Hyperganic-Gründer Kayser: „Der deutsche Mittelstand ist ziemlich träge“
Raketentriebwerk aus dem 3D-Drucker: „Für einen Ingenieur ist es wahnsinnig aufwändig, solch ein Triebwerk zu konstruieren.“
Foto: HyperganicLin Kayser, 49, ist ein Münchner Serienunternehmer. Sein erstes Unternehmen gründete er mit 19. Nach mehreren Jahren der Forschung und Entwicklung war Kayser 2017 Mitgründer von Hyperganic. Das 3D-Druck-Start-up hat gerade seine erste Risikokapital-Finanzierungsrunde abgeschlossen und 7,8 Millionen Dollar eingesammelt. Investiert haben Vsquared Ventures, HV Capital, Converge, Swarovski und Hermann Hauser Investments.
Herr Kayser, Sie haben gerade eine Finanzierungsrunde in Höhe von 7,8 Millionen Dollar abgeschlossen. Ganz schön viel Geld für ein junges Softwareunternehmen.
Wir sehen Hyperganic nicht als Softwareunternehmen, sondern als Innovator. Und als solcher brauchen wir mehr Kapital als App-Entwickler oder E-Commerce-Plattformen.
Innovator? Das behauptet doch jeder Unternehmer gerne von sich.
Aber wir sind es auch. In den nächsten zehn Jahren wird sich die Art und Weise, wie wir Gegenstände herstellen, mehr verändern als in den vergangenen 100 Jahren. Und da wollen wir die Standards setzen. Nehmen wir mal Autos: Klar, die sehen schon etwas anders aus als in den Fünfzigern. Doch es sind immer noch Autos. Würden wir jetzt etwa über E-Mobilität reden, wenn Elon Musk Tesla nicht groß gemacht hätte? Ich glaube nicht. Ob sich eine neue Technologie durchsetzt oder nicht, hängt an einzelnen Unternehmern. An Innovatoren. Eine solche Firma wollen wir für die Zukunft der Produktion sein.
Tesla-Chef Elon Musk erwähnen Sie gerne. Warum eigentlich?
2012 habe ich mir einen Tesla Roadster gekauft. Schon nach der Probefahrt war mir klar, dass Tesla vieles verändern wird. Das Auto fahre ich bis heute. Und bin immer noch begeistert von dem Wagen – und von Elon Musk. Er gibt einfach nicht auf.
Hyperganic-Gründer Lin Kayser.
Foto: HyperganicWie soll Hyperganic zum Tesla der Produktion werden?
Wir haben fünf Jahre lang an unserer Technologie gearbeitet: Herausgekommen ist eine künstliche Intelligenz, die Gegenstände vollautomatisch konstruiert.
Also ein Algorithmus, der einen Entwurf anfertigt und den 3D-Drucker so steuert, dass auch komplexe Gegenstände entstehen, ohne dass Material verloren geht.
Genau – und ohne dass die Arbeitszeit, die Ingenieure für die Konstruktion aufwenden, der Sache Grenzen setzt. Die Entwickler müssen lediglich die KI mit Anforderungen an das Produkt füttern und den Druck starten.
3D-Druck soll ja schon länger die Produktion revolutionieren. Wann ist es endlich so weit?
Das Problem des 3D-Drucks liegt nicht bei der Hardware. Die Hersteller der Drucker sind schon recht weit. Das größte Problem ist unsere veraltete Art, Produkte und Bauteile zu konstruieren. Unser liebstes Beispiel ist hier ein Raketentriebwerk. Für einen Ingenieur ist es wahnsinnig aufwändig, solch ein Triebwerk zu konstruieren. Es muss extrem hitzebeständig und gleichzeitig sehr leicht und aerodynamisch sein. Unsere KI entwickelt Raketentriebwerke in kürzester Zeit von selbst. So beschleunigen wir Innovationen, vor allem bei komplexen Bauteilen oder sehr individuellen Produkten.
Haben Sie ein paar Beispiele parat?
(Kayser hält während der Zoom-Videokonferenz ein orange farbenes Kunststoffgebilde in die Webcam, das auf den ersten Blick einer Seeanemone gleicht.) Das hier ist ein Kühlkörper für Mikrochips. Könnte man bei der Form auch gut als Bürste verwenden. Aber im Ernst: Wenn Sie einem Ingenieur sagen, der soll so ein Bauteil doch bitte mal konstruieren, dann wird der wahnsinnig. Solche Produkte kann er nicht mit einer Fräsmaschine herstellen. Oder Fahrradhelme, die erstellt unsere KI mithilfe eines Scans des Kopfes. Passgenau.
