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Neuer Auftrieb für Aktien, speziell in Deutschland

Mark Haefele Quelle: PR
Mark Haefele Global Chief Investment Officer, UBS Global Wealth Management Zur Kolumnen-Übersicht: Geldanlage global

Mit schnellen und entschlossenen Maßnahmen haben die Zentralbanken der USA und Europas auf die Coronakrise reagiert und Wirtschaft sowie Aktienkurse stabilisiert. Doch reicht das aus für eine weitere Kurserholung?

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Die Aktienmärkte haben neuen Auftrieb erhalten. Globale Aktien sind seit dem Tief am 23. März, als die Furcht der Märkte vor den Covid-19-Aussichten am größten war, um rund 35 Prozent gestiegen. Der S&P 500 Index liegt mittlerweile nur noch 3,6 Prozent unter dem Stand von Anfang des Jahres, während der technologielastige Nasdaq-Index um 14,5 Prozent zugelegt hat. Der EuroStoxx 50 Index wiederum verzeichnete Anfang des Monats die beste Woche seit 2011.

Nach einem solch kräftigen Anstieg ist es nur normal, dass sich die Anleger fragen, ob es jetzt zu spät ist, noch einzusteigen. Ich bin der Meinung, dass nach wie vor Aufwärtspotenzial vorhanden ist. Obschon die Aktien der Eurozone nicht zu meinen bevorzugten Märkten gehören, erkenne ich in der Region Wertpotenzial, vor allem in Deutschland. Nach meinem Dafürhalten wird die Rally der globalen Aktien und Anleihen von zwei Faktoren angetrieben: die Notenbankliquidität und die nachlassenden Sorgen wegen einer zweiten Welle von Covid-19-Infektionen.

Die Notenbanken haben auf Covid-19 in einem noch nie dagewesenen Ausmaß und Tempo reagiert. Die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) nahmen dabei eine Vorreiterrolle ein. Die Fed hat ihre Bilanz innerhalb von nur drei Monaten um fast 75 Prozent von vier auf sieben Billionen Dollar ausgeweitet. Auch die EZB hat entschlossen gehandelt und das Pandemiekaufprogramm (Pandemic Emergency Purchase Programme) auf rund 1,5 Billionen Euro erhöht.

Vergangene Woche haben 742 Banken ultragünstige dreijährige Kredite im Umfang von insgesamt 1,31 Billionen Euro bei der EZB nachgefragt. Beide Notenbanken haben die Palette der Vermögenswerte, die sie aufkaufen, erweitert und darauf hingewiesen, dass kein Ende der Stimuli in Sicht ist. An der Pressekonferenz des Offenmarktausschusses (FOMC) im Juni betonte der Fed-Vorsitzende Jerome Powell: „Wir denken nicht daran, die Zinsen zu erhöhen. Wir denken nicht einmal daran, über eine Erhöhung der Zinsen nachzudenken. Vielmehr denken wir über die Unterstützung dieser Wirtschaft nach.“ Christine Lagarde sagte, dass die EZB bestrebt sei, auch während einer wahrscheinlich schwierigen Erholung für ausreichend lockere Finanzbedingungen zu sorgen.

Anleger stürzen sich auf ETF

An den privaten Kapitalflüssen lassen sich die Auswirkungen dieser Anstrengungen bereits erkennen. Die Fed erwirbt ETF auf Unternehmensanleihen; ihr gesamter ETF-Bestand beläuft sich per 10. Juni auf 5,5 Milliarden US-Dollar. Doch dies wird durch die höheren Zuflüsse, die das Fed-Narrativ angekurbelt hat, in den Schatten gestellt. Die anlegerbedingten Zuflüsse in diejenigen ETF, die auch die Fed erwirbt, übertreffen die Fed-Käufe seit dem 23. März fast um das Zehnfache. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Fed die unbegrenzte quantitative Lockerung und ihre Notfallfazilitäten für den Ankauf von Unternehmensanleihen erstmals angekündigt.

