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Chats gegen den Mangel Wie mobiles Internet Kuba verändert hat

In der Coronakrise hat sich in Kuba die chronische Mangelwirtschaft noch einmal verschärft. In den Geschäften fehlt es an Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Kommt doch einmal eine Lieferung rein, bilden sich sofort lange Schlangen. Quelle: dpa

Die Suche nach einfachsten Produkten wird in Kuba zur Schnitzeljagd. Jetzt schlagen die Menschen der Planwirtschaft mit WhatsApp und Telegram ein Schnippchen: In Chats geben sie Hinweise zu Angeboten und Tauschgeschäfte.

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„Weiß jemand, wo es Joghurt gibt?“, fragt eine Frau in der Chatgruppe. Niemand kann weiterhelfen, aber jemand hat Zement und Fliesen in einem Geschäft in Havanna entdeckt. „Beeilt euch. Die Schlange ist schon lang“, rät er. „Wer will Toilettenpapier gegen Shampoo tauschen?“, fragt eine weitere Person.

In der Coronakrise hat sich in Kuba die chronische Mangelwirtschaft noch einmal verschärft. In den Geschäften fehlt es an Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Kommt doch einmal eine Lieferung rein, bilden sich sofort lange Schlangen. Mehr denn je gehört warten und anstehen zum täglichen Leben der meisten Kubaner.

Weil aber immer mehr Menschen auf der sozialistischen Karibikinsel über Internet verfügen, versuchen sie nun, der Planwirtschaft mit Hilfe der Technik ein Schnippchen zu schlagen. Sie organisieren sich in Chatgruppen, um sich über die Verfügbarkeit bestimmter Waren zu informieren, Tauschgeschäfte einzufädeln oder begehrte Produkte zum Kauf anzubieten. Mit WhatsApp und Telegram gegen den Mangel.


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„Morgen gibt es Putzmittel im Geschäft Danubio, die Leute stehen jetzt schon an“, schreibt eine Frau in der Telegram-Gruppe „Donde hay?“ (Wo gibt's?). Die Gruppe hat mehr als 7800 Mitglieder, in der Selbstbeschreibung heißt es: „Teile, was du findest und hilf damit anderen.“

Seit Ende 2018 ist mobiles Internet in Kuba verfügbar. Einem Bericht der Parteizeitung „Granma“ zufolge haben mittlerweile mehr als vier Millionen Kubaner einen mobilen Internetzugang. Allerdings ist das Surfen im Netz immer noch sehr teuer. Die Tarife reichen von fünf US-Dollar für 400 MB bis zu 20 Dollar für 2,5 GB. Dabei liegt der Durchschnittslohn in Kuba bei gerade einmal 35 Dollar pro Monat.

Dennoch erfreuen sich die Chatgruppen wie „Mercadillo Habanero“ (Kleiner Markt Havanna) oder „Lo que quieran“ (Was ihr wollt) bei Kubanern und Ausländern immer größerer Beliebtheit. Vor allem sparen die Gruppen viel Zeit. Häufig stehen die Menschen stundenlang vor einem Geschäft an, nur um festzustellen, dass das gewünschte Produkt bereits ausverkauft ist, wenn sie an der Reihe sind.

Über die Messengerdienste lassen sich die Besorgungen effizienter organisieren. „Ich suche ein Kilo Kaffee. Tausche gegen fünf Liter Milch“, schreibt jemand in einer Chatgruppe. „Ich brauche Mülltüten - tausche gegen Bier“, schreibt ein weiterer Nutzer.

„Wir sind wieder zu der ursprünglichen Form des Handels zurückgekehrt“, sagt Claudia Santander, die mehrere Chatgruppen verwaltet. „Die Nutzer sagen, was sie suchen und was sie anbieten und organisieren dann ein Tauschgeschäft - ganz ohne Geld.“ Zunächst tauschte sich Santander nur mit ihren Freundinnen darüber aus, wo es gerade was zu kaufen gab. Dann gründete sie fünf Chatgruppen mit jeweils 240 Mitgliedern.

Die Corona-Krise hat Kuba hart getroffen. Die Pandemie hat den Tourismus vollständig zum Erliegen gebracht - die nach der Entsendung von Ärztinnen und Ärzten und Krankenpflegenden ins Ausland zweitwichtigste Devisenquelle für die sozialistische Karibikinsel. Dadurch verfügt die Regierung in Havanna über immer weniger finanzielle Mittel, um Waren zu importieren. Die wieder verschärften US-Sanktionen und die Wirtschaftskrise im verbündeten Venezuela verschlechtern die Lage weiter.

Angesichts des weit verbreiteten Mangels wittern allerdings auch windige Geschäftemacher ihre Chance. Staatlich subventionierte Produkte verschwinden immer wieder aus Geschäften und werden für das Doppelte oder Dreifache auf dem Schwarzmarkt angeboten. Zuletzt tauchten in den Medien vermehrt Berichte über Polizeieinsätze gegen solche Wucherer auf - dabei wird in Kubas staatlich kontrollierter Presse eigentlich kaum über Kriminalität berichtet.

„Die Behörden haben mich vor illegalen Machenschaften gewarnt, vor unklarer Herkunft der Produkte und überhöhten Preisen“, sagt ein Administrator einer Chatgruppe bei Telegram. „Sie haben mir nahegelegt, die Gruppe zu schließen, aber letztendlich haben sie mich nicht dazu gezwungen.“ So tauschen die Menschen in der Gruppe eifrig weiter: Windeln gegen Zwiebeln, Spülmittel gegen Kaffee und Milch gegen Schrauben.

Mehr zum Thema: Lebensmittelhändler konnten in der Coronakrise ihre Stärken ausspielen. Das spiegelt sich in der Neuauflage des Vertrauensrankings wider.

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