Kapitalmarkttag: Das Luxusproblem der Deutschen Telekom
Die Telekom schwimmt in Geld.
Foto: Illustration: Marcel Reyle, Getty Images, imago imagesTim Höttges liebt Vergleiche aus der Welt der Technik. Manchmal spricht er etwa vom „Schwungrad“, das die Deutsche Telekom zur Nummer eins in Europa gemacht habe. Zum jetzigen Kapitalmarkttag muss die Rakete herhalten: „Wir zünden die nächste Stufe“, verspricht Höttges.
In der Tat: Es läuft gut für die Deutsche Telekom. Der Umsatz soll bis 2027 jährlich durchschnittlich um vier Prozent steigen, der bereinigte operative Gewinn sogar um bis zu sieben Prozent. Zum Vergleich: Beim letzten Kapitalmarkttag 2021 verkündete Höttges ein Umsatzwachstum von zwei Prozent und einen Gewinnanstieg von fünf Prozent jährlich.
Höttges hat nun ein Reiche-Leute-Problem: Er muss über die richtige Verteilung der Telekom-Gewinne entscheiden und den Balanceakt zwischen Ausschüttungen, Schuldendienst und Investitionen schaffen.
Von den guten Zeiten profitieren auf alle Fälle die Aktionäre, die Höttges mit einer Dividendenerhöhung um fast ein Fünftel auf 90 Cent je Aktie beschenkt – die höchste Ausschüttung jemals. Damit nicht genug. Der Konzern will Telekom-Aktien im Wert von zwei Milliarden Euro zurückkaufen.
„Die Maschine ist gut aufgestellt“, sagt Union-Fondsmanager Andreas Mark. Schon nach dem vergangenen Kapitalmarkttag habe die Deutsche Telekom etwas mehr geliefert, als sie in Aussicht gestellt hatte. „Jetzt geht es darum, noch ein bisschen mehr organisches Wachstum zu zeigen.“
KI als Wachstumstreiber?
Das will Höttges unter anderem mit einem noch verstärkten Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) erreichen, die in den kommenden drei Jahren zunächst in den USA eingeführt wird – und dann auch im gesamten Konzern.
Schon früher kamen gute Ideen der Telekom aus den USA, wie zum Beispiel der Familienplan, der ihr jetzt auch in Deutschland ein starkes Neukundengeschäft beschert. Mit dem Einsatz von KI aber dürfte es schwieriger sein. Zwar könnte die Telekom auch hierzulande mit KI noch einmal an Effizienz gewinnen. Allerdings dürfte das deutlich weniger Auswirkungen auf das Ergebnis haben. Denn Kündigungsschutz und alte Beamtenverträge machen es der Telekom schwer, Personal einzusparen.
Seine Vision, mit T-Mobile US Wachstumswucht aus Amerika in den ehemaligen deutschen Staatskonzern zu tragen, hat Höttges bislang vorbildlich exekutiert. Der Vorstandschef hat die Telekom zum erfolgreichsten europäischen Telekommunikationskonzern gemacht. Und die US-Tochter T-Mobile US ließ in Sachen Wachstum ihre Mitbewerber weit hinter sich. „Der Aktienkurs der Deutschen Telekom ist ein Resultat des US-Geschäfts“, sagt Telekommunikationsanalyst John Strand. „Und das ist unter der Ägide von Tim Höttges von einer Minderheitsbeteiligung zur Hauptsache geworden.“
Wieviel bleibt für Investitionen?
Die Verteilung der Gewinne muss Höttges unter ganz besonderen Zwängen ausbalancieren. Hauptaktionär ist der deutsche Staat, der auf regelmäßige Ausschüttungen drängt. Zudem ist die Verschuldung mit 132 Milliarden Euro extrem hoch, zugleich müssen Investitionen in die Infrastruktur finanziert werden. Höttges verspricht, 21 Prozent des Serviceumsatzes für die Infrastruktur außerhalb der USA auszugeben – Ausgaben für die Vergabe von Frequenzspektrum für das Mobilfunknetz nicht eingerechnet.
Die Frage ist, ob genügend für die Netzinfrastruktur bleibt.
Die Deutsche Telekom feiert sich in Deutschland für das beste Mobilfunknetz, darum hat Höttges eigentlich keinen Handlungsdruck. Im europäischen Vergleich rangiert das deutsche Netz, was die Geschwindigkeit der Datenübertragung angeht, jedoch nur im Mittelfeld. Interessanterweise liegen die nordischen Länder, die anders als die Telekom aus Sicherheitsgründen Huawei aus ihren Netzen entfernt haben, auf den ersten Plätzen, während die Deutsche Telekom an Platz 13 steht.
Auch der Glasfaserausbau in Deutschland hinkt hinter den anderen europäischen Ländern hinterher. Hierzulande liegt die FTTP-Abdeckung mit 29,8 Prozent deutlich unterhalb des EU-Mittels von 64 Prozent, so eine vergleichende Studie der Europäischen Kommission. Auf dem Land sieht es mit einer Versorgung von 25,6 Prozent sogar noch schlechter aus. Höttges will die Zahl der im Jahr neu ans Glasfasernetz angeschlossenen Haushalte von angekündigten 450.000 in diesem Jahr auf eine Million in 2027 steigern.
Über die Dividendenausschüttungen und die Investitionen hinaus will Höttges 15 Milliarden Euro freie Mittel erwirtschaften – Munition, um „etwa den Anteil an T-Mobile US weiter aufzustocken“. Das klingt unspektakulär und wäre angesichts der aktuellen Entwicklung des US-Geschäft aber wohl die wahre Rakete für den Telekom-Kurs.
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