Trumps Zölle: „Dieser Tag zeigt, dass wir einmal mehr in den Abgrund schauen“
US-Präsident Donald Trump hat am Mittwoch umfassende wechselseitige Zölle angekündigt. Es sei ein „Tag der Befreiung“, wie er es nannte. Mit reziproken Zöllen ist gemeint, dass die USA in den Ländern Zölle anheben, wo sie geringere Zollsätze verlangen als ihre Handelspartner. Geplant seien pauschale Basiszölle in Höhe von zehn Prozent auf Einfuhren aus allen Ländern sowie höhere Strafzölle für ein Dutzend Staaten mit Handelsdefiziten mit den USA, erklärte Trump. Konkret soll es Zölle in Höhe von 34 Prozent auf Importe aus China geben, Zölle von 20 Prozent auf Waren aus der EU, 25 Prozent für Südkorea, 24 Prozent für Japan und 32 Prozent für Taiwan.
Die wichtigsten Handelspartner der Vereinigten Staaten haben eher verhalten auf das umfassende Zollpaket von US-Präsident Donald Trump reagiert.
Der geschäftsführende Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ((Grüne)) sieht politisch und ökonomisch ähnlich große Folgen für Deutschland durch die Zölle der USA, wie sie der Ukraine-Krieg bedeutete. „Dieser Tag zeigt, dass wir einmal mehr in den Abgrund schauen“, sagt Habeck heute in Berlin. Es gelte, „einmal mehr die Ärmel hochzukrempeln“. Wie beim Wegfall des russischen Gases und den Folgen für die Energieversorgung in Deutschland durch den Ukraine-Krieg ändere sich nun plötzlich sehr viel. „Die ökonomischen Folgen können weitreichend sein.“
Die EU solle schnell „entschiedene Gegenmaßnahmen“ auf den Weg bringen. Eine detaillierte Liste an Gegenzöllen soll demnach umgesetzt werden, wenn sich die USA nicht noch innerhalb der nächsten Tage über Verhandlungen von ihrem Plan abbringen lassen. Habeck nennt Agrarprodukte aus den USA, die mit Zöllen belegt werden könnten. Maßstab sei, dass die Produkte durch Lieferungen von anderswo ersetzt werden könnten. Außerdem sollten die Zölle dort negative Folgen zeigen, wo die Unterstützer von Trump sie spürten.
Zudem müsse die EU schnell und entschieden Freihandelsabkommen mit Ländern anderswo auf der Welt schließen, um den internationalen Handel zu beleben. Habeck nennt Kanada und Mexiko, die als Nachbarn der USA selbst stark durch Zölle getroffen werden. Er nennt auch die entsprechende Vereinbarung zwischen China, Japan und Südkorea als Vorbild. Neben dem Freihandelsabkommen Mercosur solle die EU nun schnell und pragmatisch etwa mit Indien Freihandel vereinbaren.
„Das ist einfach ein schwerer ökonomischer Fehler, der den USA schadet“, kommentierte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Zollankündigungen Trumps. Weltweit seien Lieferketten von Unternehmen betroffen. „Selbst wenn Europa nichts täte, würde das zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Vereinigten Staaten kommen.“ Die EU als größter Wirtschaftsraum mit 450 Millionen Menschen werde zeigen, dass sie „starke Muskeln“ habe.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bezeichnet die neuen US-Zölle als schweren Schlag für die Weltwirtschaft. „Wir sind bereits dabei, das erste Paket von Gegenmaßnahmen als Reaktion auf die Stahlzölle fertigzustellen“, sagte sie in einer Erklärung, die am Donnerstag in Samarkand (Usbekistan) im Vorfeld eines EU-Zentralasien-Partnerschaftsgipfels verlesen wurde. Mit den Gegenmaßnahmen wolle man die Interessen der EU und der Unternehmen innerhalb der Europäischen Union schützen, falls die Verhandlungen mit den USA scheitern sollten, so die Kommissionspräsidentin weiter.
