Stoiker: So arbeiten Sie wie ein römischer Kaiser
Was kann ein moderner „Business Leader“ von einem stoischen römischen Kaiser Marc Aurel lernen?
Foto: Illustration: Marcel Reyle, Getty Images, imago imagesWirtschaftsWoche: Sie haben viel über die Philosophie des Stoizismus geschrieben und darüber, wie die Ideen der Stoiker uns helfen können, mit den Herausforderungen des täglichen Lebens umzugehen. Was ist die wichtigste Lektion, die heutige Führungskräfte von ihnen lernen können?
Ryan Holiday: Die Stoiker hatten neun Grundprinzipien für Führungskräfte, und diese sind eine großartige Toolbox auch für die heutige Zeit. Vor allem lehrten sie Urteilsvermögen über die Frage, was wirklich wichtig ist. Sobald es gelinge, den Fokus auf das Wesentliche zu legen, könne man sich – zweitens – auf eine klare Zielsetzung und Vorbereitung konzentrieren. Und da die Stoiker wussten, dass es immer Hindernisse gibt, die die Ausführung wichtiger Aufgaben behindern, lehrten sie drittens Klugheit und Einfallsreichtum bei der Durchführung einer Aufgabe.
Viertens war Demut ihnen wichtig: Wie Mark Aurel sagt, sollten wir streng zu uns selbst und verständnisvoll gegenüber anderen sein. Und fünftens lehrten die Stoiker auch, dass Bescheidenheit in Sprache, Kleidung und Lebensstil helfen, den Fokus auf die wirklich wichtige Arbeit für das Gemeinwohl zu richten. Und damit eng verbunden ist die Idee, dass Zuhören wichtiger ist als Reden - diese Regel wird heutzutage häufig ignoriert! Darüber hinaus stellten sie – siebtens - Freundlichkeit, Gemeinsinn und Fairness in den Mittelpunkt ihrer Lehren. Und sie sagten achtens, dass wahrer Mut darin bestehe, dem Gemeinwohl zu dienen, und dass es neuntens der Charakter eines Menschen ist, der sein Schicksal bestimmt.
Mark Aurel ist einer der Stoiker, auf den Sie oft Bezug nehmen. Als Kaiser von Rom war er der mächtigste Mann der Welt und musste sich einigen Herausforderungen stellen – und mit schwierigen Menschen auseinandersetzen. Was kann ein moderner „Business Leader“ von einem stoischen römischen Kaiser lernen?
Mark Aurel erinnerte sich ständig daran, dass er als Mensch nicht anders war als seine Untertanen. Er ermahnte sich beständig selbst, sich nicht von der Macht korrumpieren zu lassen oder, wie er es ausdrückte, nicht „cäsarifiziert“ zu werden. Er versuchte, sich auf jede einfache Handlung zu konzentrieren und nicht alles bloß geschäftsmäßig abzuhandeln. Er sagte: „Prokrastiniere nicht. Sprich so, dass du niemanden verwirrst. Lass deine Gedanken nicht abschweifen. Lass in deiner Seele weder Passivität noch Aggressivität zu. Und lass nicht zu, dass sich alles in deinem Leben nur um das Geschäftliche dreht.“ Viele Führungskräfte haben unterschiedliche Standards für das Private und für das Berufliche. Mark Aurel wusste, dass das der Weg in den Ruin wäre und versuchte ständig, die beiden miteinander zu verbinden und in Balance zu halten.
Ryan Holiday ist Autor mehrerer Bestseller, die sich auf die antike Philosophie der Stoiker beziehen.
Foto: Dawson CarrollDieser Kaiser schien Menschen nicht allzu sehr zu mögen. In seinen „Meditationen“ schreibt er, wie wichtig es sei, immer darauf vorbereitet zu sein, täglich mit unangenehmen und selbstsüchtigen Menschen konfrontiert zu werden.
Er begann jeden Tag mit dem Mantra, dass er – obwohl er die Emporkömmlinge an seinem Hof abstoßend fand – immer die Verpflichtung hätte, sie als mit ihm verbunden, quasi als Verwandte zu betrachten. Daher wollte er immer danach streben, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln. Viele Kommentatoren lesen diese Passage fälschlicherweise als bitter und Ausdruck einer Abneigung gegenüber Menschen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Er wusste, dass Ärger, Beschwerden und Schuldzuweisungen allesamt destruktive Ersatzhandlungen für die eigentliche Arbeit sind, die Menschen gemeinsam tun sollten. Er mahnte sich selbst, sich über das Fehlverhalten anderer Menschen nicht zu beklagen und sich stattdessen auf die Arbeit für das Gemeinwohl zu konzentrieren. Wir alle können von diesem Mantra profitieren.
Darin schwingt die Erkenntnis der Stoiker an, dass man sich nicht zu sehr um die Meinungen anderer kümmern sollte, weil man nicht kontrollieren kann, was sie über einen denken. Gilt dies auch für das Berufsleben? Ist es da nicht durchaus wichtig, die Meinung anderer zu beeinflussen, wenn man erfolgreich sein will?
