Bitcoin und Energiewende: Ein Denkanstoß: Bitcoin-Mining als Lösung für Deutschlands Stromüberschuss
Bitcoin Mining könnte den überproduzierten Strom aus Wind- und Solarenergie monetarisieren und gleichzeitig die Netze stabilisieren.
Foto: APDeutschland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Vorreiter in der Produktion und Nutzung erneuerbarer Energien entwickelt. Doch der Erfolg bringt Herausforderungen mit sich: Wenn Wind und Sonne mehr Energie liefern als das Netz aufnehmen kann, stehen Betreiber vor einem Dilemma. Überschüssiger Strom führt zu negativen Strompreisen und wird damit teurer für die Erzeuger. Im schlimmsten Fall drohen sogar Stromausfälle. Denn: Bei starkem Anstieg des Stromüberschusses müssen Solaranlagen und Windräder abgeschaltet werden.
Da nur ein Teil dieser Anlagen fernsteuerbar ist, kann es in extremen Fällen erforderlich sein, das gesamte angeschlossene Verteilnetz abzuschalten – mit der Folge eines Stromausfalls für alle Verbraucher in diesem Bereich. Bitcoin Mining könnte hier als flexibel steuerbarer Abnehmer einspringen. Denn Miner sind auf besonders günstigen Strom angewiesen. An Tagen mit viel Sonne oder Wind ließe sich diese überschüssige Energie gezielt zur Sicherung des Netzstabilität nutzen und gleichzeitig monetarisieren. Infolgedessen würde die Resilienz des Stromnetzes gegenüber Schwankungen erheblich zunehmen. Das Risiko verbundener Stromausfälle würde deutlich sinken. Die Relevanz dieses Themas hat durch den jüngsten Solarboom nur noch weiter zugenommen: Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland eine Million neue Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 16 Gigawatt installiert – das entspricht dem 16-Fachen der Leistung des Kohlekraftwerks Datteln 4 in Nordrhein-Westfalen.
Die Deutsche Telekom hat offenbar das Potenzial überschüssiger Energie erkannt und 2024 ein Pilotprojekt mit ihrer Tochtergesellschaft MMS gestartet, um diese Energie für eine Bitcoin-Mining-Infrastruktur zu nutzen. Dafür soll Strom aus erneuerbaren Energiequellen eingesetzt werden, der wegen begrenzter Netzeinspeisung oder fehlender Speicherkapazitäten nicht genutzt werden kann. Da die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien wetterabhängig und unregelmäßig ist, wächst der Bedarf an Maßnahmen zur Stabilisierung der Netze. Insbesondere Anlagen zur Stromerzeugung aus Photovoltaik und Windkraft erzeugen immer häufiger überschüssige Energie.
In Ländern wie den USA und Finnland wird solche überschüssige Energie bereits erfolgreich für Bitcoin-Mining genutzt und das Netz so stabilisiert. Mit dem Pilotprojekt der Deutschen Telekom soll überprüft werden, ob sich dieser Ansatz auch in Deutschland umsetzen lässt. Könnte also eine Lösung für Deutschlands Stromüberschuss ausgerechnet im Bitcoin-Mining liegen?
Bitcoin-Mining: Eine Lösung für Deutschlands überschüssigen Strom?
Im ersten Quartal 2024 stammten fast 60 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus Wind- und Solarenergie. Das zeigen im Juni veröffentlichte Daten des Statistischen Bundesamts. Doch oft wird mehr Strom produziert als verbraucht, besonders in den Mittagsstunden und an windigen Tagen. Wegen der begrenzten Speicherkapazitäten führt diese Überproduktion zu negativen Strompreisen. Der Strom wird dann praktisch verschenkt – eine kostspielige Angelegenheit für Netzbetreiber, den Staat und letztlich auch für die Endverbraucher.
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Alleine in den ersten beiden Quartalen 2024 konnten deutsche Stromerzeuger etwa 4.402 Gigawattstunden nicht ins Netz einspeisen, wie Daten der Bundesnetzagentur zeigen. Daten für das dritte und vierte Quartal liegen noch nicht vor. Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2022 lag dieser Wert bei etwa 5800 Gigawattstunden, wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) unter Berufung auf eine Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums berichtete. Die Kosten für nicht eingespeisten Strom lagen 2021 bei rund 807 Millionen Euro, 2020 bei 761 Millionen Euro, 2018 bei 635 Millionen Euro und 2016 bei etwa 373 Millionen Euro. Es zeigt sich ein klarer Trend hin zu steigenden Kosten durch die zunehmende Überproduktion von grüner Energie. Die Ausgleichskosten werden auf die Netzentgelte umgelegt und so letztlich von den Verbrauchern getragen. Stromproduzenten haben zudem einen Rechtsanspruch auf Entschädigung durch das Einspeisemanagement, wenn ihr Strom wegen Netzengpässen nicht abtransportiert werden kann.
Eine Lösung für dieses Problem könnte sein, überschüssige Energie für das Bitcoin-Mining zu nutzen. Der Rechenprozess, in dessen Zuge neue Bitcoin in den Markt gelangen, ist sehr energieintensiv und damit teuer. Günstiger und auch umweltfreundlicher könnte es werden, wenn gezielt überschüssiger Grün-Strom für das Mining genutzt würde. Sogenannte Bitcoin-Mining-Farmen ließen sich etwa in Regionen mit hohem Stromüberschuss ansiedeln und könnten flexibel auf das Stromangebot reagieren.
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Energieproduzenten könnten die Farmen selbst betreiben und die erzeugten Bitcoin gewinnbringend am Markt verkaufen. Sie würden dabei zudem Geld sparen, weil sie Anlagen wie Windräder bei Netzengpässen nicht abschalten müssten. Durch einen variablen Stromabnehmer, der sich per Knopfdruck an- oder abschalten ließe, würde letztlich auch das Stromnetz stabiler, da Schwankungen minimiert würden.
Mit den Einnahmen aus dem Mining könnten Energiekonzerne den Ausbau der erneuerbaren Energien und der Speicherkapazitäten finanzieren. Ein solches Vorgehen hätte allerdings auch Risiken: Auf kurze Sicht kann der Bitcoin-Kurs stark schwanken. Das würde die Erträge aus dem Mining schwer planbar machen. Stromproduktion und Bitcoin-Erzeugung in einer Hand zusammenzuführen könnte überdies gesellschaftlich und von den Regulatoren kritisch gesehen werden.
Die Nutzung von überschüssigem Strom für das Bitcoin-Mining könnte für Deutschland dennoch eine innovative Möglichkeit sein, das Problem des überschüssigen Stroms zu lösen und gleichzeitig die Energiewende weiter voranzutreiben. Bitcoin wird oft für seine angeblich schlechte Energiebilanz geschmäht. Würde ausgerechnet die Kryptowährung Deutschland dabei helfen, seine Klimaziele zu erreichen: Wäre das nicht ironisch?
Transparenzhinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im August 2024 bei der WirtschaftsWoche. Wir haben ihn aktualisiert und zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.
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