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WiderworteWoran es liegt, dass Deutschland keine Führungskräfte findet

In Deutschland fehlen bald rund 190.000 Nachfolger für die Geschäftsführung. Die Bewerber sind heiß begehrt, doch will niemand in manch einen kaputten Laden einsteigen. Warum nur? Eine Kolumne.Wolf Lotter 02.10.2023 - 14:50 Uhr
Foto: imago images

Früher war nicht alles besser, echt nicht, aber doch vieles überschaubarer. Nehmen wir mal die Nachfolge. Wenn es um Führungskräfte ging, also Kaiser, König, Fürst und Graf, dann war die Sache klar, sobald endlich ein erstes Kind zur Welt kam. War das männlich, konnte sich der Kronprinz gar nicht dumm genug anstellen, um eines Tages von seinem Papa Amt und Würden zu übernehmen. Bei Mädchen wurde natürlich erst einmal herumgezickt, obwohl die Geschichte uns lehrt, dass weibliche Führungskräfte weit öfter Probleme besser, nachhaltiger und auch schlauer lösten als Männer. Aber auch das konnte möglich gemacht werden, wenn man die Leute, die was zu sagen hatten, ausreichend schmierte oder rechtzeitig ins Verließ warf. Beides machen wir nicht mehr, jedenfalls nicht mehr genau so.

In Deutschland suchen, so hat es das Institut für Mittelstandsforschung ausgerechnet, bis zum Jahr 2026 rund 190.000 Unternehmen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger in der Geschäftsführung. Das ist nicht gerade wenig. Der Leibhaftige unserer Zeit heißt Demographische Entwicklung, Sie wissen schon, die Sache mit dem Geburtenrückgang, der den starken „Baby-Boomer”-Generationen folgt, die jetzt in Rente gehen. Weniger Kinder, weniger Fachkräfte, von Führungskräften ganz zu schweigen.

Schon in der vergangenen Folge von Widerworte habe ich darauf hingewiesen, dass Knappheit, etwa an Fachkräften, zwar bedeutet, dass die Nachfrage steigt, aber dass das nicht zwingend zu einer höheren Qualität führt – eher im Gegenteil.

Jeder, wie er kann: Sieben Führungsstile
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Ein Grund, der dafür ab und zu genannt wird, ist, dass die jungen, im Wohlstand aufgewachsenen Generationen keinen Bock darauf haben, das gleiche Leben zu führen wie ihre Eltern und Großeltern. Das ist auch überhaupt nichts Neues. Die Industrielle Revolution verdankte den Großteil ihres Personals diesem Umstand. Die Fabrik war schlimm, aber der Gutshof war schlimmer.

Warum es mit der Nachfolge nicht klappt

Es gibt jedoch auch neue Gründe, originäre Gründe unserer Zeit, warum es mit der Nachfolge nicht klappt. Was wäre, wenn nichts Besseres nachkommt, weil das, was da ist, so grottenschlecht ist, dass sich diese Schuhe niemand mehr anziehen will? Wenn jemand sein Geschäft als Führungskraft und Manager so schlecht macht, wenn der Laden einen so miesen Ruf hat, dass selbst die engagiertesten, wagemutigsten potentiellen Nachfolgerinnen und Nachfolger einfach kein Lust darauf haben, diese ganzen Schrott von Grund auf zu entrümpeln?

Solche Buden, nicht selten durch die Politik und den Staat mit einem prall gefüllten Subventionstropf am Leben erhalten, gibt es doch einige, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Und immer wieder ist es erstaunlich, wie seelenruhig dort ein Management vor sich hinwerkelt, das selbst Praktikanten davon abhält, sich eine Karriere im direkten Umfeld dieser Leute auszumalen.

Lesen Sie auch: Wie Nachfolger ihre Skeptiker überzeugen

Es sind Unternehmen, bei denen das Management nicht einmal mehr ausgetauscht wird vom Aufsichtsrat, weil einfach kein anderer diesen Job will. Niemand. Auch nicht die, die man sonst gerne ruft, wenn die Jungs etwas so richtig in die Grütze gefahren haben, und eine Frau die Scherben zusammenkehren soll, was die alte und zurecht nicht mehr gebräuchliche Berufsbezeichnung der „Putzfrau“ hier noch einmal passend macht.

Nichts Schlimmes auf dieser Welt, das nicht auch für einige wenige einen Vorteil mit sich brächte: Für die „Führungskräfte“ in diesen Läden ist der schlechte Ruf, der Umstand, dass sich niemand ihre Schuhe anziehen will, eine Art Lebensversicherung. Wo niemand drängelt, kann man sich getrost niederlassen. Statt gelöster Nachfolgeproblematik steht dann eben Nachhaltigkeit in eigener Sache auf der Agenda: Ich bin so schlecht, den Job will keiner haben.

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