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TourismusWas macht Flugreisen in Deutschland so teuer?

Im Verlauf dieses Sommers waren Flugreisende gezwungen, tiefer in ihre Geldbeutel zu greifen, was voraussichtlich auch in absehbarer Zeit unverändert bleiben wird. Doch woran liegt das? 22.08.2023 - 20:43 Uhr

Flugzeuge mit Kondensstreifen am Himmel, Fotomontage.

Foto: imago images

„Fliegen muss seinen Preis haben und kann nicht so verrückt billig sein, wie andere Gesellschaften versucht haben zu suggerieren“, meint Eurowings-Chef Jens Bischof. In der Tat steht die Luftfahrtbranche vor einer unübersehbaren Veränderung: Die Zeiten der Schnäppchenflüge und Last-Minute-Angebote scheinen der Vergangenheit anzugehören, während Reisen zunehmend zu einem Luxus wird, den sich nicht mehr jeder leisten kann.

Nach der überwundenen Corona-Krise ist Fliegen in Deutschland viel teurer als zuvor. Zum Halbjahr 2023 hat das Statistische Bundesamt für internationale Flüge einen Preisanstieg von fast 25 Prozent registriert, die für Touristen besonders interessanten Europaflüge kosteten sogar 32 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die teure Sommerferienzeit ist fast vorbei, aber auch für die Herbstferien ist keine Entspannung im Reisemarkt zu erkennen.

30 Prozent mehr Buchungen als zur gleichen Zeit im Vorjahr meldet die Lufthansa-Tochter Eurowings, die beispielsweise zum Herbstferienstart in Hamburg 443 Euro für einen einfachen Flug ins spanische Malaga aufruft. Condor verlangt für dieselbe Strecke sogar 499 Euro.

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Gebühren steigen überall

Natürlich gibt es an anderen Tagen auch günstigere Tarife, aber die von Bischof gescholtenen (Werbe-)Ticketpreise von 9,99 Euro können schon rechnerisch nicht zurückkommen. Denn inzwischen hat eine Mehrzahl der deutschen Flughäfen die staatlich gesetzte Obergrenze von 10 Euro allein für die Passagier- und Handgepäckkontrolle erreicht. Dazu kommen für jeden einzelnen Fluggast Luftverkehrsteuer (12,73 Euro für einen Europaflug) sowie Gebühren für Flughafen und Flugsicherung, bevor eine Airline auch nur einen Cent eigenes Geschäft machen kann.

