Stelter strategisch
Dax-Kurve Quelle: dpa

Der Markt erkaltet

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Hohe Gewinne der Unternehmen führen an der Börse derzeit nicht mehr zu Kurszuwächsen. Ein weiteres Warnzeichen an den Märkten, passend zur schwierigsten Periode des Jahres. Worauf steuern die Börsen zu?

Der Mai steht vor der Tür und damit die traditionell schwierigste Periode des Börsenjahres. „Sell in May and go away“ ist eine der zuverlässigeren Börsenregeln. Gemäß einer Studie amerikanischer Finanzprofessoren übertrafen die im Winter erzielten Renditen an der US-Börse die Kursgewinne in den Sommermonaten um 6,5 Prozentpunkte. Ein ähnliches Muster ließ sich für 36 weitere untersuchte Märkte nachweisen.

Kombinieren wir dieses Wissen mit der rapiden Verschlechterung der Realwirtschaft in Europa und vor allem in Deutschland, liegt es nahe, Risiken abzubauen. Ich bleibe hier bei meinen Empfehlungen der vergangenen Monate.

Die Bewertungen bieten keinen Puffer, sind doch Aktien nicht nur in den USA, sondern mittlerweile auch in Europa teuer. Bereinigt man die Daten um die tief bewerteten Versorger in Europa und die hoch bewerteten Technologiewerte in den USA, stellt man fest, dass der Markt in Europa mittlerweile teurer ist, als der wahrlich nicht günstige US-Markt. Überall hat das billige Geld der Notenbanken die Preise verzerrt.

Temporär weniger Liquidität

Nun scheint die Geldflut der Notenbanken eine Pause einzulegen. In den USA wird ernsthaft auf eine Zinserhöhung und eine Kürzung der Fed-Bilanz hingearbeitet. In Europa fehlen Mario Draghi und den anderen Tauben noch die Argumente, um weiter auf das Gaspedal zu treten. Sie sind aber bereits auf der Suche und diskutieren über das nicht ausgelastete Potenzial der Wirtschaft der Eurozone, welches nach mehr Stimulation durch die EZB ruft.

Bis es soweit ist, dürfte die Wachstumsrate der Zentralbankgeldmenge – und auf die Veränderung der Veränderung kommt es hier an! – weiter zurückgehen. In China, der eigentlichen Lokomotive der Weltwirtschaft, wird derweil ebenfalls gebremst im Versuch, die übermäßig von Schulden abhängige Wirtschaft von der süßen Schuldendroge etwas zu entwöhnen. Dauerhaft dürfte das nicht funktionieren, kurzfristig trägt es zur Reduktion der Überschussliquidität in den Märkten bei. Von monetärer Seite also Gegenwind für die Börsen.

Kombiniert man das mit dem steigenden Finanzierungsbedarf der US-Regierung und den anziehenden Inflationserwartungen, ist es kein Zufall, dass die zehnjährige US-Staatsanleihe erstmals seit vier Jahren wieder über drei Prozent notiert. Gefährlich nahe der kritischen Marke, die viele Experten als Auslöser für einen Einbruch an Anleihenmärkten und Börsen sehen. Auch der Risikozuschlag für Anleihen hoch verschuldeter Unternehmen hat zuletzt deutlich zugelegt.

Noch deutlicher zeigt sich der Stress im Finanzsystem bei den Kurzfristzinsen: als die zehnjährige Anleihe im Januar 2014 über drei Prozent lag, befand sich das Zinsniveau der zwei- bzw. fünfjährigen Laufzeiten bei 0,4 bzw. 1,75 Prozent. Heute liegt es bei 2,5 bzw. 2,8 Prozent. Die gesamte US-Renditestruktur ist demnach heute deutlich flacher als noch in 2014. Auch der Dreimonats-Libor notiert mit 2,36 Prozent auf dem höchsten Stand seit 2008. Immerhin neun Billionen US-Dollar verschiedenster Finanzinstrumente hängen weltweit an diesem Satz.

Wie immer wieder erklärt, haben wir es mit einem mehrlagig gehebelten (geleverageten) System zu tun. Unternehmen steigern die Eigenkapitalrenditen mit mehr Schulden, indem sie Aktienrückkäufe auf Kredit durchführen oder zu viel Eigenkapital ausschütten. Investoren steigern die Rendite ebenfalls, in dem sie neben ihrem Eigenkapital immer mehr Schulden einsetzen. Alles zusammen treibt die Vermögenspreise nach oben, führt aber zu einer Beschleunigung des Abschwungs nach unten. Steigen die Zinsen für „risikofreie“ Anlagen wie Staatsanleihen, müssen die Risikozuschläge für die weniger sicheren Schuldner zusätzlich steigen, was dann nicht nur Hochzinsanleihen, sondern auch die Aktien unter Druck bringt - haften doch die Aktionäre als erstes, wenn es brenzlig wird. Das gilt zumindest für normale Unternehmen, während Banken auch heute noch damit rechnen dürfen, vom Steuerzahler gerettet zu werden.

Genau diese Entwicklung zeichnet sich ab und sie ist gemeingefährlich. Der Einbruch ist schnell und zudem selbst beschleunigend. Je tiefer die Märkte fallen, desto tiefer müssen sie noch fallen, weil immer mehr Schuldner unter Druck kommen.

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