Kryptowährung: Der Bitcoin – eine Abrechnung

Ein Symbolfoto zum Thema Bitcoin.
Foto: imago imagesAchtung, jetzt folgt eine „Opa erzählt vom Krieg“-Episode. Normalerweise liest dann ohnehin niemand weiter. Doch ich verspreche, es lohnt sich: Hier wird es um den Bitcoin gehen. Also darum, wie man in kürzester Zeit reich werden kann. Nein, nicht reich, sondern: richtig reich.
Also: In meinen letzten Schuljahren, wir schreiben das Ende des 20. Jahrhunderts, verbrachten wir unsere Schulpausen im Computerraum. Was wir dort machten? Wir zockten mit Aktien. Mein allererster Kauf: Adidas, zu etwa 20 Euro je Aktie. Schon einen Tag später zweifelte ich an den Zukunftsaussichten der Aktie. Adidas? War das nicht der Inbegriff der Vergangenheit? Adi Dassler? Wunder von Bern?
Ich wollte Zukunft im Depot haben. Nicht den Abglanz von gestern. Ein Klassenkamerad riet zu Tomorrow. Die machten irgendwas mit Digital, Medien, so’n Kram. Und mehr Zukunft als Tomorrow geht ja wohl nicht. Ich verkaufte Adidas wieder und kaufte stattdessen: Tomorrow.
Seit damals hat sich Adidas mehr als verzehnfacht, noch vor Dividenden. Und Tomorrow heißt nach vielen Irrungen und Wirrungen jetzt Holidaycheck und gehört zum Burda-Verlag. Die Aktie wird nach einem Delisting nur noch an der Regionalbörse Hamburg gehandelt. Hätte ich sie bis heute gehalten, hätte ich noch etwa ein Drittel meines Einsatzes von vor gut 25 Jahren. Tatsächlich habe ich sie längst abgestoßen, mit deutlich höherem Verlust.
Wenn ich eines daraus gelernt habe, dann, dass ich dem Herdentrieb an der Börse misstraue. Die Fortschreibung irgendwelcher Trends kann eine Weile lang gut gehen. Wenn dem Trend aber eine reale Basis fehlt, dann bricht er – irgendwann.
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Und nun muss es raus: Auch dem Kryptohype, den wir gerade erleben, fehlt die reale Basis. Der Bitcoin, die älteste und bekannteste Kryptowährung der Welt, hat kürzlich die Marke von 100.000 Dollar geknackt. Glückwunsch! Doch aus meiner Sicht ändert das nichts daran, dass dieser Coin strenggenommen wertlos ist. Ja, wertlos. Null. Nada. Niente.
In der WirtschaftsWoche schreiben wir seit vielen Jahren über Kryptowährungen und über die Blockchain als Technologie dahinter. Ich finde das Thema spannend. Ich bin alles andere als ein Technikverächter. Die Blockhain hat theoretisch durchaus disruptives Potenzial, könnte die Finanzwelt tiefgreifend verändern.
Anfangs mussten wir in den Artikeln daher immer erklären, wie die Blockchain eigentlich funktioniert. Was hinter den Kryptowährungen steckt. Wie sie gehandelt werden können. Da sollten Immobilienkreditverträge oder Anleihen tokenisiert werden, mit Smart Contracts sollten Intermediäre – also zwischengeschaltete Instanzen wie Banken – überflüssig werden. Es ging um Decentralised Finance (kurz: DeFi). Eine Revolution!
Bitcoin-Anhänger werfen Kritikern daher auch gerne vor, sie hätten Krypto einfach noch nicht verstanden. Sie sprechen vom „Bitcoin-Rabbithole“, also einem Kaninchenbau, in Anlehnung an die Geschichte von Alice im Wunderland. Interessant: Alice folgt dort einem Kaninchen in seinen Bau, ohne zu hinterfragen, wie sie wieder herauskommt. Dann beginnt sie zu fallen und fällt immer weiter. Ein Erweckungserlebnis.
To the moon, trumpetet es um die Welt
Bitcoin ist die Antwort. Doch was ist eigentlich die Frage? Mittlerweile erscheint das völlig egal. Um den Bitcoin von heute zu verstehen, reichen ganz offensichtlich sechs Ziffern: 100.000. Vielleicht sind es morgen auch schon sieben, 1.000.000. To the moon, trumpetet es um die Welt.
Eine Bekannte erzählte von einem befreundetem Pärchen. Die Frau habe vom Taxifahrer Bitcoin empfohlen bekommen. Sie kaufte. Nun haben sie mit dem Gewinn ihre Küche bezahlt.
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Der von mir geschätzte Kollege Philipp Frohn meint mittlerweile, Bitcoin gehöre in jedes Depot. Ich verkürze seine Argumentation, zugegebenermaßen sinnentstellend, auf diesen Kern: Der Bitcoin steigt, also wird er auch weiter steigen. „Die Chancen stehen gut, dass es mittel- und langfristig noch weiter aufwärts geht“, schreibt Philipp in seinem jüngsten Kommentar. Aus der schmuddeligen Zockerwährung sei eine ernstzunehmende Anlageklasse geworden – und die solle man nun im Depot haben, um keine Rendite zu verschenken. Ich fühle mich zurückversetzt in den Computerraum meines Berliner Gymnasiums.
