Banken: Finanzministerium: Commerzbank am Zug bei Unicredit-Übernahmeplänen
Die Commerzbank will sich Insiderangaben zufolge gegen eine mögliche Übernahme durch die italienische Großbank Unicredit wehren.
Foto: dpaDas Bundesfinanzministerium sieht bei einem Übernahmeversuch für die Commerzbank zunächst das Geldhaus selbst am Zug. "Gemäß dem üblichen Prozedere ist es Sache der Commerzbank, gegebenenfalls Gespräche mit ihren Anteilseignern zu führen", sagte eine Ministeriumssprecherin am Freitag. Der Bund hält noch zwölf Prozent an der Commerzbank.
Die italienische Großbank Unicredit wirbt nach ihrem Einstieg bei der Commerzbank für ein Zusammengehen der beiden Institute. "Ich denke, das Endziel ist das, worüber jeder spricht: Europa braucht stärkere Banken", hatte Unicredit-Chef Andrea Orcel am Donnerstag gesagt.
Wirtschaftsweise: Zusammenschluss bietet mehr Chancen als Risiken
Die Wirtschaftsweise Ulrike Malmendier sieht in einem möglichen Zusammenschluss der italienischen Großbank Unicredit mit der Commerzbank mehr Chancen als Risiken - sowohl für den Standort Deutschland als auch für die Finanzindustrie und den EU-Kapitalmarkt. "Wenn Europa auf dem globalen Finanzmarkt mithalten will, darf die Branche nicht mehr so kleinteilig organisiert bleiben", sagte das Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Die Internationalisierung könne durch ein Zusammengehen der beiden Häuser vorangetrieben werden.
In der Europäischen Union habe jedes Land sein eigenes Bankensystem. Das führe dazu, dass mit einer Geldkarte mitunter nicht in einem anderen Land bezahlt werden könne. Gleichzeitig gebe es ein amerikanisches Duopol bei den Kreditkarten-Bereitstellern. "Wenn wir schon eine länderübergreifende Bank bekommen, dann wäre das doch ein guter Anfang, um daran etwas zu ändern", sagte die Wirtschaftsweise Malmendier.
Chaotische IT-Systeme können durch Verschmelzung schlimmer werden
Sie kritisierte, dass die Banken wenig innovativ seien. "Wenn wir in Deutschland aus dem Wachstumsloch herauskommen wollen, brauchen wir mehr Innovationen", betonte die Expertin. "Wir denken da immer zuerst an die Maschinen- und Autobauer oder an die Techfirmen. Aber die Banken gehören mit dazu." Diese würden gerade bei digitalen Innovationen hinterherhinken. "Das liegt auch an ihren teils chaotischen IT-Systemen, mit denen sie zu kämpfen haben", sagte Malmendier. "Das kann leider bei einer Verschmelzung noch schlimmer werden."
Was bisher passiert ist
Die Italiener erwarben neun Prozent an der zweitgrößten deutschen Bank und deuteten Interesse an einer Ausweitung ihres Engagements an. Unicredit erklärte, man werde zusammen mit der Commerzbank Möglichkeiten zur Wertsteigerung für die Aktionäre beider Banken erörtern.
Die italienische Großbank ist nach Angaben ihres Chefs Andrea Orcel außerdem an einer Aufstockung ihres Anteils an der Commerzbank interessiert. Zu angemessenen Konditionen bestehe Interesse an einem Kauf der übrigen vom deutschen Staat gehaltenen Anteile, sagte Orcel am Donnerstag dem Sender „Bloomberg Television“. Auch am Markt könne Unicredit weitere Aktien kaufen. Eine Übernahme der Commerzbank sei jedoch nicht die einzige Option. Auch unabhängig von einem Zusammenschluss könne viel erreicht werden. Der Einstieg sei die Grundlage für Gespräche über ein Zusammengehen.
Neuer Bankenriese: Was die Übernahme bedeuten würde
Im Falle einer Übernahme könnte ein Bankenriese entstehen, der einen Marktwert von fast 74 Milliarden Euro erreicht und in Europa Platz zwei nach der britischen HSBC einnehmen würde.
Commerzbank will Übernahme abwehren
Die Commerzbank will Insiderangaben zufolge die mögliche Übernahme abwehren. Das Management habe sich über Strategien ausgetauscht, um die Unabhängigkeit des Geldhauses zu bewahren, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person am Mittwoch. Zwei weiteren Personen zufolge ist das Institut gemäß rechtlicher Verpflichtungen zwar zu Gesprächen bereit, wenn Unicredit ein formelles Angebot vorlegt. Der Vorstand strebe aber einen eigenständigen Kurs an. Zudem verlautete aus Unternehmenskreisen, dass die US-Bank Goldman Sachs als Beraterin beauftragt worden sei, um verschiedene Abwehroptionen auszuloten. Die Commerzbank lehnte eine Stellungnahme ab.
Unicredit sichert sich Anteile vom Bund
Rund die Hälfte des neunprozentigen Pakets erwarb die Unicredit vom deutschen Staat. Der Bund verkaufte im Rahmen des vor einer Woche angekündigten Teilausstiegs knapp 4,5 Prozent im Paket an die Italiener. Diese waren bereit, mehr zu zahlen, als die Papiere am Dienstagabend an der Börse wert waren, wie die Finanzagentur in Frankfurt mitteilte. Alle vom Bund offerierten Aktien seien „infolge einer deutlichen Überbietung aller übrigen Angebote“ an die Unicredit zugeteilt worden.
