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„Schleudertrauma für Unternehmen“Zwischen Weltpolitik und Wahlkampf – so reagiert der Mittelstand

Die Handelskrisen sind das „new normal“. Nur wie sollen Unternehmen damit umgehen? Der Hamburger Hafen und ein Weltmarktführer zeigen, was nötig ist.Artur Lebedew 06.02.2025 - 06:14 Uhr

HHLA-Chefin Angela Titzrath

Foto: WirtschaftsWoche

Vielleicht muss man es so machen wie Johannes Linden. Der Chef des Mittelständlers Pfisterer aus Winterbach bei Stuttgart, Weltmarktführer für Netz-Anschlüsse von Großanlagen wie Atomkraftwerken und Industrie, erweitert in den USA seine Produktionsanlagen – und entgeht so der Zoll-Willkür von US-Präsident Donald Trump.

Go West or go down? So einfach ist es natürlich auch bei Pfisterer nicht. Vielmehr sieht das Unternehmen in den USA vor allem Marktchancen, die es nutzen will. Das Land investiert massiv in Künstliche Intelligenz und errichtet Rechenzentren, die das betreiben sollen. Die dafür nötigen US-Netze allerdings seien Johannes Linden zufolge „überaltert“ und müssten erneuert werden: Die Chance für Pfisterer. „Wir wollen unsere Präsenz vor Ort stärken – das geht am besten mit lokaler Produktion, dann verkauft Mike dem Joe“, erklärt Linden auf der Bühne des Gipfeltreffens der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall.

Sicher, das Beispiel von Pfisterer ist nicht für jedes Unternehmen geeignet, wenn es darum geht, die eigenen Lieferketten zu sichern und nicht über Nacht das nächste Opfer eines Handelskrieges zu werden. Nicht wenige Maschinenbauer sind an ihre Produktion in Deutschland gebunden. Andere haben wie viele Autozulieferer in Mexiko investiert, einer sicher geglaubten nordamerikanischen Freihandelszone. „Die Unternehmen erleben gerade ein Schleudertrauma“, konstatiert die Harvard-Politologin und internationale Handelsexpertin der Bertelsmann-Stiftung, Cathryn Clüver Ashbrook.

Im vollbesetzten Saal des Gipfeltreffens der Weltmarktführer spricht am Dienstagabend Cem Özdemir (Die Grünen). Er ist Landwirtschaftsminister und seit dem Bruch der Ampel-Koalition zusätzlich Bildungsminister.

Foto: Foto Vogt GmbH

Zum 15. Mal treffen sich Spitzenkräfte deutscher Weltmarktführer zum Gipfeltreffen in Schwäbisch Hall: Am Mittwochmorgen spricht WirtschaftsWoche-Redakteurin Sonja Álvarez mit der zugeschalteten Cathryn Clüver Ashbrook, Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Foto: Foto Vogt GmbH

WirtschaftsWoche-Chefredakteur Horst von Buttlar begrüßt die Gäste.

Foto: Foto Vogt GmbH

Die Chefin des Maschinenbauers Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, diskutiert mit WirtschaftsWoche-Chefredakteur Horst von Buttlar über die politische und wirtschaftliche Großwetterlage. Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Gesprächs.

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Ein Blick ins Publikum beim Weltmarktführergipfel 2025 in Schwäbisch Hall.

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Rainer Bürkert, Mitglied der Konzernführung der Würth-Gruppe, im Gespräch mit WirtschaftsWoche-Redakteurin Sonja Álvarez.

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Angela Titzrath, Chefin der HHLA, der Betreiberfirma des Hamburger Hafens, im Gespräch mit WirtschaftsWoche-Chefredakteur Horst von Buttlar.

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Angeregte Diskussion einiger Gäste am Vorabend des Weltmarktführergipfels.

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Initiator des Gipfeltreffens der Weltmarktführer: Walter Döring, ehemaliger Wirtschaftsminister Baden-Württembergs und Inhaber der Akademie Deutscher Weltmarktführer.

Foto: Foto Vogt GmbH

Nur: Wie können Unternehmen in diesen so nervösen, volatilen Zeiten dann reagieren? Es ist eine der Kernfragen auf dem diesjährigen Weltmarktführer-Gipfel in Schwäbisch Hall. Fast alle Firmen sind auf die ein oder andere Weise davon betroffen. Lösungen präsentieren sie aber auch.

Da wären zum Beispiel die Logistiker der Hamburger Hafen und Logistik AG, kurz HHLA. Als Logistiker gelten Häfen als Seismographen für Handelsspannungen. Schon allein die Androhung neuer Zölle, erzählt HHLA-Chefin Angela Titzrath auf der Bühne der Weltmarktführer, habe dazu geführt, dass Kunden ihre Läger in Europa und USA vermehrt füllten. „Die Welt ist volatil geworden, Krise ist das new normal“, urteilt Titzrath.

