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Werner Knallhart
Ohne Reservierungspflicht an Weihnachten droht ein PR-Desaster, meint WiWo-Kolumnist Marcus Werner. Quelle: imago images

Deutsche Bahn: Ohne Reservierungspflicht an Weihnachten droht ein PR-Desaster

Sollten wir an Weihnachten zu unseren Lieben reisen dürfen, dann muss im ICE und IC die Reservierungspflicht her. Denn das Advents-Gedrängel wäre mit Corona-Angst ein unvergesslicher Winter-Alptraum.

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Zugbegleiter müssen abstumpfen, sonst halten die diesen Job nicht aus. Einst hatte eine Frau mir schräg gegenüber zwei Sitzplätze reserviert. Einen für sich und einen für ihren Schäferhund oder was das war. „Der hat ja schließlich auch ein Ticket.“
Nun, es ist ja so: Anders als an Bord eines Flugzeugs sind Tickets für Züge praktisch unbegrenzt buchbar und nicht an einen Sitzplatz eines bestimmten Zuges gebunden. Und weil das so ist, gibt es die zusätzlich buchbaren Reservierungen. Weil die aber wiederum ohne Ticket buchbar sind, ist es nicht möglich, damit einen Sitzplatz neben sich freizuhalten. Weder für Hunde, noch für die Tasche, noch für weniger Aerosole für Bundesbedienstete. Auch wenn einige das glauben.

Reservierung hängt vom Hintern ab

Ich habe das mal erlebt. Da haben zwei neunmalkluge Jurastudenten im ICE vier Sitzplätze am Tisch reserviert und haben dann im überfüllten Zug solange andere Fahrgäste abgewimmelt, bis es dem Schaffner zu bunt wurde: „Sie nehmen jetzt sofort die Rucksäcke von den Sitzen.“ Die Reservierung gilt nämlich weder für sich allein, noch fest gebunden an ein Ticket. Ohne menschlichen Hintern, der sich in den reservierten Platz flätzt, ist die Reservierung für 4 Euro nach rund 20 Minuten nichts mehr wert. Sonst könnte man sich für ein paar hundert Euro ja den ganzen Waggon freihalten.

Am Ende blieb den blamierten Jura-Jungspunds nichts anderes übrig, als allen den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen und zwei ältere Damen bei sich an den Tisch zu lassen. 8 Euro und die Juristen-Ehre futsch.

Ein Ticket allein begründet also keinen Anspruch auf einen Sitzplatz. Und eine Reservierung nur dann, wenn der Sitzplatz auch wirklich vom Inhaber zum Sitzen genutzt wird.

Das Bedürfnis, sich Platz dazu zu buchen, zeigt allerdings: Es gibt einen gefühlten Bedarf, an Bord eines Zuges Abstand zwischen sich und dem nächstgelegenen Mitreisenden zu bringen. Gerade bei Corona. Dem zugrunde liegt der gesunde Menschenverstand: Wenn sogar unter freiem Himmel laut Experten eine Sars-Cov-2-Ansteckungsgefahr besteht (aus diesem guten Grund kommen zurecht auch Wasserwerfer auf Demos zum Einsatz, wenn an der frischen Luft der vorgeschriebene Abstand nicht gewahrt wird), dann kann logischerweise auch eine gut funktionierende Belüftungsanlage in einem Zug nicht alle Aerosole in jedem Fall schnell genug verdünnen und abtransportieren, wenn sich die Fahrgäste mit Mund und Nase zu nahe kommen.

Die Frage ist nur: Was ist zu nah? Im Alltag gilt als pauschale aber eben gut zu merkende Faustregel: unter 1 Meter 50 Gesichtsabstand länger als 15 Minuten.
Und klar ist auch: Alltagsmasken schützen vor ausgespuckten, ausgepusteten, ausgeniesten und beim Reden rausgeschwätzten Tröpfchen, aber praktisch nicht vor Aersolen. Dass Aerosole Coronaviren transportieren können, ist längst bewiesen. Diese können zu einem allergrößten Teil von FFP2-Masken abgefangen werden, diese Masken sind aber nicht vorgeschrieben und werden nur von einer Minderheit getragen.

Eins und eins zusammengezählt: Auch wenn Zugfahren bislang nicht als das große Corona-Spreading-Event gilt, sondern im Gegenteil: Unter einem bestimmten Abstand zwischen den Fahrgästen in einem Zug wird es auch dort kritisch. Wissenschaftlich offen ist noch, ab welchem Abstand genau bei wie vielen Passagieren pro Wagen in welcher Zeit und welcher Art von Zug. Und das wird schwierig zu erheben sein. Denn wer schon einmal durch einen Zug durchgelaufen ist, kann es riechen: Nicht in jedem Wagen ist die Luft gleich frisch. Ich nenne es den Socken-Indikator. Es fehlen aber belastbare Studienergebnisse dazu.

