Börsenwoche 477: Editorial: Unicredit und Co. – Boom der Italo-Aktien

Der Stolz der Deutschen auf ihre Wirtschaft bekommt dieser Tage einen weiteren Kratzer: Ausgerechnet ein italienisches Kreditinstitut greift nach einer der größten Banken Deutschlands. Die Unicredit möchte womöglich die Commerzbank übernehmen. Als Wirtschaftsstandort wird das Land noch immer belächelt.
Anders sieht es an der Börse aus: Deutschland wird dort gerade von Italien eingeholt, wenn nicht sogar überholt. Der Dax hat über fünf Jahre 30 Prozent zugelegt – wohlgemerkt ohne Dividenden, für einen fairen Vergleich. Italiens Leitindex FTSE MIB stieg um viel stärkere 53 Prozent. Über die letzten drei Jahre fällt der Vorsprung noch deutlicher aus. Da ging es für Italiens Börse 34 Prozent nach oben, in Frankfurt nur 12 Prozent.
Dass die Unicredit sich die Commerzbank einverleiben will und nicht andersherum, erscheint nur sinnvoll. Die Mailänder Großbank ist an der Börse fast 60 Milliarden Euro wert, die Commerzbank hingegen nur 18 Milliarden Euro. Und das, nachdem die Übernahmepläne den Commerzbank-Wert bereits deutlich angehoben haben.
Die Unicredit ist nicht die einzige Bank, die deutsche Geldhäuser alt aussehen lässt. Der Börsenwert der Turiner Intesa Sanpaolo liegt bei 68 Milliarden Euro, mehr als doppelt so hoch wie bei der Deutschen Bank. Die großen italienischen Banken gelten als diszipliniert und gut gemanagt, selbst Problemfall Monte dei Paschi hat sich erholt. Das Bild von der ewigen Bankenkrise im Süden Europas hat die italienische Börse längst abgeschüttelt.
Wer sich nun denkt, die Deutschen bauten wenigstens die besseren Autos, muss noch einmal stark sein: Auch hier hat Italien in mancher Hinsicht die Nase vorn. Der Börsen-Superstar der Autobranche kommt aus Italien. Ja, die deutsche Autoindustrie ist insgesamt produktiver und wettbewerbsfähiger als die italienische. Aber: Der Luxusautobauer Ferrari ist an der Börse 76 Milliarden Euro wert, deutlich mehr als VW, BMW oder Mercedes-Benz.
Dass Italien in Sachen Mode vor Deutschland ist, dürfte dagegen niemanden überraschen. Bei Brunello Cucinelli gibt es feinste Anzüge. Das Geschäft brummt, die Börse ist begeistert. Fast sechs Milliarden Euro ist das familiengeführte Unternehmen aus dem ländlichen Umbrien wert. Das ist mehr als doppelt so viel wie der deutsche Anzugspezialist Hugo Boss.
Was lässt sich aus der Börsenaufholjagd der Italiener lernen? Zum einen, dass die Börse Gewinne und nachhaltige Geschäftsmodelle mehr zu schätzen weiß als pure Größe. VW machte 2023 gut 54-mal so viel Umsatz wie Ferrari, die Einnahmen von Hugo Boss waren fast viermal so hoch wie die von Brunello Cucinelli. Die genannten italienischen Aktien bringen dennoch mehr auf die Börsenwaage, weil sie lukrative Nischen bedienen.
Die zweite Lektion ist, dass eine stolze Industrienation nicht so schnell kleinzukriegen ist. Viele hatten Italien als Wirtschaftsmacht schon abgeschrieben. Das war offensichtlich verfrüht. Eine gute Nachricht für die krisengeplagten Deutschen. Die Substanz ist da, der Wille wohl auch. Was uns Italiens Beispiel allerdings auch lehrt: Vielleicht wird es erst schlimmer, bevor es besser wird.
Dieser Beitrag entstammt dem wöchentlichen Anlage-Newsletter BörsenWoche. Jetzt abonnieren.