirtschaftspolitik. Linnemann präsentiert sich gern als einer, der anpackt, der Bedenken genauso zur Seite schieben will wie hemmende Vorschriften. „Einfach mal machen“ lautet ein von ihm oft gehörter Slogan. Den Macher gab er am Mittwoch auch nach seiner einstimmigen Ernennung durch den CDU-Bundesvorstand: „Ich muss jetzt hart arbeiten. Das wird eine richtig, richtig harte Arbeit.“
In Partei und Fraktion gilt Linnemann als gut vernetzt - anders als Czaja, der erst seit 2021 im Bundestag sitzt. Linnemann ist seit 2009 Abgeordneter, von 2018 bis 2021 war er Vize-Fraktionschef. Seit 2013 gehörte er dem CDU-Bundesvorstand an, unter Merz wurde er Anfang 2022 stellvertretender Bundesvorsitzender. Merz machte ihn auch zum Vorsitzenden der CDU-Programm- und Grundsatzkommission
In CDU und Unionsfraktion ist der Wirtschaftsexperte bekannt als flammender Vertreter der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard. Von 2013 bis 2021 war Linnemann Chef der rund 25 000 Mitglieder zählenden Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT).
Manche in der CDU sagen, Linnemann, Nordrhein-Westfale wie Merz, sei für diesen schon im Januar 2022 bei seiner Kür zum CDU-Vorsitzenden die erste Wahl als Generalsekretär gewesen. Merz habe aber Czaja den Vorzug gegeben, um den Ost-Verbänden einen aus ihren Reihen zu bieten. Und um – als früherer Blackrock-Manager - mit dem Ex-Gesundheits- und Sozialsenator Czaja sozialpolitisch einen Kontrapunkt zu seinem eigenen, harten Wirtschaftsprofil zu setzen.
Merz – Konzentration auf konservative Kernthemen
Klar wird immer stärker, wie Merz in das Jahr 2024 mit der Europawahl und den wegen hoher AfD-Umfragewerte schwierigen Wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg ziehen will: mit einer Konzentration auf die konservativen Kernthemen Wirtschaft und Sicherheit.
In der Partei heißt es, der eher liberalere Kurs der Öffnung habe sich für Merz offenbar nicht gelohnt. Da sei es aus seiner Sicht nur folgerichtig, sich mit Linnemann einen „kleinen Friedrich“ auf den Posten des wichtigsten Vertrauten in der Partei zu holen. Linnemann werde den Kurs von Merz noch verstärken. Dass die Gesundheits- und Sozialpolitik in der Partei unterrepräsentiert sei, nehme Merz hin.
Ob der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter vor diesem Hintergrund Gehör findet? Im ZDF riet er Merz, die Partei nun stärker in der Mitte zu verorten, um das gesamte Wählerpotenzial abzudecken: „Wenn er jetzt einen Generalsekretär hat, der sehr konservativ ist, hat er die Chance, die Brücken zu bauen, die nötig sind, zur gesellschaftlichen Mitte, auch zu den Grünen, zu den Liberalen.“
Merz-Skeptiker sehen anhaltendes Merkel-Trauma
Rätselraten gibt es in der CDU auch, mit welchem Rezept Merz die hohen Umfragewerte der AfD gerade im Osten bekämpfen will. Zudem ist bei ihm von einem anhaltenden Merkel-Trauma die Rede. Frühere Vertraute der damaligen Kanzlerin und CDU-Chefin hätten bei ihm gelinde gesagt einen schlechten Stand, ist zu hören. Merkel hatte Merz zu Beginn ihrer Karriere vom Posten des Fraktionschefs verdrängt. Das hat Merz nie vergessen.
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