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Börsengänge von Start-ups Mit Mut gegen den Ausverkauf

2014 wagte sich der Onlinehändler Zalando an die Börse. Inzwischen scheuen viele Start-ups diesen Weg. Quelle: dpa

Flaschenpost, Instana, Signavio: Deutsche Start-ups verkauften sich zuletzt lieber an Konzerne, als den Weg an den Kapitalmarkt zu gehen. Gründer und Investoren trauen sich selten, hierzulande ein unabhängiges Tech-Unternehmen aufzubauen. Ist Besserung in Sicht?

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Das Ziel war klar – aber aussprechen wollte Hanno Renner es lange Zeit nicht: „Als kleines Unternehmen von einem Börsengang zu sprechen, kam mir lange überheblich vor“, sagt der Gründer von Personio, einem jungen Anbieter von Personalmanagement-Software. „Wir mussten erst einmal zeigen, dass wir groß genug sind“. Jetzt ist es so weit: Mitte Januar gab das 2014 gegründete Unternehmen eine Finanzierungsrunde über gut 100 Millionen Euro bekannt, erreichte damit eine Bewertung von etwa 1,4 Milliarden Euro. Man wolle die führende Software im Personalbereich für kleine und mittelständische Unternehmen in Europa werden, betont Renner nun öffentlich, „dafür wollen wir ein unabhängiges Unternehmen aufbauen und auch bleiben.“

Die Scheu des Gründers ist symptomatisch für die deutsche Start-up-Szene. Zwar wagte sich jüngst mit Auto1 ein schnell wachsendes Tech-Unternehmen an die Börse - und Anleger wurden trotz kritischer Stimmen zunächst mit einem Kursplus belohnt.

Doch viele andere Beispiele aus der deutschen Tech-Szene zeigen: Der Verkauf an einen größeren Konzern ist den meisten Gründern lieber. Vor knapp zwei Jahren wurde der Speicherspezialist Sonnen von Shell übernommen. Im vergangenen Herbst griff Dr. Oetker beim Getränkelieferdienst Flaschenpost zu. Um die Weihnachtszeit wurde bekannt, dass IBM das in Solingen gegründete Software-Start-up Instana gekauft hat. Und vor wenigen Wochen sicherte sich SAP das Berliner Start-up Signavio.

Das schnelle Geld lockt manche Gründer

Aus vielversprechenden Wachstumsunternehmen werden so Konzernsparten. Statt Expansion heißt es Integration. Gründer und Investoren machen beim Verkauf kräftig Kasse – und stecken die Erlöse häufig in neue Start-ups. Doch die nächste globale Tech-Plattform aus Deutschland, die sich Politiker und Unternehmer immer wieder wünschen, entsteht so eben nicht. „Gesamtwirtschaftlich kann es langfristig nicht das Ziel sein, Firmen für ein paar hundert Millionen Euro in die USA zu verkaufen“, sagt Thomas Preuß, Partner von Deutsche Telekom Capital Partners, einem der finanzkräftigsten deutschen Investoren bei Start-ups. Es wäre schön, hierzulande nachhaltig wachsende Unternehmen zu sehen, „die zu Global Playern aufsteigen können“, sekundiert Oscar Jazdowski, Deutschland-Chef der Silicon Valley Bank. Warum tut sich die deutsche Start-up-Szene so schwer, den Schritt an die Kapitalmärkte zu wagen?

Ein wichtiger Grund: Nicht nur Investoren verfügen im Moment über reichlich Kapital. Auch Konzerne haben prall gefüllte Kassen – und buhlen eifrig um die jungen Unternehmen mit Digitalkompetenz. Start-ups, die bewiesen haben, dass ihr Geschäftsmodell skaliert, fallen M&A-Abteilungen schnell ins Auge. Um sich ein vielversprechendes Modell zu sichern, greifen große Unternehmen dann gerne tief in die Tasche. Einige der kürzlich erfolgten Verkäufe hätten strategisch „eine Menge Sinn gemacht“, sagt Jazdowski. Dazu kommt auch die persönliche Perspektive der Gründer: Nach jahrelanger und kräftezehrender Aufbauarbeit kann mancher Unternehmer mit einer Unterschrift zum Multimillionär werden.

Investoren achten auf die Rendite

Auch die Investoren können auf einen Verkauf drängen. Risikokapital-Fonds sind in der Regel auf etwa zehn Jahre angelegt. Damit die Investoren wiederum ihre Geldgeber bedienen können, kann ein Exit zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig sein. Auf einen noch lukrativeren Zeitpunkt zu warten, ist dann nicht immer drin.

Manche Risikokapitalgeber bringen aber durchaus einen längeren Atem mit. HR-Software-Start-up Personio verweist bei seiner aktuellen Finanzierungsrunde etwa auf den Gesellschafter Index Ventures, der „bereits namhafte Software-Unternehmen wie Slack, Dropbox und Zendesk erfolgreich bis zu ihrem Börsengang begleitet“ habe. Start-up-Banker Jazdowski beobachtet auch, dass bei Investoren die Bereitschaft zu sogenannten „Secondary“-Deals steigt. Dabei fließt bei Finanzierungsrunden ein Teil der Millionen nicht an das Start-up, sondern an die ersten Geldgeber sowie die Gründer. „Wenn man die frühen Investoren und Gründer früh zufriedenstellen kann, kann sich die Firma auf das langfristige Wachstum konzentrieren“, sagt Jazdowski.

