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Krieg in der Ukraine„Der Angreifer bekommt Appetit während des Essens“

Ohne Konsequenzen werde Putin weitere Länder angreifen, warnt der ehemalige Boxweltmeister Wladimir Klitschko. Friedensverhandlungen ohne sein Land und die EU dürfe es nicht geben.Sophie Crocoll 19.02.2025 - 16:44 Uhr

„Wir haben gelernt, wie man sich wehrt mit weniger“: Wladimir Klitschko (rechts), ehemaliger Boxweltmeister aus der Ukraine, spricht mit Wolfgang Schmidt (SPD), Leiter des Bundeskanzleramts, im Abaton-Kino in Hamburg über die Lage in der Ukraine.

Foto: Marcus Brandt/dpa

Wladimir Klitschko wäre nicht Wladimir Klitschko, wenn er nicht aufs Boxen zu sprechen käme, und das eher früher als später. Im Boxsport gebe es das Prinzip ‚Bully the bully‘, sagt Klitschko, frei übersetzt ,Schikaniere den Schikaneur‘, und übertragen auf sein Heimatland Ukraine sei klar: „Es gibt keinen anderen Weg, als sich militärisch zu wehren.“

Ein Dienstagabend Mitte Februar, Wladimir Klitschko ist in den Großen Saal des Abaton-Programmkinos gekommen, im Hamburger Stadtteil Rotherbaum. Für ein Gespräch mit Wolfgang Schmidt, Chef des Bundeskanzleramts und „Geheimdienstkoordinator“, wie Schmidt sich vorstellt. 

Im Mittelpunkt stehen aber soll Klitschko, ehemaliger mehrfacher Boxweltmeister im Schwergewicht, aufgewachsen in der Ukraine, der Mitte der 90er-Jahre in Hamburg seine Profikarriere begann – weshalb er sich mit der Stadt und so mancher Hamburger sich mit ihm besonders verbunden fühlt.

„Moin“, sagt Klitschko, als er auf die Bühne tritt. „Ach, süß“, findet das eine Frau im Publikum.

USA und Russland sprechen über ein Ende des Kriegs – ohne die Ukraine

Dies sei ausdrücklich keine Wahlkampfveranstaltung, betont Wolfgang Schmidt zu Beginn, und er meint damit: kein Wahlkampftermin für sich selbst. Denn Schmidt, seit mehr als 20 Jahren der engste Mitarbeiter von Olaf Scholz, will nun zum ersten Mal selbst in den Bundestag: Er tritt an als SPD-Direktkandidat für den Wahlkreis Hamburg-Eimsbüttel (den, so die Prognosen, wohl der Grüne Till Steffen gewinnen wird).

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Wahlkampf ist es aber irgendwie doch, weil Schmidt wenige Tage vor der Bundestagswahl seine gewohnte Rolle des Gerade-noch-Kanzler-Erklärers einnehmen wird. Heißt, er versucht, dem Publikum zu vermitteln, warum „wir“, also die Bundesregierung, also sein Chef Olaf Scholz, der ja trotz aller Umfragen noch einmal Kanzler werden will, sich in Bezug auf den Krieg in der Ukraine verhält wie er sich verhält. 

Die Frage hat noch einmal deutlich an Bedeutung gewonnen, seit die neue US-Regierung im Amt ist, Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz die gemeinsamen Werte der transatlantischen Beziehungen quasi für nicht mehr existent erklärte und Vertreter der USA und Russlands in Saudi-Arabien über die Zukunft der Ukraine gesprochen haben – ohne Vertreter des angegriffenen Landes und seiner europäischen Verbündeten.

All dies war noch nicht abzusehen, als sich Schmidt und Klitschko zu ihrem Gespräch verabredet haben, aber es erklärt, warum Klitschko an diesem Abend vor allem zwei Botschaften senden will. Erstens: „Wir“, Klitschko meint die Europäer, „müssen auf uns selbst aufpassen“. Da habe US-Präsident Donald Trump durchaus recht.

Deutschland mit Führungsrolle?

Dass die neue US-Regierung ohne die Ukraine und ohne die Europäer über die Ukraine verhandle, gehe nicht. Aber auch deshalb müsse Europa selbst stark sein. Deutschland habe die Fähigkeit, eine Führungsrolle einzunehmen. Damit macht auch Klitschko deutlich, was seit langem klar ist, dieser Tage aber besonders ersichtlich wird: Den Europäern fehlt auch nach drei Jahren Ukrainekrieg ein eigener und gemeinsamer Plan – inklusive der benötigten Summen, um erfolgreich Mitsprache einzufordern.