Dass eines Tages auf Knopfdruck komplette Autos aus einem Drucker kommen klingt reizvoll, ist aber unwahrscheinlich. Doch die Beispiele mehren sich, dass der 3D-Druck, auch additive Fertigung genannt, den Fahrzeugbau zumindest in Teilen revolutioniert. Mehrere deutsche Autohersteller nutzen bereits seit einigen Jahren additive Produktionsverfahren, mit deren Hilfe sich Teile entwickeln lassen, die mit klassischen Herstellungsprozessen nicht produzierbar wären. So konnte speziell für den BMW i8 Roadster dank dieser Technik ein Bauteil der Verdeckmechanik entwickelt werden, das anders gar nicht herstellbar gewesen wäre. Auch bei Porsche macht man sich Gedanken darum, wie additive Fertigungstechniken neues Potenzial entfesseln. So hat der Stuttgarter Sportwagenhersteller jüngst zusammen mit Mahle für den 911 GT2 RS ein Druckverfahren für Motorkolben (im Bild) entwickelt. Die additiv gefertigten Kolben sind nicht nur leichter, sie ermöglichen auch mehr Leistung. Im Fall des GT2 RS sollen 700 PS und damit 30 PS mehr möglich sein.
Foto: WirtschaftsWochePorsche wie BMW nutzen 3D-Drucker außerdem seit einigen Jahren zum Nachbau von Teilen für Oldtimer. Sind Originalersatzteile nicht mehr vorhanden und ihre Einzelanfertigung in klassischen Verfahren sehr teuer und zeitaufwendig, kann der 3D-Drucker einspringen. Angewendet wurde dieses Verfahren etwa 2016 bei der Restauration eines ursprünglich von Elvis Presley gekauften BMW 507, der in einer aufwendigen Prozedur trotz fehlender Originalersatzteile wieder in den Zustand der Werksauslieferung zurückversetzt wurde. Nicht nur Autohersteller und ihre Klassikabteilungen nutzen 3D-Verfahren. Mittlerweile gibt es auch auf Ersatzteile von Oldtimern spezialisierte Firmen, die nicht nur mit Originalteilen handeln, sondern auch Nachbauten im 3D-Druckverfahren anbieten.
Foto: BMWEin sehr eindrucksvolles und wohl auch zukunftsweisendes Beispiel für den Einsatz von 3D-Druck-Verfahren hat dieses Jahr die englische Firma Euipmake mit einer neuen E-Motor-Generation vorgestellt. „Ampere“ heißt das auf sein Gewicht bezogen stärkste Permanentmagnet-Aggregat der Welt. Es wiegt lediglich 10 Kilogramm und leistet 200 kW/299 PS. Für die Entwicklung der neuen Motorengeneration kooperiert Equipmake mit dem im englischen Bristol ansässigen Unternehmen Hieta, einem Experten für 3D-Druck. Statt Metallteile des Motors aus dem Vollen zu fräsen, werden diese dort additiv gefertigt. Vorteil: Metall wird nur dort verwendet, wo es auch wirklich benötigt wird. Zudem lassen sich thermisch effizientere Wände sowie weitere Vorteile bei mechanischen Bauteilen erzielen, die unter anderem höhere Drehzahlen erlauben. Seine Höchstleistung entwickelt der E-Motor übrigens bei 30.000 Touren. Darüber hinaus erlaubt das 3D-Druckverfahren bei Aluminium und den Magneten Rohstoffeinsparungen, was Kosten senkt.
Foto: WirtschaftsWocheApropos Elektroauto: In größerem Umfang 3D-Druckverfahren beim Autobau einsetzen wollen etwa die Firmen XEV und Czinger. Während XEV mit dem Yoyo ein dem Smart Fortwo recht ähnlichem Minimobil mit E-Antrieb in dieser Weise bauen will, handelt es sich beim 21C von Czinger um ein extrem leichtes Hypercar. Unterschiedlicher können die Ausrichtungen dieser beiden Ansätze kaum sein. Auch bei den additiven Produktionstechniken werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Im Fall des Yoyo wurde Wert auf geringe Kosten und Effizienz beim Produktionsverfahren gelegt, weshalb der Stromer aus möglichst wenig Bauteilen besteht, die sich zudem über einfache Kunststoff-3D-Drucker herstellen lassen. Türelemente oder das komplette Armaturenbrett werden so im Drucker hergestellt. Kosten soll ein Yoyo rund 8000 Euro.
Foto: WirtschaftsWocheBeim Czinger 21C entstehen hingegen nahezu alle Metallteile des Fahrzeugs im Drucker. Mit diesem Verfahren lassen sich besonders steife, perfekt geformte und zudem leichte Bauteile generieren. Trotz großer Batterie, Turbo-V8 und drei E-Motoren wiegt der 919 kW/1.250 PS starke und über 430 km/h schnelle 21C rund 1,2 Tonnen. Die Produktionstechnik erlaubt nicht nur den Bau qualitativ hochwertiger Komponenten, sie spart laut Czinger auch Zeit und Geld, da zum Beispiel für den Bau eines Aufhängungsarms keine Werkzeuge mehr entwickelt und produziert werden müssen. Dennoch müssen Kunden statt 8000 Euro wie im Fall des Yoyo für einen 21C ein Millionensümmchen locker machen.