Tipps für eine möglichst günstige Reisebuchung
Wenn Sie günstig buchen wollen, empfiehlt die Verbraucherzentrale, die Preise über einen gewissen Zeitraum im Blick zu behalten. Indem Sie sich mit den durchschnittlichen Kosten einer Sache vertraut machen, können Sie besser einschätzen, was wirklich günstig ist. Dies ermöglicht es Ihnen auch, sich vor unüberlegten Käufen zu schützen, die durch verlockende Werbebanner für – angeblich – außergewöhnliche Sonderangebote beworben werden.
Die Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass manchmal dieselbe Dienstleistung zur gleichen Zeit zu stark unterschiedlichen Preisen angeboten wird. Während sich bei Vergleichsportal 1 ein beträchtlicher Aufschlag bemerkbar macht, wird das identische Angebot bei Vergleichsportal 2 oder direkt beim Anbieter zu deutlich niedrigeren Kosten angeboten. Es ist ratsam, genauer hinzusehen, da die Unterschiede groß sein können. Außerdem sind nicht alle Vergleichsportale gleich. Während einige von ihnen beträchtliche Provisionen von den Anbietern verlangen, berechnen andere lediglich bescheidene Vermittlungsgebühren. Diese Unterschiede spiegeln sich ebenfalls im Endpreis des Angebots wider.
In der Tourismusbranche sind frühe Buchungen oft preiswerter. Diese Möglichkeit zur Kosteneinsparung können Sie nutzen, indem Sie Ihre Reise rechtzeitig planen. Dadurch können beträchtliche Ersparnisse erzielt werden. Zudem weist die Verbraucherzentrale darauf hin, die Stornierungsbedingungen zu berücksichtigen, da unvorhergesehene Umstände auftreten können.
Besonders am ersten Tag der Sommerferien steigt die Reise-Nachfrage. Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit der Plätze haben die Anbieter die Möglichkeit, höhere Preise zu verlangen, da es immer Reisende gibt, die diese bezahlen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Flüge in den Sommerferien ausgebucht sind, ist außerhalb von Pandemiezeiten gering. Wenn Sie kostengünstiger reisen möchten, empfiehlt die Verbraucherzentrale, den Herbst als Reisezeit zu wählen oder einen Flughafen im benachbarten Bundesland zu nutzen, das noch keine Ferien hat.
Viele Unternehmen versenden laut Verbraucherzentrale Gutscheine und Rabattangebote, die erhebliche Kostenvorteile beim Reisen bieten können. Es ist jedoch ratsam, vor der Nutzung diese Angebote sorgfältig zu prüfen. Ein potenzieller Nachteil könnte beispielsweise darin bestehen, dass der Rabatt erst zwölf Monate nach Ihrer Reise gewährt wird. Sofern keine versteckten Bedingungen vorliegen, können Sie die Gutscheine bedenkenlos einlösen und dadurch Geld sparen.
In Deutschland sind personalisierte Preise noch nicht weit verbreitet. Das bedeutet, dass in der Regel alle Käufer zu einem bestimmten Zeitpunkt denselben Preis für ein Produkt oder eine Dienstleistung zahlen. Nur in wenigen Ausnahmefällen wird der Preis auf Grundlage individueller Merkmale individuell durch einen Algorithmus festgelegt. Daher empfiehlt die Verbraucherzentrale, regelmäßig Ihre Cookies zu löschen. Dadurch werden weniger Informationen über Sie gesammelt, was es schwieriger macht, Ihre Kaufbereitschaft einzuschätzen. Letztlich können Sie dadurch sparen.
Zuletzt schlägt die Verbraucherzentrale vor, anonym zu surfen. Ein Beispiel hierfür ist der TOR-Browser, wobei „TOR“ für „The Onion Router“, also „Der Zwiebel-Router“, steht. Dieses Projekt ermöglicht es Nutzern, anonym im Internet zu browsen, indem Anfragen nicht direkt an Server gesendet werden, sondern über mindestens drei Zwischenstationen geleitet werden. Cookies werden nach jeder Sitzung automatisch gelöscht. Um dies zu nutzen, müssen Sie lediglich den Browser installieren. Allerdings sind längere Ladezeiten im TOR-Browser zu erwarten, da die Daten über solch verschlungene Pfade geleitet werden.

„Steuern und Gebühren sind in Deutschland so stark gestiegen, dass sie auf dem Weg sind, die Kerosinkosten des Jahres als operativ teuersten Kostenblock einer Airline abzulösen“, schimpft der Eurowings-Chef aktuell auf der Plattform Linkedin. Das einseitige Drehen an der Kostenschraube schade nicht nur der Industrie, sondern dem Standort Deutschland insgesamt.

Die deutsche Gebührenstruktur für den Luftverkehr sei „völlig dysfunktional und nicht wettbewerbsfähig“, ätzt Ryanair-Manager Eddie Wilson. Die Iren warnen eindringlich vor weiteren Gebührenerhöhungen, die den deutschen Markt weiter abschotten und den deutschen Kunden Höchstpreise abverlangen würden. Allerdings sind auch in Ländern wie Italien unter einem Marktführer Ryanair die Ticketpreise in diesem Jahr durch die Decke gegangen.

