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KonjunkturDarum boomt Japans Wirtschaft

Die konjunkturelle Dynamik von Japan verblüfft. Wie zur Bestätigung legte die dortige Wirtschaft soeben einen Wachstumsspurt hin. Warum der Höhenflug im zweiten Halbjahr allerdings nicht anhalten dürfte.Martin Fritz 22.08.2023 - 07:45 Uhr

Eine Außenansicht des Azabudai Hills-Projekts in Tokio, Japan.

Foto: via REUTERS

Es ist vollbracht: Der Immobilienentwickler Mori Building hat vor wenigen Wochen das höchste Gebäude Japans fertiggestellt, im November wird es offiziell eröffnet. 330 Meter streckt sich der „Mori JP Tower“ nach oben. Rings herum entstand mit „Azabudai Hills“ im Zentrum von Tokio gleich ein neues Stadtviertel. Höhenrekorde von Wolkenkratzern in der Hauptstadt drücken oft wirtschaftliche Stärke aus.

Tatsächlich zählt die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, lange Zeit als „kranker Mann Ostasiens“ geringgeschätzt, gemäß vielen Prognosen in diesem Jahr beim Wachstum neben den USA zur Spitzengruppe der Industrieländer. Der US-Ökonom Noah Smith spricht gar von einem „Boom“.

Wie zur Bestätigung überraschte Japans Wirtschaft soeben mit einem Wachstumsspurt. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni nahm laut der ersten vorläufigen Schätzung um 1,5 Prozent zum Vorquartal zu. Das entspricht, aufs Jahr hochgerechnet, einer Rate von 6,0 Prozent. Das war doppelt so viel wie erwartet und so kräftig wie zuletzt Ende 2020. Außerdem war es bereits der dritte Quartalsanstieg in Folge.

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Das reale BIP wuchs auf 560,7 Billionen Yen (3,5 Billionen Euro) und übertraf damit den Höchststand vor der Pandemie. Die Wachstumsrate im Auftaktquartal 2023 wurde zudem um ein Drittel auf 0,9 Prozent zum Vorquartal nach oben korrigiert.

Dieser Höhenflug dürfte jedoch im zweiten Halbjahr nicht anhalten. „Aus dem Ausland kommt nun Gegenwind, insbesondere aus China“, meint Martin Schulz, Chefökonom des IT-Konzerns Fujitsu. Sinkende Reallöhne dämpften die Konsumlust, viele Unternehmen müssten die Notkredite der Covid-Zeit zurückzahlen. „In der zweiten Jahreshälfte wird das Wachstum leiden und im Gesamtjahr 1,3 Prozent erreichen“, sagt Schulz. Aber diese Rate wäre immer noch fast drei Mal so hoch wie Japans Potenzialwachstum von 0,5 Prozent, das die langfristige Auslastung der Produktionskapazitäten beschreibt.

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Erste Konjunkturdaten für Juli bestätigen die Einschätzung des deutschen Ökonomen. Zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren sanken Japans Ausfuhren wieder. Im Jahresvergleich verringerten sie sich um 0,3 Prozent, nachdem sie im Juni noch um 1,5 Prozent gestiegen waren. Für Sand im Getriebe sorgte der Post-Pandemie-Durchhänger des wichtigsten Handelspartners China. Die Exporte ins Reich der Mitte fielen um 13 Prozent – Japan lieferte weniger Autos, Edelstahl und Halbleiter. Dagegen wuchsen die Auslieferungen in die USA um 13 Prozent auf einen Rekordwert. Exportschlager waren Autos mit Hybridmotor und Fahrzeugteile.

Japaner gaben mehr in Restaurants und für Reisen aus

Sollte sich diese negative Entwicklung der Gesamtexporte fortsetzen, würde der Außenhandel den Aufschwung weniger stützen als zuletzt. Zwischen April und Juni trug der Nettoexport nämlich 1,8 Prozentpunkte zur Wachstumsrate bei. Das war der zweithöchste Beitrag in 28 Jahren. Die Ausfuhr von Autos stieg um 14 Prozent zum Vorquartal, weil japanische Hersteller dank genügend Halbleitern mehr produzierten und ihre Auftragslisten abarbeiteten.

