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Riedls Dax-RadarPokern auf Zinsentspannung und gute Unternehmenszahlen

Die Zinseuphorie steigt, doch der Ölpreis könnte sie wieder dämpfen. Um so wichtiger wird die anstehende Zahlensaison. Hoffnung dafür gibt es: Bei Überflieger SAP – und sogar beim angeschlagenen Großchemiker BASF.Anton Riedl 14.07.2023 - 13:30 Uhr
Foto: Getty Images, Illustration: Marcel Reyle

Überraschend geringe Preissteigerungen in den USA schüren die Hoffnung auf ein Ende von Inflation und restriktiver Geldpolitik – und lösen an den Märkten ein Kursfeuerwerk aus. Der Technologieindex Nasdaq 100 steigt mit 15.581 Punkten auf das Niveau von Januar 2022, der Dax hat mit fast 16.200 Zählern den Einbruch der ersten Julihälfte komplett ausgebügelt.

Ist das leidige Thema Inflation an den Märkten nun endlich vom Tisch? Kommt es zur anstehenden Fed-Sitzung am 26. Juli womöglich sogar überhaupt nicht mehr zu einer Zinserhöhung – oder wenn, dann mit versöhnlichem Wording abgeschwächt? 

Mit drei Prozent ist die monatlich festgestellte und aufs Jahr gerechnete Inflation in den USA nur noch ein Drittel so hoch wie vor einem Jahr. Das ist ein deutlicherer Rückgang als noch vor wenigen Monaten erwartet. Zudem zeigt dies, dass die Abwärtsdynamik im mittleren Bereich um fünf Prozent in den Daten nicht gebremst wird. Vor allem seit April fällt der Rückgang von 4,9 Prozent auf 4,0 Prozent und jetzt 3,0 Prozent ungewöhnlich dynamisch aus. 

Ob es in diesem Tempo weitergeht, ist fraglich. Ein wesentlicher Teil der Inflationsentspannung ist auf die Beruhigung an den Energiemärkten zurückzuführen. Die hier wichtigste Kurve, der Ölpreis, hat sich seit den Spitzen von über 120 Dollar in der ersten Hälfte vergangenen Jahres zuletzt auf unter 80 Dollar abgebaut. In Mai und Juni, den Monaten mit den besonders deutlich gesunkenen Inflationsraten, lag er mit einem Durchschnittswert von nur noch 75 Dollar für ein Fass Brent so niedrig wie zuletzt im Herbst 2021. 

Seit Juli aber wird Öl wieder merklich teurer. Mit aktuell über 80 Dollar haben die Notierungen die Schiebezone von Mai und Juni wieder nach oben verlassen. Ein Anstieg zu den Kursspitzen von Januar bis April, die im Bereich um 87 Dollar lagen, wird damit wahrscheinlicher. 

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Zum Aufwärtsdrang der zentralen Rohstoffkurve kommt ein brisanter Basiseffekt der Statistik. Im Juni 2022 hatte die US-Teuerung mit 9,1 Prozent ihren Peak erreicht. Diese vergangenen Anstiegsdynamik hat die jüngsten 2023er-Zahlen besonders günstig ausfallen lassen, da die gegen die besonders hohen Daten von 2022 gerechnet werden. 

Doch ab Juli 2022 ging die Inflation zurück. In den nächsten Monaten gibt es damit einen negativen Basiseffekt, der sich in jeder neuen Inflationszahl bemerkbar macht. Die Kombination aus robustem Ölpreis und ungünstiger Statistik könnte damit die Inflationsraten in den nächsten Monaten wieder wesentlich unbequemer ausfallen lassen. 

Bondmärkte bleiben angespannt

Wie brisant die Lage bei den Zinsen ist, zeigen besonders die Anleihemärkte. Nach der jüngsten Entspannung ist die Rendite für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen in einem Rutsch von 4,1 auf 3,75 Prozent abgesackt. Die Dynamik des Rückschlags ist ähnlich wie Anfang März. Auch hier hatte es vorher einen Anstieg bis auf knapp 4,1 Prozent gegeben. Dann gingen die Renditen im April bis auf 3,3 Prozent nach unten – nur um danach wieder schrittweise bis auf 4,1 Prozent zu klettern. 

Der jüngste Rückgang der Renditen signalisiert durchaus, dass der Inflationsdruck nicht mehr das ungewöhnliche Niveau von 2022 hat. Dennoch ist der Kampf gegen die Teuerung noch nicht gewonnen. Die Erfahrung mit bisherigen Inflationsphasen zeigt, dass es vor allem in der fortgeschrittenen Entwicklung zu trügerischen Entspannungen kommen kann und es für die Geldpolitik gefährlich ist, zu früh den Hebel wieder umzulegen. Und da sowohl Fed als auch EZB mit dem Vorwurf leben müssen, die Inflationsgefahren lange Zeit nicht angemessen erkannt zu haben, dürften sie jetzt im Zweifel eher auf der vorsichtigen Seite bleiben. In den USA könnte es damit nach wie vor noch zwei weitere Zinserhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte in diesem Jahr geben. 