Gute Gründe für teurere Tickets

Experte Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne sieht durchaus objektive Gründe für Preiserhöhungen. So seien mit der Inflation die Kosten für viele notwendige Dinge immens gestiegen. „Das beginnt beim Personal, geht über knappe Ersatzteile und Wartungsdienste und endet längst noch nicht bei gestiegenen Einkaufspreisen für die Bordverpflegung.“ Zudem haben Flughäfen und Flugsicherung ihre Gebühren erhöht.

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„Die Deutsche Flugsicherung hat das dabei das spezielle rechtliche Problem, dass sie prinzipiell kostendeckend arbeiten muss. Man versucht nun, mit deutlichen Gebührensteigerungen die Verluste aus der Corona-Zeit wieder reinzuholen. Das wird längst nicht in allen europäischen Staaten so gehalten.“

Den Verantwortlichen sind die hohen Einnahmen offenbar fast schon peinlich. So sieht der Chef der staatseigenen Deutschen Flugsicherung (DFS), Arndt Schoenemann, wegen der hohen Gebührenlast erhebliche Probleme auf den Luftverkehrsstandort zukommen, der mit einem verknappten Angebot an Verbindungen in die ganze Welt verliere. Eigentlich gegen die Interessen seines Hauses hat der DSF-Chef daher seinem Eigentümer Bund vorgeschlagen, die Airlines von den derzeit überhohen Gebühren für die Lotsendienste zu entlasten. Wissel pflichtet bei: „Natürlich muss der Staat hier einspringen. Das ist doch ein klarer Wettbewerbsnachteil für den Standort.“

Airlines treiben die Preise automatisch

Die Airlines verdienen dennoch sehr gut in diesem Sommer und steuern auf Milliarden-Gewinne zu. Mit ihren Buchungssystemen treiben sie die Preise automatisiert nach oben, berichtet Berater Wissel. „Es war von vornherein klar, dass in diesem Sommer die Nachfrage das Angebot deutlich übertreffen würde. Entsprechend wurden die Tickets kaum zu den günstigsten Preisen in den untersten Buchungsklassen abgegeben.“

Knappes Angebot auch hausgemacht

Der wichtigste Grund für die hohen Preise bleibt nämlich das für die Verbraucher ungünstige Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Der deutsche Luftverkehrsmarkt erholt sich deutlich langsamer vom Corona-Schock als in vielen anderen EU-Staaten, das Angebot hat im ersten Halbjahr nur knapp 75 Prozent des Aufkommens aus dem Vorkrisenjahr 2019 erreicht. Ein guter Teil der Verknappung ist hausgemacht. Immer noch haben die größeren Flughäfen Probleme, ausreichend Personal für den harten Schichtdienst bei der Flugzeugabfertigung zu rekrutieren. Um ein erneutes Chaos wie im Sommer 2022 zu vermeiden, wurden daher von vornherein Zehntausende Flüge im Sommerplan 2023 gestrichen.

Billigflieger meiden deutschen Markt

Zusätzlich machten Billigflieger wie Ryanair, Easyjet oder Wizz Air wegen der hohen Einstiegskosten einen großen Bogen um Deutschland. Ihr Angebot an deutschen Flughäfen erreichte in der ersten Jahreshälfte nur noch 63 Prozent des Niveaus von 2019. Bei einer begrenzten Kapazität haben die Unternehmen zunächst geschaut, wo sie am einfachsten Geld verdienen können. Das ist in vielen anderen europäischen Märkten einfacher als in Deutschland mit der starken Dominanz der Lufthansa. „Die Strategie wird sich aber ändern, wenn Boeing liefert und Ryanair wie geplant neue Flugzeuge in Betrieb nehmen kann“, sagt Wissel. „Dann werden sie auch wieder nach Deutschland kommen und ihre Vorteile ausspielen, denn die hohen Kosten treffen ja auch die Konkurrenz.“

Lesen Sie auch: „RyanAir-Vizechef – Deutschland ist kurzsichtig, abgestumpft und selbstzufrieden“

dpa
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