Vor Erdogan-Besuch: „In der Türkei gibt es Boykottaufrufe gegen deutsche Unternehmen“
Wie steht es um die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen? "Grundsätzlich sehr stabil", sagt Außenhandelskammerchef Thilo Pahl. Es gibt allerdings ein Aber.
Foto: dpa Picture-AllianceWirtschaftsWoche: Herr Pahl, Kanzler Scholz und Bundespräsident Steinmeier empfangen am Freitag den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Neben dem Migrationsabkommen und den Kriegen in der Ukraine und in Israel dürfte es auch um wirtschaftspolitische Themen gehen. Stecken die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen in der Krise?
Thilo Pahl: Nein, die Wirtschaftsbeziehungen sind grundsätzlich sehr stabil. Mehr als 7500 deutsche Unternehmen haben einen Standort in der Türkei, zu den größten gehören Bosch, Mercedes-Benz und Hugo Boss, Siemens ist schon seit 1850 hier vertreten. Und wie eine aktuelle Umfrage unter unseren 364 Mitgliedsunternehmen zeigt, ist die Lage trotz der Wirtschaftskrise besser als erwartet.
Das heißt konkret?
67 Prozent der befragten Firmen bezeichnen ihre Geschäftslage als gut, 46 Prozent erwarten in den nächsten 12 Monaten sogar eine bessere geschäftliche Entwicklung, nur elf Prozent erwarten eine Verschlechterung. Auch die Importbeziehung entwickelt sich gut, deutsche Produkte wie Maschinen und Autos sind in der Türkei sehr gefragt, in den ersten neun Monaten hat es bei den Gütern ein Plus von 22 Prozent gegeben, made in Germany steht hier hoch im Kurs – aber wahr ist auch: es gibt für die Unternehmen hier Risiken, die die deutsch-türkische Wirtschaftsbeziehung unnötig belasten.
Und zwar welche Risiken?
Die türkische Wirtschaftspolitik ist unberechenbar, über Nacht können hier für die Unternehmen plötzlich völlig neue Bedingungen gelten, da der türkische Staatspräsident per Erlass einfach Recht setzen kann, ohne, dass es etwa wie in Deutschland vorher parlamentarische Beratungen und Abstimmungen gibt. Diese Ungewissheit in der Türkei ist Gift für die Unternehmen.
Haben Sie ein Beispiel für solch einen plötzlichen Präsidialerlass, der Unternehmen belastet hat?
Anfang 2022 wurde beispielsweise entschieden, dass alle Exporterlöse zu 25 Prozent in die heimische Währung, also in die türkische Lira, umgetauscht werden müssen. Das betrifft fast alle deutschen Unternehmen, die hier produzieren und dann exportieren.
Was sind die Folgen?
Mit der Lira kann man die Gehälter zahlen. Um sich aber im Ausland mit Vorleistungsgütern und Rohstoffen einzudecken, geht das nur mit einer harten Währung wie Dollar oder Euro. 25 Prozent sind vielleicht noch zu verschmerzen, aber ein paar Wochen später wurden daraus plötzlich 40 Prozent. Es wurde ein weiterer Anstieg auf 60 Prozent befürchtet. Dazu ist es zum Glück nicht gekommen. Ein solcher Anstieg hätte Geschäftsmodelle komplett zerstört.
Die Export-Unternehmen werden also benutzt, um die türkische Lira zu stützen?
Die Maßnahmen treffen ja nicht nur die deutschen Unternehmen, sondern die gesamte Wirtschaft – aber klar ist, dass das keine berechenbare Wirtschaftspolitik ist. Die Türkei schöpft ihr wirtschaftliches Potenzial leider nicht aus. Deshalb hoffen viele hier tätige Unternehmen, dass die Neujustierung des wirtschaftspolitischen Kurses in Richtung Senkung der Inflation und mehr Berechenbarkeit konsequent weiterverfolgt wird.
Die Inflation ist im Herbst 2023 mit 61 Prozent weiter auf einem sehr hohen Niveau, das Wirtschaftswachstum schwächelt: 2021 lag es bei elf Prozent, sackte dann 2022 auf nur fünf Prozent in 2022 ab, fürs laufende Jahr werden nur noch vier Prozent Wachstum prognostiziert, hinzu kommen die rechtlichen Unsicherheiten. Ein attraktiver Standort sieht anders aus, oder?
Das Wirtschaftswachstum ist vergleichsweise immer noch auf einem hohen Niveau, und die Inflation ist für die Kaufkraft vor Ort ein Problem, nicht aber für Exportunternehmen. Die Türkei bietet eine tolle Infrastruktur, eine junge, dynamisch wachsende Gesellschaft, im Vergleich mit anderen EU-Ländern ist das Lohnniveau vergleichsweise gering, die Produktivität aber hoch, was beispielsweise für Bekleidungs- und Geräteproduktion attraktiv ist. Und mit 83 Millionen Menschen haben Deutschland und die Türkei zwar ähnlich große Bevölkerungszahlen, aber die Menschen sind hier im Schnitt deutlich jünger: Auf acht Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland kommen in der Türkei mit 20 Millionen Schülern mehr als doppelt so viele. Dazu ist die Türkei ideal gelegen als Standort zwischen Europa und Asien.
Das wissen offenbar aber auch die Unternehmen zu schätzen, die die Sanktionen gegen Russland umgehen wollen. Die Türkei gilt als Drehkreuz für solche Umgehungen. Nutzen das auch deutsche Unternehmen aus?
Mir sind keine Fälle bekannt, und ich habe dazu auch keine Daten vorliegen, die das bestätigen. Tatsächlich hat sich die Türkei selbst den Sanktionen gegen Russland zwar nicht angeschlossen. Aber wir hören aus den Regierungsstellen immer wieder, dass die Regierung das Thema sehr ernst nimmt und mehr dagegen unternehmen möchte.
Dennoch bleibt die Türkei ein schwieriger Partner, Erdogan nennt Israel einen „Terrorstaat“ und verharmlos die Verbrechen der Hamas. Solche Aussagen können doch auch deutsche Unternehmen nicht ignorieren?
Das tun sie ja auch nicht. Einige deutsche Unternehmen haben deshalb hier in der Türkei auch mit Boykottaufrufen zu tun. Das alles führt zu Verunsicherung und schreckt Investoren ab. Insofern hoffe ich, dass heute nicht nur politisch klare Worte gefunden werden, sondern die Türkei auch darin bestärkt wird, weiter einen Kurs zu verfolgen, der Ruhe in die Wirtschaftspolitik bringt. Denn Vertrauen in den Standort Türkei ist die wichtigste Währung, die die Türkei wirtschaftlich hat – und an diesem Vertrauen fehlt es derzeit am meisten.
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