Zugleich wollen oder müssen manche Investoren ihre Beteiligungen aber bei einem guten Angebot versilbern. Das zeigt das Beispiel Signavio. DTCP stieg 2019 mit einer eindeutigen Perspektive bei dem Start-up ein. „Das Ziel war ganz klar der Börsengang – und Signavio war auf Kurs“, berichtet Preuß. Im vergangenen Herbst aber meldete plötzlich SAP großes Interesse an der jungen Softwarefirma an. Und die Walldorfer überzeugten die bisherigen Gesellschafter mit Argumenten und Zahlen. Kolportiert wird ein Kaufpreis von etwa einer Milliarde Dollar.

Denn das grundsätzliche Ziel eines Finanzinvestors bleibt: Eine attraktive Rendite in einem attraktiven Zeitraum. Ergibt sich für ein Portfolio-Unternehmen eine Ausstiegsmöglichkeit, mit der ein Fonds seinen Einsatz in kurzer Zeit vervielfachen kann, ist die Antwort klar. Zumal nicht immer so eindeutig abzusehen ist, wann sich günstige Gelegenheiten wiederholen. „Niemand kann in die Zukunft gucken“, sagt Preuß, „es gibt ein gewisses Risiko, ob man in vier oder fünf Jahren ein gutes Zeitfenster für den IPO hat.“

Viel Kapital statt engem Korsett

Ein weiterer Hemmschuh: Der Weg an die Börse ist nicht nur ungewohnt für viele Gründer, sondern wirkt auch beschwerlich. Die Anforderungen an Controlling und Investor Relations sind hoch. Und blitzsaubere Buchführung oder penible Verhaltensregeln stehen in den wilden Wachstumsjahren in vielen Start-ups nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste. Das aufzubauen, kann viel Zeit und Geld kostenhttps://gruender.wiwo.de/kapitalmarkt-startups/. Und wird die Aktie der Firma einmal öffentlich gehandelt, kann die Regulatorik schnellen und spontanen Entscheidungen im Weg stehen.

Börsenbetreiber geben ihr Bestes, Start-ups dennoch die Angst vor diesem Weg zu nehmen. Die Mehrländerbörse Euronext hat im Januar ihr Trainingsprogramm TechShare neu gestartet. Aus Deutschland sind unter anderem der Touchscreen-Hersteller Faytech oder das Legaltech Rightnow mit dabei. Auch die Deutsche Börse sucht mit ihrem Venture Network schon früh den Kontakt zu jungen Start-ups.

Börsengang-Befürworter pochen auf dauerhafte Wachstumsmöglichkeiten, wenn nicht Konzerne irgendwann das Ruder übernehmen. Deutsche-Börse-Manager Fricke rechnet etwa vor, dass der Lieferdienst Delivery Hero beim IPO 2017 auf 4,4 Milliarden Euro Marktkapitalisierung kam – heute liegt dieser Wert bei fast 27 Milliarden Euro. Die Börsenbetreiber argumentieren zudem, dass über die Kapitalmärkte insgesamt viel mehr Geld zur Verfügung steht: Über europäische Börsen stehe 130-mal so viel Geld zur Verfügung, wie Risikokapitalgeber auf dem Kontinent zuletzt eingesammelt haben, rechnet die Deutsche Börse in einer kürzlich erschienen Studie vor. „Ein Börsengang ist eine weitere Finanzierungsrunde und nicht das Ende einer Reise“, betont auch Personio-Chef Renner.

Warten auf die Entscheidungen der Einhörner

Die Untergrenze für einen Börsengang setzen Experten dabei niedrig an. Investor Preuß setzt auf eine Größenordnung von etwa 100 Millionen Euro an regelmäßigen Umsätzen bei Software-Start-ups. Beim Venture Network der Deutschen Börse spricht man von etwa 80 bis 100 Millionen Euro an möglicher Marktkapitalisierung. Ab diesem Volumen steige das Interesse von institutionellen Kapitalmarktanlegern. „IPOs sind nicht nur etwas für Unicorns“, sagt Peter Fricke, Leiter des Deutsche Börse Venture Networks. Damit kommt eine ganze Reihe an deutscher Tech-Firmen als Kandidaten in Frage. Die Zahl solcher IPOs aus dem Tech-Segment ist jedoch überschaubar: Im vergangenen Jahr wagte sich der Online-Luxusmodehändler Fashionette aufs Parkett, vor knapp drei Jahren der Internettelefonie-Anbieter Nfon.

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Für einen unerwarteten Schwung sorgt aktuell der Trend der sogenannten SPACs. Das sind Gesellschaften, die bei Anlegern vorab reichlich Geld einsammeln und an die Kapitalmärkte streben. Dann wird ein Tech-Unternehmen von der Hülle übernommen – und nimmt so gewissermaßen eine Abkürzung an die Börse. Aber auch aus der wachsenden Herde der deutschen Einhörner könnten dagegen demnächst einige reguläre Börsengänge zu erwarten sein. „Wir gucken zuversichtlich in die Zukunft, die IPO-Aussichten sind gut“, sagt Fricke. Über mögliche IPOs von Smartphone-Bank N26 oder Modehändler About You wird seit längerem spekuliert. Signavio-Konkurrent Celonis betonte kürzlich, ein „unabhängiger Akteur“ bleiben zu wollen. Bis dagegen die Börsenglocke für Personio läutet, dürfte noch einige Zeit vergehen: „Viele Börsengänge passieren heute später, weil so viel Geld verfügbar ist“, sagt Gründer Hanno Renner, „wir haben es da nicht besonders eilig.“

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