Diese Frage taucht in dem Kontext häufig auf, weil wir im Beruf alle mal mit Personen zu tun haben, die „nach oben managen“ und vor allem bei ihren Vorgesetzen gut dastehen wollen – und alles andere ignorieren. Obwohl das kurzfristig karrierefördernd sein mag, holt es die Menschen doch immer irgendwann ein. Was die Stoiker meinen, ist, dass es auch im Berufsleben wichtig ist, weniger Zeit damit zu verbringen nachzudenken, wie jemand anderes dich sieht, sondern mehr Zeit darauf zu verwenden, deine eigene Perspektive mit der Sicht anderer abzugleichen. Mark Aurel sagt, dass, wenn dich jemand beleidigt, du versuchen solltest, in ihn hineinzuschauen, um zu erkennen, welche Art von Person er wirklich ist. Er schrieb: „Wenn Du siehst, was für eine Person er in Wirklichkeit ist, wirst du feststellen, dass du dich nicht anstrengen musst, um ihn zu beeindrucken“. Und er sagt übrigens auch, es sei doch verrückt, dass wir Menschen uns selbst mehr lieben als andere, aber zugleich die Meinung anderer als wertvoller als unsere eigene betrachten würden.
Eines der Hauptmotive der Stoiker ist das „Memento Mori“. Die Stoiker empfehlen, die Idee der Sterblichkeit zu nutzen, um ein besseres Leben zu führen. Wie geht das?
In den „Meditationen“, also seinem privaten Tagebuch, das er nie für die Veröffentlichung vorgesehen hatte, schrieb Mark Aurel: „Dein Leben kann jederzeit enden. Lass diesen Gedanken bestimmen, was du tust, sagst und denkst.“ Seneca erinnerte ebenfalls daran, dass unsere vergangene Zeit schon dem Tod gehört, und dass wir nicht kontrollieren, ob wir morgen noch hier sein werden oder nicht. Daher ist es am besten, jetzt zu leben und wichtige Dinge nicht auf einen anderen Tag zu verschieben. Epiktet sagte: „Halte dir jeden Tag Tod, Verbannung und alles Schreckliche vor Augen – wenn du dies tust, wirst du niemals unnütze Gedanken haben, noch wirst du übermäßige Begierden haben.“ Jeder der Stoiker betrachtete das Nachdenken über die Sterblichkeit als eine Möglichkeit, sich zu konzentrieren und unsere Wertschätzung für den gegenwärtigen Moment zu vertiefen, um uns selbst und andere zu verbessern.
Der Stoizismus scheint im Silicon Valley und dem Tech-Business ziemlich beliebt zu sein. Warum ist das so?
Mein Freund Tim Ferriss (Autor des Bestsellers „Die Vier-Stunden-Woche“, Anm. d. Red.) bezeichnet Stoizismus als ein „Betriebssystem“, ein Set von Ideen und Praktiken, das uns widerstandsfähiger, weniger ängstlich und fokussierter auf das Wichtige macht. Viele Menschen in der Tech- und Geschäftswelt finden in der stoischen Weltsicht Stärke und Bedeutung. Wenn die Menschen tiefer in die Materie eindringen, entdecken sie, dass dieses Betriebssystem tatsächlich darauf abzielt, die vier Tugenden der Disziplin, des Muts, der Gerechtigkeit und der Weisheit zu praktizieren. Es stellt sich heraus, dass unser Leben als Menschen „besser funktioniert“, wenn wir den Weg dieser vier Tugenden in allem, was wir tun, befolgen.
In Ihrer Karriere haben Sie auch als Marketing-Direktor für American Apparel gearbeitet. Warum sind Sie schließlich den langen Weg vom Marketing-Profi zum Autor von Büchern gegangen, die sich auf eine antike Philosophie beziehen?
Tatsächlich waren diejenigen, die meinem Blog und Newslettern von Beginn an gefolgt sind, von meinen Büchern über Medien und Marketing, „Trust Me, I'm Lying“ und „Growth Hacker Marketing“ ziemlich überrascht, denn sie waren eher an Philosophie interessiert. Als ich meinem Verleger in New York vorschlug, nach diesen ersten beiden Marketingbüchern „The Obstacle is the Way“ zu schreiben, hoffte er, dass das nur eine Phase sei – während meine Follower es sofort als Kern meiner Arbeit verstanden. Es ist schon überraschend, wie sehr diese antike Philosophie bei modernen Lesern auf Resonanz stößt, aber es ist für mich sehr erfüllend, weil ich Mark Aurel schon lange vor meiner Zeit bei American Apparel gelesen und von der Lektüre profitiert habe.
Sie sind ein Bestsellerautor. Was sagen die Stoiker zum Reichtum?
Die Stoiker waren sich alle einig, dass Reichtum an sich kein Gut ist, sondern vielmehr das, was sie eine „bevorzugte Gleichgültigkeit“ nannten. Damit ist eine Sache gemeint, die zwar keine moralische Wertigkeit hat, die aber angestrebt werden sollte, so wie also Reichtum der Armut vorgezogen werden sollte. Seneca sagte, dass der arme Mensch nicht der ist, der zu wenig hat, sondern der, der immer mehr begehrt. Epiktet wiederholte diese Lehre mit den Worten: „Reichtum besteht nicht darin, große Besitztümer zu haben, sondern wenige Wünsche zu haben.“
Seneca hatte am meisten mit seinem Reichtum zu kämpfen, da er durch seine Rolle in der Regierungsverwaltung unter Nero eines der größten Vermögen seiner Zeit angehäuft hatte. Als er einen massiven Kredit für die Provinz Britannien gewährte, löste dies bei dessen Rückforderung den Boudica-Aufstand aus, der Rom mehrere Legionen kostete, um ihn niederzuschlagen. Am Ende seines Lebens versuchte er, Nero das gesamte Geld zurückzugeben, als er dessen Hof verließ. Es ist eine Herausforderung, seine Finanzen im Gleichgewicht zu halten. Ich selbst arbeite immer daran, unsere Arbeit mit der NGO Feeding America und anderen auszubauen. An meinem Schreibtisch hängt eine Karte, die fragt: „Bist du ein guter Verwalter des Stoizismus?“.
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