18.000 offene Stellen: Keine Elektroniker, keine Energiewende?
Knapp drei Prozent der Auszubildenden im Elektrohandwerk sind Frauen. Nicht nur in dem Bereich gibt es zu wenig Menschen.
Foto: imago imagesIn diesem Jahr hat der Stuttgarter Elektrotechniker Bürkle + Schöck etwa 40 jungen Leuten eine Absage erteilt. Sie haben sich alle auf einen Ausbildungsplatz bei dem Betrieb beworben, nur vier bekamen den Posten. Über zu wenig motivierte Bewerber könne sich der 59-jährige Geschäftsführer Thomas Bürkle nicht beschweren. Im Gegenteil: Der Elektronikerberuf werde immer mehr nachgefragt. Bürkle + Schöck ist kein Einzelfall, andere Unternehmen berichten ähnliches. Und dennoch: Die Fachkräftelücke unter Elektrotechnikern ist enorm.
Zahlreiche Studien behandeln die angespannte Lage am deutschen Arbeitsmarkt. Einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zufolge fehlten zwischen dem Sommer 2023 und dem Sommer 2024 mehr als 18.000 Energieelektroniker – die drittgrößte Arbeitskraftlücke in dieser Studie. Lediglich Sozialarbeiter und Erzieher ließen mehr Stellen unbesetzt. In diesem Herbst meldeten 52 Prozent der Elektrounternehmen, dass sie nach wie vor freie Positionen haben, heißt es vom Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). Die Prozentzahl sinkt zwar halbjährlich, dennoch bleibt sie alarmierend.
Denn Elektroniker müssen die deutsche Energiewende voranbringen. Ziel der Europäischen Union ist es, die CO2-Emission bis 2050 um bis zu 95 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 zu verringern. Dafür soll der gesamte erzeugte und verbrauchte Strom treibhausgasneutral sein. Das erste Etappenziel der Bundesregierung ist nicht einmal mehr sechs Jahre entfernt: Dann soll der Strombedarf bereits zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Es benötigt also Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und smarte Haussysteme. Angeschlossen werden diese von Elektronikern für Energie- und Gebäudetechnik, kurz genannt Energieelektronikern.
„Durch die Energiewende ist der Bedarf an Fachkräften enorm gestiegen“, sagt Firmeninhaber Bürkle. Sein Großvater hat den Elektrikerbetrieb vor etwa 100 Jahren gegründet, in der Zeit habe sich das Handwerk stark weiterentwickelt. Fluch und Segen zugleich. „Wir merken seit vier Jahren deutlich, dass ein Wandel in den Köpfen stattfindet und profitieren davon, dass unsere Berufe als sinnstiftend angesehen werden“, äußert der 59-Jährige. Ähnliches berichten auch Berufsschulen und der Verband ZVEH.
Beruf mit Sinn
Der Beruf des Energieelektronikers hat Zukunft. Junge Menschen interessieren sich vermehrt für Jobs, die einen nachhaltigen Zweck verfolgen. Das umfasst nicht nur die Energiewende, auch die Chipindustrie sucht händeringend nach Mikroelektronikern. Ein Zustand, der den Betrieben zugutekommt. Ein weiteres großes Plus: Die Bezahlung ist vergleichsweise gut. Das Einstiegsgehalt liegt laut Tarifvertrag der IG Metall bei durchschnittlich 2.400 Euro. Auszubildenden winken bis zu 1000 Euro im ersten Jahr.
„Woran wir noch arbeiten müssen, ist, dass es in den E-Handwerken zu wenig Frauen gibt. Dabei hat sich der Beruf über die Jahre sehr verändert“, ergänzt Geschäftsführer Bürkle. Im vorigen Jahr waren lediglich 2,9 Prozent der insgesamt 46.196 Auszubildenden weiblich. Die Tendenz steigt, aber im Gesamtvergleich kaum merklich. Körperlich anstrengende Arbeit sei weniger geworden, heutzutage müsse man sich viel mit Messgeräten auskennen, auch am Computer arbeiten. „Gebäude werden, nicht zuletzt im Zuge der Energiewende, immer digitaler und intelligenter. Die Elektrifizierung und smarte Gebäudetechnologien erleben einen Boom“, sagt Alexander Neuhäuser, Hauptgeschäftsführer des Berufsverbands ZVEH.
Dieser Fortschritt hat dazu geführt, dass die Handwerkskammern das Berufsfeld des Elektrotechnikers vor drei Jahren überarbeitet haben. Aus sieben Ausbildungsberufen wurden fünf. Die Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik wurde neu herausgearbeitet und definiert. Die Kammern haben die Qualifikationen an die Nachfrage angepasst. Denn mit dem Boom um Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Wallboxen ist der Bedarf an Elektronikern sprunghaft gestiegen.