Der britische Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds kommentierte:„Niemand will einen Handelskrieg“. Für Großbritannien hatte Trump einen Steuersatz von zehn Prozent auf britische Waren angekündigt. Die britische Regierung will zunächst keine Vergeltungszölle verhängen, „aber nichts ist vom Tisch, und die Regierung wird alles Notwendige tun, um die nationalen Interessen des Vereinigten Königreichs zu verteidigen“, betonte Reynolds.
Die französische Regierung kündigt in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union in zwei Wellen von Gegenmaßnahmen für die von den USA verhängten Zölle an. Die erste Antwort werde Mitte April erfolgen und sich auf die von US-Präsident Donald Trump eingeführten Zölle auf Aluminium und Stahl beziehen, sagte Regierungssprecherin Sophie Primas am Donnerstag gegenüber RTL Radio. Die zweite Antwort wahrscheinlich Ende April werde eine breitere Palette von Produkten und Dienstleistungen betreffen. „Wir sind bereit in diesem Handelskrieg.“
Italiens konservative Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sagte, die neuen Zölle in Höhe von 20 Prozent gegen die EU seien „falsch“ und nützen keiner Seite. „Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um auf eine Einigung mit den Vereinigten Staaten hinzuarbeiten, mit dem Ziel, einen Handelskrieg zu vermeiden, der unweigerlich den Westen zugunsten anderer globaler Akteure schwächen würde“, schrieb Meloni in einem Facebook-Post. Die EU hatte zuvor als Reaktion auf die Stahl- und Aluminiumzölle von Trump Steuern auf US-Waren im Wert von 26 Milliarden Euro verhängt, darunter Bourbon – woraufhin Trump mit einem 200-prozentigen Zoll auf europäischen Alkohol drohte.
Mexiko und Kanada blieben von der jüngsten Zollrunde vorerst verschont, soweit es sich um Waren handelt, die bereits unter ihr Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten fallen. Die zuvor angekündigten Zölle von 25 Prozent auf Autoimporte sollten jedoch um Mitternacht in Kraft treten. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum sagte am Mittwoch, sie werde mit ihren Maßnahmen am Donnerstag warten, bis klar sei, wie sich Trumps Ankündigung auf Mexiko auswirken werde. „Es geht nicht darum, dass, wenn Sie mir Zölle auferlegen, ich Ihnen Zölle auferlegen werde“, sagte sie am Mittwochmorgen. „Unser Interesse ist es, die mexikanische Wirtschaft zu stärken.“
Als Trump die Liste der Länder vorlas, die am Mittwoch ins Visier genommen werden sollen, sagte er wiederholt, dass er ihnen keine Schuld an den Zöllen gebe, die sie zum Schutz der Unternehmen ihrer eigenen Länder eingeführt hätten. „Aber wir tun jetzt genau das Gleiche“, sagte er.
„Das tut richtig weh, auch den Amerikanern“
Analysten sind der Meinung, dass ein umfassender Handelskrieg weder in den USA noch in anderen Ländern etwas bringen würde. „Wenn Trump wirklich hohe Zölle erhebt, wird Europa darauf reagieren müssen, aber das Paradoxe ist, dass die EU besser dran wäre, wenn sie nichts täte“, sagte Matteo Villa, leitender Analyst am italienischen Institut für internationale politische Studien. „Trump hat Europa wieder einmal an einen Scheideweg gestellt“, sagte er weiter.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) kritisiert die Zollpläne: „Das wird nicht als Befreiungstag in die Geschichte eingehen, sondern als Belastungstag – vor allem für die amerikanischen Konsumenten“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. „Wir sind auch auf anderen Weltmärkten gut vertreten - das müssen wir jetzt erst recht ausbauen.“ Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten und mit Indien müssten rasch unter Dach und Fach gebracht werden. „Auf die neuen US-Zölle sollte die EU nicht impulsiv, sondern entschieden und mit Weitsicht reagieren.“
Achim Wambach, der Präsident des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), bezeichnet die ökonomischen Folgen als gravierend, insbesondere für die Amerikaner. „Preise und Inflation werden steigen, eine Rezession wird wahrscheinlicher.“ Unternehmen würden sich wegen der hohen politischen Unsicherheit mit Investitionen in den USA zurückhalten.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer benennt die Folgen der Zölle für Deutschland: „Das wird das deutsche Bruttoinlandsprodukt über zwei Jahre insgesamt um schätzungsweise ein halbes Prozent senken“. Krämer erwarte aber, dass der Zollanstieg im Rahmen von Nachverhandlungen der EU am Ende niedriger ausfällt. „Wegen der sich abzeichnenden Zollerhöhungen hatten wir unsere deutsche Konjunkturprognose für 2025 bereits vor drei Wochen von 0,2 auf 0,0 Prozent gesenkt."