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Zitterpartie um BASF, strategische Chancen bei SAP

Im Mittelpunkt der nun anlaufenden Zahlensaison der Dax-Werte steht ein Unternehmen, bei dem wie bei keinem anderen die aktuellen Probleme zusammenlaufen: Großchemiker BASF. Die Ludwigshafener, das zeigt ihre jüngste Gewinnwarnung und die sehr vorsichtige Prognose für die nächsten Monaten, stehen operativ wegen der schwachen Chemiekonjunktur weiter unter Druck und müssen in besonderem Maße hohe Preise für Energie, Öl und Rohstoffe verkraften. 

Chemiekonzern

BASF überrascht mit milliardenschwerer Gewinnwarnung

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Zudem hat BASF mit seinem prononcierten China-Exposure ein besonderes geopolitisches Risiko. Welche finanziellen und versorgungskritischen Folgen dies haben kann, bekam BASF durch seine bisher engen Beziehungen zu Russland zu spüren. 

Nun sind BASF-Aktien auf die jüngste, heftige Gewinnwarnung erst einmal gestiegen. Das ist eine klassische Börsenreaktion nach dem Motto „buy on bad news“. Seit Monaten ist an der Börse das Sentiment gegenüber BASF-so negativ, dass sich selbst schlechte Nachrichten im Kurs positiv auswirken. 

Eine solche Reaktion ist ein typisches Zeichen für eine Bodenbildung. Entscheidend dabei ist, dass die letzten Tiefpunkte von 2020 und 2022, die bei 38 Euro lagen, nun nicht mehr unterboten werden. Geht das Wende-Szenario auf, dürfte es in den nächsten Monaten zwischen 38 und 55 Euro weiter zu heftigen Schwankungen kommen – und ein Anstieg über 55 Euro hinaus wäre sogar ein langfristiges Kaufsignal.

Klassischer Start der Dax-Berichtssaison ist SAP mit seinem für den 20. Juli angekündigten Halbjahreszahlen. Aus Börsensicht ist es den Walldorfern in den vergangenen Quartalen gelungen, die mehrmaligen bösen Überraschungen der Jahre 2020 bis 2022 vergessen zu lassen. Seit Herbst 2022 zieht die Aktie in einem dynamischen Trend nach oben, der genauso stabil verläuft wie in der guten Phase von 2009 bis 2019. Die Aktie profitiert davon, dass SAP der Switch in die Cloud strategisch und operativ gelungen ist und dies an der Börse auch honoriert wird. 

Die Erwartungen an die Halbjahreszahlen sind durchaus anspruchsvoll. Im zweiten Quartal, so die Prognosen der Banken, könnte SAP einen Nettogewinn von fast 900 Millionen Euro erzielt haben. Im Vergleich zum besonders schwachen zweiten Quartal 2022 wäre das eine Vervielfachung. 

Die aktuelle Stärke der SAP-Aktie, die vom anhaltenden Boom der US-Techriesen untermauert wird, deutet nicht auf eine böse Überraschung am 20. Juli hin. Selbst wenn SAP-Aktien danach eine Pause einlegen, könnten sie sich erst einmal zwischen 115 und 125 Euro halten. 

Lesen Sie hier aktuelle News und die neuesten Nachrichten von heute zum Dax.

Wann überwindet Sartorius die Schatten von Corona?

Einen Tag nach SAP, für den 21. Juli, hat Biotechnikzulieferer Sartorius seine Zahlen angesetzt. Auch das ist ein brisanter Termin, da Sartorius in den vergangenen Monaten die Börse mehrmals bitter enttäuscht hat. Vor allem ist es noch nicht gelungen, den Wegfall der Sonderkonjunktur um Coronaprodukte auszugleichen. Zudem ist die Aktie mit einer fünffachen Umsatzbewertung und einer 50fachen Gewinnbewertung immer noch ausgesprochen teuer, der Markt damit noch nicht bereinigt. In der hohen Bewertung spiegelt sich die langjährige Wachstumsstory von Sartorius wider, die an der Börse insgesamt zu einem Kursanstieg von bis zu 45.000 Prozent geführt hat. 

Erst wenn Sartorius wieder an seine alten Wachstumsraten aus der Zeit vor Corona anknüpft, sollten auch Sartorius-Aktien wieder ihre große Aufwärtsbewegung fortsetzen. Kurzfristig wäre es wichtig, wenn die im Dax notierten Vorzugsanteile nach Bekanntgabe der Ergebnisse und Prognosen das Niveau um 300 Euro mindestens halten können. Die weltweite Schwäche zahlreicher Biotechaktien – bis hin zum Branchenprimus Amgen – ist dafür kein leichtes Umfeld. 

Fazit für den Dax: Sinkende Zinsen und starke US-Börsen hieven den Dax aus der Gefahrenzone unter 15.700 Punkten. Wichtige Einzelwerte, zu denen Hightechikone SAP gehört genauso wie Klassiker BASF, sind zumindest kurzfristig erst einmal in einer stabilen Verfassung. Dem Dax könnte das helfen, in der anstehenden Berichtssaison das Niveau um 16.000 Punkten zu verteidigen. 

Stimmungsindikatoren wie der Fear- and Greed-Index signalisieren weiter eine optimistische Marktverfassung, die niedrige Volatilität deutet auf Sorglosigkeit unter Anlegern. Die Aktienmärkte bleiben damit generell korrekturgefährdet. Bisher hat das den laufenden Aufwärtstrend des Dax nicht beendet. Die Chancen weiterer Zugewinne sind immer noch größer als das Risiko einer generellen Abwärtswende. 

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