Der zweite Faktor, der den Markt meiner Meinung nach antreibt, ist die wachsende Überzeugung der Marktteilnehmer, dass die Zahl der Neuansteckungen mit Covid-19 zu bewältigen sein wird. Diese Überzeugung hat zuletzt geschwankt. In den Bundesstaaten Texas, Arizona, Florida und Kalifornien steigt seit der Wiedereröffnung die Zahl der Neuinfektionen. In Peking wiederum wurden vor Kurzem in 33 von 329 Unterbezirken nach dem Auftreten von Neuinfektionen neue Bewegungseinschränkungen eingeführt. Man darf jedoch nicht vergessen, dass a) dieser Anstieg der Neuinfektionen im Verhältnis zur Kapazität der Gesundheitssysteme immer noch gering ist; b) mehrere Regierungen, darunter auch jene der USA, erklärt haben, dass es zu keinem landesweiten Lockdown mehr kommen wird; c) es bisher keine Anzeichen für eine negative Reaktion seitens der Konsumenten auf die Befürchtungen hinsichtlich einer zweiten Welle gibt; und dass d) bei Impfstoffen und Therapeutika laufend Fortschritte erzielt werden. Während also die Furcht vor einer zweiten Welle die Volatilität erhöhen könnte, gehen wir in unserem Basisszenario letztlich davon aus, dass die Erholung im Laufe des kommenden Jahres an Stärke gewinnen wird.

Ich bin von diesen zwei Narrativen überzeugt, weshalb ich globalen Aktien insgesamt weiteres Kurspotenzial attestiere. Selektivität, also zwischen den aussichtsreichen und chancenlosen Aktien zu unterscheiden, wird sich auszahlen. Ich erkenne in der Eurozone kaum Kurspotenzial und erwarte, dass die Gewinnerholung nach Covid-19 hinter anderen Regionen zurückbleibt und die Gewinne vor 2022 nicht auf die Niveaus von 2019 zurückkehren. Darin spiegelt sich die höhere Gewichtung von Finanzaktien mit Fokus auf die europäischen Märkte wider, die bei Konjunkturaufschwüngen zumeist hinterherhinken. Die Bewertungen sind unseres Erachtens ebenfalls unattraktiv: Das nachlaufende Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17 entspricht einem Aufschlag von 22 Prozent zum Zehnjahresdurchschnitt. Trotzdem lässt sich in Europa Wertpotenzial erkennen, vor allem in Deutschland.

Dax besonders widerstandsfähig

Vor der anstehenden Erholung nach der Pandemie sprechen mehrere Faktoren für Deutschland. Deutschland ging mit soliden Staatsfinanzen in die Krise – die Verschuldungsquote betrug knapp 60 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Eurozone von rund 85 Prozent – und befand sich daher in einer guten Ausgangslage, um die Wirtschaft dank fiskalischer Maßnahmen vor Schaden zu bewahren. Die fiskalische Unterstützung der deutschen Regierung entspricht bereits etwa acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes und kann bei Bedarf erhöht werden. Außerdem gefällt uns die Sektorzusammensetzung des deutschen Aktienmarktes – mit einem hohen Anteil von Industrietiteln, die frühzeitig von einem globalen Konjunkturaufschwung profitieren könnten. Im Vergleich dazu spielen in Spanien und Italien Finanzunternehmen mit regionalem Fokus eine wichtige Rolle in den Aktienindizes. Der Dax gehört zu den widerstandsfähigeren Indizes der Region. Er verlor nur 7,3 Prozent, während Aktien der Eurozone insgesamt 13 Prozent einbüßten.

Mein Fazit lautet: Ich erwarte weitere Gewinne auf breiter Front für globale Aktien. Manche Märkte dürften jedoch von der bevorstehenden Erholung stärker profitieren – und dazu gehört meines Erachtens Deutschland.

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