Und hier liegt das Problem. Aufgrund der Energiewende sind neue Aufgabenfelder entstanden, die es vorher nicht gab. Folglich benötigt es mehr Fachkräfte, die all diese Bereiche abdecken müssen. Das Handwerk habe sich aber nicht schrittweise an diese Entwicklung anpassen können, sondern sei von politischen Entscheidungen immer wieder überrumpelt worden, ärgert sich Verbandschef Neuhäuser. Als die KfW im September 2023 beispielsweise solarbetriebene Ladestationen für E-Autos bezuschusste, wurden Elektrobetriebe deutschlandweit mit Anfragen überrannt. Über Nacht bewarben sich 33.000 Haushalte für das Förderprogramm, alle wollten sofort einen Termin bei ihrem Elektrotechniker. Unmöglich.
Flaute bei E-Auto-Spezialisten
Solche wirtschaftlichen Wellen hinterlasse unzufriedene Kunden und überfordere Betriebe, sagt auch Familienunternehmer Thomas Bürkle. Er beschäftige derzeit beispielsweise Elektroniker, die sich auf diese Ladeinfrastruktur spezialisiert haben. Weil gerade weniger E-Autos verkauft und die Nachfrage nach Wallboxen gesunken ist, gebe es für die Mitarbeiter allerdings weniger Arbeit. Für branchenübliche Aufgaben seien sie zu hoch qualifiziert – Bürkle + Schöck übernimmt überwiegend industrielle Aufträge, beispielsweise millionenschwere Hotelprojekte. „Solche hochqualifizierten Fachkräfte sind jedoch viel zu teuer, um sie nur für eine einfache Arbeit einzusetzen.“ Wieder ein Fragezeichen mehr in der Personalplanung des Elektrotechnikers.
Betriebe können im Voraus planen, welche Mitarbeitenden in Rente gehen und diese Positionen mit Auszubildenden ersetzen. Die geburtenstarken Jahrgänge hinterlassen zurzeit vergleichsweise viele freie Plätze. Bei dem Stuttgarter Elektrotechniker gehen jährlich zwei bis drei Personen in den Ruhestand. Hinzu kommt, dass ein Teil der Ausgelernten die Branche wechselt oder ein Studium beginnt. Das sind alles Faktoren, die zwar die Fachkräftelücke weiten, die Unternehmen nach jahrelanger Erfahrung aber einkalkulieren können. Die Fortschritte in der Technik und die Fördertöpfe der Bundesregierung lassen sich in der Personalaufstellung jedoch nicht von langer Hand einplanen.
Kritik an Enpal-Akademie
Tech-Unternehmen wie Enpal haben dieses Problem erkannt und ihr Geschäftsmodell dahingehend angepasst. Das mit mehreren Milliarden Euro bewertete Start-up aus Berlin vermietet Photovoltaikanlagen und mittlerweile auch Wärmepumpen. Laut Enpal sind die Anlagen bei rund 80.000 Hausbesitzern installiert. Die Montage und selbst die Wartung erfordert jedoch massig Personal. Handwerker bildet das Start-up seit 2021 daher selbst aus. In sechs bis acht Wochen werden Bewerber zum Photovoltaik-Installateur oder Wärmepumpen-Monteur ausgebildet. Die Teilnehmer lernen theoretische Grundlagen mithilfe von Lern-Apps, begleiten erfahrene Kollegen auf Baustellen und werden vor Ort geschult.
ZVEH-Hauptgeschäftsführer Neuhäuser schüttelt bei diesen Anforderungen nur den Kopf. Die Energiewende unterstütze dieses Geschäftsmodell lediglich bedingt: „Das ergibt lediglich für bestimmte Betriebsabläufe Sinn. Wer nur für gewisse Tätigkeiten angelernt wird, zum Beispiel für die Installation von Photovoltaik-Modulen auf dem Dach, kann nur dies und ist deshalb nicht flexibel einsetzbar.“ Laut Neuhäuser würden diese Monteure auf dem Arbeitsmarkt schwieriger eine neue Anstellung finden.
Das heißt, Arbeitskräfte von Enpal und anderen Start-ups könnten lediglich einen Aufgabenbereich des Elektronikerberufs übernehmen. Für weitere Tätigkeiten bräuchten sie eine weitere Ausbildung. Schulen und Betriebe müssten sich auf diese Angestellten spezialisieren, anstatt junge Menschen neu auszubilden. „Dadurch verbrauchen wir Ressourcen, die wir an anderen Stellen effizienter einsetzen könnten“, sagt Verbandschef Neuhäuser und plädiert für eine Vollausbildung anstatt einer Teilqualifizierung.
An der Enpal-Akademie nehmen überwiegend Quereinsteiger und Geflüchtete teil, erklärt das Unternehmen. Mit einer Berufsausbildung lasse sich diese Qualifizierung jedoch nicht vergleichen. Das Start-up beschäftige ebenso 300 vollausgebildete Elektroniker, die die Aufträge gemeinsam mit den Monteuren umsetzen.
Trotz Fachkräftelücke sind sich Berufsverband und Betriebe sicher, die Energiewende bis 2050 zu schaffen. Während die Installation einer Solaranlage vor 15 Jahren noch etwa eine Woche gedauert hat, benötigen Handwerker heute etwa zwei Tage. Die Gewerke werden effizienter – und die Automatisierung, die auch gleichzeitig für mehr Aufträge sorgt, hilft dabei.
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