Der Zuteilungspreis von 13,20 Euro je Aktie liegt 60 Cent oder knapp fünf Prozent über dem Schlusskurs auf der Handelsplattform Xetra vom Dienstag. Üblich sind bei solchen Platzierungen Abschläge. Der Bund nahm durch den Verkauf der gut 53 Millionen Aktien etwas mehr als 700 Millionen Euro ein. Der Anteil des Staats sinkt damit auf 12 Prozent, trotzdem bleibt er vorerst der größte Anteilseigner der seit der Finanzkrise teilverstaatlichten Commerzbank.
Unicredit stark im deutschen Privatkundengeschäft engagiert
Mit einem Anteil von neun Prozent ist die Unicredit nun der zweitgrößte Aktionär. Die Unicredit hatte bereits vor knapp 20 Jahren im deutschen Bankenmarkt zugeschlagen. 2005 kaufte sie die deutsche Hypovereinsbank (HVB) für rund 15 Milliarden Euro und ist seitdem stark im deutschen Privatkundenmarkt vertreten, auch wenn sie die Zahl der Beschäftigten und Filialen seit der Übernahme deutlich abgebaut hat.
Die Unicredit und die Commerzbank gehörten in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 und in der EU-Schuldenkrise Anfang des vergangenen Jahrzehnts zu den größten Verlierern am Aktienmarkt. Die Kurse beider Institute waren zeitweise um mehr als 90 Prozent gefallen. Inzwischen hat sich die Lage für beide Banken unter anderem wegen der zuletzt wieder deutlich höheren Zinsen stark verbessert. Bei der Unicredit fiel die Erholung allerdings deutlich stärker aus.
Sie ist fast 60 Milliarden Euro wert und könnte sich damit eine Übernahme der Commerzbank leisten. Der Börsenwert der Frankfurter liegt mit knapp 15 Milliarden Euro lediglich bei rund einem Viertel der Unicredit. Schon in den vergangenen Jahr gab es immer wieder Spekulationen über eine Übernahme der Commerzbank durch die Italiener.
Ökonomen: Commerzbank-Einstieg von Unicredit sinnvoll
Top-Ökonomen begrüßen den Einstieg der italienischen Großbank. „Eine Konsolidierung am europäischen Bankenmarkt ist ökonomisch sinnvoll“, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick, am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Dies gelte auch im Hinblick auf eine Vertiefung der Banken- und Kapitalmarktunion in der EU. Durch Letztere sollen kleine und mittlere Unternehmen im EU-Binnenmarkt leichter an Kredite kommen.
Ähnlich äußerte sich Regierungsberater Jens Südekum. „Die Übernahme durch eine italienische Großbank ist eine interessante und durchaus begrüßenswerte Entwicklung“, sagte der Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. „Der europäische Kapitalmarkt ist immer noch zu stark entlang nationaler Grenzen zersplittert. Diese Verzerrung würde durch den Deal etwas behoben“, so das Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums.
„Die Verbindung beider Banken bis hin zu einer Übernahmeperspektive könnte sinnvoll sein“, betonte auch der Finanzexperte des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, Friedrich Heinemann. „Die Commerzbank ist auch nach europäischen Maßstäben eine kleine Bank, die nicht die notwendige Größenordnung für ein dauerhaft erfolgreiches Agieren aufweist.“ Sicherlich müssten die wettbewerbsrechtlichen Konsequenzen etwa auf dem deutschen Markt betrachtet werden, wo Unicredit mit ihrer Marke Hypovereinsbank (HVB) bereits präsent sei. „Angesichts der vielfältigen deutschen Bankenszene sollte das aber kein Hindernis darstellen“, sagte Heinemann. Für die Unicredit sei jede Diversifikation begrüßenswert, die aus ihrem italienischen Heimatmarkt herausführe, wo das Überleben der Banken von der Zahlungsfähigkeit des italienischen Fiskus in den kommenden Jahrzehnten abhänge.
Commerzbank auf der Suche nach neuem Chef
Unterdessen muss sich die Commerzbank mit dem Auswahlprozess für die Nachfolge von Konzernchef Knof befassen, der überraschend Ende 2025 aufhören wird. Er führt die Bank seit 2021 und hatte den Sparkurs des Geldhauses verschärft: Tausende Stellen fielen weg, das Filialnetz schrumpfte deutlich. Mit dem Umbau und dank gestiegener Zinsen, von denen die gesamte Bankenbranche profitierte, schaffte die Commerzbank die Trendwende.
„Ohne Manfred Knof wäre die Commerzbank heute nicht wieder so präsent und so relevant im Kreise der europäischen Banken“, erklärte Aufsichtsratschef Weidmann mit. „Durch seine klare Führung wurde die Bank in Rekordzeit saniert, das Geschäftsmodell klar fokussiert und die Bank auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.“
Im vergangenen Jahr erzielte die Konkurrentin der Deutschen Bank einen Rekordgewinn von rund 2,2 Milliarden Euro. Der Bund will schrittweise bei der Commerzbank aussteigen, die er in der Finanzkrise mit Milliarden an Steuergeld vor dem Kollaps gerettet hatte.
Als aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge gilt die Commerzbank-Finanzchefin und Vize-Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp (54). Ihr werden schon länger Ambitionen auf den Chefposten nachgesagt. Bei der Frage, wer die Frankfurter Bank künftig führt, hatte zuletzt Unruhe bei dem Institut erzeugt. Die Rede war auch von einem Machtkampf.
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