Die Zölle gefährden laut Bundesbank-Präsident Joachim Nagel die globale ökonomische Stabilität. Die Entscheidungen zu den Zöllen brächten die Weltwirtschaft auf den falschen Kurs, teilte Nagel am Donnerstag mit. „Falsch, weil im Ergebnis der Wohlstand aller angegriffen wird,“ erklärte er. Das globale Wirtschaftswachstum werde zurückgehen, die Preise steigen. „Insgesamt wird der Grad der Verunsicherung der Wirtschaftsakteure zunehmen.“
Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, nannte die Zölle eine Zäsur. „Das tut richtig weh, auch den Amerikanern“, sagte er dem „Handelsblatt“. Das Risiko, dass die USA in eine Rezession rutschen könnten, sei mit dem Rundumschlag um einiges wahrscheinlicher geworden. Nach den Berechnungen seines Instituts werde es einen Inflationsschub von mehreren Prozent in den USA geben. „Das wird es der US-Notenbank schwermachen, in einer künftigen Rezession die Zinsen aggressiv zu senken.“ Damit sei auch der Aufschwung in Europa gefährdet. Trump sei unberechenbar, unkalkulierbar und breche bewusst Tabus.
Auch der Außenhandelsverband BGA warnt vor erheblichen Folgen für den Welthandel durch Trumps Zolloffensive und fordert eine geschlossene Reaktion der EU. „Das ist ein Frontalangriff auf den Welthandel. Mit drastischen Zollanhebungen für mehr als 100 Handelspartner stürzt der amerikanische Präsident mit einem amerikanischen Brexit die Welt in einen offenen Handelskrieg“, sagte Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel (BGA). „Ich gehe davon aus, dass der Konflikt unser Wirtschaftswachstum erheblich beeinträchtigen wird.“
Der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Achim Wambach, verwies auf Studien, wonach die Exporte aus Deutschland in die USA um etwa 20 Prozent einbrechen dürften. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde um bis zu 0,5 Prozent sinken. Zugleich dürften Unternehmen aus Drittstaaten ihre Exporte umlenken und mehr Güter in die EU liefern, was hier tendenziell zu geringeren Preisen führen werde.
Auch das Münchner Ifo-Institut kritisierte die US-Zölle scharf. „Es ist ein bitterer Tag für die Weltwirtschaft“, sagt Handelsexpertin Lisandra Flach. „Das, was wir gesehen haben, hat nichts mit Reziprozität zu tun. Die Zolldifferenz zwischen den USA und der EU beträgt durchschnittlich nur 0,5 Prozentpunkte – im Vergleich zu der angekündigten Zollerhöhung von 20 Prozent.“
Die geplante Zollerhöhung markiere „einen Wendepunkt für die Weltwirtschaft und gefährdet damit fast 80 Jahre des Multilateralismus“, sagt Flach. Für die Deutsche Wirtschaft erwartet sie als Folge „zunächst einen dauerhaften Rückgang des BIP um 0,3 Prozent“, wobei einige Schlüsselbranchen wie Pharma, Auto und Maschinenbau stärker betroffen seien.
Mit Material von Reuters und dpa.
Lesen Sie auch: USA machen Zoll-Ausnahmen für Tech-Importe – vorerst
