Europas Verteidigung: Keine Kohle, kein Konsens, nur Kredite

Europa muss jetzt zusammenstehen und endlich einen Konsens in der Verteidigungsfrage finden.
Foto: dpaDie Uhr tickt. In zwei Wochen treffen sich die Spitzen der internationalen Sicherheitspolitik in München, um über die Zukunft des Westens unter der Vorherrschaft von Donald Trump zu beraten. Im Juni findet dann der Nato-Gipfel in Den Haag statt und spätestens zu diesem Datum muss es einen Plan geben, wie das seit 70 Jahren bestehende Bündnis in Zeiten wachsender globaler Spannungen politisch überleben kann. Die Anforderungen der USA als alles entscheidende Nation liegen seit langem auf dem Tisch: Schon Barack Obama hat von Europa mehr Anstrengung gefordert, ebenso wie Joe Biden. Dass Donald Trump jetzt die berechtigten Forderungen der Amerikaner besonders laut wiederholt und mit ernst gemeinten Drohungen nach einem Nato-Austritt unterlegt, kann nicht verwundern. Die USA zahlen rund 65 Prozent der Nato-Ausgaben – und die 29 europäischen Nato-Länder zusammen nur weniger als 25 Prozent. Man muss Trump glauben, dass seine Geduld am Ende ist. Ausgedient hat jedenfalls die Taktik der Europäer, von Jahr zu Jahr mehr Anstrengungen im Verteidigungssektor zu versprechen, aber dann doch immer wieder regelmäßig unter der Ziellinie zu bleiben.
Bei ihrem Treffen am Montagabend in Brüssel versuchten die Staats- und Regierungschefs der EU, ihre Rückstände zu beziffern. Mindestens 500 Milliarden Euro müssen in den kommenden zehn Jahren aufgebracht werden, um Europa im Kriegsfall verteidigen zu können. Ob Angriffe im Netz, auf Datenknotenpunkte, Pipelines oder Telekommunikationskabel in der Ostsee – der hybride Angriff ist längst Alltag. Und immer mehr Militärs kommen zu der Ansicht, dass Russland auch vor einem Angriff auf das Baltikum oder Polen nicht zurückschrecken würde. Die über lange Jahre im Gleichgewicht der gegenseitigen atomaren Abschreckung gehaltene Balance zwischen den Blöcken scheint nicht mehr zu funktionieren – wahrscheinlich weil der Schrecken zumindest für Russland nicht mehr so groß ist, dass er Wladimir Putin zum Frieden zwingen würde. Gleichzeitig muss Europa für den Fall planen, dass Trump mit Putin einen wie auch immer gearteten „Frieden“ schließt und sich danach von der Ukraine und Europa abwendet. Dann wären die EU-Staaten für die Sicherung der Waffenstillstandslinie allein verantwortlich, ebenso wie für eine Bewaffnung, die weitere russische Expansionsgelüste im Keim zu ersticken vermag.
Ein großer Teil der Europäer möchte die finanziellen Lücken im Verteidigungsetat mit neuen und vor allen Dingen gemeinsamen Schulden schließen. Der Vorschlag für diese so genannten „Verteidigungsbonds“ wird von den Nettozahlern in der EU jedoch aus gutem Grund abgelehnt – allen voran von Deutschland, das nach den USA ohnehin die größte Last für die Unterstützung der Ukraine trägt. Auch die Idee, die Kredite für die Aufrüstung über die Europäische Investitionsbank abzuwickeln, stößt auf erheblichen Widerstand – dafür wurde die Bank nicht gegründet.
Bei der Beschaffung mangelt es ebenfalls an Konsens. Zwar weiß jeder, dass die Rüstungsindustrie in Europa mit hunderten verschiedenen Systemen nicht mehr in die Zeit passt. Dafür aber die nationale Brille abzulegen scheint bislang kaum möglich. Zumal Frankreich in seinem Bestreben nach europäischer Autonomie darauf drängt, als einzige Atommacht der EU die Führungsrolle zu übernehmen. Was bedeuten würde, dass vor allem in Frankreich eingekauft, befohlen und modernisiert wird. Auch dagegen gibt es verständliche Vorbehalte.
Nur – was tun? Die Europäer stellen sich immer noch als eine Gruppe streitender Kinder dar, die einfach nicht erwachsen werden wollen. Der große Bruder Amerika wird dem Treiben und Vertrösten nicht mehr lange zuschauen. Trump ist zuzutrauen, dass er Ernst macht und die Nato verlässt. Für Putin wäre das eine furchtbare Einladung. Wir sollten es nicht darauf ankommen lassen.
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