Start-up-Inkubatoren Bei den Konzernen grassiert das Gründerfieber

Jung und wild trifft alt und erfahren: Wollen Konzerne modern sein, kooperieren sie mit Start-ups. Das ist grundsätzlich gut – bringt aber längst nicht immer die erhofften Ergebnisse. Die Gründer gucken oft in die Röhre.

Das wurde aus den Deals der Start-up-Show
Die Jury der zweiten Staffel (von links): Vural Öger, Judith Williams, Frank Thelen, Lencke Wischhusen und Jochen Schweizer. Vor der Kamera schlossen sie 35 Deals. Doch nur die wenigsten kamen auch zu Stande. Quelle: DPA
Little LunchDie erfolgreichsten Gründer der zweiten Staffel: Die Brüder Denis und Daniel Gibisch konnten mit ihren Bio-Suppen gleich drei der fünf Juroren überzeugen: Peter Thelen, Vural Öger und Judith Williams investierten insgesamt 100.000 Euro und bekamen im Gegenzug 30 Prozent der Anteile von Little Lunch. Mittlerweile ist nur noch Thelen investiert – aber das Unternehmen wächst rasant. Das Sortiment wurde erweitert, 18 Mitarbeiter kamen dazu, ihre Suppen sind auch in Großbritannien und China erhältlich. Die Gibisch-Brüder treiben die Expansion weiter voran und wollen im laufenden Jahr 20 Millionen Umsatz machen. Quelle: PR
Von FloerkeFirmengründer David Schirrmachers Pitch war so überzeugend, dass selbst „Krawattenallergiker“ Frank Thelen einsteigen wollte: Am Ende machten Vural Öger, Judith Williams und Frank Thelen gemeinsame Sache und boten 100.000 Euro für 33 Prozent des Herrenaccessoire-Start-ups. Mittlerweile finden sich die Krawatten und Fliegen der Firma bei etablierten Warenhäusern und Modeketten wie Sinn Leffers. Von Floerke soll 2016 etwa 4 Millionen Euro Umsatz machen, die Kollektionen sollen um Schuhe, Hosen und Hemden erweitert werden. Mittlerweile sind auch andere Investoren wie der Gründer und Chef von My Taxi, Nic Mewes, Anteile gezeichnet hat. Quelle: PR
HeimatgutDoch längst nicht in allen Fällen, in denen vor der Kamera ein Deal geschlossen wurde, floss tatsächlich Geld. Wie das Portal Gründerszene.de recherchierte, platzten von 35 zugesagten Deals im Nachhinein 26. So sagte Juror Jochen Schweizer 125.000 Euro für 15 Prozent von Heimatgut zu, die vegane und glutenfreie Chips aus Wirsing herstellen. Doch die Unterlagen, die die Gründer im Nachhinein einreichten, überzeugten dann doch nicht, sagte der Eventmanager dem Portal. Für Heimatgut hat sich der Pitch vor Millionenpublikum trotzdem gelohnt: Ihre Internetseite war während der Ausstrahlung der Sendung nicht zu erreichen. Mittlerweile haben die Gründer Maurice Fischer und Aryan Moghaddam ihr Sortiment deutlich erweitert. Quelle: PR
KoawachAuch beim Startup Koawach versprach Juror Jochen Schweizer zunächst viel – doch ein Deal kam schließlich nicht zu Stande. Die Gründer Heiko Butz und Daniel Duarte stellen eine mit natürlichen Koffein aus Guarana versetzte Trinkschokolade her. Schweizer wollte 120.000 Euro für einen Anteil von zehn Prozent an Koawach zahlen. Doch der Deal platzte ebenfalls. Beide Seiten hätten festgestellt, dass ein Investment nicht passend sei, sagte Co-Gründer Duarte dem Hamburger Abendblatt. Doch der Auftritt bei Vox hat sich dennoch gelohnt: Seit der Ausstrahlung der Sendung im Oktober 2015 gingen 30.000 Bestelllungen ein. Im ersten Jahr der Firmengründung waren es nur 1000 Online-Bestellungen. 2016 will das Unternehmen mehr als 4 Millionen Euro umsetzten, Expansionen in die Niederlande und Großbritannien sind laut Abendblatt geplant. Quelle: PR
Scoo.meMit der Vermietung von E-Rollern in großen deutschen Städten überzeugten die Scoo.me-Gründer Christoph Becker und Magnus Schmidt Jurorin Lencke Steiner. Sie bot für 30 Prozent der Anteile 100.000 Euro. Doch die beiden Gründer nutzten die Plattform Fernsehshow und zogen ein „attraktiveres Alternativ-Investment“ an, wie sie der Plattform Gründerszene verrieten. Business Angel Hubert Barth ist statt Steiner investiert. Neben dem Startmarkt München ist Scoo.me nun auch in Köln aktiv. Immerhin gibt es eine Kooperation mit „Löwe“ Jochen Schweizer. Auf dessen Event-Gutscheinshop ist auch ein Vespa-Trip durch München mit Scoo.me erhältlich. Quelle: PR
EinhornSie fielen bei den „Löwen“ durch – doch der Auftritt bei der Start-up-Show war auch für Waldemar Zeiler (links) und Philip Siefer ein voller Erfolg. Die beiden Gründer brachten die Juroren mit „Einhorn“, einem Start-up für vegane und fair produzierte Kondome, kollektiv zum Lachen. Zwar wollte keiner der Kapitalgeber investieren. Doch auch „Einhorn“ konnte sich über einen Kundenansturm nach der Ausstrahlung der Sendung freuen. Eine Rechtsstreit und die begleitende Medienberichterstattung über den Claim „Sieben Stück entspricht bis zu 21 Orgasmen“ sorgten für zusätzliche Publicity. Quelle: PR