Die Außenhandelsdaten enthalten auch die Ausgaben von ausländischen Touristen. Ihre Zahl erreichte im Juni zwar erst 70 Prozent des Niveaus vor der Pandemie, aber ihre Ausgaben kletterten wegen der Yen-Abwertung fast wieder auf den Stand von 2019. Zugleich sackten Japans Importe unerwartet kräftig um 4,3 Prozent zum Vorquartal ab. Hier wirkten sich der Rückgang der Energiepreise und geringere Einfuhren von Covid-Impfstoffen aus.

In der Vergangenheit konnte der private Konsum, der 60 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, eine Schwäche im Außenhandel kompensieren. Drei Quartale in Folge erhöhten die japanischen Haushalte ihre Ausgaben und reagierten damit auf das Auslaufen der pandemie-bedingten Maßnahmen. Doch dieser Konjunkturtreiber verliert an Zugkraft. Zwischen April und Juni ging der Privatkonsum um 0,5 Prozent erstmals seit drei Quartalen zurück.

Die Japaner gaben mehr in Restaurants und für Reisen aus, aber hielten sich bei Lebensmitteln und alltäglichen Gebrauchsgütern zurück. Als Grund nennt Analyst Matthias Krieger von der Landesbank Baden-Württemberg: „Da die auch in Japan erhöhte Inflation die Lohnsteigerungen überkompensiert, verlieren die Konsumenten gerade an Kaufkraft.“ Sprich: Die Löhne wachsen langsamer als die Preise, was die Kauflaune belasten dürfte.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Immerhin scheint der Inflationsdruck nachzulassen. Im Juli sank die Teuerung in der Kernrate ohne frische Lebensmittel, aber inklusive Energiepreisen um 0,2 Punkte zum Vormonat auf 3,1 Prozent. Damit lag sie den 16. Monat in Folge über der offiziellen Zielrate der Bank of Japan von 2 Prozent. Analysten erwarten zwar einen Rückgang im weiteren Jahresverlauf, aber solange die japanische Währung so schwach bleibt, wird damit Inflation importiert.

Zum Beispiel ist der Yen gegenüber dem Euro auf ein 15-Jahres-Tief gefallen. Europäische Lebensmittel wie Käse und Schinken sind deswegen teils aus den Supermarktregalen verschwunden. Die privaten Verbraucher und die inländischen Produzenten kommen mit einer solchen eigentlich relativ geringen Inflation nicht gut klar, weil die Preise zwei Jahrzehnte lang stabil oder leicht rückläufig waren.

„Die Inflation drückt die Realeinkommen und drängt viele kleine Unternehmen an den Rand des Konkurses“, meint Fujitsu-Chefökonom Schulz. „Daher musste die Bank of Japan in einem seltenen Schritt zugeben, dass der Wechselkurs eine Rolle bei ihrer Entscheidung gespielt hat, ihre Kontrolle über die Zinskurve zu lockern.“

Seit Ende Juli erlaubt die Zentralbank unter Führung ihres neuen Gouverneurs Kazuo Ueda, dass die Rendite von Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren erstmals auf 1,0 Prozent steigen darf, auch wenn die alte Obergrenze von 0,5 Prozent verwirrenderweise ebenfalls weiter gelten soll. Damit ignorierte Ueda die Erwartung von vielen Japan-Ökonomen, dass die Notenbank diese Form der Zinssteuerung aufgibt.

Die Analysten brauchen wohl noch mehr Geduld: Die Bedingungen von Ueda für eine Straffung oder gar ein Ende der ultralockeren Geldpolitik dürften sich nicht so schnell erfüllen. Zum einen wünscht sich der Notenbankchef dafür eine Lohn-Preis-Spirale, damit die Teuerung das Ziel von 2 Prozent nachhaltig erreicht. Davon kann derzeit keine Rede sein. Zum anderen will die Zentralbank ihre Geldhähne wegen der unklaren Konjunkturaussichten im Ausland nicht zudrehen. In seinen jüngsten Aussagen verwies Ueda auf „Unsicherheiten in den Überseemärkten“, um seine abwartende Haltung zu rechtfertigen. Billiges Geld wird Japans Wachstum also bis ins nächste Jahr hinein unterstützen.

Auch auf die berüchtigte Faustregel, dass ein neuer Höhenrekord bei Wolkenkratzern das Ende eines Aufschwungs markiert, sollten sich Japan-Beobachter nicht verlassen. Denn der Immobilienentwickler Mitsubishi Estate baut bereits an einem noch mächtigeren Hochhaus nahe dem Tokioer Bahnhof. Der kommende Rekordhalter wird 390 Metern hoch sein. Die Fertigstellung soll jedoch erst 2027 erfolgen.

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