Aber ich als DB-Vielfahrer sage mal so: WENN es brenzlich wird, dann an Weihnachten. Denn dann (und nicht nur dann) hängen die Passagiere mitunter derart dicht gedrängt in den Zügen, dass man am Ende mit dem nassen Deo des Nachbar-Fahrgasts an der eigenen Wange aussteigt.

Und wenn ich in Klammern setze „nicht nur dann“, dann meine ich die berühmten Doppel-ICEs die aus irgendwelchen DB-Unzulänglichkeiten mal wieder als Einzelzüge unterwegs sind (worüber sich jedes Mal auch zu Recht SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach auf Twitter empört, wenn er mal wieder von der DB in Bedrängnis gebracht wurde), was in Pandemie-Zeiten dazu führt, dass Menschen mit Alltagsmasken zusammengepfercht vor den Toiletten im Türbereich übereinander und über ihre Koffer fallen. Es kann mir keiner erzählen, dass die dort von dutzenden Menschen freigesetzten Aersole zuverlässig sofort abgesaugt werden, ohne vorher einen Umweg durch die Atemwege des vielleicht 50 Zentimeter entfernten Nachbarpassagiers genommen zu haben.

Es zählt auch das Sicherheitsgefühl

Ich bin mir sicher, eine CO2-Messung als Indikator für hohe Aerosol-Belastung im Drängelbereich wäre für die Bahn aus Desaster. Aber unabhängig davon: Es zählt ja nicht nur die nachweisbare Infektionsgefahr. Das Gefühl von Sicherheit ist eben ein Gefühl. So wie wir uns jedes Mal vorm Essen die Hände waschen, ohne vorher zu überlegen: Habe ich etwas berührt, was mich krank machen könnte, wenn ich die Hände jetzt nicht wasche?

Und eben dieses Gefühl von Corona-Sicherheit muss die Bahn uns an Weihnachten unbedingt bieten. Das Gefühl von lebensbedrohlichem Reisen in Pandemie-Zeiten wird sich sonst unauslöschlich in die Hirne der Kunden einbrennen.

Die Weihnachtszeit wäre für die Bahn auch ein guter Testlauf zur Frage: Sollen wir die generelle Reservierungspflicht in unseren Fernzügen einführen, weil Rumstehen im Gang für teuer Geld einfach nicht mehr ins 21ste Jahrhundert passt? Genauso wenig, wie am unter Panikattacken ergatterten Sitzplatz den verschlissenen Jeans-Hintern oder den Rucksack eines notgedrungen stehenden Mitreisenden in die Visage gerieben zu bekommen.

Ticket inklusive Reservierung wäre für den Fahrgast gar nicht unflexibel, wenn man ihm erlauben würde, die Reservierung auf andere Züge online umzubuchen, solange die Züge noch frei sind. Aber für die Bahn würde es teuer. Denn Tickets inklusive Reservierung spülen weniger Geld in die Kasse als Tickets plus kostenpflichtige Reservierung, nämlich 100 Millionen Euro pro Jahr, wie die Deutsche Bahn nur unter vorgehaltener Hand zugibt.

Aber das darf im Sinne unserer aller Gesundheit zumindest zu Stoßzeiten wie Weihnachten bei einer Staatsbahn niemals ein Argument sein.

Mein Vorschlag: Reservierungspflicht vom Freitag, den 18. Dezember bis Montag, 4. Januar. Kein Gestehe im Gang. Kein Gedrängel im Bistro. Und wenn absehbar ist, dass alles voll ist: mehr Züge. Und wer kein Ticket mehr bekommt, weil alle Sitze weg sind, kann eben nicht reisen. Das wäre in Pandemiezeiten nichts Neues und ist im Flugzeug seit jeher üblich.


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Wenn wir uns an Weihnachten nur mit zehn Menschen plus Kindern treffen sollen, dann dürfen wir uns bei An- und Abreise auch nicht Wildfremden unfreiwillig auf den Schoß werfen müssen. Schlimm genug, dass unsere Kinder dies jeden Schultag im Advent in den Schulbussen tun müssen.

Mehr zum Thema: Die Deutsche Bahn leidet unter einem erneuten Nachfrageeinbruch und bekommt die Folgen mittlerweile deutlich zu spüren.

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