Zumindest die Einstellung stimmt schon mal. Nichts weniger als „die baden-württembergische Antwort auf das kalifornische Silicon Valley“ plant der Autokonzern Daimler derzeit in Stuttgart. „Weil eine gute Idee allein leider nicht automatisch zum Erfolg führt, wollen wir den Gründern das nötige Umfeld bieten“, sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Dazu baut der Konzern gemeinsam mit der Universität Stuttgart und dem renommierten US-Accelerator Plug and Play die „Startup Autobahn“. „Der Gründerspirit steht dem im Silicon Valley in nichts nach“, befand Plug-and-Play-CEO Saeed Amidi bei einem Besuch im Juli. Die ersten 13 Jungunternehmen haben bereits losgelegt, noch sind sie allerdings in der Stuttgarter Universität untergebracht. Ein eigenes, 10.000 Quadratmeter großes Gebäude namens Arena2036 ist noch im Bau. Es passt zur Start-up-Attitüde, schon anzufangen, wenn noch nicht alles fertig ist, auch wenn Daimler eher der Nachzügler in Sachen Start-up-Initiative in der Konzernwelt ist.

Unternehmen wie die Deutsche Telekom, ProSiebenSat.1 oder Axel Springer betreiben schon seit Jahren Accelerator- und Inkubatorprogramme.

In diesen Brutkästen sollen neue Geschäftsideen in kurzer Zeit mit dem Geld und der Unterstützung großer Konzerne zur Marktreife gebracht werden. Diese erhalten im Gegenzug oft eine Beteiligung an den Start-ups im einstelligen Prozentbereich und bekommen dafür Zugriff auf Innovationen.

Bislang ohne große Erfolge

Zwar sind die Geburtshelfer umstritten, große Erfolge sind daraus bislang nicht hervorgegangen. Einige Unternehmen haben ihre Aktivitäten deutlich zurückgefahren, Inkubatoren wie Epic Companies von ProSiebenSat.1 oder Bevation von Bertelsmann machten zu. Aber das sind Ausnahmen, die eine Regel bestätigen: In der deutschen Industrie grassiert das Gründerfieber.

Neben Daimler haben auch die Deutsche Bahn, Metro, Merck und Siemens seit Anfang 2015 solche Brutkästen eröffnet. Die Allianz taufte ihren Accelerator kürzlich in Allianz X um und warb von der Deutschen Telekom den in der Szene bekannten Manager Peter Borchers ab. Er hatte in Berlin mit dem Hub:raum einen der ersten und bekanntesten Inkubatoren aufgebaut. Die Versicherung gönnt ihm nun jährlich ein zweistelliges Millionenbudget.

Deutsche Inkubatoren für Startups

Andere gehen sogar noch weiter. Siemens will in den kommenden fünf Jahren mit der Tochter next47 eine Milliarde Euro in Start-ups stecken. Bahn-Chef Rüdiger Grube möchte die Beteiligungen mit einem eigenen Start-up-Fonds ausweiten, Porsche gründete eine neue Digitaltochter und gab im Juli die erste Beteiligung an einem Start-up bekannt: Evopark aus Köln bietet eine App an, mit der Parkhäuser ohne Münzen und Parkscheine genutzt werden können.

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