Selbstversuch: Wie ich auf den Ausgang der US-Wahl wettete
Der Wettmarkt hat Trumps Wahlsieg schon vorausgesehen.
Foto: AP, ScreenshotIn der Nacht von Dienstag auf Mittwoch waren viele überrascht – die Wettmärkte nicht. Sie hatten Donald Trumps Sieg in der US-Präsidentschaftswahl vorausgesehen. Trump war in diesen Stunden nicht der einzige Gewinner: Auch für die Wettbranche hat sich das Mega-Ereignis gelohnt.
Das erste Mal aufmerksam wurde ich auf die Wahl-Wetten in einem Text meines Kollegen Julian Heißler. In einem Artikel für die WirtschaftsWoche schrieb er: „Egal, wie die US-Präsidentschaftswahl ausgeht, eine Branche siegt auf jeden Fall: die Wettanbieter. Sie bauen gerade ein neues Milliardengeschäft auf – mit diversen juristischen Tricks.“ Ich wollte herausfinden, ob auch ich von dem boomenden Wettmarkt in den USA profitieren kann. Als deutsche Staatsbürgerin gestaltete sich das erstmal gar nicht so einfach. Doch um es vorwegzunehmen: Am Ende habe ich es geschafft, meine Wette abzugeben. Ob ich richtig lag und jetzt das große Geld gemacht habe.
Mein Selbstversuch startet ungefähr zwei Wochen vor der Wahl. Bei meiner allgemeinen (deutschen) Google-Anfrage „Wetten Präsidentschaftswahl USA“ finde ich einige Treffer der bekannten deutschen Sportwettenanbieter. Ich klicke drauf und finde auch Informationen zum Thema: „Wetten auf die Ergebnisse politischer Wahlen sind bei bwin verfügbar und können bereits mehrere Jahre vor dem Wahltermin eröffnet werden.“ Klingt gut, ich klicke auf den Link, um meine Wette zu platzieren.
Und schon bin ich gescheitert: Das Angebot sei nicht verfügbar, heißt es. Ein paar Klicks später finde ich heraus, dass politische Wetten in Deutschland nicht erlaubt sind. Dank des 2021 eingeführten „Glücksspielstaatsvertrags“ dürfen Wettanbieter in Deutschland nur noch Sportwetten anbieten. Dies bedeutet, dass Politik- und Unterhaltungswetten in keinem Angebot von Wettanbietern mit deutscher Lizenz geführt werden. Im Ausland gibt es dagegen die Option, auf einer Wettplattform US-Wahlwetten zu platzieren. Das wird mir bei gambling.com erklärt. Ich schaue mich erst mal auf US-amerikanischen Plattformen um.
Eine rechtliche Grauzone
Eine davon ist PredictIt, die rechtlich in einer ziemlichen Grauzone schwebt. John Phillips, der Betreiber der Plattform, erklärt zwar, dass sein Geschäft rechtlich sicher aufgestellt sei. Doch voll gerichtlich zugelassen ist in den USA nur die Plattform Kalshi. Ich versuche, mich bei beiden Plattformen zu registrieren – vergeblich. Sie erkennen, dass ich mich in Deutschland befinde. Damit darf ich bei ihnen keine Wetten platzieren. Kalshi bietet mir immerhin an, mich auf eine internationale Warteliste setzen zu lassen, um als erstes herauszufinden, wenn es auch ein Angebot für meine Region gibt. Anscheinend planen sie, ihr Angebot auszuweiten?
Bei PredictIt wäre eine Wette nur mit einer gültigen U.S. Social Security Number (SSN) oder Individual Tax Identification Number (ITIN) möglich, doch beide besitze ich als deutsche Staatsbürgerin nicht. Auf (halbwegs) legalen Plattformen scheitere ich also, solange ich keine falschen Informationen angebe.
Ich wechsle die Seite und schaue auf der angeblich größten Plattform für den Prognosemarkt weltweit: Polymarket. Dort könnte ich mich zwar nicht registrieren, wenn ich US-Bürgerin wäre. Aber als Deutsche: kein Problem! Rechtssicher ist das nicht, denn durch ihren Sitz in Panama umgehen sie den offiziellen Regulierungsrahmen. Trotzdem haben dort mehr als 102.000 Nutzer seit dem 01. September allein auf den Ausgang der Präsidentschaftswahlen gesetzt. Und die Plattform bietet noch viel mehr an.
