Karriereleiter: Gegen die Betroffenheits-Inflation: „Bin fassungslos, entsetzt, erschüttert.“ Wirklich?
Paul Agostino vom TSV 1860 München greift sich während des Spiels entsetzt an den Kopf.
Foto: dpa/dpawebUnser Bundeskanzler ist ja nicht gerade eine Sprühkerze der Emotionen. Das ist für ihn nachteilig. Denn mittlerweile ist dank Social Media ein Großteil der Gesellschaft daran gewöhnt, dass sich ständig Leute vor laufender Kamera kaputtlachen, aufregen oder weinen.
Wer da nicht mithalten kann und trotzdem darauf angewiesen ist, zu aktuellen Geschehnissen Empathie auszustrahlen, könnte auf die Idee kommen, nach irgendwelchen Adjektiven zu suchen, die Emotionalität in sich tragen. Um diese Begriffe dann sozusagen als Markenzeichen der jeweiligen eigenen Betroffenheit an sich zu heften. Wohl deshalb hat Olaf Scholz zu den fremdenfeindlichen Gesängen vor der Sylter Bar Pony gesagt: „Solche Parolen sind ekelig.“ Ich würde mich nicht wundern, wenn er mit seinem Beraterteam eine Weile an der Auswahl dieses Adjektivs gearbeitet hat.
Doch was löst es in uns aus, wenn wir hören, dass unser Bundeskanzler den Gesang ekelig findet? Spüren wir da seine Enttäuschung, Erregtheit, seinen Ärger, seine Unsicherheit, was zu tun ist? Steckt er uns mit seiner Haltung an? Ich behaupte: Nein. Es wirkt wie ein Wort aus der Liste der Empörungs-Vokabeln. Und das lässt uns nicht mitfühlen.
Denn was heißt ekelig?
Infrage kommen hier zwei Bedeutungen:
1. Umgangssprachlich: unangenehm/fies („Die kann ganz schön ekelig werden.“) – das aber wäre der Situation wohl nicht angemessen.
2. Im eigentlichen Sinne: ekelerregend („Was stinkt denn hier so ekelig?“).
Könnten Sie nachvollziehen, wenn Scholz im Sinne der zweiten Bedeutung echte Ekelreaktionen entwickelt hätte? Übelkeit, Würge- und Brechreiz, Fluchtreaktion, Herpes? Ich glaube es nicht. Und deshalb glaube ich ihm nicht, dass er echten Ekel empfunden hat.
Ist das zu haarspalterisch gedacht? Nein, denn: Wenn Sie meine Haltung teilen, dann könnten wir gemeinsam unterstellen: Der Versuch, des Kanzlers, seine Betroffenheit zu zeigen, ist fehlgeschlagen. Weil „ekelig“ einfach eine Phrase ist. Scholz hat dann noch ergänzt: Es müsse verhindert werden, „dass das eine Sache ist, die sich verbreitet“. Und man ahnt schon: Das war es dann auch erstmal von seiner Seite dazu. Für mehr wird sein vorgegebener Ekel vermutlich nicht reichen.
Wie hätten Sie es besser machen können? Antwort: Indem Sie nicht mit einem Schlagwort markieren, sondern schildern, wie Sie sich fühlen.
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Statt Blabla: Beschreiben Sie, was in Ihnen vorgeht
Die ZDF-Journalistin Dunja Hayali hat dafür einen Gedanken auf X veröffentlicht: „Mit Hitlerbärtchen und Schampus, aber ohne „Ausländer“. #Sylt. 2024. (…) Am Tag, an dem wir das Grundgesetz feiern…“
Spüren Sie, was in ihr vorgeht? Vielleicht Enttäuschung, vielleicht Wut, vielleicht Verzweiflung. Aber indem sie schlicht und vermeintlich neutral die Verbindung rassistische Parolen ausgerechnet am Jubiläum des Grundgesetzes schafft, löst sie in uns etwas aus: Den automatischen Wunsch, eine eigene Haltung zu dieser Konstellation einzunehmen. Und sehr wahrscheinlich dadurch eigene Betroffenheit.
Lösen Sie bei Ihrem Publikum eine eigene Haltung aus, die Ihrem Kommunikationsziel dient. Das gelingt, indem Sie nachvollziehbar und zustimmbar schildern, was in Ihnen vorgeht und warum. Dann sagen Ihre Empfänger: „Stimmt, sehe ich auch so.“
Die Rote Liste der Betroffenheits-Stanzen
Sicher fallen Ihnen selbst typische Begriffe ein, die Leute verwenden, um schnell mal eben eigene Angefasstheit zu behaupten:
1. Ich bin echt fassungslos!
Ach ja? Was du nicht sagst… Fassungslosigkeit. Wer fassungslos ist, ist aus dem inneren Gleichgewicht gebracht, völlig verwirrt, aufs Höchste erstaunt und/oder sprachlos. Streng dem Wortsinn nach, kann jemand, der fassungslos ist, gar nicht sagen, dass er fassungslos ist, weil er ja sprachlos ist. Wer fassungslos ist, geht sich die Haare raufend im Kreis umher und denkt Dinge wie: Was ist passiert? Wo bin ich? Was mach ich bloß? Wie Beteiligte im Schock nach einem Autounfall oder so.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat am zweiten Jahrestag der Polizistenmorde bei Kusel in diesem Frühjahr gesagt: „Dieses Verbrechen macht mich bis heute fassungslos und traurig.“ Glauben Sie ihr, dass sie seit zwei Jahren völlig verwirrt ist? Natürlich könnte sie in dieser Verfassung nicht jahrelang diesen anspruchsvollen Job machen. Und trotzdem ist es ja richtig, dass Faeser bemüht ist, ihre Anteilnahme auszudrücken. Warum dann in diesen übertriebenen Worthülsen?
