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Rad-Infrastruktur„Berlin läuft Gefahr, den Anschluss an europäische Städte zu verlieren“

Deutsche Städte haben nach Ansicht von Fahrrad-Abo-Anbietern großen Nachholbedarf, was die Infrastruktur für Radfahrer anbelangt. In Europa gilt ein Land als Vorreiter, andere liegen sogar noch hinter Deutschland zurück. 13.08.2023 - 11:35 Uhr

Radfahrer im Sonnenuntergang am Brandenburger Tor.

Foto: imago images

Die Chefs der Fahrrad-Abo-Anbieter Swapfiets und Cycle sehen bei den Bedingungen für Radfahrer in Deutschland noch deutlichen Nachholbedarf. „Insbesondere zwischen Holland und Deutschland sehe ich noch einen großen Unterschied“, sagte der Zentraleuropa-Chef von Swapfiets, Andre Illmer, der Deutschen Presse-Agentur. „Wenn man in Holland unterwegs ist, sieht man, dass die Aufteilung der Infrastruktur relativ fair zu jeweils einem Drittel zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern aufgeteilt ist. In Deutschland ist das nicht so.“

Besonders die jüngste Diskussion um Radwege in Berlin bereite ihm Sorgen, betonte Illmer. „Berlin läuft Gefahr, den Anschluss zu anderen europäischen Städten zu verlieren. Denn die schaffen mehr Lebensraum – statt Straßen für Autos.“ Ähnlich äußerte sich im Frühjahr auch der Chef des E-Roller-Anbieters Lime Wayne Ting im Interview mit der WirtschaftsWoche: „Auch Autos müssen den vorhandenen Platz mit anderen Verkehrsmitteln teilen.“

Die neue Berliner Landesregierung hatte kurz nach ihrem Antritt Dutzende Radwegeprojekte in den Bezirken vorübergehend gestoppt, um sie zu überprüfen. Inzwischen hat der Senat für die meisten Projekte erneut grünes Licht gegeben. Drei Vorhaben wurden allerdings gestoppt.

Andre Illmer ist der Zentraleuropa-Chef des niederländischen Unternehmens Swapfiets, das Mieträder mit den markanten blauen Vorderreifen anbietet. Das Unternehmen wurde 2014 von vier Studenten der Universität Delft gegründet. Swapfiets ist der weltweit erste Fahrrad-Abonnement-Anbieter.

Foto: imago images

Etwas nachsichtiger bewertet Cycle-Co-Gründer Luis Orsini-Rosenberg die Lage in den deutschen Städten. „Holland ist bei weitem das Land mit der besten Infrastruktur“, meint auch er. „Aber Deutschland ist nicht weit abgeschlagen, vor allem, wenn wir es vergleichen mit Polen oder Italien.“ Dennoch habe auch ihn die Debatte in Berlin überrascht. „Wir sind als Branche sehr gut vernetzt und haben uns schnell organisiert und inzwischen bin ich froh zu sehen, dass die meisten Radwegeprojekte wieder freigegeben sind.“

Bei Swapfiets können Verbraucherinnen und Verbraucher Fahrräder und E-Bikes im Abo nutzen. Bekannt ist die Marke vor allem für die stets blauen Vorderreifen. Das Unternehmen ist inzwischen in 18 deutschen Städten aktiv.

Mit dem Abo buchen die Kundinnen und Kunden auch einen Reparatur-Service, den sie bei Problemen zu sich nach Hause bestellen können und der das abonnierte Fahrrad entweder repariert oder gegen ein neues austauscht. Das Unternehmen wurde 2014 von Studenten in der niederländischen Stadt Delft gegründet, 2018 erfolgte der Markteintritt in Deutschland.