Die fragwürdige Plattform Polymarket
Ich versuche mein Glück und starte mit der erschreckend einfachen Registrierung. Ich gebe meine E-Mail an, bekomme einen Code zugeschickt und vergebe einen Usernamen. Ich entscheide mich für michelle2110, mein Vorname und der Tag der Registrierung, und schon habe ich einen Account. Keine Identifizierung, keine Adresse, um zu überprüfen, dass ich wirklich nicht in den USA wohne.
Ich schaue mich auf der Plattform um und sehe vor allem Wetten, die um die US-Wahl kreisen. Auch auf andere Themen könnte ich dort wetten: Wird die US-amerikanische Wirtschaft in eine Rezession stürzen? Könnte auf den iranischen Angriff eine militärische Reaktion Israels folgen? Wie oft wird Donald Trump in einem öffentlichen Auftritt das Wort „border“ oder „McDonalds“ sagen? Wird Elon Musk dieses Jahr noch verhaftet? Wird Taylor Swift noch schwanger? Die Möglichkeiten sind grenzenlos.
How to: Wette platzieren
Um überhaupt eine Wette platzieren zu können, brauche ich allerdings Geld. Genauer gesagt: den Stablecoin USDC. Nur damit kann auf der Plattform gezahlt werden. Den bekomme ich vor allem über Kryptobörsen. Ich habe kein Konto bei einer Kryptobörse, aber das scheint kein Problem. Denn ich entdecke ein PayPal-Logo. Und PayPal habe ich. Ich wollte 15 Euro aufladen, doch das geht nicht. Man kann erst ab 30 Euro aufladen. Ich greife also etwas tiefer in die Tasche. Aber dann verlangen sie 4,5 Prozent Gebühren. Das ist es mir nicht wert. Also schaue ich, wie hoch die Gebühren bei der Kryptobörse Coinbase sind.
Dort ist die Registrierung schon schwieriger, denn sie läuft über das IDNow Verfahren. Man landet in einem Chat mit einem Mitarbeiter, der einen dann dazu auffordert, den Ausweis zu kippen, zu knicken (ich hatte Angst, dass mein Ausweis bricht) und zu beweisen, dass man wirklich man selbst ist. Es kostet Zeit, aber hoffentlich spare ich Geld. Und wie bekomme ich jetzt den Stable Coin USDC? Zum Glück hat Polymarket ein passendes Tutorial. Ich soll eine Banküberweisung tätigen, und zwar erstmal nur einen Euro als „Test“. Dieser Euro muss erstmal ankommen. Das dauert. In der Zwischenzeit schaue ich mich auf der App um und finde einen Eintrag zum Thema Stablecoins. Was will ich da gerade eigentlich kaufen?
Ein Stablecoin ist eine Kryptowährung, welche die Wertentwicklung von beispielsweise einer „realen“ Währung wie dem Dollar nachahmt. Ein Beispiel: Eine Münze des Stablecoins USDC ist genau einen Euro wert. Das Ziel von Stablecoins ist es eine relativ stabile Kryptowährung zu schaffen, im Gegensatz zu deutlich schwankungsanfälligeren Coins wie dem Bitcoin.
Es wird ernst
Langsam werde ich ungeduldig. Ich wollte exakt zwei Wochen vor der US-Wahl meine Wette platzieren. Und mein ein Euro ist nach einigen Stunden noch immer nicht angekommen. Ich ändere meine Meinung, nehme 0,37 Cent Gebühren in Kauf, sende per Apple Pay 15 Euro (minus 0,36 Cent Gebühren = 14,56 Euro) auf mein Coinbase-Konto und tausche es in umgerechnet 15,74 USDC. Die schicke ich dann über ein gewisses „Polygon“-Netzwerk an mein Polymarket-Konto. Dort muss ich mein Geld noch „aktivieren“. Ich warte ein paar Minuten, dann sprühen Funken auf meinem Bildschirm. Mein Geld ist da. Ich kann anfangen zu wetten.
Ich habe mir vorher natürlich einen Plan überlegt: Ich möchte 10 Euro auf den Sieg von Kamala Harris setzen. Und mit den restlichen 5 Euro abzüglich aller Kosten suche ich mir noch eine Spezialwette mit hohen Quoten. Denn: hohes Risiko, hohe Gewinne.
