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Neue Business Angels Alle Menschen werden... Investoren!

Das Start-up- Brotist bekam über das „Investorennetzwerk Wiesbaden“ eine Anschubfinanzierung von sechs vermögenden Privatleuten. Quelle: Investorennetzwerk Wiesbaden

Wohlhabende Privatleute interessieren sich immer öfter für den Einstieg in junge Tech-Firmen. Clubs und Netzwerke werben um Einstiegswillige in das hochriskante Geschäft.

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So hatte sich Matthias Helfrich sein jüngstes Kapital als Start-up-Investor wohl nicht vorgestellt. Vor einem Jahr stieg er beim Wiesbadener Unternehmen „Brotist“ ein, dass seine ökologisch gefertigten Brote vor allem an Kantinen und Großküchen vertrieb. Jetzt sind die seit Monaten immer wieder geschlossen – und das junge Team bündelt seine Kräfte, um zumindest über den Online-Shop ein paar Laibe abzusetzen. „Das erste Jahr hat uns wirklich viel abverlangt“, sagt Helfrich, der mit fünf anderen Personen bei Brotist eingestiegen ist und damit beispielhaft für den Mut und das Risiko steht, dass sich derzeit immer mehr vermögende Privatleute aufladen. Helfrich hat vor einem Jahr das „Investorennetzwerk Wiesbaden“ ins Leben gerufen. Das Ziel: Anschubfinanzierungen für Start-ups aus der Region zusammenzukriegen.

Wer sich beteiligen will, bringt niedrige fünfstellige Beträge mit – in der Summe kommt so der mittlere sechsstellige Betrag zusammen, der Start-ups in frühen Phasen über das nächste Jahr hilft. In den nächsten Jahren soll im Rheingau ein wachsendes Netzwerk von neuen Business Angels entstehen. So nennt man Privatleute, die sich mit einem Teil ihres Vermögens an Start-ups beteiligen. Traditionell hatten bislang viele dieser Angels ihr Geld selbst mit Start-ups verdient – und dann wiederum frisch gegründete Unternehmen unterstützt.

Mehr Start-up-Geld von Privatleuten

Doch der Kreis der Business Angels erweitert sich. Immer mehr wohlhabende Privatpersonen suchen nach alternativen Anlagemöglichkeiten. In Niedrigzins-Zeiten werden auch riskantere Investmentklassen interessant. Zudem blicken immer mehr Menschen neugierig auf die Welt des Digitalen und der Disruption. „Investieren in Start-ups ist eines der schönsten Geschäfte, aber auch eines der risikoreichsten“, sagt Roland Kirchhof. Er ist Co-Vorstand des Business Angels Netzwerks Deutschland (BAND). In diesen Tagen beginnt der Verband gemeinsam mit dem Bundesverband Deutsche Startups damit, Standardverträge für gemeinsame Beteiligungen von Business Angels zu erarbeiten. Diese Vorarbeit soll teure und aufwendige Verhandlungen bei vergleichsweise kleinen Beträgen vereinfachen.

Immer mehr wohlhabende Privatpersonen suchen nach alternativen Anlagemöglichkeiten, wie etwa beim Investorennetzwerk Wiesbaden. Quelle: Investorennetzwerk Wiesbaden

Denn der Verband registriert ein gesteigertes Interesse an der Start-up-Finanzierung. „Solche Investments nehmen offenkundig zu – und sie treten so langsam auch aus dem Verborgenen heraus“, sagt Kirchhof. Dieser Trend hält seit einigen Jahren an: „Sowohl Anzahl als auch Anteil der jungen Unternehmen, die die durch Privatinvestoren finanziert werden, ist seit 2012 im Hightech-Sektor deutlich gewachsen“, vermeldeten Forscher des Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW in Mannheim in diesem Frühjahr. 

Gleich fünf neue Clubs für Privatinvestoren – von Düsseldorf bis Dresden – seien im vergangenen Jahr dem BAND beigetreten, berichtet Kirchhof. Dazu kommen individuelle Initiativen, wie etwa das Investorennetzwerk Wiesbaden oder The Pitch Club aus Frankfurt. Und schließlich versuchen auch digitale Plattformen, die Rolle des Vermittlers zwischen Vermögen und Start-ups auszufüllen. Dazu zählen etwa die Plattform Primecrowd mit Wurzeln in Österreich oder das Netzwerk Investiere.ch aus der Schweiz. In Deutschland hat in diesem Sommer der Energieunternehmer Matthias Willenbacher über seine Plattform Wiwin den Investorenkreis „Impact Partner“ gestartet.

Eigene Anteile, gebündelte Stimmrechte

Das als Crowdfundingportal gestartete Companisto hat im vergangenen Jahr ebenfalls auf das Club-Modell umgestellt: Im „Angel Club“ beteiligt man sich etwa ab 10.000 Euro pro Investment direkt an Start-ups. Mehr als 1000 Personen sind hier registriert, fünfzehn Finanzierungen wurden in den letzten zwölf Monaten abgeschlossen. Das Portal stellt dabei immer mal wieder Start-ups mit Kapitalbedarf vor – dann startet ein Auktionsverfahren unter den Business Angels. 20 kommen pro Start-up zum Zug, berichtet Gründer David Rhotert.

Die Netzwerke und Clubs versprechen dabei Starthilfe auch für eher unerfahrene Investoren. „Wir kümmern uns um die Prozesse, sodass sich auch Erstinvestoren in gleicher Qualität wie erfahrene Business Angels beteiligen können“, sagt Rhotert. Auch nach einem Zuschlag für eine Beteiligung läuft das meiste digital ab. Jeder Business Angel wird rechtlich ein eigener Gesellschafter bei dem Start-up. So können die Privatinvestoren auch den „Invest“-Zuschuss nutzen. Über den erstattet der Staat 20 Prozent des aus eigenen Taschen bezahlten Wagniskapitals zurück, wenn er die Anteile mindestens drei Jahre hält.

Die Stimmrechte der Klein-Gesellschafter werden bei Companisto und auch bei anderen Netzwerken jedoch häufig zusammengefasst – die Branche spricht vom sogenannten „Pooling“. Dabei tritt dann die Plattform selbst oder ein ausgewählter Business Angel als Sprecher der neuen Anteilseigner auf. „Was will ein Start-up sonst auch mit einem Hühnerhaufen an Gesellschaftern?“ fragt BAND-Vorstand Kirchhof. Wer direkt Anteile hält, muss bei jeder großen Entscheidung oder Folgefinanzierung eines Tech-Unternehmens befragt werden. Ein einzelner Business Angel, der sich ohne Smartphone im Urlaub erholt, kann so wichtige Weichenstellungen ausbremsen.

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