Fünf Ideen für die Mobilitätswende
Das Aufreger-Thema „Tempolimit“ wird öffentlich fast ausschließlich mit Bezug auf Autobahnen diskutiert. Geschwindigkeitsbegrenzungen innerorts hingegen bleiben unter dem Radar, obwohl sie starke Fürsprecher haben, vor allem unter den Kommunen. Die im Juli 2021 von den sieben Städten Aachen, Augsburg, Freiburg, Hannover, Leipzig, Münster und Ulm gegründete Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten“ ist inzwischen auf über 850 Mitglieder angewachsen. Neben kleineren und mittelgroßen Kommunen haben sich seit Gründung auch mehrere Großstädte wie Düsseldorf, Frankfurt, Köln, Saarbrücken oder Freiburg der Initiative angeschlossen. Die Bürgermeister fordern den Bund auf, rechtliche Rahmenbedingungen für den großflächigen Einsatz von Tempo-30-Zonen zu schaffen. Nach Ansicht der Initiative würde die Leistungsfähigkeit des Verkehrs durch eine großflächige Einführung nicht eingeschränkt, die Aufenthaltsqualität der Bewohner hingegen spürbar gesteigert. Auf einigen Hauptverkehrsstraßen soll den Plänen zufolge weiterhin Tempo 50 möglich bleiben.(Stand: Juli 2023)
In Städten könnten Fahrräder eine taugliche Alternative zu Auto und ÖPNV sein. Spaß macht das Radeln aber in den wenigsten Citys, allein schon wegen Ängsten um die eigene Sicherheit. Die Unfallforscher der Versicherung (UDV) haben vor diesem Hintergrund mehrere Vorschläge entwickelt, den Radverkehr weniger gefährlich zu machen. Darunter findet sich auch die Idee zur besseren Sicherung von Grundstückseinfahrten. Fast jeder fünfte Unfall zwischen einem Radler und einem Pkw spielt sich an den Zufahrten zu Firmengeländen, Tankstellen, Supermarkt-Parkplätzen und Parkhäusern ab. Fast jeder siebte Unfall mit schwerverletzten oder getöteten Radfahrern passiert an einer solchen Grundstückszufahrt. Je nach Frequenz und Lage könnten die Kommunen für die Zufahrten freie Sichtachsen, das Anbringen von Spiegeln oder sogar die Installation einer Ampel vorschreiben.(Stand: August 2022)
E-Autoprämie und Dienstwagensteuer fördern vor allem elektrische SUV und Premiumlimousinen mit zwei und mehr Tonnen Gesamtgewicht. Kein Geld hingegen gibt es zumindest aus diesen Töpfen für elektrische Leichtfahrzeuge. Die großen Autohersteller ignorieren die Zulassungsklassen L1e bis L7e mit ihren leichten und langsamen, aber effizienten und ressourcensparenden Stromern fast komplett – mit wenigen Ausnahmen wie dem Opel e-Rocks und dem Renault Twizy. Stattdessen tummelt sich dort eine unüberschaubare Vielzahl kleiner Anbieter mit teils exotisch anmutenden Zwei-, Drei- und Vierrädern. Die Micromobile taugen zum Pendeln, zum Einkaufen, zum Sightseeing oder auch zum Warentransport. Der Bundesverband E-Mobilität (BEM) fordert schon seit langem von den unterschiedlichen Bundesregierungen eine finanzielle Förderung sowie die Erhöhung der meist auf 45 km/h begrenzten Geschwindigkeit auf innenstadttauglichere Werte. Bislang allerdings erfolglos.(Stand: August 2022)
„Der Verkehr leidet in der Hauptsache daran, dass die Berufspendler zwei Mal am Tag alles verstopfen“, sagt Günter Schuh. Der E-Mobilitätspionier und Hochschul-Professor will das Problem mit seinem frisch gegründeten Shuttle-Dienst e.Volution lösen. Der Dienstleister stellt Unternehmen elektrische Mini-Vans mit sieben Sitzen zur Verfügung, die morgens die Belegschaft einsammeln und ihnen während der Fahrt ins Büro mobile Arbeitsplätze zur Verfügung stellt. Deswegen zahlt der Weg bereits aufs Zeitkonto ein, was die Akzeptanz des gemeinschaftlichen Transports erhöhen soll. Verhandlungen mit Großunternehmen laufen bereits, 2024 sollen die ersten Meta-Mobile auf der Straße sein.(Stand: August 2022)
Neue U- und Straßenbahnen sind teuer und langwierig im Bau. In manchen Anwendungsfällen könnte die Seilbahn eine Alternative sein. Einer Studie der Beratungsgesellschaft PwC zufolge schneiden sie bei Bau und Betrieb besser ab als die schienengebundenen ÖPNV-Lösungen. Die Kosten für Seilbahnsysteme pro Kilometer betragen den Experten zufolge etwa 10 bis 20 Millionen Euro – und liegen damit auf dem Niveau einer Straßenbahnstrecke. Da kein Betriebshof und keine Signal- und Verkehrsleittechnik erforderlich sind, sind die gesamten Investitionskosten im Verkehrsmittelvergleich gering. Zudem ist die Bauzeit von Seilbahnen mit 12 bis 18 Monaten relativ kurz. Dazu kommen der Studie zufolge wirtschaftliche Vorteile im Unterhalt, unter anderem ist der Energieverbrauch nur halb so hoch wie bei schienengebundenen Verkehrsmitteln. Ob Seilbahnen für eine konkrete Anwendung in einer Stadt geeignet sind, lässt sich laut PwC aber nur für den Einzelfall beantworten. Bei der Planung sei unter anderem mit Widerstand in der Bevölkerung zu rechnen, die eine Beeinträchtigung des Stadtbildes befürchten.(Stand: August 2022)