Es wäre doch viel glaubhafter gewesen, wenn sie es beim Traurigsein belassen hätte. Etwa so: „Immer, wenn ich an diesen Fall denke, und mir vorstelle, wie es heute den Hinterbliebenen gehen mag, macht mich das in diesem Moment richtig traurig.“
2. Ich bin entsetzt!
Die eigentliche Bedeutung von „entsetzt“ geht in die Richtung von bestürzt, außer sich und erschüttert. Es geht doch kaum dramatischer. Da ist jemand seelisch und gedanklich aus der Spur. Wenn Eltern dabei zusehen müssen, wie ihr eigenes Kind von einem wild gewordenen Schäferhund gebissen wird, dann werden sie im eigentlichen Wortsinn entsetzt, bestürzt, außer sich und erschüttert sein.
Nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Menschen am Berliner Breitscheidplatz hat die damalige Bundeskanzlerin gesagt: „Ich bin wie Millionen Menschen in Deutschland entsetzt, erschüttert und tief traurig über das, was gestern Abend geschehen ist.“ Der Anschlag war tragisch. Doch die Kanzlerin war einen Tag später nach eigenen Angaben noch entsetzt und erschüttert. Auch hier ist es selbstverständlich die Aufgabe der deutschen Regierungschefin, sich angemessen zu diesem Verbrechen zu verhalten. Und ich glaube auch, dass Angela Merkel sehr mitgenommen war. Aus Empathie mit den Opfern und den Hinterbliebenen, und auch, weil sie wusste, was da politisch auf sie zukommen würde.
Und dennoch kommt mir die Aneinanderkettung dieser Mitgefühls-Marken unangemessen vor. Auch, weil sie ihre Anteilnahme gleichgesetzt hat mit den Gefühlen von Millionen anderer Menschen, von denen sie gar nicht wissen konnte, wie die gefühlt haben. Ich persönlich komme ihr in diesem Moment nicht nah.
Danach aber schilderte Merkel ihre Gedanken: „Zwölf Menschen, die gestern noch unter uns waren, die sich auf Weihnachten freuten, (…), sie sind nicht mehr unter uns. Eine grausame und letztendlich unverständliche Tat hat ihnen das Leben geraubt.“
Auch hier lässt sich wieder spüren: Die Einladung, über dieses plötzliche Aus-dem-Leben-gerissen-Werden nachzudenken, lässt uns selber die Tragik erkennen. In uns entsteht Mitgefühl. Ein Mitgefühl, dass durch genormte Erschütterungs-Bekundungen nicht entstehen kann.
3. Empörung – die Mutter aller Aufwallungsbekundungen
Das Besondere an der Empörung ist ja, dass Empörte nicht nur emotional angefasst sind, sondern der Meinung sind, dass ihnen Unrecht getan wurde. Ihnen oder anderen, für die sie meinen, eine Verantwortung zu tragen.
Wer dann seiner Empörung vor anderen Leuten Luft macht, suggeriert: Ich halte meine eigene Kränkung für von öffentlichem Interesse.
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Das gilt sicher im diplomatischen Dienst. Wenn sich die Bundesaußenministerin vor der Welt von bestimmten Vorkommnissen empört zeigt, dann hat das einigermaßen Gewicht.
Wenn wir uns aber im Job oder in einer Podiumsdiskussion empören, dann ist die Tragweite überschaubar. Sagen Sie nicht: „Ich bin empört, wie Sie hier mit den Leuten umspringen.“
Dass Sie empört sind, heißt noch lange nicht, dass Sie recht haben. Empörung ist nur ein persönliches Gefühl. Viel wertvoller für Ihre Überzeugungskraft sind aber die Gefühle Ihres Gegenübers. Sagen Sie lieber: „Ich finde es wirklich unangemessen, wie Sie hier mit den Leuten umspringen.“ Und dann lassen Sie den Empfänger wieder selber eine Haltung einnehmen: „Stellen Sie sich mal vor, mit Ihnen würde so umgegangen.“ Und dann schmücken Sie die Vorstellung aus. Mit der Frage am Ende: „Wie würden Sie sich da fühlen?“
Verschonen Sie also Ihre Umwelt mit Ihren vorgestanzten Gefühlsmarkierungen fassungslos, entsetzt, empört, erschüttert, geschockt und ähnlichen Emo-Exzessen, die nicht wirken und deshalb meist umso stärker aufgeblasen werden.
Erzeugen Sie die gewünschten starken Gefühle stattdessen bei Ihrem Gegenüber. Indem Sie Ihre Gedanken schildern. So überzeugen Sie viel besser. Und helfen mit, die Betroffenheits-Inflation zu senken.
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