„Wir schauen immer noch auf den großen Bruder“, sagt Klitschko. Er kenne das ja selbst. Auch er habe sich lange darauf verlassen, dass sein großer Bruder ihn unterstützt. Vitali Klitschko, auch er ehemaliger Profiboxer, ist seit fast elf Jahren Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Erst mit 27 habe er, Wladimir, erkannt, dass er auf eigenen Beinen stehen müsse: „Ich habe gesagt: Vitali, ich liebe dich. Aber du führst dein Leben und ich meines.“

Wladimir Klitschko selbst bekleidet kein offizielles Amt, ist seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine als Prominenter aber so etwas wie ein inoffizieller Botschafter für sein Land. Für ihn sei er wie ein ukrainischer Politiker, sagt auch Wolfgang Schmidt in Hamburg: Er verrate wohl kein Geheimnis, wenn er berichte, dass der US-Kongress im Frühjahr 2024 die 60 Milliarden Dollar Hilfsgelder für die Ukraine auch wegen des Handelns der Klitschko-Brüder freigegeben habe – weil Donald Trump „zu euch aufguckt, weil ihr Gewinner-Typen seid“. Zuvor hatte die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus aus Furcht vor Trump die Bewilligung verweigert.

Die zweite Botschaft, die Wladimir Klitschko für das Publikum in Hamburg, aber wohl auch für Schmidt und die deutsche Bundesregierung hat: Wer in Frieden leben will, müsse sich auf den Krieg vorbereiten. Und dabei könnten Europa und die Nato von der Ukraine als Partner profitieren. So sei Digitalisierung eine sehr gute Kriegsprävention und beispielsweise der Schlüssel, um Kyjiw zu verteidigen. Die Ukraine sei in den vergangenen drei Jahren so digital geworden wie kein anderes Land in Europa.

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Kein Frieden um jeden Preis

„Wir haben gelernt, wie man sich wehrt mit weniger“, ergänzt Klitschko, „wir haben gelernt, wie man eine moderne Kriegsführung macht.“ Deshalb sollten sich die Nato-Mitglieder fragen: „Seid ihr stärker oder schwächer mit der Ukraine?“

Einen Frieden um jeden Preis jedenfalls könne es nicht geben, antwortet er auf die zaghafte Frage Schmidts, zu welchen Bedingungen die Ukraine einem Frieden möglicherweise zustimmen könne. Denkbar sei ein fairer Frieden mit Konsequenzen für den Angreifer, so drückt es Klitschko aus. „Der Angreifer bekommt Appetit während des Essens“, warnt er. Ohne Konsequenzen werde Putin mit einer Scheibchen-Taktik Land für Land angreifen. Es ist der Versuch, auch Menschen in Deutschland zu überzeugen, dass der Krieg sie betrifft.

In Hamburg zumindest kommen Klitschkos Appelle an: Sollte Deutschland sich an Sicherheitsgarantien für die Ukraine beteiligen, fragt ein junger Mann im Publikum, am Vortag hatte Olaf Scholz eine Debatte über eine europäische Friedenstruppe, um einen möglichen Waffenstillstand in der Ukraine zu sichern, bei einem Treffen in Paris für verfrüht erklärt. „Danke“, sagt Klitschko, „das wollte ich auch fragen.“

„Danke für die Frage“, sagt er auch, als eine Frau wissen will, ob es ein „Gamechanger“ wäre, wenn Deutschland Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine lieferte. Sein Standpunkt ist klar: „Ich halte es für einen Riesenfehler, Taurus der Ukraine nicht zu geben, der uns alle Leben und Infrastruktur kostet“, sagt Klitschko.

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„Beschimpft als Kriegstreiber, der das Töten verlängert“

Es ist der Moment für Schmidt, kurz vor der Wahl noch einmal als Scholz- beziehungsweise Bundesregierungserklärer tätig zu werden. Deutschland sei der größte Unterstützer der Ukraine. Die Ampelkoalition auch deshalb zerbrochen, weil kein Konsens mehr gefunden worden sei, wie diese weiter zu finanzieren sei. Soweit Schmidts Deutung.

„Ich bin ein bisschen unglücklich, dass die Debatte über einzelne Waffensysteme so offen geführt wird“, sagt er zur Diskussion um den Taurus. Im Zweifel nütze das dem Gegner.

Und Schmidt nennt Gründe für Scholz‘ Entscheidung: Hier – also im Abaton-Kino – nehme er eine „nicht so große Zufriedenheit“ wahr; Deutschland tue nicht genug für die Ukraine, und nicht schnell genug.

In Teilen Ostdeutschlands wählten dagegen 60 Prozent der Menschen Parteien, die die Unterstützung für die Ukraine sofort beenden wollten. „Dort werde ich beschimpft als Kriegstreiber, der das Töten verlängert“, berichtet Schmidt dem Hamburger Publikum. Es gehe also auch um die Frage, ob eine solche Lieferung mehr Schaden anrichte für die öffentliche Unterstützung, als sie der Ukraine nütze.

Eine Frage, die die künftige Bundesregierung anders beantworten könnte. Der wahrscheinliche künftige Kanzler Friedrich Merz (CDU) ist offen, Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine zu liefern – „wenn wir uns mit den europäischen Partnern einig sind“.

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