Foto: CzingerSogar im Fahrradbau findet 3D-Druck inzwischen Anwendung und führt dort zu ebenfalls verblüffenden Ergebnissen. Ein optisch reizvolles Beispiel bietet der Stadtfuchs von Urwahn, dessen Metallrahmen zumindest in Teilen per 3D-Druck entsteht. Dieses Verfahren erlaubt größere Freiheiten bei der Formgebung und ermöglicht zum Beispiel die Integration von Leuchten in den Rahmen. Außerdem kann auf das im Rahmenbau sonst übliche Sattelrohr verzichtet werden. Der 3D-Druck kostet allerdings, was im Fall des Urwahn-Einstiegmodells Stadtfuchs für einen Basispreis von 3800 Euro sorgt. Rund 1000 Euro weniger soll das ab Ende 2020 in den USA gefertigte Superstrata Terra kosten. Hier wird der Rahmen sogar komplett und in einem Verfahren im Printer gefertigt. Statt Metall wird ein Carbon-Kompositmaterial verwendet. Damit wird der Rahmen nicht nur leicht und steif, sondern einteilig und außerdem noch fugenfrei. Und dank neuer Freiheiten beim Design kommt das 3D-Druck-Bike optisch ähnlich schick wie der Stadtfuchs daher.
Foto: WirtschaftsWocheViele Hersteller in Deutschland ziehen den 3D-Druck ja nicht mal in Betracht für ihr Unternehmen. Wie wollen Sie diese skeptische Kundschaft von Hyperganic überzeugen?
Ich kann es klassischen Herstellern gar nicht verübeln, dass sie den 3D-Druck noch nicht ernstnehmen. Wir müssen diesen Firmen eben erklären, was der Vorteil an 3D-Druck und unserer Technologie ist. Wir stellen ihnen dafür die komplexen Bauteile wie das Raketentriebwerk auf den Tisch und fragen: „Das hat unsere KI in Sekunden konstruiert. Ist das nicht interessant für euch?“
Wie kommt das denn bei traditionellen Mittelständlern an?
Wenn wir physische Bauteile zeigen, kriegen wir schon sehr gute Rückmeldungen. Als wir den Firmenchefs vor ein paar Jahren nur die Software zeigen konnten, haben uns viele nicht ernst genommen. Der deutsche Mittelstand ist ziemlich träge. Der will die Zukunft nicht selbst gestalten. Sondern er reagiert nur auf Innovationen anderer großer Unternehmen. Und das macht mir Sorge. Denn wir bewegen uns nur schnell vorwärts, wenn uns der Kittel brennt, wie die Schwaben sagen. Der brennt vielen Unternehmen aber gerade nicht. Sie ruhen sich auf ihrem Erfolg der Vergangenheit aus. Wir müssen echt aufpassen, dass wir hier nicht ins Hintertreffen geraten. Wenn Sie in einem schönen weichen Bett liegen, ist es ja auch schwer aufzustehen.
Wer hat es denn aus dem Bett geschafft und ist schon Kunde bei Hyperganic?
Namen kann ich nicht nennen. Mit dabei sind Unternehmen aus der Medizinbranche und der Luft- und Raumfahrt. Wir würden Hyperganic nicht am Leben halten, wenn unsere KI nur ein paar Prototypen konstruieren könnte.
Wofür nutzen Sie denn jetzt das frische Kapital?
Wir wollen mit dem Geld jetzt vor allem wachsen – auch international. Wir müssen Tochterfirmen gründen und gute Mitarbeiter finden. Bisher haben wir das größtenteils aus eigener Tasche bezahlt.
Unter den neuen Investoren ist auch Hermann Hauser, der die Firmen Acorn und ARM gegründet hat. Lizensierte ARM-Prozessoren finden sich heute in unzähligen Smartphones.
Dass er dabei ist, freut mich wirklich wahnsinnig. Hermann sagte zu uns: „Hyperganic macht für physische Objekte das, was ich mit ARM gemacht habe“. Das ist schon ein sehr großes Kompliment, wenn man bedenkt, dass ARM es riesigen Herstellern wie Apple und Huawei ermöglicht, eigene Chips herzustellen. So ein Lob macht mir beinahe ein bisschen Angst.
Etwas überraschend ist auch HV Capital dabei, bekannt für Investments in Unternehmen wie Zalando, Delivery Hero oder Flixbus.
Tatsächlich mussten sie mich erst überzeugen. Ich habe mich über ihr Interesse gewundert, weil HV sonst nicht viel mit Deeptech am Hut hat. Das wollen sie auch gar nicht. Sie können uns vielmehr dabei helfen, den Plattformansatz umzusetzen. Wenn das bei Hello Fresh oder Zalando funktioniert hat, warum dann nicht auch im Deeptech?
Staatliche Stellen sind nicht dabei. Warum eigentlich nicht?
Staatliche Förderungen in Deutschland sind eine Katastrophe, sie bremsen Start-ups und bringen sie um. Die dahinterstehende Bürokratie können sich Gründer nicht leisten. Wir selbst stellen gar keine Anträge. Ich sitze aber im Beirat vieler Firmen, die das versucht haben. Das ist echt ein Drama – und nichts für uns. Wir müssen hier viel stärker mit Risikokapitalgebern arbeiten, die in Start-ups investieren. Ich muss aber fair sein: Auf europäischer Ebene klappt das mit dem Europäischen Investitionsfonds schon ganz gut.
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