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Fülle des Leerlaufs Ein Lob der Langeweile

Sensationell langweilig. Man muss die Zeit nicht vertreiben, sagt Walter Benjamin, man muss sie zu sich einladen. Quelle: imago

Viel beschäftigte Karrieristen empfinden sie als Todsünde: die Langeweile. Dabei wird sie von Wissenschaftlern gelobt – als geistige Produktivkraft.

Die besten Ideen kommen Norbert Bolz, wenn er bei Sonnenschein auf der Liege ruht – und nichts tut. Eine „asketische Übung“, sagt Bolz, über Jahrzehnte „erprobt und trainiert“, in einsamen Stunden, mit dem schönen Effekt, dass er danach die Welt „ein bisschen anders sieht“, womöglich einen „neuen Gedanken“ entdeckt und entwickelt. Der sei „fast immer das Resultat von Langeweile“. Genauer: der „Fähigkeit zur Langeweile“, die es zu erlernen gilt.

Seit Jahren gehört der Berliner Medientheoretiker zu den fleißigsten Bücherschreibern und Vortragsrednern. Doch zuletzt stimmte er ein furioses „Lob der Langeweile“ an.

Langeweile? Dazu hat der viel beschäftigte, multitaskende Karrieremensch von heute gar keine Zeit! Dazu ist er doch tatsächlich oder gefühlt viel zu wichtig, mit seinen Ideen, seinem Schwung, seiner nie versiegenden Unternehmungslust. Ein Hochleistungsartist, der den Thrill der Herausforderung sucht. Ein Optimierungsvirtuose, der kontinuierlich an sich arbeitet.

Auch im Urlaub. Mag sein, dass halb Deutschland in den nächsten Wochen die Küsten belagert oder in Bergen herumklettert. Die meisten Büroarbeiter werden es nicht ohne geschäftigen Blick aufs Smartphone tun: „Zwei Tage am Strand herumliegen? Dann drehe ich durch!“ Dabei ist es unter Denkern schon lange common sense, dass Langeweile die Produktivität fördert: „Die Götter langweilten sich“, schrieb der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, „darum schufen sie den Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva erschaffen“ – und so fort.

Johann Wolfgang von Goethe wiederum begrüßte die Langeweile als „Mutter der Musen“, der man Zeit geben muss, damit sie einen küsst. Und der deutsche Philosoph Walter Benjamin verglich sie mit dem „Traumvogel“, welcher „das Ei der Erfahrung ausbrütet“.

Soll heißen: Die besten Einfälle kommen den Menschen möglicherweise beim Lungern auf dem Sofa oder beim Aus-dem-Fenster-Gucken im Zug. Wenn sie abschalten. Und wenn sich aus der inneren Leere, aus dem Mangelgefühl plötzlich eine Idee formt. Friedrich Nietzsche sprach von der Langeweile als „Windstille der Seele“, die der „glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht“.

Dösen stimuliert

Auch angloamerikanische Psychologen heben inzwischen ihre Motivationspotenziale hervor: Es gärt im Gelangweilten. John Eastwood von der York-Universität in Toronto spricht von einem „Zustand des Verlangens nach Tätigkeit, ohne dass man jedoch genauer wüsste, wonach einem verlangt“.

In der Langeweile lassen wir uns deshalb leicht ablenken. Die Aufmerksamkeit ist nicht fokussiert, weder auf die innere noch die äußere Welt. Stattdessen schweift sie ab, geht auf die Suche. Kreativ werden Gelangweilte freilich nur, wenn sie innere Unruhe mit einem hohen Grad von Selbstkontrolle verbinden: Dann kann Langeweile zu explorativem Verhalten veranlassen.

Shane Bench, Psychologe an der Utah-State-Universität, spricht von der Langeweile als „seeking state“: Sie weckt den Wunsch nach neuen, alternativen Erfahrungen, auch nach nicht hedonistischen Stimuli. Unangenehme Erlebnisse sind ausdrücklich erwünscht, es darf auch weh tun.
Letztlich verbirgt sich in den Suchbewegungen der Langeweile nicht weniger als die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Jobs: Langeweile kann das richtige Symptom in einem falschen Berufsleben sein, sie weckt den Hunger nach erlebtem Leben, befeuert das Verlangen nach erfüllter, zufriedenstellender Aktivität.

Keineswegs ist Langeweile also gleichzusetzen mit Apathie. Im Gegenteil: Sie bringt Unruhe ins Leben, ihr liegt eine Sehnsuchtsspannung zugrunde, die über sich hinaus, auf ein „unbestimmtes Anderes“ verweist. „Wer sich langweilt“, betont Norbert Bolz, „will etwas anderes.“ Er ist ein Suchender – nach dem Wesentlichen? Nach tieferer Bedeutung? Oder schlicht nach Anregung und Ablenkung?

Schon der österreichische Psychoanalytiker Otto Fenichel, ein Schüler Sigmund Freuds, hat die Wunschbestimmtheit der Langeweile hervorgehoben: den Widerstreit von Bedürfnis und Hemmung, von Anspannung und mangelnder Abfuhr, von Reizhunger und Unzufriedenheit mit den gebotenen Reizen.

Ein typisches Frustrationserlebnis? Thomas Götz, Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Konstanz und der Pädagogischen Hochschule Thurgau, hat Langeweile an einem klassischen Beispiel untersucht: dem Schulunterricht. In der Schule ist Langeweile das dominierende Gefühl – vor Freude, Ärger und Angst. Rund 50 Prozent der deutschen Schüler geben an, sich regelmäßig zu langweilen (in den USA sind es 70 Prozent).

Dabei wird Langeweile, so einer von Götz’ wichtigsten Befunden, von den Schülern durchaus unterschiedlich erlebt, keineswegs nur als quälend. Im Gegenteil: Die einen erleben Langeweile als Entspannung, als angenehme Müdigkeit, als Einladung zum Dösen. Die anderen nutzen sie als Chance zur Reaktivierung, lassen die Gedanken schweifen, melden sich plötzlich und kehren zurück in den Unterricht.
Verhaltensvarianten, die, so Götz, auf den evolutionären Sinn von Langeweile hindeuten. Wenn Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, „kalibriert sich das System Mensch neu“: Man wendet sich attraktiveren Beschäftigungen zu, sucht nach Ersatzaktivitäten.

Der Büromensch kennt das von langweiligen Konferenzen, bei denen Präsenzpflicht herrscht: Wenn er klug ist, nutzt er den Sitzplatz in der hinteren Reihe, um am Laptop den nächsten Termin vorzubereiten; brütet über einem unerledigten Problem; plant den nächsten Herbsturlaub; oder übt sich in mentalem Eskapismus, in Tagträumereien. Neurowissenschaftler sprechen in solchen Fällen vom Leerlauf- oder Default-Mode-Network, das beim Nichtstun in Gang kommt, wenn wir uns gelangweilt zurücklehnen und das Denken ungerichtet umhertreibt: Etwa 50 Prozent unserer Wachzeit verbringen wir so. Zeitverschwendung? Keineswegs.

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