Kritiker schreiben oft, Bitcoin basiere auf der „Greater Fool“-Theorie. Also letztlich glaube jeder Käufer, dass es einen noch größeren Idioten gebe, der dann bereit sei, noch mehr für den Coin (beziehungsweise Bruchteile daran) zu bezahlen. Vielleicht ist das tatsächlich so. Albert Einstein soll ja mal gesagt haben: „Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit; aber beim Universum bin ich mir immer noch nicht ganz sicher.“ So betrachtet könnte der Bitcoin noch kräftig steigen.
Mittlerweile investieren auch große Namen in Bitcoin und andere Kryptowährungen. Vermögensverwalter und Investmentgesellschaften wie Goldman oder Blackrock halten Kryptopositionen für viele Milliarden Dollar, wenn auch ganz überwiegend für ihre Kunden, die etwa über ETFs ihr Geld so anlegen. Vielen gilt gerade der Bitcoin als digitales Gold. Wie Gold soll er vor Inflation schützen. Weil die Menge verfügbarer Bitcoins auf insgesamt rund 21 Millionen begrenzt ist (in Wirklichkeit etwas weniger, aber mit solchen Details muss sich heute niemand mehr beschäftigen), soll der Kurs des Bitcoin in klassischen Papierwährungen immer weiter steigen. Auch das Angebot an auf der Erde verfügbarem Gold ist fix begrenzt.
Es regiert die Gier
Doch Gold hat schon über Jahrtausende seine Funktion als Wertspeicher bewiesen. An meiner Hand trage ich einen Ring, aus Gold. Der praktische Nutzen des Bitcoin hingegen? Überschaubar. Man kann im Alltag kaum damit bezahlen. Die meisten realen Einsatzfelder sind und bleiben Zukunftsmusik. Wie beim Gold hat der Bitcoin genau den Preis, den ihm die Menschen zubilligen. Der Kurs basiert auf Vertrauen.
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Momentan ist das groß. Wobei, vielleicht regiert auch eher die Gier. Ende November soll der Bitcoin – die Angaben variieren je nach Quelle etwas – auf dem „Fear-and-Greed“-Index einen Wert von über 90 erreicht haben. Dieser Angst-und-Gier-Index kann Werte zwischen 0 (absolute Angst) und 100 (absolute Gier) annehmen. Sehr hohe Werte können auf eine Spekulationsblase hindeuten.
Muss die bald platzen? Nein. Doch sie kann es jederzeit. Es gibt anders als bei Aktien keine substanziellen Werte, die den Kurs untermauern. Böse gesagt ist der Bitcoin der Inbegriff eines gigantischen Schneeballsystems.
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Manche glauben, dass die Stromkosten zur Erzeugung eines Bitcoin, die immer weiter steigen (weil dafür immer komplexere Rechenaufgaben gelöst werden müssen), den Preis nach unten absichern. Das Argument kenne ich gut vom Immobilienmarkt. Dort sollen die Baukosten eine Art Preisuntergrenze bilden, bereinigt um das Gebäudealter. Sinken die Preise darunter, baut niemand mehr – bis es sich wieder lohnt. Angebot und Nachfrage sollen die Preise dann wieder entsprechend steigen lassen.
Genau, Angebot und Nachfrage! Wenn es aber an Nachfrage fehlt, dann funktioniert das nicht. Auf dem platten Land werden auch in Deutschland Immobilien zu Preisen weit unter den Baukosten verkauft. Teils setzen Investoren allein die Grundstückspreise an und ziehen die Abrisskosten des darauf stehenden Gebäudes ab. Wo überhaupt niemand kaufen will, sind die Immobilien schlicht unverkäuflich. Die einzige Preisuntergrenze ist die Zahlungsbereitschaft der Käufer.
Weil mich derzeit so viel beim Bitcoin an einen ungesunden Hype erinnert, habe ich mit etwas Spielgeld nun auf einen sinkenden Kurs gesetzt. Es ist keine Anlageentscheidung, sondern eine emotionale Wette. Das entsprechende Wertpapier (ISIN CH0514065058) soll die tägliche prozentuale Wertentwicklung des Bitcoin ins Gegenteil verkehren. Um es kaufen zu dürfen, musste ich bei meinem Onlinebroker ein Miniquiz absolvieren. Gefragt wurde ich unter anderem, ob sicher sei, dass Kryptowährungen immer weiter stiegen. Die wissen wohl, warum sie das fragen.
Auch solch eine Shortwette ist aber offensichtlich nicht der Weg, um sehr schnell sehr reich zu werden. Zu Beginn ist der Kurs des Shortpapiers erstmal 20 Prozent abgerutscht. Im Basisinformationsblatt des Papiers habe ich erfahren, dass es sich um eine unverzinsliche Anleihe nach Schweizer Recht handle, mit jährlich 2,5 Prozent Gebühr. Die empfohlene Anlagedauer liege bei 0,00273973 Jahren. Das ist exakt ein Tag. Die Risikoklasse liege auf der höchsten Stufe 7. Ach, ja, das Produkt sei „nicht einfach und schwer zu verstehen“. Immerhin: Die Anleihe soll vollständig besichert sein.
Auf der Seite des Anbieters steht mehr zur Besicherung. Demnach dient als Sicherheit Bargeld und ein an den US-Dollar gekoppelter Stablecoin.
Stablecoin? Ja, das ist irgendwas mit Krypto. Wie gesagt, in dieser neuen verrückten Welt sollten wir uns nicht mit Details aufhalten.
Vielleicht bin auch ich dem Computerraum doch noch nicht entwachsen.
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