In Schwäbisch Hall macht die Hafen-Chefin trotzdem einen entspannten Eindruck. Man müsse Trump ernst nehmen, so ihre Devise. Aber dann müsse man auch ins Handeln kommen. Und nicht immer geht es für sie um Zollfragen, oder die richtige Antwort der Politik, sondern auch darum, wie Unternehmen ihre eigene Rolle stärken können.

Für die Hamburger Logistiker der Hafenbetreiber HHLA heißt die Antwort darauf: Die eigenen Netzwerke verbessern, um Kunden auch in einer Krise zuverlässig bedienen zu können. Titzrath will künftig vor allem da, wo die physischen Kontaktpunkte mit den Kunden bereits vorhanden sind, sprich Hafenterminals, Gleisanlagen und Lagerhallen, die Präsenz und Zuverlässigkeit erhöhen. Deutschlands wichtigster Hafen konzentriert sich dabei auf Europa, investiert und modernisiert nicht nur im Heimathafen, sondern stärkt neuerdings auch seine anderen Terminal-Beteiligungen vom estnischen Tallin bis Triest in Italien.

Verbunden wird das Logistik-Netzwerk über die Bahn. Die Güterbahntochter Metrans gilt bei vielen Beobachtern als die Perle der HHLA. Rotterdam und Antwerpen mögen als Umschlaghäfen den Hamburgern enteilt sein. Die Leistung der HHLA auf der Schiene ist trotzdem europaweit unübertroffen. Und auf diese Stärken will sich auch die Chefin Angela Titzrath künftig konzentrieren. „Wir brauchen nicht die größten Netzwerke“, sagt sie in Schwäbisch Hall. Wichtig seien vielmehr „starke Netzwerke“, solche die für den Kunden einen Unterschied machten.

Besinnung auf Europa

Klare Prioritäten erkennen und stärken – das befürwortet auch Handelsexpertin Clüver Ashbrook. Und auch wenn sich die Belange und Probleme unterscheiden mögen, schimmert in den Beiträgen vieler Weltmarktführer die Besinnung auf die geografische Nähe durch. „Politik und Unternehmen müssen sich stärker auf Europa verlassen können“, findet die Politologin. Trump, Putin und die Chinesische KP wollten am liebsten die europäischen Interessen spalten. Dabei sei gerade jetzt die EU-Einigkeit wichtig, „auch für die neue Rolle der Union als Verteidigerin des Internationalen Handelssystems“. Deutschland als „Anker der Wirtschaftsstabilität“ müsse aus ihrer Sicht dabei vorangehen.

Diese Ansicht teilen nicht wenige. „Deutschland ist ein Land der Möglichmacher“, sagt Titzrath. Damit dieser Eindruck unvermittelt stimme, müsste auch die neue Bundesregierung Hürden aus dem Weg räumen. Für Titzrath wichtig sind vor allem zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur. Seit fast 15 Jahren bekämen die deutschen Häfen zusammen jährlich einen Betrag von knapp 40 Millionen Euro – „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, wie sie findet. Nötig wären jährlich 500 Millionen. Ansonsten drohten die Logistiker ihrer Verantwortung bei Themen wie der Energiewende oder der Verteidigungsstrategie nicht nachkommen zu können.

Und auch für den Pfisterer-Chef ist der Standort Deutschland nicht ganz so schlecht, wie man ihn zuweilen darstellt. Trotz verstärkter Präsenz in den USA, bleibt Deutschland für den Industriezulieferer der wichtigste Standort für Zukunftsinvestitionen. Linden zufolge liege das vor allem an den Fachkräften, die das Unternehmen woanders nicht findet.

Und die lähmende Bürokratie, über die so viele Mittelständler gerade klagen? Die gäbe es auch in den USA, sagt der Industrie-Chef. Und verrät für manch einen Unternehmer einen Tipp im Umgang mit langsamen Baubehörden.

Vor Kurzem investierte Pfisterer in einen Ausbau eines Entwicklungslabor, ein 35 Meter hohes Gebäude, das so vom örtlichen Bauamt nicht vorgesehen war. Die Verfahren wurden trotzdem schnell genehmigt. „Wir haben versucht, uns mit der Gemeinde gut zu stellen, haben die Politik vom Vorhaben überzeugt“, erzählt Linden. Einmal organisierte das Unternehmen ein Ortsfest, lud den gesamten örtlichen Musikverein ein. Irgendwann klappte es auch mit der Baugenehmigung.

Was fordern Mittelständler und Start-ups von der kommenden Bundesregierung? Wir haben Gäste des Gipfeltreffens der Weltmarktführer gefragt – sie finden das Video oben im Text oder auf unserem Instagram-Kanal.

Lesen Sie auch: Nach dem Sündenfall kommt jetzt die Wirtschaft dran

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