Die Wette auf den Sieg von Kamala Harris ist einfach. Vielleicht sogar zu einfach. Wird sie gewinnen? Ein Klick auf „Yes“, dann öffnet sich ein Regler. Dieser startet bei 1$ (USDC), ich schiebe ihn hoch auf 10$. Ich könne damit dann 27,62$ gewinnen, nicht schlecht. Immerhin ein Plus von 176 Prozent. Die Wette gehört zu den beliebtesten. Insgesamt befindet sich ein Volumen von 2,2 Milliarden USDC zu diesem Zeitpunkt in der Wette.
Im Vergleich zu anderen Wetten das mit Abstand größte Volumen. Was den Wahlsieger angeht, neigen die Nutzer allerdings ganz klar zu Trump: Zum Zeitpunkt meiner Wette setzten 64 Prozent der Nutzer auf den Gewinn von Trump und 36 Prozent auf den Gewinn von Harris. Das heißt: Im Schnitt sind die Wetten auf Harris klar größer als die Wetten auf Trump.
In einer Auswertung des Wettmarktes rund um die US-Wahl hat der Analysedienst Bloomberg herausgefunden, dass einige wenige Trader mit ihren Einsätzen alles überstrahlen: Fast die Hälfte des gesamten Volumens stammt demnach von 670 Power-Tradern. Sie machen nur 0,7 Prozent aller Konten aus. Auf der Plattform selbst werden die Nutzer mit dem höchsten Handelsvolumen der Woche angezeigt.
Speziellere Wetten, höhere Renditen
Um eine Spezialwette mit besonders hoher Quote zu finden, schaue ich mir die Trades der volumenstärksten Nutzer an. Dabei will ich natürlich meiner persönlichen Linie treu bleiben und nicht auf Trump setzen, nur weil es größere Kursgewinne verspricht. Außerdem will ich auch auf nichts setzen, was ich nicht verstehe, zum Beispiel eine Wette auf Democrats Sweep.
Wenn ich auf die Mehrheit im Senat setze, kann ich aus meinen restlichen 5,74 USDC bei einem Sieg der Demokraten 33,79 USDC ausgezahlt bekommen. Ich google schnell, ob das realistisch sein mag - anhand der Quote würde ich ja eher schätzen nein. Aber eine Überraschung könnte es ja durchaus geben. Meine Entscheidung ist gefallen.
Ich setze auf eine Mehrheit der Demokraten im Senat nach der Präsidentschaftswahl 2024. Mein Cash ist leer, all mein Geld „investiert“. Jetzt heißt es abwarten. Bis zum Wahltag in zwei Wochen.
Zumindest eine gute Neuigkeit gibt es bereits vor dem Wahltag: Durch meinen ersten Handel bei Coinbase durfte ich an einem Glücksrad drehen. Dabei habe ich Bitcoin im Wert von 2 Euro gewonnen. Wenn es mit der Wette auf Kamala Harris nicht klappt, gewinne ich vielleicht wenigstens etwas am steigenden Bitcoinkurs? Der dürfte von einem Trump-Sieg angetrieben werden. In den Tagen vor der Wahl habe ich einen mageren Gewinn von vier Cent in meiner Wallet.
Und dann die Ernüchterung
Am Morgen des 6. Novembers wache ich um 06:30 Uhr auf und befürchte beim Blick in meine E-Mails schon Schlimmes. Ich habe die Breaking News der New York Times abonniert und sehe nur „Trump wins North Carolina“, „The world is fucked“. Und dann die Nachricht „Republicans Clinch Control of the Senate“. Meine zweite Wette ist geplatzt, das Geld ist futsch.
Auch meine Wette auf den Sieg von Kamala Harris platzt wenige Stunden später. Ich gehe raus mit einem Minus von fast 100 Prozent – aber nicht mit einem Totalverlust. Seltsamerweise sind noch 0,05 USDC in meiner Wallet. Wann die verschwinden oder wie ich sie auszahlen lassen kann, habe ich aber bisher noch nicht herausgefunden.
In meiner Coinbase Wallet sieht es besser aus. Dank neuer Bitcoin-Rekorde sind meine 0,000032 Bitcoin im Wert von zwei Euro, die ich gewonnen habe, nun schon 2,24 Euro wert. Ein Plus von rund zwölf Prozent. Mit meinem Wettexperiment habe ich aus 15 Euro also 2,24 Euro gemacht – zum jetzigen Stand. Ich bin zuversichtlich: Diese Summe wird jetzt noch weiter steigen.
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