Cycle wiederum verleiht robuste E-Bikes an Großkunden wie Lieferdienste, die damit ihre Fahrer und Fahrerinnen ausstatten. Orsini-Rosenberg hat das Berliner Start-up während der Corona-Pandemie mitgegründet. „Wir sind 2020 mit vier Mitarbeitern gestartet und hatten zwei Jahre später bereits 130“, sagt er. Die Lieferdienste würden die Fahrräder häufig langfristig bei Cycle leasen.

Von den Problemen mancher Anbieter und der Konsolidierung der Branche sei Cycle deshalb nur bedingt getroffen gewesen. „Inzwischen sehen wir bei den Essenslieferungen wieder einen deutlichen Anzug der Nachfrage.“

Auch Swapfiets verleiht E-Bikes für den gewerblichen Einsatz. Der Großteil der Kundinnen und Kunden sind aber private Nutzer. Wie auch der Rest der Fahrradindustrie verzeichnet das Unternehmen eine deutliche Nachfrage nach E-Bikes. „Die elektrischen Fahrräder machen inzwischen zwischen 15 und 20 Prozent des Abo-Geschäfts aus“, sagt Europachef Illmer. „Am Anfang waren wir vor allem bei Studierenden stark nachgefragt.“ Mit dem E-Bike-Angebot kämen nun auch zunehmend ältere Kunden.

Fahrradbranche unter Druck

Abseits der Fahrrad-Abo-Anbieter ist die Branche hierzulande nach der coronabedingten Sonderkonjunktur unter Druck. Hochwertige Fahrräder – insbesondere E-Bikes – waren in der Corona-Zeit sehr gefragt und zweitweise nur schwer erhältlich. Während den Händlern damals Lieferengpässe aufgrund der hohen Nachfrage zu schaffen machten, ist der Boom der Branche auch wegen der getrübten Verbraucherstimmung vorbei.

In den vergangenen Monaten kam es bei einigen Händlern aufgrund von nun vollen Lagern teils zu erheblichen Preisnachlässen. „Selbst für aktuelle Fahrradmodelle gibt es zum Teil ruinöse 20 Prozent Rabatt und mehr“, sagte Robert Peschke, Geschäftsführer von Little John Bikes, der WirtschaftsWoche im Juni.

Noch 2022 konnten die Händler ihren Umsatz trotz der hohen Inflation und Lieferproblemen steigern. Aktuell sieht es in dem kleinteiligen Markt nach einer großflächigen Konsolidierung aus. Am Ende dürften vor allem die großen Anbieter profitieren.

Lesen Sie auch: Das Portugal-Rätsel des deutschen Fahrrad-Booms

dpa, cha
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