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Geldanlage Global
An der Börse dürfte es 2022 weiter bergauf gehen Quelle: imago images

2022 wird für die Börse ein zweigeteiltes Jahr

Maximilian Kunkel Quelle: PR
Maximilian Kunkel Chief Investment Officer, UBS Wealth Management Germany & Global Family Office Zur Kolumnen-Übersicht: Geldanlage global

Die Finanzmärkte stehen vor einem Jahr der Erkundung, in dem wir erfahren werden, wie „normale“ Wachstums- und Inflationsraten aussehen und wie die Wirtschaftspolitik nach zwei Pandemie-Jahren reagiert. Ein Ausblick.

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Trotz der aktuellen Unsicherheiten sehe ich vor allem in der ersten Jahreshälfte weiteres Potenzial an den Aktienmärkten. Drei Argumente sprechen für weiter steigende Märkte.

Das erste ist ein starkes (und in manchen Fällen noch unterschätztes) Gewinnwachstum. Bei UBS Global Wealth Management gehen wir 2022 von einem globalen Gewinnwachstum von zehn Prozent aus. Damit dürften per 2022 die Unternehmensgewinne weltweit zwischen 30 und 40 Prozent über dem Vorkrisenniveau liegen.

Das zweite Argument ist eine anhaltend außerordentliche geld- und fiskalpolitische Unterstützung. Trotz der Reduktion der Anleihekäufe durch die Federal Reserve dürften sich die Zentralbankbilanzen in den Industrienationen 2022 weiter deutlich ausweiten. Auf der fiskalpolitischen Seite hat sich die Form der Unterstützung mit der Entwicklung der Pandemie bereits geändert. Es geht hier größtenteils nicht mehr darum, Antidepressiva zu verabreichen (also ausgefallene Einkommen von Unternehmen und Konsumenten teilweise zu ersetzen), sondern den Aufschwung durch Anreize und Investitionen auszuweiten und zu verlängern.

So werden zum Beispiel aus dem 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds der Europäischen Union die meisten Mittel 2022 und 2023 ausgezahlt. Diese Gelder sollen vor allem für Kernwachstumsthemen aufgewendet werden. 37 Prozent der Gelder sind für Investitionen in den Klimaschutz und 20 Prozent für die Digitalisierung vorgesehen. In Japan wiederum ist unter dem neuen Premierminister Fumio Kishida ein Konjunkturpaket von etwa 4 bis 5 Prozent des BIP zu erwarten.

Das dritte Argument sind die Aktienmarktbewertungen, die immer noch kein nachhaltig niedriges Zinsumfeld widerspiegeln. Von einer Normalisierung des Zinsumfelds, die diesen Namen verdienen würde, ist aufgrund der erhöhten Verschuldung nach der Pandemie sowieso nicht auszugehen. Aktienmarktbewertungen reflektieren dies noch nicht, wie an der nach wie vor erhöhten Differenz zwischen Gewinnrendite (Kehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses) und Anleiherendite weltweit zu erkennen ist. In der Eurozone beispielsweise liegt diese mit rund 5,5 Prozent immer noch deutlich über dem 25-Jahresdurchschnitt von knapp 3,9 Prozent. In den USA liegt sie bei gut 3,2 Prozent gegenüber dem 25- Jahresdurchschnitt von 2,6 Prozent.

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    Ich rechne jedoch mit einem zweigeteilten Jahr. In der ersten Jahreshälfte sollten weiterhin überdurchschnittlich starkes Wachstum, erhöhte Inflation und steilere Zinskurven vor allem zyklischeren Märkten und Sektoren mit relativ attraktiven Bewertungen Auftrieb geben. Ich bevorzuge Aktien aus der Eurozone, Japan, US-Mid-Caps sowie Finanz- und Rohstofftitel.

    Nachdem sich der Großteil der angestauten Konsumentennachfrage mit der Wiedereröffnung der Wirtschaft entladen hat und einige der geld- und fiskalpolitischen Notmaßnahmen zurückgenommen wurden, gehe ich in der zweiten Jahreshälfte von einer Normalisierung der Wachstumsraten aus. Aus rein volkswirtschaftlicher Sicht ist diese Abschwächung des Wachstums nicht zu befürchten, sondern zu begrüßen. Sie ist Teil einer notwendigen Normalisierung. Zusätzlich sollten die aktuell hohen Inflationsraten im Laufe des Jahres 2022 sinken. Pandemiebedingte Ungleichgewichte bei Angebot und Nachfrage dürften sich mit der Wiedereröffnung bereinigen, die Energiepreise sich stabilisieren und die Spannungen am Arbeitsmarkt graduell nachlassen. Auch dies wäre grundsätzlich zu begrüßen.



    Die Finanzmärkte könnten jedoch im Zuge der Wachstumsverlangsamung und der höheren inflationsbereinigten Zinsen deutlich schwankungsanfälliger werden. Entsprechend dürfte dies defensivere Marktbereiche begünstigen. Hier sticht der Gesundheitssektor meiner Meinung nach hervor. Er ist relativ günstig bewertet (allein Pharmaaktien handeln derzeit mit einem Abschlag von 16 Prozent zum MSCI All Country World Index, nahe einem 20-Jahrestief) und bietet sowohl defensive Eigenschaften als auch strukturelle Wachstumsmerkmale.

    Und Omikron?

    Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Menschen, die keine Virologen sind, über das Virus referieren, und Menschen, die keine Ökonomen sind, über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus sprechen. Letztere werden durch Angst und die Reaktion der Politik angetrieben. Wir müssen diese Angst vor dem Virus im Auge behalten und die damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen verstehen. Staatliche Reisebeschränkungen reflektieren die Vorsicht der Behörden, aber die bisherigen Daten deuten darauf hin, dass sich die Konsumenten deutlich weniger sorgen und angepasst haben. Zu diesem Zeitpunkt scheint es unwahrscheinlich, dass die Omikron-Variante das wirtschaftliche Narrativ ändern wird – auch wenn spezifische Probleme entstehen.

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    Kommen wir auf das Beispiel des Reisens zurück: Es gibt behördlich veranlasste Beschränkungen, aber auch die Angst von Reisenden, dass sich diese ständig ändern. Das führt dazu, dass Reisepläne verschoben werden – nicht aus Angst vor dem Virus, sondern aus Angst, im Ausland aufgrund von kurzfristig geänderten Anordnungen zu stranden. Diese Angst scheint sich jedoch noch nicht auf andere Bereiche auszuwirken. Das größte Risiko für 2022 bleibt daher wohl eine deutlich restriktivere Geldpolitik.

    Mehr zum Thema: Fünf Top-Börsenprofis über ihre Aktienfavoriten für das kommende Jahr – und den besonderen Reiz von Technologiewerten, Bitcoin, Gold und CO2-Zertifikaten: Die Aktien der Börsenprofis

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