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Börse IstanbulChancen für Türkei-Anleger

Die Wahlen in der Türkei haben die Börse Istanbul talwärts rauschen lassen, die Türkische Lira fällt in Richtung Allzeittief. Aber schon kleine Fortschritte in den Koalitionsverhandlungen lassen Börsianer jubeln. 10.06.2015 - 19:19 Uhr

Die Wahlen in der Türkei haben die Türkische Lira auf ein Allzeittief fallen lassen.

Foto: dpa

Nach dem Verlust ihrer Parlamentsmehrheit sucht die Partei AKP des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit Hochdruck nach einem Koalitionspartner. Der von der Opposition teils scharf kritisierte Erdogan sagte, alle Parteien müssten auf Stabilität und eine Wahrung des Vertrauens in die Türkei achten. Nach dem Verlust ihrer absoluten Mehrheit bei der Parlamentswahl steht die islamisch-konservative AKP vor einer schwierigen Regierungsbildung. Laut vorläufigen inoffiziellen Ergebnissen kam sie auf rund 41 Prozent der Stimmen - nach knapp 50 Prozent vor vier Jahren.

Scheitern die Koalitionsverhandlung, so ein Regierungsmitglied, drohen Neuwahlen. Dementsprechend sorgte der Wahlausgang am Finanzmarkt für Verunsicherung. Die Börse in Istanbul reagierte mit herben Verlusten, die Landeswährung stürzte auf ein Rekordtief zum Dollar.

Der Istanbul-100-Index rutschte nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses gleich zur Eröffnung um 8,15 Prozent auf 75.268 Punkte ab und damit auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2014. Unter anderem wurden Bankenwerte schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Die Türkei ist Kandidat für einen EU-Beitritt und Mitglied der Nato, sie ist wichtiger Handelspartner und beliebtes Urlaubsziel. Nicht zuletzt leben knapp drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Die Parlamentswahl am 7. Juni in der Türkei könnte einen weiteren Machtzuwachs von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zur Folge haben. Sieben Gründe, warum das Land und die Wahl auch für Europa und Deutschland wichtig ist.

Foto: AP

Das Verhältnis zwischen dem Beitrittskandidaten Türkei und der EU (und dort besonders Deutschland) hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Ein Machtzuwachs Erdogans könnte dazu führen, dass sich beide Seiten noch weiter entfremden und sich die Türkei von Europa abwendet. Schon jetzt beteiligt sich die Türkei nicht an den Sanktionen gegen Russland – stattdessen baut sie die Zusammenarbeit mit Moskau etwa im Energiesektor aus.

Foto: dpa-dpaweb

Auch zwischen der Nato (hier: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg) und dem Mitglied Türkei ist das Verhältnis belastet. Dennoch bleibt die Türkei ein wichtiger Bündnispartner, der Unterstützung für schwierige internationale Einsätze wie den in Afghanistan leistet. Allerdings gilt auch hier, dass eine weitere Entfremdung droht, sollte Erdogan noch mehr Macht anhäufen.

Foto: dpa

Die Türkei ist Frontstaat im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Auf der syrischen Seite der Grenze steht die Terrormiliz Islamischer Staat. Westliche Länder wünschen sich mehr Unterstützung Ankaras im Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak. Eine befürchtete zunehmende Islamisierung der Türkei könnte das Gegenteil bewirken.

Foto: AP

Die Türkei ist Aufnahmeland für knapp 1,8 Millionen syrische Flüchtlinge. Ohne die international gelobte türkische Hilfsbereitschaft wäre der Ansturm auf Europa ungleich höher.

Foto: AP

In Deutschland leben knapp 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln, rund die Hälfte davon ist bei der Parlamentswahl in der Türkei wahlberechtigt. Dass gesellschaftliche Konflikte in der Türkei auch auf Deutschland ausstrahlen, zeigen beispielsweise Zusammenstöße vor Auftritten Erdogans in der Bundesrepublik.

Foto: dpa

Die Türkei ist ein bedeutender Wirtschaftspartner. Zwar gehört sie nicht zu den größten Außenhandelspartnern Deutschlands, liegt aber mit einem Umsatz von knapp 33 Milliarden Euro immerhin auf Rang 17.

Foto: dpa

Die Türkei gehört zu den beliebtesten Urlaubsländern der Deutschen. Nur in Spanien, Italien und Österreich verbrachten im vergangenen Jahr mehr Bundesbürger ihren Urlaub. Eine zunehmende Islamisierung – oder auch erneute Unruhen wie bei den regierungskritischen Gezi-Protesten im Sommer 2013 – könnte zu Abstrichen bei der Beliebtheit führen.

Foto: CLARK/obs

Zum Wochenauftakt war auch die türkische Lira im Handel mit dem US-Dollar um 5,40 Prozent gefallen und hatte ein neues Rekordtief erreicht. Für einen Dollar mussten am Morgen knapp 2,80 Lira gezahlt werden - so viel wie noch nie. Experten der Commerzbank rechnen in den kommenden Tagen mit stärkeren Kursschwankungen bei der Lira.

