Commerzbank-Übernahme: „Es kann auch einen Bieterwettstreit geben“
Das Logo des Commerzbank ist an einer Filiale in Sichtweite der Zentrale der Commerzbank (links) angebracht.
Foto: Frank Rumpenhorst/dpaWirtschaftsWoche: Die italienische Bank Unicredit erwirbt insgesamt neun Prozent der Anteile der Commerzbank. Wer ist der neue Aktionär?
Dieter Hein: Unicredit ist eine der italienischen Großbanken und fährt seit Jahrzehnten die Strategie, dass sie auch über Akquisitionen wachsen – innerhalb und außerhalb von Italien. Die Unicredit war und ist offensichtlich am deutschen Markt interessiert.
War?
Was Sie wahrscheinlich nicht wissen, ist, dass Unicredit und Commerzbank schon vor etwas über 20 Jahren bezüglich eines Zusammenschlusses gesprochen haben. Das ist damals nicht zustande gekommen. Die Unicredit hat dann die damalige Hypo Vereinsbank übernommen, meines Wissens vor allem wegen der osteuropäischen Töchter. Es ging darum, auf den sich nach dem Fall des Kommunismus entwickelnden Märkten zu investieren.
Wie passt hier die Commerzbank ins Bild?
Der Fokus der Commerzbank ist in zwei Ländern: Deutschland, da ist sie die zweitgrößte börsennotierte Bank, und in Polen, dort hält sie die Mehrheit an der polnischen mBank. Das erklärt auch das Interesse der Unicredit, weil sie über die Hypovereinsbank-Tochter eben doch relativ große Aktivitäten in Deutschland hat und man Synergieeffekte heben kann, indem man zum Beispiel die beiden deutschen Einheiten zusammenlegt. Kosten kann man hier sparen durch ein überlappendes Filialnetz, überlappende Aktivitäten und eine gemeinsame Zentrale.
Wie wahrscheinlich ist, dass die Unicredit jetzt eine Komplettübernahme der Commerzbank anstrebt?
Die ist aus meiner Sicht relativ hoch. Das ist ein strategisches Investment aus meiner Sicht. Die Unicredit war bereit, einen Aufpreis von fünf Prozent für die Anteile des Bundes zu zahlen und sie war bereits vor 20 Jahren an der Commerzbank interessiert. Von daher ergibt ein Einstieg eigentlich nur dann Sinn, wenn man potenziell die Mehrheit übernehmen will.
Wie stehen die Chancen, dass der Unicredit eine Komplettübernahme der Commerzbank gelingt?
Was ist denn im Leben schon sicher? Das ist überhaupt nicht sicher. Ich gehe davon aus, dass der Preis der Aktie deutlich steigen wird, dadurch, dass sie die Übernahmefantasien geweckt haben. An der Börse hat die Aktie bereits einen Satz nach oben gemacht, weil bei einem Übernahmeangebot eine Prämie erwartet wird. Das hat eventuell andere Wettbewerber alarmiert, die sich vielleicht auch schon Gedanken zur Commerzbank gemacht haben. Daher kann es auch einen Bieterwettstreit geben. Das wird sich spätestens zeigen, wenn der Bund – vermutlich in 90 Tagen – das nächste Paket zum Verkauf anbietet.
Ist das klug für den Bund, jetzt zu verkaufen?
Der Bund ist kein Kaufmann und schon gar kein guter. Der Bund hatte vor 15 Jahren für seinen Anteil rund fünf Milliarden Euro gezahlt. Und jetzt will er diesen Anteil, und davon musste er ausgehen, zum Marktpreis bei Bekanntgabe des Angebots verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt war er 2,6 Milliarden Euro wert. Damit würde man einen Verlust von mindestens zwei Milliarden Euro realisieren. Das würde man als Kaufmann eher nicht machen.
Also ein schlechtes Geschäft?
Der Bund wollte bei seinem Einstieg in erster Linie Arbeitsplätze retten, wie das auch beim Lufthansa-Einstieg der Fall war. Und man muss bedenken, die Regierung hat schon 2019 versucht, die Deutsche Bank zu ermuntern, ihnen das Paket abzunehmen. Damals wollte das keiner. Jetzt gibt es Interessenten und die Unicredit zahlt zusätzlich einen Aufschlag im Vergleich zum Verkauf an der Börse. Von daher war es kein gänzlich unglücklicher Zeitpunkt.
Was könnte die Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit stoppen?
Es gibt zwei Risiken, wenn man davon ausgeht, dass die Unicredit mittelfristig ein Übernahmeangebot machen will. Einerseits ein Bieterkampf, in dem eine andere Bank oder ein Investor ein besseres Übernahmeangebot macht. Andererseits könnten sich die Aktionäre der Commerzbank quer stellen. Man braucht mindestens die Hälfte der Aktien, damit solch eine Übernahme Sinn ergibt, daher wird das Anbieten eines bestimmten Prozentsatzes aller Anteile in der Regel auch zur Bedingung einer Übernahme gemacht.
Könnten die ehemaligen Geschäfte der Unicredit in Russland ein Grund sein, weshalb der Bund einen anderen Käufer für die restlichen Anteile vorzieht?
Da müssen Sie mit dem Finanzministerium sprechen. Wenn sie nach meiner Einschätzung fragen, erscheint das Risiko mir eher gering zu sein, sonst hätte man nicht bereits 4,5 Prozent an die Unicredit verkauft. Auszuschließen ist bei der Politik jedoch gar nichts.
Es wird im europäischen Bankensektor schon lange von einer nötigen Konsolidierung gesprochen. Könnte die Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit der Startschuss sein?
Das mit der europäischen Bankenkonsolidierung, das höre ich auch schon seit mindestens 20 Jahren, seit es den Euroraum gibt. Das ist eine Politikerlogik aus meiner Sicht. Denn wenn man als Ausländer einen nationalen Player kauft, muss der Markt attraktiv sein. Die europäischen, die westeuropäischen Länder sind aber keine Wachstumsmärkte. Wenn ich investieren möchte, suche ich mir einen Markt, in dem die Wachstumschancen größer sind, in dem mein Rendite-Level höher ist. Etwas anders ist es, wenn ich in dem Markt schon aktiv bin, dann kann es Sinn machen und das ist bei der Unicredit eben der Fall.
Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank – Manfred Knof – hat im Vorfeld mitgeteilt, dass er die Bank verlässt. Sehen Sie einen Zusammenhang zum Unicredit-Einstieg?
Knof ist glaube ich erfahren genug, um zu wissen, dass sein Vertrag bei einer Übernahme vermutlich nicht verlängert wird. Wenn Unicredit neuer Groß- oder Mehrheitsaktionär wird, will die Bank anschließend ihre Leute platzieren. Ich würde zudem erwarten, dass auch die Tage des Aufsichtsratsvorsitzenden Jens Weidmann gezählt sind. Spätestens wenn der Bund seine restlichen Anteile komplett verkauft, hat er kein Anrecht mehr, den Aufsichtsratsvorsitzenden zu stellen.
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