Die Wahlniederlage von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sorgte ebenfalls für Turbulenzen bei Staatsanleihen, die klare Verluste hinnehmen mussten. Im Gegenzug ging es mit den Renditen nach oben – wie immer, wenn die Risiken für Anleger deutlich gestiegen sind.

Wissenswertes über die Türkei
In der Türkei leben rund 77 Millionen Einwohner. Das Bevölkerungswachstum beträgt 1,1 Prozent. 82 Prozent der türkischen Bevölkerung ist jünger als 54.
Das nominale BIP beträgt 767,1 Milliarden US-Dollar. Bis 2015 wird es auf 820,09 Milliarden ansteigen, prognostizieren Analysten. Zum Vergleich: Das deutsche BIP betrug 2013 3,51 Billionen US-Dollar. Die stärksten Wirtschaftszweige der Türkei sind das verarbeitende Gewerbe, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, Handel und Land- und Forstwirtschaft, die jeweils rund ein Zehntel zur BIP-Entstehung beitragen.
Die Türkei konnte in den letzten zehn Jahren (2004 bis 2013) mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von unglaublich 4,9 Prozent aufwarten. Die Türkei musste nach der Finanzkrise 2009 eine starke Rezession hinnehmen: Die Wirtschaft schrumpfte um 4,83 Prozent. Nachdem sie in den beiden Folgejahren jeweils um die neun Prozent wuchs, war das Wachstum zuletzt eher enttäuschend. 2012 wuchs sie nur um 2,17 Prozent.
Die Staatsverschuldung der Türkei beträgt 36,4 Prozent des BIP.
Die Inflationsrate liegt 2014 bei 7,8 Prozent. Im folgenden Jahr soll sie Prognosen zufolge auf 6,5 Prozent fallen.
2013 lag die Arbeitslosenquote bei 9,7 Prozent. Bis 2015 soll sie auf 10,6 Prozent ansteigen.
2011 lag der monatliche Durchschnittslohn bei rund 700 Euro – bis 2013 stieg er auf rund 900 Euro an.

Einige Anlageexperten schöpfen jedoch schon wieder Hoffnung. Erdinç Benli etwa, Fondsmanager und Schwellenländerexperte bei GAM, hält das Bewertungsniveau der türkischen Aktien nach den Kursrückschlägen, die schon im Vorfeld der Wahlen eingesetzt hatten, nun für attraktiv. „Allerdings sollte dies nicht als Freipass gesehen werden – ein selektives Vorgehen bleibt auch weiterhin unverzichtbar“, schreibt Benli in einem Kommentar am Tag nach der Wahl.

Zunächst erwartet Benli starke Kursschwankungen. Zum einen dürften die Koalitionsverhandlungen und drohende Neuwahlen immer wieder hektische Reaktionen an der Börse auslösen, zum anderen müsse noch die Frage geklärt werden, wer künftig den wirtschaftlichen Kurs der Türkei bestimmt. Der bisherige Verantwortliche in der Regierung, Ali Babacan, tritt nach drei Legislaturperioden ab. Ebenso offen ist noch die Reaktion der türkischen Notenbank auf die scharfe Abwertung der Lira.
Seien diese Fragen geklärt, wären die langfristigen Aussichten für türkische Aktien vielversprechend, konstatiert Benli. Eine Regierungskoalition wäre eher konsensorientiert als eine weiter allein regierende AKP, was zu mehr Demokratie führen und mehr ausländische Investoren anlocken dürfte.

In diesem Jahrzehnt galt die Türkei unter vielen Schwellenländer-Investoren als besonders wachstumsstark. Die Börse in Istanbul verzeichnete in mehreren Jahren ein Plus im zweistelligen Prozentbereich. Die Bevölkerung ist jung, die Gründerszene lebhaft.
Türkische Unternehmen entwickelten sich in den vergangenen Jahren besonders dynamisch. Die hohen Exporte in das europäische Ausland lassen die Türkei auch von der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank profitieren.

Auf der anderen Seite hat zuletzt das Wachstum in der Türkei mit nur 2,9 Prozent deutlich unter den Erwartungen gelegen, die Arbeitslosigkeit steigt, ebenso nimmt die Verschuldung zu.

Dennoch erwarten Anlageprofis wie Victor Szabo von Aberdeen Asset Management oder Yigit Onat, Aktienexperte bei HSBC Global Asset Management, langfristig starke Aufwärtstendenzen. Auch das niedrige Ölpreisniveau könnte der Türkei helfen, auf den alten Wachstumspfad zurückzukehren.

Als Depotbeimischung könnten daher Türkeifonds, wie sie etwa von DWS, JPMorgan, Dow Jones oder HSBC anbieten, gute Renditechancen bieten. Voraussetzung ist allerdings, dass nicht nur einfach in den Leitindex der Istanbuler Börse – den ISE 100 – investiert wird, sondern in ausgesuchte Titel. Ein aktives Fondsmanagement ist in dieser politisch getriebenen Marktlage eindeutig vorzuziehen.

ant, dpa, rtr
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